Niemand von uns stirbt für sich selbst, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2024

Foto: Niklas Fleischer (c), auf dem Ostfriedhof, Dortmund, Opfer eines Bergwerkunglücks

Predigt über Römer 14, 7+8, Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr 2024

Liebe Gemeinde,

Hans Fallada erzählt in seinem letzten Roman kurz nach dem zweiten Weltkrieg die Widerstandsgeschichte des Berliner Ehepaars Anna und Otto Quangel, die mit Flugblättern gegen die Naziherrschaft rebellierten. Sie fliegen auf und werden beide zum Tode verurteilt. Der Roman trägt den Titel: Jeder stirbt für sich allein.

Gleich wie die Umstände des eigenen Todes sein werden, wir wissen, unser eigenes Sterben kann uns niemand abnehmen. Da müssen wir allein durch.

Niemand von uns lebt für sich selbst – niemand von uns stirbt für sich selbst

Es geht um Zugehörigkeit.

Wohin und zu wem gehöre ich?

Niemand von uns ist ohne Geschichte und lebt in Beziehungen. Selbst wenn Menschen schon gestorben sind, stehen wir doch mit ihnen in einer Verbindung. Da ist ein innerer Dialog oder ein bildhaftes Erinnern, das uns stärkt oder mitunter auch irritiert. Auch die vielen Menschen – Singlehaushalte sind weit verbreitet – die allein in einer Wohnung leben, stehen in Beziehungen. Allein sein heißt nicht einsam sein. Aber: Einsamkeit greift um sich, wird zu einer unerträglichen Last für viele Menschen in unserer modernen Gesellschaft. Die Gründe sind vielfältig. Oft ziehen sich Menschen in sich selbst zurück nach Schicksalsschlägen oder familiären Konflikten. Sie verkümmern mehr und mehr, verlernen Beziehungen zu pflegen, haben jegliches Vertrauen in Menschen verloren, bewegen sich anonym in Straßen und Häusern.

Wohin und zu wem gehöre ich?

Wenn ich das nicht beantworten kann, wird es schwierig einen Sinn im Leben zu finden. Paulus Worte: Niemand von uns lebt für sich selbst weisen über das menschliche Beziehungsgeflecht hinaus. Seine Worte eröffnen eine spirituelle Dimension. Auch sie gehört zum Leben. Die spirituelle Heimatlosigkeit in unseren Breiten grassiert wie die Einsamkeit. Ob es da einen Zusammenhang gibt?

Für Paulus schenkt der Glaube an Christus eine doppelte Zugehörigkeit: Sie verbindet uns untereinander und mit Gott. Jesus sagt zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: „Niemand kann euch aus meiner Hand reißen.“ (Johannes 10,28)

Das ist nicht nur ein Gedanke oder ein historischer Text, das ist eine Glaubenswirklichkeit bis heute. Deshalb kann Paulus den Römern schreiben: Niemand lebt von uns für sich selbst.

Wenn du zu Christus gehörst, bist du nicht allein. Alle können dich verlassen und zuletzt verlässt du dich in deinem Sterben selbst, aber selbst im Sterben gehörst du zu Christus.

Wohin und zu wem gehöre ich?

Am Donnerstagmorgen habe ich ein Gedicht im Radio gehört. Leider konnte ich es nicht recherchieren, aber es hat mich berührt. In eindrücklichen Bildern dichtet eine schwarze Österreicherin wie sie auf Gott bezogen ist. Sie sieht wie Gott mit seinem Pinsel den blauen Himmel malt, wie er den Wolken eine Gestalt gib und wie Gottes Pinsel ihre schwarzen Augen, ihren breiten Mund, ihre dunkle Haut malt. Das Gedicht ist eine Hymne auf den Künstler Gott, ein Lobpreis ihrer Schönheit. Es scheint als sei das lyrische Ich ganz einverstanden mit Gott und sich selbst. Da kann ihr von außen Rassismus entgegenschlagen. Sie gehört zu Gott.

Woher weiß ich, dass ich zu Gott gehöre?

Wenn deine Seele mit Gott in Verbindung ist, weißt du das. Du sprichst mit Gott, ob nun mit Worten oder in einem inneren Dialog, selbst wenn du schweigst oder tätig bist, schläfst, isst oder trinkst bist du mit Gott in Verbindung. Ob du krank bist, mit dir und deiner Laune zu kämpfen hast, du vor Freude vergehen könntest, dich Sorgen bedrängen – du gehörst zu Gott. Das macht dich nicht reicher, klüger oder glücklicher. Es ist, was es ist. Du kannst dich nicht anders denken oder sein.

Unser Glaube schenkt uns Zugehörigkeit, einen Fluchtort, Widerstandskraft, Furchtlosigkeit, Selbstlosigkeit, Freude, Sinn, Halt in großen Nöten und die Hoffnung auf einen Gott, der da rettet, heilt und verbindet, was verletzt ist.

Wohin und zu wem gehöre ich? Darauf gibst du Antwort mit deinem Leben.

Paulus hat an anderer Stelle von seinen Erfahrungen gesprochen: „Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit…und Ängsten“, weil ich zu Christus gehöre; „denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ (2. Korinther 12,10)

In seiner Schwachheit schaut Paulus auf Christus. Auf seine Kraft und Stärke. Christus macht ihn selbst in Schwachheit stark.

Wohin und zu wem gehöre ich?

„Niemand von uns lebt für sich selbst, niemand von uns stirbt für sich selbst. Leben wir, so gehört unser Leben dem Lebendigen. Sterben wir, so gehört unser Sterben dem Lebendigen. Ob wir leben oder sterben, wir gehören zum Lebendigen.“ (Römer 14,7+8 Bibel in gerechter Sprache)

Anmerkung zum oben zitierten Gedicht:

der künstler
heute morgen habe ich aus dem rahmen meines tensters geschaut und
das gemalde der wolken bewundert.
ich stellte mir Gott mit dem pinsel zwischen den fingern vor,
haue farhe
der spitze des pinsels tropfend
mit geschlossenen augen stellte ich mir Sein weißes, mit
verschiedenen, aber ahnlichen himmelsschattierungen beflecktes
gewand vor,
Seine sich bewegende leinwand würde sich mit iedem strich in einen
meisterwerk offenbaren.
ich konnte nicht anders, als mir den tag vorzustellen, an dem Er an
mich dachte
das lob am himmel als Er das tiefste kaffeebraun wählte mit dem Er
meine augen zierte
Er wusste
dass ich eine verkörperung Seiner freude sein würde.
und legte daher die breitesten lippen auf mein oesicht.
das weichste rouge auf meine wangen
und das dunkelste haar auf meinen konf
ich stellte mir vor wie Sein pinsel sich im einklano mit Seinem konf
neiote während er meiner haut einen weiteren braunton hinzufügte.
rosa von einem umgekippten glas wein auf meine lippen

Birthmarks von Precious Chiebonam Nnebedum, haymonverlag, Insbruck-Wien, 2022, S.200/201

 

 

Joachim Leberecht, Predigt: Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig, Herzogenrath 2024

Fenster von Gerhard Richter im Kölner Dom, eigenes Foto

Predigt über 2. Korinther 3,6b am 20. So nach Trinitatis, 13. Oktober 2024

Liebe Gemeinde,

vor einigen Wochen habe ich bei feinschwarz.net einen theologischen Aufsatz gelesen, der mich bis heute beschäftigt. Ich will versuchen die Kernaussage des Artikels auf den Punkt zu bringen. Vorab erinnern wir uns.

Die drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und der Islam sind Buchreligionen. Die Heiligen Schriften sind die Urkunden ihres Glaubens. Wir Evangelischen haben durch die Reformation ein besonderes enges Verhältnis zur Bibel. Es ist das Wort Gottes.

Wie ist das Wort Gottes zu verstehen?

Wie aber ist das Wort Gottes zu verstehen? Buchstäblich? Ist Wort für Wort, das in der Bibel steht heilig und daher unbedingt zu befolgen?

Wir können hier – und da habe ich nicht schlecht gestaunt – vom rabbinischen Judentum lernen.

Neben der offenbarten Tora gibt es eine mündliche Tora, die sich im Laufe der Jahrhunderte in der rabbinischen Tradition herausgebildet hat und auch weiterhin lebendig ist. Die mündliche Tora legt fest, „ob ein Satz der Bibel im übertragenen Sinne, wortgetreu oder sogar wortwörtlich verstanden werden musste. Juden beschneiden Penisse aufgrund von Gen 17,12, nicht aber Herzen, obwohl Jer. 4,3 das vorsieht.“

Das mag uns direkt einleuchten. Wie aber – und damit wird es höchst aktuell –geht die rabbinische Tradition mit der vielfältigen alttestamentlichen Aufforderung um, die Feinde zu vernichten? Steht doch in der Tora, dass JHWH Israel hilft den Erzfeind Amalek durch Genozid auszurotten? Überhaupt streitet in der hebräischen Bibel, die wir Altes Testament nennen, Gott auf der Seite Israels und tötet Israels Feinde bis auf den letzten Mann. Erinnert uns das nicht an gegenwärtige israelische Kriegsrhetorik? Ja, die Vernichtung der Feinde hat eine lange biblische Tradition.

gelesen und gedeutet vom Leben her

Jetzt aber kommt die rabbinische Tradition ins Spiel. Sie stellt kompromisslos den Wert jeden menschlichen Lebens über die schriftliche Tora. Die heilige Tora wird gelesen und gedeutet vom Leben her, nicht vom Buchstaben oder Wortsinn. Auch wenn die mündliche Tradition darüber nachdenkt, welcher Krieg gerechtfertigt ist und welcher nicht, ähnlich unserer Lehre vom gerechten Krieg, dann in der Absicht Kriege einzudämmen. Für die rabbinische Lehre – nicht eines Rabbiners! – sondern eines breiten Stroms der Überlieferung steht fest: Es gibt „keinen zwingenden Krieg in der jeweiligen Gegenwart.“

Liebe Gemeinde,

Die Praxis der rabbinischen Tradition hat mich überrascht und war mir in dieser Dimension nicht bewusst. Das schenkt mir einen erhellenden Blick auf die jüdische Auslegungstradition und hilft mir selbst beim Lesen alttestamentlicher Texte.

Der jüdische Umgang mit der Bibel kann uns helfen, die Spannung zwischen geschriebenen Wort Gottes und dem Ringen um eine rechte, gute Auslegung im gemeinsamen Hören auf das Wort Gottes und dem Geist Gottes auszuhalten und für das miteinander Leben und Glauben fruchtbar zu machen.

Es war ja Luther selbst, der nach einer Gewichtung der Aussagen innerhalb der Bibel suchte und erst dadurch zu seiner befreienden Rechtfertigungslehre kam. Luther empfahl alles als Gottes Wort in der Bibel zu hören: „was Christum treibet.“

Dem Fundamentalismus und auch der Beliebigkeit ist nur zu wehren, wenn das eigene Lesen, Hören und Tun in einem lebendigen Austausch vieler geschieht.

Den Geist Gottes unter uns lebendig halten

Paulus formuliert im 2. Korintherbrief, dass das Leben der Christen ein Brief Christi ist, nicht mit Tinte geschrieben, „sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes.“ (2.Kor. 3,3b)

Vielleicht rechnen wir immer noch zu wenig mit dem Geist und halten uns lieber an toten Buchstaben fest. Wenn der Geist Gottes unter uns lebendig ist, werden wir Gottes Wort vernehmen und es wird ausrichten, wozu es gesandt ist: Leben zu fördern, wie es der Wochenspruch zusammenfasst:

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist. Nichts als Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Micha 6,8

Joachim Leberecht

https://www.feinschwarz.net/der-verschwundene-erzfeind-amalek/

Zitate aus dem Artikel vom 13. September 2024 auf feinschwarz

Predigt zu Michaelis 2024 über 2. Timotheus 1,7, Joachim Leberecht,        Herzogenrath 2024                                                   

Deckenbemalung Hohnekirche, Soest

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

Liebe Gemeinde,

Furcht und Angst gehören zu unserem Leben, wie unser Atmen und unser Herzschlag. Das weiß auch Paulus. Paulus schreibt seinen zweiten Brief an Timotheus aus dem Gefängnis in Rom. Timotheus ist – wenn man so will – sein Lieblingszögling. Er ist noch jung, kommt aus einem guten Haus, steht im Glauben und leitet eine Gemeinde. Paulus hat schon viele kommen und gehen sehen, anfangs waren sie begeistert vom Evangelium, ließen sich schnell aber von anderen Geistern locken und verführen, sei es vom eigenen aufgeblasenen Ego oder von der Furcht für ihren Glauben abgelehnt, schief angesehen oder sogar verfolgt zu werden. Paulus bittet Timotheus, bleib du im Glauben treu, verleugne unseren Herrn Jesus Christus vor den Menschen nicht.

Ganz dialektisch, wie er nun mal ist unser Paulus, schreibt er in dem Brief:

Sterben wir mit, so werden wir mit ihm leben;

dulden wir, so werden wir mit ihm herrschen;

verleugnen wir, so wird er uns auch verleugnen;

sind wir untreu, so bleibt er doch treu;

denn er kann sich selbst nicht verleugnen. (2,11-13)

 

Das kann Paulus sagen, weil er Gottes Geist erfahren hat und diesen von seinem Geist und seinen Gefühlen unterscheidet. Das gibt ihm Hoffnung über seine Leiden hinaus. Der Geist schenkt ihm Freiheit, selbst, wo er gefangen ist. Auch in seiner Furcht und trotz seiner Ängste richtet sich sein Blick auf Gottes Geist.

Das ist für ihn der Erfahrungsraum Gottes. Er schreibt Timotheus:

Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

 

Kraft

Im Griechischen steht hier dynamis theou – die Energie Gottes. Eine Energie, die beruhigt und belebt. Ich stelle mir Gottes Kraft als Energiefeld vor. Wenn ich an meine Kindheit denke, gehören selbstverständlich die Engel (Michaelis-Sonntag) dazu. Es gab für mich, besonders wenn ich krank war, nichts, was mich mehr beruhigt hat als das Gebet meiner Oma an meinem Bett: 14 Englein um dich steh´n

Abends wenn ich schlafen geh
vierzehn Engel um mich stehn
zwei zu meiner Rechten
zwei zu meiner Linken
zwei zu meinen Häupten
zwei zu meinen Füßen
zwei, die mich decken
zwei, die mich wecken
zwei, die mich führen
ins himmlische Paradies

 

(Von: Adelheid Wette (1858 – 1916). Die Autorin war eine deutsche Schriftstellerin und Librettistin und. Sie schrieb u. a. das Libretto für die von ihrem Bruder Engelbert Humperdinck komponierte Märchenoper „Hänsel und Gretel“ – aus dem obiges Gedicht stammt.)

 

Es ist das Beten selbst, das wir vernehmen, die sichtbare Welt ist nicht alles. Gottes unsichtbare Welt beschützt mich. Wenn Fiona (Täufling) diesen Geist erfährt, wird es sie stärken. Wenn religiöse Erziehung gelingt, stärken wir unsere Kinder in und für diese Welt. Gottes Geist kräftigt zum Guten hin, das Böse wird abgewehrt, aufgedeckt und überwunden.

Liebe

Liebe ist eine starke Kraft. In der menschlichen Liebe spiegelt sich Gottes Liebe wider. Paulus schreibt hier von der Agape Gottes. Von dieser Liebe ergriffen zu werden ist alles andere als romantisch, sie greift tief in unser Leben und Zusammenleben ein. Ganz überraschend und witzig hat Agape Michael Kumpfmüller in seinem Roman Mischa und der Meister (2022) beschrieben. Jesus kommt nach Berlin und viele, die mit ihm in Berührung kommen, werden vom Virus der Liebe angesteckt: Ein Rezensent entschuldigt sich bei einer Autorin über den Verriss ihres Buches, ein scheinbar Verrückter wird in der Straßenbahn durch Jesu Handauflegung ruhig, eine Immobilienmaklerin wird von Glücksgefühlen erfasst als sie die Zuwendung eines jungen Paares verweigert, da sie erkennt, das Paar braucht das Geld dringender als sie, außerdem sei diese Praxis doch Wucherei…

Gottes Liebesgeist ist empathisch, lässt uns Reue empfinden, führt zur Versöhnung und Neuanfang, lässt uns in jedem Menschen Gottes Geschöpf sehen – und macht bei den Feinden nicht halt.

Besonnenheit

Ein altes deutsches Wort, doch nicht nur das Wort ist in Vergessenheit geraten. Wir leben in einer Zeit der Beschleunigung, wie der Soziologe Hartmut Rosa treffend sagt. Wir erleben es, jede und jeder von uns. Wir kommen nicht mehr hinterher. Die Stimmung ist gereizt. Nicht nur die Gemüter, auch die Worte sind erregt und aufgeladen; die Schlagzeilen werden immer greller, Positionen immer provokanter, um überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen und wenn auch nur für eine kurze Zeit. Aufmerksamkeit ist die Währung, die wir teuer bezahlen. Der Geist Gottes schenkt Besonnenheit, vielleicht würden wir heute sagen, der Geist Gottes schenkt Abstand, Abstand von uns selbst und unseren erregten Gefühlen, dass wir nicht sofort unsere Reaktionen whats-appen, dass wir uns selbst in einem Konflikt betrachten und über uns lachen, dass wir uns in andere Menschen hineinversetzen und sie zu verstehen suchen. Es geht nicht darum, allem Verständnis gegenüber zu bringen und sich wie ein Fähnchen im Wind zu drehen, sondern es geht um besonnene Reaktionen und Kommunikation, gepaart mit Langmut, Sanftmut und Klarheit.

Fazit

Gott hat uns seinen Geist geschenkt, einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Wenn wir in und mit diesem Geist leben, haben wir einen Kompass, der uns die richtige Richtung weist. Diesen Geist möge Gott in Fiona für immer lebendig halten.

 

Predigt zur Konfirmation 2024, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2024    

Auferstehungsfenster Michael Triegel in Plauen, 2023

https://shop.gottesdienstinstitut.org/bildmedien-und-kunst//karte-auferstehung-auferstehungsfenster-plauen-michael-triegel-2023.html

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, Liebe Festgemeinde,

nun ist also der Tag gekommen, euer Tag! Heute werdet ihr konfirmiert. Darauf habt ihr euch vorbereitet. Wir haben miteinander Zeit verbracht: Gelacht, gequatscht, gesungen, gespielt, in der Bibel gelesen, über den Glauben gesprochen. Ich habe euch erlebt und ihr habt mich und die Gemeinde erlebt. Was soll ich euch sagen und mit auf den Weg geben? Wir haben auch darüber gesprochen und uns noch einmal das Auferstehungsfenster von Michael Triegel angeschaut. In eurem Vorstellungsgottesdienst vor drei Wochen habt ihr die Predigt dazu übernommen und die drei Bilder des Fensters erläutert: uns eine Sehhilfe gegeben. Heute möchte ich euch anhand der drei Bilder des Fensters meine Gedanken sagen und Perspektiven mit auf den Weg geben.

  1. Die Schöpfung ist gut

Der Mythos erzählt, dass Gott Adam und Eva erschaffen hat. Hier schauen Adam und Eva erwartungsvoll in die Zukunft. Der Vorhang ist gelüftet. Adam und Eva sind nackt. Sie haben das Paradies noch nicht verlassen, wissen nicht, was auf sie zukommt. Angesichts der Zukunft sind wir alle nackt und bloß. Natürlich wollen wir das nicht. Wir wollen uns bekleiden, wir wollen uns schützen, wir wollen gewappnet sein. Wir sorgen vor. Ihr geht in die Schule, um zu lernen, euch vorzubereiten auf das Leben, wie es heißt. Eure Eltern waren und sind damit beschäftigt, euch ins Leben zu begleiten. Das kostet viel Energie und manche Nerven. Ihr könnt davon ausgehen, dass sie es gut mit euch meinen, selbst wenn ihr das nicht so empfindet, selbst wenn sie Fehler machen.

Wisst ihr, wir Erwachsenen tun oft so, als wüssten wir alles besser. Das ist aber nicht der Fall. Natürlich helfen uns Wissen und Lebenserfahrung das Leben zu meistern, aber letztlich sind wir alle nackt und bloß. Wir sind bedürftig. Wir alle! Wir sehnen uns nach Liebe, wir sehnen uns danach, einen Platz zu finden in dieser Welt, wir sehnen uns nach Menschen, denen wir vertrauen und die uns vertrauen. In uns allen ist eine große Sehnsucht nach einem gelingenden und glücklichen Leben. Das hält an bis zum letzten Atemzug.

Niemand von uns kennt die Zukunft, aber wir können neugierig darauf sein. Das finde ich auch toll an euch. Dass ihr neugierig seid, dass ihr wisst, es gibt noch so viel zu entdecken und zu erleben. Geht mit offenen Augen durch das Leben. Schaut, was und wer euch guttut.

In der letzten Konfi-Stunde haben wir die Seligpreisungen gestreift. Die erste kommt mir bei unserem Fensterausschnitt in den Sinn: „Glückselig sind die, die wissen, dass sie vor Gott arm sind. Denn ihnen gehört das Himmelreich.“(Mt 5,3). Nackt und bloß sind wir. Angewiesen auf Resonanz, auf ein Du, auf ein Wir. Wer schon alles weiß – besonders alles besser weiß – ist nicht mehr empfänglich, ist nicht mehr offen für Neues in seinem Leben. Ist nicht offen für Gott.

Recht verstandener Glaube hilft diese Haltung einzuüben. Die Schöpfung ist gut. Ich bin gut und wertvoll. Ich vertraue mich und meine Zukunft Gott an, der mich reich beschenkt, der meine Sehnsucht kennt, der mich rettet in Not und Krisen, der mich annimmt, mir vergibt und einen Neuanfang schenkt.

Was kommt auf euch zu? Was kommt auf uns zu? Worauf schauen wir? Wer schaut auf uns?

  1. Wir wollen Freiheit

„Wir wollen Freiheit, um uns selbst zu finden“ (eg 663,1) haben wir gesungen. Wenn wir den Ausschnitt des Auferstehungsfensters ganz rechts anschauen, sehen wir alles andere als einen freien Menschen. Im Bildhintergrund sehen wir eine Mauer: „und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen…“ „Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis und ist gebaut aus Steinen unserer Angst.“ (eg 663,3)

Gesichtslos und mechanisch geht die puppenhafte Holzfigur einer Tätigkeit nach. Der linke Fuß spreizt sich vom Paradiesapfel weg. Es scheint als fürchte sich diese Puppe immer noch davor, Verantwortung zu übernehmen. Ich könnte ja etwas falsch machen! Das wäre schlimm! Das will ich nicht! Ich könnte ja mit meiner Meinung anecken! Das will ich nicht! Mein Mund bleibt verschlossen. Ich könnte ja etwas sehen, was mich auffordert zu handeln. Das will ich nicht! Ich könnte ja eine Wahrheit hören, die mein Leben auf den Kopf stellt. Eine Wahrheit, die mich lebendig macht. Das will ich nicht! Ich will keine Veränderung! Ich will funktionieren! Mehr nicht.

Natürlich gehört zum Überleben Anpassungsfähigkeit. Das ist evolutionär in uns angelegt. Doch wenn ich sehe, welchem starken Druck ihr ausgesetzt seid, dann wird mir manchmal angst und bange um euch. Von allen Seiten hört ihr Erwartungen. Tu dies. Tu das. Vor allen Dingen aber: Tu das nicht! Von allen Seiten wird an euch gezerrt. Glaube dies, glaube das. TikTok zerrt an euch! Wer hat denn recht? Was ist Wahrheit? Da wird einem ganz schwindelig.

Die einen von euch – und auch von uns, es steckt in uns allen – leben überangepasst, funktionieren gut, bewegen sich auf dem Parkett des Lebens wie eine Schachfigur. Alles ist vorbestimmt. Alles wird vorausgeahnt und sich dementsprechend in ewig gleichen Bahnen verhalten. Doch sie selbst bleiben auf der Strecke. Sie spüren sich nicht mehr. Das wünsche ich euch nicht! Ich wünsche euch vielmehr, dass ihr einen guten Kontakt zu euch selbst habt, euch wahrnehmt und euch selbst vertraut.

Die anderen von euch – und auch von uns, es steckt in allen – können sich überhaupt nicht anpassen. Fegen die Figuren vom Schachbrett. Stiften Unruhe, wo sie nur können. Können es nicht aushalten, wenn etwas mal nicht so läuft, wie sie es sich wünschen. Für sie ist alles schwarz oder weiß – es gibt keine Zwischentöne. Die Welt wird in Freund und Feind eingeteilt. Auch sie spüren sich nicht mehr. Das wünsche ich euch nicht! Ich wünsche euch vielmehr, dass ihr Widersprüche im Leben aushaltet, dass ihr immer wieder auch Abstand von überbordenden Gefühlen bekommt, erst nachdenkt und dann handelt. Dass ihr euch und eure Gefühle versteht und euch nicht von ihnen beherrschen lasst.

Die Schöpfung ist gut. Das Leben ist in euch. Es meldet sich immer wieder. Hört auf eure innere Stimme, was sie euch zu sagen hat. In euch ist eine Kraft, die euch im Leben hilft, ihr selbst zu werden. Jede Religion lehrt das. Wir müssen es nur tun.

Im christlichen Glauben fallen Selbstwerdung und Gotteserkenntnis zusammen. Wer sich selbst findet, findet Gott und den Nächsten. Es ist die Liebe, die verbindet, die Trennendes überwindet und ein Gefühl mit allem verbunden zu sein stiftet. Die Freiheit des Menschen führt ihn nicht in Isolation, sondern in Beziehung.

Es gibt so vieles, was uns davon ablenkt, immer wieder. Doch wir können uns immer wieder neu ausrichten, Beziehungen leben, lieben und lieben lassen, Verantwortung übernehmen. Das gilt auch für die Gottesbeziehung. Sie ist Geschenk und Aufgabe zugleich. Auch der Glaube will erwachsen werden. Das geschieht aber nicht von selbst, sondern nur, wenn ihr mit ihm lebt.

  1. Ihr sollt ein Segen sein

In der Mitte des Fensters: Christus. Mit seiner rechten Hand segnet er alle, die an ihn glauben, ja die ganze Welt. Der Regenbogen an seiner rechten Ferse erinnert an Gottes Treue zu seiner Schöpfung. Gott verspricht: Ich will die Erde und das Leben auf ihr nie mehr vernichten. Ihr sollt leben. (Gen 8+9) Mit seiner linken Hand hält Jesus eine Fahne. Das Zeichen der Überwindung des Todes. Das Dunkel des Todes – und für uns Menschen bleibt der Tod immer dunkel – ist überwunden. Das ewige Licht leuchtet. Alles Leben ist sterblich. Es vergeht. Es bleibt die Hoffnung, dass es verwandelt wird.

Ihr habt mich auf die Fische unten links an den Füßen Jesu hingewiesen. Ich hatte sie gar nicht wahrgenommen. Die Fische scheinen durchs Bild zu fliegen. Ich erinnerte mich: Für Michael Triegel haben die Fische eine besondere Bedeutung. Sie fliegen immer mal wieder durch seine Bilder. Ganz schön irreal.

Der Fisch ist ein altes Symbol für das Christ-Sein. Menschen, die an Jesus Christus glauben, erzählen von ihm. Sie richten sich immer wieder an Jesus aus. Sie lassen sich von seinem göttlichen Licht stärken und leben ihr Leben in der Nachfolge Jesu. Sie lassen sich von Christus – wie ihr heute auch – segnen und werden zum Segen für andere.

Das ist mein Wunsch für euch: Seid gesegnet und werdet zum Segen für andere.

Und der Friede Gottes…

Predigt Karfreitag 2024 Frieden durch Vergebung, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2024

 „Sondern erlöse uns von dem Bösen.“  Matthäus 6, 13b

Vater-Unser-Predigtreihe in der Markuskirche in Herzogenrath

Liebe Gemeinde,

die letzte Bitte im Vater Unser gilt dem Frieden. In der lateinischen Messe wird nach den Worten: „Sondern erlöse uns von dem Bösen“ das Vater Unser, wie wir es kennen, unterbrochen und der Inhalt der letzten Bitte fortgeführt (1). Der Liturg benennt das Ziel der Bitte: Libera nos – Befreie uns!

„Gib Frieden in unseren Tagen…damit wir stets frei sind von Sünde und bewahrt vor aller Verwirrung.“ (2)

Gib Frieden in unseren Tagen. Das Vater Unser ist ein Gebet um Frieden. Die ersten drei Bitten rufen den himmlischen Vater zum Handeln auf und zeigen mit welcher Ausrichtung die Kinder Gottes um Gottes Reich in einer unerlösten Welt beten sollen. Gottes Reich, um das die Kinder Gottes „wissen“, soll auf dem ganzen Erdkreis Wirklichkeit werden. Dann werden Gewalt und Unrecht keine Macht mehr haben. Ein Leben in der ambivalenten Spannung, von Gottes Reich bewegt zu sein und gleichzeitig in einer unerlösten Welt zu leben, prägt unsere christliche Existenz. Das führt zu Anfechtung und nicht selten zum Glaubensverlust. Daher sollen wir beten: Bewahre uns „vor aller Verwirrung“ und befreie uns von dem Bösen. Das Böse ist hier die Kraft des Zerstörerischen schlechthin. In biblischer Sprache: Befreie uns vom Teufel und von allen bösen Geistern. Das Vater Unser ist eingehender betrachtet ein Gebet, das an eine exorzistische Praxis erinnert. Damit Frieden wird, muss das Zerstörerische weichen. Das kann der Mensch nicht leisten. Darum beten wir zum himmlischen Vater – besonders in Kriegszeiten wie diesen – Befreie uns von der sich endlos in die Höhe schwingenden Spirale der Gewalt in Kriegen.

„Gib Frieden Herr, gib, Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf. Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt obenauf.“(3)

Was aber können wir Menschen leisten, damit Frieden wird?

Das Vater Unser gibt hier einen Maßstab vor an dem wir gemessen werden, wenn wir es beten. Wir sollen bereit sein zu vergeben. Wir werden aneinander schuldig. Damit wir nicht weiter denjenigen, der an uns schuldig geworden ist für immer mit der Schuld belasten, sollen wir ihm vergeben. Denn wenn wir nicht bereit sind, erlittenes Unrecht von Herzen zu verzeihen, werden wir über die Schuld immer mit der Person ungut verstrickt bleiben. Vergebung kann weh tun und schmerzen. Wir müssen da nicht nur einmal über unseren Schatten springen. Wenn wir nicht zur Vergebung bereit sind, findet oft genug die eigene Seele keinen Frieden. Nicht umsonst ist es vielen Sterbenden wichtig, Abschied von ihren Lieben zu nehmen, das Verhältnis zu bereinigen, Versäumtes und auch Erlittenes verbal oder nonverbal auszudrücken, zu hören, dass alles Gut ist, um einander zu segnen und Auf-Wieder-Sehen zu sagen.

Die Apostel wussten, dass Jesus es mit der Vergebung ernst meint und dass der Kern seiner Lehre eine Zumutung ist gegen den eigenen Selbstbehauptungswillen und der Angst, schlecht dabei weg zu kommen. Wer hat schon die Größe zur Vergebung? Petrus will wissen, wieviel Geduld und Vergebungsbereitschaft er aufbringen muss und fragt Jesus: „Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der gegen mich sündigt, vergeben? Siebenmal? Jesus antwortete ihm: „Ich sage dir nicht siebenmal, sondern siebzig mal sieben mal.“(Matthäus 18, 21+22)

Jesus bittet noch am Kreuz für die, die ihn töten: „Vater vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.“( Lukas 23,34)

Umrahmt von den Wir-Bitten: „Gib uns unser tägliches Brot“ und „Führe uns nicht in Versuchung“ steht der Vergebungsaufruf. Das ist die einzige Bitte im Vater Unser, wo der Mensch tätig werden soll. Zu Vergeben ist höchste Aktivität und dient dem Leben. Über Vergebung und Aussöhnung entsteht Frieden. Frieden untereinander und mit Gott. Das ist im Kleinen wie im Großen so: in der Ehe, in Freundschaften oder unter den Völkern.

Doch Vergeben heißt nicht zurückweichen oder duckmäuserisch sein. Vergeben heißt auch nicht alles ertragen, was zugefügt wurde. Je schwerer die Schuld, desto mehr sollte klar sein, dass Vergebung und Aussöhnung oft eines langen Prozesses bedürfen. Vergebung und Aussöhnung – wenn Gott sie schenkt – steht am Ende dieses Weges.

Wir müssen uns allerdings hüten von Opfern Vergebung zu verlangen, wie es leider in unserer Kirche bei sexuellem Missbrauch geschehen ist. Dieser von den Opfern geforderte Vergebungsmechanismus ist eine menschenverachtende Täter-Opfer-Umkehr. Hier stimmt die Symmetrie nicht. Machtverhältnisse gilt es kritisch bei Forderungen nach Vergebung – gerade in der Kirche – wahrzunehmen, damit nicht aus vorschneller Vergebung(sbereitschaft) Unterwerfung wird oder Menschen sich überanpassen. Unsere Bitte im Vater-Unser-Gebet will eine Klärung, will echte Freiheit und Zukunft stiften. Bleibt die Würde gewahrt? Das scheint mir eine gute Frage in Vergebungs- und Versöhnungsprozessen.

Vergebung hat Teil an der Neuschöpfung Gottes. Vergebung macht den anderen oder sich selbst nicht klein, sondern schreibt neue Lebensmöglichkeiten groß.

Vater Unser und das Kreuz

Auch so können wir Karfreitag verstehen: Gott vergibt uns unsere Schuld. Mit Jesu Tod ist alles beglichen. Der Schuldschein ist zerrissen (vgl. Kolosser 2,14). Wenn das nicht neues Leben ermöglicht, dann weiß ich auch nicht. Allerdings sollten wir uns dafür hüten, diese Vergebung rein individualistisch zu denken und damit zu verengen, weil mit Jesu Tod ein Heil(ungs)prozess für die ganze Welt eingesetzt hat. Daher zerreißt ja auch der Vorhang im Tempel von oben bis nach unten (Matthäus 27,51). Jesu Tod macht den Weg zu Gott frei und löst ein Beben aus (ebd.). Die Toten stehen aus ihren Gräbern auf (Matthäus 27,52). Alles kommt in Bewegung, die Erde und der ganze Kosmos. Aus Tod wird Leben. Verkehrte Welt? Umkehrung des verfluchten Todes.

Versöhnung mit Gott in der Vertikalen, in der Horizontalen unter seinen Geschöpfen. Das Kreuz als Zeichen des Lebens.

Uns wird allerdings zugemutet, dass Gottes Vergebung erst erfolgt, wenn wir einander unsere Schuld vergeben haben. Wer in Unfrieden lebt und daran festhält, dem wird Gott auch nicht vergeben, wie Jesus direkt nach dem Vater Unser seinen Jüngerinnen und Jüngern einschärft: „Wenn ihr den Menschen aber nicht vergebt, dann wird euer Vater eureVerfehlungen auch nicht vergeben (Basis Bibel Matthäus 6, 25).“ Es gibt keinen Freischein oder eine billige Gnade.

Wenn Jesus ein gelingendes Zusammenleben seiner Jüngerinnen und Jünger darin sieht, dass sie bereit sein sollen, einander zu vergeben, dann ist die Bereitschaft zur Versöhnung, die auch einhergeht den anderen nicht zu richten, das Wesen christlichen Lebens in der Welt. „Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und der Wahrheit.“(Jakobus 2,15)

Gib Frieden in unseren Tagen

Gib Frieden in unseren Tagen – darauf zielt das Vater Unser und setzt damit unsere Friedenseinstellung und Friedenshandlungen voraus.

Das heißt für mich: Als Kirche müssen wir mit vielen gleichen Sinnes endlich die Institution des Krieges überwinden, da im Krieg ausschließlich zerstörerische Kräfte wirken. Wir aber glauben mehr an die Macht des Stärkeren – oder an die bösen Kräfte – als an die Macht Gottes und den eindeutigen Auftrag seiner Kinder, ein Friedenszeugnis für die Welt zu sein.

Das heißt für mich: Die herrschenden Kriege müssen durch Diplomatie und Verhandlungen eingefroren werden, damit ein gerechter Friede ausgehandelt werden kann. Verhandeln und eine Aussöhnung anstreben heißt nicht einem Diktat-Frieden zuzustimmen.

Deutschland aber liefert fleißig Waffen, gießt Öl ins Feuer. In der Ukraine wie in Palästina. Seit dem schrecklichen Terrorüberfall der Hamas auf Israel hat Deutschland seine Waffenlieferung an Israel um das Zehnfache erhöht, macht sich mitschuldig an Kriegsverbrechen gegen die eingepferchte Zivilbevölkerung in Gaza.

Und unsere Kirchen hierzulande sind aus meiner Sicht viel zu leise, rufen nicht: Stopp! Üben ihr Wächteramt nicht aus! Kritisieren noch nicht einmal eine zunehmend kriegstreibende Sprache in Politik und Medien.

Seid wachsam und nüchtern

Es bedarf nüchtern zu sein und zu bleiben. Dazu hilft das Gebet des Vater Unsers: „Befreie uns von allem Bösen. Bewahre uns vor aller Verwirrung.“

Gerade in Zeiten der medialen Überflutung und der Propaganda über die Kriege u.a. in der Ukraine und Palästina sollten wir uns nicht vom Weg der Gewaltlosigkeit Jesu abbringen lassen. Der Kriegstreiberei vieler Politikerinnen und Politiker, mehr noch von der Mehrheit der Journalistinnen und Journalisten, gilt es in den christlichen Kirchen zu widerstehen. Das Narrativ, dass nur Waffen und eine Remilitarisierung Europas unsere Sicherheit garantieren könnten, gilt es mit Entschiedenheit abzulehnen. Der Versuchung das Böse mit Bösem zu bekämpfen, gilt es als Lüge zu entlarven.

Gleich welchen Weg wir einschlagen: Wir werden nicht ohne Schuld daraus hervorgehen. Einzig und allein kann uns Menschen eine Versöhnungsbereitschaft, ein Aushandeln eines gerechten Friedens, ein Anerkennen der Ängste und der Bedürfnisse aller Kriegsparteien aus den Todesenergien herausführen.

Von Sigmund Freud haben wir gelernt, der Todestrieb gehört zum Menschen. Von Jesus haben wir gelernt, alles dafür zu tun, dass Leben gelingt. Sein Vertrauen zu seinem himmlischen Vater – am Kreuz von Golgatha durchgehalten – hat den Todestrieb durchbrochen. Karfreitag das ist die Überwindung des Todes und aller widergöttlichen Mächte.

Maranatha – komm Herr Jesus, komme bald.

1 „Dann spricht er [der Priester] den Embolismus, den die Gemeinde mit der Doxologie abschließt. Der Embolismus führt die letzte Bitte des Vaterunsers weiter und erbittet für die Gemeinde der Gläubigen die Befreiung von der Macht des Bösen.“ Quelle: AEM (Allgemeine Einführung zum Messbuch).
Die Messfeier – Dokumentensammlung. Auswahl für die Praxis, 12. Auflage 2015, Richtline 56a
2 zitiert nach Berger, Klaus: Das Vater Unser. Mit Herz und Verstand beten, Herder, Freiburg 2014, S. 190
3 Henkys, Jürgen: Evangelisches Gesangbuch, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2022, 430,1