Das Betheler Bekenntnis. Kurze Einführung und Zusammenfassung von Christoph Fleischer, Werl 2008

Das Betheler Bekenntnis wurde im August 1933 unter der Mitarbeit von Dietrich Bonhoeffer und der Verantwortung von Friedrich von Bodelschwingh als das geplante Bekenntnis der „Deutschen Evangelischen Kirche“ verfasst. (nähere Information unter Anmerkungen) Es wurde an verschiedene deutsche Theologen zur Begutachtung übersandt. Dietrich Bonhoeffer distanzierte sich zwar von der Endredaktion, stand aber im Großen und Ganzen dahinter, wie aus einem persönlichen Brief an den Theologen Karl Barth hervorgeht.
Als das Betheler Bekenntnis im November des Jahres 1933 von Martin Niemöller (Pfarrernotbund) herausgegeben wurde, war es nur mehr ein Anstoß der weiteren Bekenntnisfindung und – Orientierung in der evangelischen Kirche im Kirchenkampf. Zudem hatte sich die Leitung der deutschen evangelischen Kirche in die bekennende Kirche verlagert, die sich 1934 mit der Barmer Theologischen Erklärung konstituierte. Es aktualisiert die Bekenntnisaussagen der Reformation in die Situation der Reichskirche 1933 hinein.
In der hier gegebenen Zusammenfassung als referierende Wiedergabe habe ich die Verwerfungen zum großen Teil ausgelassen, da sie inhaltlich an die Bekenntnisaussagen anknüpfen. Von ihnen her ließe sich allerdings noch einmal in einem zweiten Durchgang nach den Erkenntnisleitenden Interessen der Autoren fragen. Nun steht folgende Frage im Vordergrund: Welche Herausforderungen würden heute solche und andere Bekenntnissätze provozieren? Als Beispiel dazu lese man einmal die Erklärung des reformierten Weltbundes von Accra/Ghana aus dem Jahr 2004, die die Globalisierung kritisch beurteilt.
Obwohl das Bekenntnis von Bethel sehr stark auf die Auseinandersetzung der damaligen Zeit bezogen ist, zeigt es sich doch weitestgehend als geschlossener und in sich klarer theologischer Entwurf. Es zeigt darin Nähe zur Theologie Bonhoeffers, z. B. zum Buch „Nachfolge“ und auch zu seiner Ethik. Interessant ist, dass die „bleibende Erwählung“ Israels und die Aufgabe der „Judenmission“ nicht gegeneinander ausgespielt werden. Dies ist inhaltlicher stimmiger als die heutige Position von der Ablehnung der Mission unter Israel. Es ist ja auch klar, wenn sich das Evangelium an alle Menschen richtet. 1933 wurde die Judenmission von den „Deutschen Christen“ in Frage gestellt.
Ein Problem im Blick auf den Staat ist sicherlich, dass hier immer noch zu viel von „Obrigkeit“ und nicht von Politik die Rede ist. Spannend in dieser Hinsicht ist die Frage, wie diese Bekenntnislinie in die heutige Diskussion aufgenommen und, ohne die Orientierung an Bibel und Bekenntnis aufzugeben, in die heutige Sprache übertragen werden könnte.
Da ich im Internet lediglich eine englische Kurzfassung dieses Bekenntnisses gefunden habe, habe ich mich entschlossen, eine Zusammenfassung dieses Textes zu schreiben und zu veröffentlichen, den Text, den ich im Folgenden dokumentiere. Wörtliche Zitate entstammen der Endfassung, wie sie dokumentiert ist im Sammelband: Die Bekenntnisse und grundsätzlichen Äußerungen zur Kirchenfrage des Jahres 1933. Gesammelt und herausgegeben von Kurt Dietrich Schmidt. Göttingen, 2. Auflage 1937. Text 31: Das Bekenntnis der Väter und die bekennende Gemeinde (das sog. Betheler Bekenntnis) S. 105-131.

Anmerkungen:

Dietrich Bonhoeffer. An Karl Barth am 24. Oktober 1933: „Ein Symptom war mir außerdem noch, dass für das Betheler Bekenntnis, an dem ich wirklich leidenschaftlich mitgearbeitet hatte, so fast kein Verständnis aufgebracht wude.“ Bonhoeffer Auswahl, Band 2, Gegenwart und Zukunft der Kirche 1933-1936, München und Hamburg 1970, S. 97)
E. Bethge. Dietrich Bonhoeffer. Theologe-Christ-Zeitgenosse. München 1967, 3. Auflage 1970
S. 349f: „Es hieß da, die Deutschen Christen müssten jetzt auf dem Feld der konkreten Predigt zur Entscheidung gezwungen werden: Was hatte eine reformatorische Kirche in diesem Jahr 1933 unaufgebbar zu bekennen? Den Deutschen Christen sollte also mit der konzentrierten Erarbeitung eines relevanten Bekenntnisses entgegengetreten werden. … Bei der neuen Wegbestimmung der Jungreformatoren am 24. und 25. Juli, nämlich ein verbindliches Bekenntnis zu formulieren, war auch Martin Niemöller maßgeblich beteiligt. … Bonhoeffer, der jüngste unter den Beratenden – und Sasse erhielten den Auftrag, sich im August zu einem ersten Entwurf nach Bethel in Klausur zu begeben. Unter Bodelschwinghs Autorität – das hieß also mit dem Anspruch, für die gesamte Deutsche Kirche zu arbeiten – sollte zu beiden Georg Merz und Wilhelm Vischer hinzugezogen werden,… Das Ergebnis wäre sodann mitz Bodelschwinghs Unterschrift theologischen Autoritäten in der ganzen DEK vorzulegen…“
S. 354 „In Bradford charakterisierte Bonhoeffer vor den Auslandspfarrern die Arbeit dahin, dass sie die bekenntnismäßige Abgrenzungen von der Trinitätslehre bis hin zur Eschatologie durchgeführt hätten. Die Rechtfertigungslehre wurde nachbuchstabiert, um Ludwig Müllers Vereinfachungen des Christentums auf eine platte Lehre vom Gottvertrauen und vom anständigen Kerl, auf den allein es ankomme, zu entlarven; die Lehre vom Kreuz, um Wienekes, des deutschchristlichen Hoftheologen, Umdeutungen des Kreuzes in ein Symbol für den nationalsozialistischen Satz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ anzuprangern; die christologisch angesetzte Geistlehre mit einer Erneuerung des filioque, um die gefährliche Betonung der Schöpfungsoffenbarung von Hirsch, Althaus und Fezer und ihre Konsequenz in Stapels verselbständigten Volksnomos abzuwehren. Wilhelm Vischer lieferte zu Bonhoeffers Freude den Erstentwurf des Artikels über die Judenfrage. … Um den 25. August gaben die Verfasser des Erstentwurfes ihre Arbeit aus den Händen. In Bonhoeffers Sicht begann eine Periode der Kompromisse und der Verwässerung ihres Textes, so dass er am Ende die Mitarbeit an der Schlussredaktion verweigerte.“

Klaus Scholder schreibt: „Gleichwohl bleibt das Betheler Bekenntnis in seiner Erstfassung — gerade auch im Blick auf den großen deutschchristlichen Aufbruch der deutschen Theologie in dieser Zeit — ein glänzendes, scharfes und eindrückliches Zeugnis für das, was theologische Arbeit im Sommer 1933 nun doch auch noch zu leisten vermochte. In der Form zwar schwerfällig, befrachtet mit zahlreichen Belegen aus der Bibel, aus Luther und vor allem aus den [lutherischen] Bekenntnisschriften, war dieses Bekenntnis doch an manchen Stellen theologisch und politisch klarer und genauer als die berühmte Barmer Erklärung vom Mai 1934.“ (Scholder, Klaus. Die Kirchen und das Dritte Reich 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934, geringf. erg. Ausg. (Frankfurt/Berlin: Ullstein, 1986), 579-582, Quelle: Wikipedia, Artikel: Betheler Bekenntnis)

Bemerkung zur Mitarbeit von Wilhelm VISCHER: „Seine Arbeit über den Prediger Salomo und sein Zürcher Vortrag »Das alte Testament als Gottes Wort« (1927) führten zur Berufung an die Kirchliche Hochschule Bethel. (V. schrieb weder Dissertation noch Habilitation.) – Dort zog er sich die Feindschaft der Nationalsozialisten zu, weil er die rassisch motivierten Angriffe auf das Alte Testament bekämpfte: »Wenn wir das Alte Testament ablehnen, können wir das Neue Testament auch nicht mehr als Heilige Schrift behalten. Wenn wir es trotzdem noch behalten, dann hat es durch die Loslösung vom Alten Testament einen anderen Sinn bekommen. Das Hauptwort des Neuen Testaments, nämlich `Jesus Christus‘, sagt dann nicht mehr das Gleiche wie vorher« (Gehört das Alte Testament heute noch in die Bibel des deutschen Christen?, 1932). Die Ablehnung durch die völkisch Gesonnenen wurde besonders dadurch provoziert, daß V. gerade aus dem »jüdischen« Alten Testament (selbst aus den Büchern Hiob und Esther) das Evangelium lehren und predigen konnte bzw. daß sich ihm aus der Zusammengehörigkeit von Altem und Neuem Testament die unzertrennliche Verbundenheit von Juden und Christen ergab, damit freilich seine scharf ablehnende Haltung gegenüber dem Antisemitismus. Durch seine Schriften, die diesen Fragenkreis betreffen, war er neben Bonhoeffer einer der ersten, die auf das Problem aufmerksam machten. – Wegen der zunehmenden Auseinandersetzungen, dazu wegen angeblich sozialistischer Äußerungen und despektierlicher Bemerkungen über Adolf Hitler, wurde V. als Dozent für die Schule untragbar. Im Mai 1933 wurde er beurlaubt, jedoch intern zur Mitarbeit am sog. Betheler Bekenntnis (»Das Bekenntnis der Väter und die bekennende Gemeinde«) eingeladen. V. erarbeitete den Artikel »Die Kirche und die Juden«, zog sich aber, nachdem für ihn untragbare Änderungen gemacht wurden, von der Arbeit am Bekenntnis zurück.“ Artikel zu Vischer, Wilhelm Eduard in: www.bautz.de/bbkl

Das Betheler Bekenntnis:

I. Reformation.

Die Kirche wird durch das Wort Gottes bestimmt, das durch Jesus Christus weitergegeben wird. Dies geschieht in der Kirche der Reformation durch die „Predigt von der freien Gnade“. Martin Luther kämpfte „gegen das moderne Selbständigkeitsverlangen“ und zeigte, dass niemand durch eigene Anstrengung ohne die Predigt zur Erkenntnis Gottes kommt. Durch die „Predigt von der Rechtfertigung allein aus Gnaden“ hat jeder Mensch die Möglichkeit, sein Leben als Geschenk Gottes zu sehen. Germanisch-völkische Zuschreibungen haben damit nichts zu tun. Da die Kirche, neben lutherisch noch reformiert, in verschiedene Gruppen aufgeteilt ist, wird im Geist des Evangeliums von Jesus Christus alles darauf ankommen, den Geist der Einheit und der einen Wahrheit über alle Unterschiede zu stellen: „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater unser aller…“ (Epheser 4, 4f)

II. Von der heiligen Schrift.

Die Kirche wird durch die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments geleitet, da darin Jesus Christus als der verheißene Messias und Sohn Gottes offenbart wird. Gott offenbart sich in der Geschichte, entsprechend der biblischen Überlieferung, und: „Die in der Heiligen Schrift bezeugte Geschichte ist Heilsgeschichte.“ Das Alte Testament zeigt, dass Gott Israel erwählt, und dass Neue Testament zeigt, dass sich der göttliche Heilsplan in Jesus Christus vollendet. Daraus folgt: „Die Heilige Schrift ist ein Ganzes.“ Damit ist zugleich abgelehnt, dass sich Jesus Christus außerhalb der Schrift bezeugt. „Gott, der der sich in der durch die Schrift bezeugten Geschichte einmal offenbart hat, redet und wirkt in dieser Geschichte heute und alle Tage.“ Das Alte Testament gehört zur Einheit der Bibel. Auch indirekt bezeugt das Alte Testament Christus. „Der Heilige Geist ist immer Geist der ganzen Heiligen Schrift.“ Niemand kann die Heilige Schrift beugen, aber Gott übt Gewalt durch das Wort und hat Macht durch die Heilige Schrift.

III. Trinitätslehre.

Die Trinität Gottes ist das größte Geheimnis. Dennoch lassen sich im Bezug auf die drei Gestalten des einen Gottes folgende Feststellungen treffen: „dass der Vater von niemandem, der Sohn vom Vater geboren, der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn ausgehe“. Die Dreifaltigkeit Gottes bekommt ihre Bestimmung durch die Offenbarung in Jesus Christus, was die Bibel in unterschiedlicher Form darstellt: „So wird der dreieinige Gott vom Glauben erkannt als Vater durch den Sohn, als Sohn durch den Vater, als Vater und Sohn durch den Heiligen Geist, als Heiliger Geist durch Vater und Sohn.“ Hierbei ist festzustellen, dass nicht eine der drei Personen Gottes getrennt von den anderen gesehen werden soll.

IV. Von Schöpfung und Sünde.

1. Schöpferglaube und natürliche Erkenntnis.

Aus der natürlichen Wahrnehmung der Welt und ihren ungelösten Widersprüchen und der daraus folgenden Gotteserkenntnis erscheint Gott als erhaben und rätselhaft. Die Kirche lehrt den Glauben an Gott als den Schöpfer allein aus dem Wort heraus: „Dem Glauben ist die Schöpfung eine Setzung Gottes aus der Ewigkeit in die Zeit, aus dem Nichtsein in das Sein, aus der Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit.“ Die natürliche Erkenntnis Gottes ist verfälscht, da wir auch unter dem Fluch und dem Zorn Gottes leben. „Gottes Selbstoffenbarung“ widerfährt uns durch die Heilige Schrift.
Ohne Christus bleibt das Vertrauen auf den natürlichen Inhalt des Lebens beschränkt. Die Welt, so wie wir sie erleben, entspricht nicht dem ursprünglichen Schöpfungswillen Gottes. Daraus folgt, dass etwa der Kampf „nicht das Grundgesetz der ursprünglichen Schöpfung“ ist. Da das Böse als solches von Gott gerichtet ist, darf sich der Kampf mit dem Bösen niemals „auf den Träger des Bösen“ richten. Erst am Ende der Zeit wird Christus den Sieg haben und der Friede des Reiches beginnt. Das heißt konkret: „Gott redet nicht unmittelbar aus einer bestimmten geschichtlichen Stunde zu uns und offenbart sich nicht in einem unmittelbaren Handeln in der Schöpfung.“ Darauf folgt ebenfalls, das die Stimme des Volkes nicht Gottes Stimme sein kann.

2. Von der Sünde.

Durch die Sünde hat der Mensch seine Gottebenbildlichkeit verloren und ist dem Verderben des Todes verfallen. Der Mensch, von Geburt ohne Glauben, ist tot für alles Gute und voller Begierde. Dennoch hat er damit nicht aufgehört, Geschöpf Gottes zu sein. „Sünde ist Auflehnung gegen Gottes absoluten Herrschaftsanspruch im Gesetz der Liebe.“ Dabei darf man auch nicht dem Irrtum verfallen, die Sünde sei „die andere Seite“ der Schöpfung. Sünde lässt sich auch nicht wie eine moralische Verfehlung durch Verbesserung beseitigen, sondern „allein durch Christi Tod ist die Sünde vergeben.“

V. Von Christus.

„Jesus Christus, Sohn Gottes, Sohn Adams, Sohn Davids, wahrhaftiger Gott und wahrhaftiger Mensch, empfangen vom Heiligen Geist, geboren von Maria, der Jungfrau, der Sündlose im Fleisch der Sünde ist das alleinige Heil der Menschen. Er allein ist die Wende der Zeiten.“ Hierzu erklärt der Kleine Katechismus, dass wir Christus unseren Herrn nennen, weil er „mich verlorenen und verdammten Menschen erlöset hat“. In einem Volk der Welt kommt „der Glanz der Herrlichkeit Gottes“ zum Vorschein, und zwar in dem israelitischen Volk, zu dem er auch gesandt wurde. Das Kreuz darf nicht auf die Wahrheit eines Symbols z. B. „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ vereinfacht werden und es ist auch kein Opfertod wie andere auch. Ebenso wenig ist die Kreuzigung Christi die „alleinige Schuld des jüdischen Volkes, als hätten andere Völker und Rassen ihn nicht gekreuzigt“. Alle, die den Geist der Gnade schmähen sind am Kreuzestod Jesu schuldig, wie es Gesangbuchlieder ausdrücken.

VI. Vom Heiligen Geist und seinen Gaben.

1. Vom Heiligen Geist.

Der Heilige Geist, der von Gott dem Vater und dem Sohn ausgeht, wird in der Kirche erfahren. Im Wort und in der seiner Botschaft wie im dies bezeugenden Sakrament wird der Heilige Geist wirksam und bewirkt die Berufung zur Kirche, lehrt und schafft „den Glauben, die Bekehrung und die Erneuerung“. Der Heilige Geist ist nicht ohne Christus in den Ordnungen der Welt erkennbar. „Christus ist der Herr aller Menschen. Die Mission an allen Völkern ist Auftrag der Kirche aus dem Heiligen Geist.“

2. Von Rechtfertigung, Glaube, Heiligung.

Allein durch den Glauben an Christus findet der Mensch „einen gnädigen Gott“. Der Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Christus ist es allein, der rechtfertigt. Durch den Glauben ist der Mensch neu geboren und zur Nächstenliebe berufen. Die „Heiligung“ ist die Konsequenz der „Rechtfertigung“ und damit „Gehorsam“. „Die Kirche, die nur lehrt und ‚glaubt‘, aber nicht handelt, ist nicht der Leib Christi. Der Ruf Gottes fordert uns zur Entscheidung.“ Der Glaube wird im Wunder der Liebe vollendet. In dieser Welt nimmt der glaubende Mensch die Welt und ihren Ort in ihr aus Gottes Hand und „trägt es in der Kraft der Verheißung, dass Gott am Ende aller Dinge einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird“. Wenn auch der Glaube im Leben Gottvertrauen und Pflichtbewusstsein schafft, dürfen aber nicht diese Früchte selbst als Glauben verstanden werden. Alles folgt aus dem Glauben an die Herrschaft Gottes in Christus.

3. Vom Gehorsam gegen das Gesetz und vom Leben in den Ordnungen.

„Das Gebot Gottes in der Offenbarung des Wortes … ist der persönliche Anspruch des lebendigen Gottes. Es ist der Ruf Gottes, der den Menschen in einer ganz bestimmten Lage trifft und ihm sagt, was sein guter, gnädiger Wille mit ihm ist.“ Dieser Anspruch ist im Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zusammengefasst. Die geschöpflichen Ordnungen werden nur insofern als Gottes Ordnungen angesehen, soweit sie dem „konkreten Herrschaftsanspruch Gottes“ entsprechen. Dazu gehören die Bestimmungen der Arbeit, der Geschlechtlichkeit, der Herrschaft über die Natur sowie die Bestimmung zur Gemeinschaft. „Die Ordnungen haben keinen eigenen Wert, sondern leben nur von Christus, dem Wort.“ Ihr Sinn ist die Erhaltung der Schöpfung, sodass „der Mensch in ihnen leben darf und soll bis zur Erlösung“. Dazu zählen die „Ordnungen der Ehe, der Familie, des Volkes, des Eigentums (Arbeit, Wirtschaft), des Berufes, der Obrigkeit“ nicht aber die Rasse. Die Kirche verwirft also eine Lehre, die die Rasse als Naturphänomen auf eine Stufe stellt mit den menschlichen Ordnungen. Durch das Leben in den Ordnungen erfährt der Mensch die Spannung als Zeichen der Unerlöstheit der Welt. Das Evangelium ist kein Gesetz für den Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung. Auch eine Ständeordnung ist falsch. Die Obrigkeit handelt ohne Ansehen der Person.

VII. Von der Kirche.

1. Von der Kirche

Die Kirche ist das Volk des gekreuzigten und auferstandenen Herrn, ist Leib Christi. Durch Gottes Ruf und im Glauben ist sie Gemeinschaft der Heiligen. Als Gemeinschaft der Menschen, die verloren sind, ist sie zugleich Gemeinschaft der Gottlosen und Sünder. Der Kirche steht als solcher kein Ruhm zu. Genauso wie die Einzelnen sündigt sie. Aber sie rühmt sich Christi und bekennt sich zu seiner Gemeinschaft. Die Lehre von der Kirche ist der Vernunft entzogen, da diese Gemeinschaft im Glauben besteht und erkannt wird. Ihre Mitte ist allein die Verkündigung des Evangeliums und die Verwaltung der Sakramente, nicht der „religiöse und sittliche Stand ihrer Glieder“. Wo Gott seinen Geist durch den Glauben gibt, ist „die eine heilige, katholische Kirche eine Wirklichkeit in der Welt“. Die Grundlage dieser Anschauung von der Kirche ist der 7. Artikel der Augsburgischen Konfession. Hierdurch schließen sich viele unterschiedliche Kirchenverständnisse aus, die „der Aufklärung, des Pietismus, des Liberalismus, des Idealismus, des Perfektionismus, des Unionismus, des Spiritualismus, der spätlutherischen Ständelehre des Staatskirchentums, aber auch des religiösen Sozialismus, des klerikalen Internationalismus und des religiösen Nationalismus.“

2. Von Amt und Bekenntnis.

Das kirchliche Amt der Verkündigung ist von Christus gestiftet. Da der Glaube durch die Predigt kommt, und die Kirche sich aus dem Wort Gottes erneuert ist dieses Amt als Auftrag an die ganze Kirche gegeben. Das Amt selbst wird von den Personen ausgeübt, die nach der Berufung durch eine Ordnung dazu beauftragt werden. Der Auftrag selbst ist so zentral, dass er auch die Leitungsämter z. B. der Presbyter mit betrifft. Die Führung der Gemeinde durch das Amt wird „nicht als Herrschaft, sondern als Dienst“ Das Bischofsamt wird als Hirtenamt verstanden, Verkündigung als „Botschafter an Christi Statt“. Die Tatsache, dass es sich dabei immer um Menschen handelt, bedroht immer auch die „Reinheit der Verkündigung“, aber hier gilt: „Das Licht scheint in der Finsternis“. Zur Richtschnur und zur Orientierung am eigentlichen Auftrag braucht die Kirche das Bekenntnis. Die Bekenntnisbildung ist zu keiner Zeit abgeschlossen. „Das Wort Christi ist niemals nur Rede, sondern stets Rede und Tat zugleich. Alle Lehre darf darum nicht nur Ordnung des Denkens sein, sondern muss zugleich zum Grund des Handelns werden. Es kommt also alles darauf an, dass richtig gelehrt wird, weil sonst nicht nur das Denken, sondern auch das Handeln verfälscht wird. Darum muss die Kirche immer aufs Neue zur Schrift fliehen (Luther) und alle Verkündigung nach dieser einzigen Regel richten und ausrichten. Das Ergebnis solchen Forschens ist das Bekenntnis.“

3. Die Kirche und die geschichtlichen Gemeinschaften.

Durch die Sendung der Kirche in alle Welt verbindet sie sich mit den „Formen und Bildungen der Völker ihrer Zeit“. Als Nationalkirche sprengt sie dennoch die Grenzen des Volkstums. Sie passt sich in ihrer Verkündigung nicht an die Zeit an, wird „den Juden ein Jude, den Deutschen ein Deutscher“. Gottes Geist allein schafft den Glauben. „Die Kirche lebt in den Völkern.“ aber: „Die Völker sind nicht die Kirche.“ Das heißt aber auch: „Die Glieder der in diesem Volk lebenden Kirche haben teil an Ruhm und Schuld ihres Volkes und an Verheißung und Schuld ihrer Kirche.“ Das Volk selbst ist Teil der natürlichen Welt und zählt nicht automatisch zur Kirche. „Darum kann ein Volk als Ganzes nicht erlöst werden, denn die Erlösung ist immer ein Handeln Gottes am einzelnen.“ Auch die Bestimmung zur „Volkskirche“ gehört nicht automatisch zur Kirche. „Kirche darf Volkskirche sein, solange diese Form ein Mittel ist, ihren Auftrag auszuführen.“

4. Kirche und Obrigkeit.

Die Kirche und die Obrigkeit sind von Gott und haben ein unterschiedliches Amt und stehen einander gegenüber. Daraus folgt, dass die Kirche nicht in der Obrigkeit aufgeht. Vom Anspruch Gottes her steht die Kirche über der Obrigkeit. Eine Gemeinsamkeit ist: „Ihr Dienst gilt den Menschen.“ Beide sind auf die Ordnung bezogen, wobei die Obrigkeit Zwang und Gewalt ausübt und die Kirche in Lehre und Zurüstung für das Leben in der Ordnung wirkt. Die Kirche steht unter der Obrigkeit, indem sie sich der gesellschaftlichen Ordnung fügt. Die Obrigkeit hat die Gewalt des Schwertes und ist „Anwalt des Rechts gegenüber dem Bösen.“ Die Gewalt der Kirche ist allein das Wort. Dadurch macht sie den Menschen „fähig im Gehorsam Gottes zum entschlossenen Handeln in der Welt.“ Die Kirche verletzt ihr Amt, wenn sie den Staat für ihre Zwecke missbraucht, was umgekehrt ebenso für die Obrigkeit gilt. Es gibt keinen „christlichen Staat“.

5. Die Kirche und die Juden.

Die Kirche lehrt die Erwählung Israels, nicht aber aus einem nationalen Vorzug, sondern allein durch Gottes Willen. Das Volk der Juden und die Hohenpriester haben Jesus verworfen, da er nicht als „nationaler Messias“ auftreten wollte. Durch die Kreuzigung tritt an die Stelle des alttestamentlichen Gottesvolkes die durch Christi Botschaft gesammelte Kirche aus allen Völkern. Doch Israel ist auch nach der Kreuzigung nicht von Gott verworfen. Die Kirche ist verpflichtet, auch Israel zur Umkehr zu rufen. Eine Trennung zwischen Heidenchristen und Judenchristen widerspricht der Gemeinschaft der Kirche Christi. „Israel ist immer als Volk zugleich Kirche, sei es gläubige oder widerstrebende.“

VIII. Von der Geschichte und vom Ende aller Dinge.

Der Mensch handelt in der Welt und gestaltet seine „Geschichte“. Er ist in seiner Geschöpflichkeit auf Gottes Wirken „in unerschöpflicher Lebendigkeit“ angewiesen. Das Streben des Menschen nach Macht und Größe aus eigener Kraft ist ein Zeichen der Sünde von der der Mensch erlöst wird. Die Kirche lebt unter den Völkern als „die lebendige Verheißung“ Gottes. Die Kirche steht in der Gefahr – wie Israel – die in ihr „aufgerichtete Verheißung“ zu missbrauchen. Daher steht der Kirche nicht an zu urteilen über das, was als Antwort auf die Verkündigung erfolgt. Das Urteil bleibt Gott vorbehalten. „Auf Gott gesehen ist alle Geschichte Endgeschichte; denn er ist das Ende, d. h. die Aufhebung der Geschichte. Darum ist für den Glaubenden jeder Augenblick letzter Augenblick und ein unfassbar großes Geschenk der Geduld Gottes.“ In der Existenz der Glaubenden gilt beides: „Hingabe an die geschichtliche Stunde und die völlige Gelöstheit von ihr“. Das ganze Leben durchzieht die Verantwortung der Entscheidung für oder gegen Christus. Das Ziel und Ende der Geschichte bleibt Gott überlassen und wird nicht durch menschliche Leistung herbeigeführt. Dazu gehört auch das Wirken des Antichrists, der Kampf in die Gemeinde bringt und sich in der Macht der Verführung zeigt. „Die Aufgabe der Kirche in der Zeit ist wache Bereitschaft in der Furcht Gottes und der Gewissheit seiner Verheißung.“

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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