Ausstellung „ESEL“ in Unna, ein Hinweis an die Kuratorinnen, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2021

Das Stadtmuseum in Unna zeigt zur Zeit die Ausstellung über den Esel. Daher möchte ich zunächst aus einer kurzen Pressenotiz zitieren, die zudem auf eine noch aktuelle Führung hinweist:

„DER ESEL. Viel mehr als Unnas Stadtsymbol“
Kostenlose Führung durch die Ausstellung

Kreisstadt Unna.

Seit dem 21. November ist die Ausstellung „DER ESEL. Viel mehr als Unnas Stadtsymbol“ im Hellweg-Museum Unna für Gäste geöffnet. Die erste Führung findet am Sonntag, 5. Dezember, statt und startet um 15 Uhr. Es gilt die 2G-Regel.

Bei dem einstündigen Rundgang mit Historikerin und Museumspädagogin Birgit Hartings erfahren die Besucher*innen nicht nur, wieso der Esel in Unna eine so wichtige Rolle spielt. Auch die ihm zugeschriebenen Eigenschaften und der Wandel vom Nutztier zum Freizeitpartner in unseren Breitengraden werden thematisiert. Danach begeben sich die Teilnehmenden auf die vielfältigen Spuren, die der Esel in der Kulturgeschichte hinterlassen hat. Diese lassen sich unter anderem in Religion, Kunst, Literatur und Sprache, aber auch im Strafwesen finden. Eine Schandmaske aus der Frühen Neuzeit gehört zu den Höhepunkten der Ausstellung.

Dieses Verlies ist direkt in das Gebäude des Stadtmuseums integriert.

Auf dem folenden Bild ist ebenfalls ein Esel dargestellt. Dieser steht vor der Krippe am Unnaer Weihnachtsmarkt. Er erinnert ein wenig an eine Comikfigur.

Mir selbst kam ein anderer Esel in den Sinn, auf den die Unnaer Ausstellung nicht hinweist, der Esel aus der Drüggelter Kapelle (Möhnesee). Und so schrieb ich die Kuratorinnen der Ausstellung in einer Email an:

Warum steht der Esel im Wasser oder am Wasser? Er ist ohne Gepäck, warum? Hat das etwas mit dem Übergang zwischen Soester Börde und Arnsberger Wald zu tun?

Kathrin Götker:

Ein möglicher Zusammenhang zwischen der Darstellung eines Esels im/am Wasser und dem Übergang zwischen Soester Börder und Arnsberger Wald ist mir nicht bekannt. Falls es eine entsprechende Erzähltradition gibt, wäre das aber sicherlich eine gute Erklärung für diese spezielle Darstellung.

Ansonsten: Da der Esel keine Anzeichen von Domestizierung zeigt, wird es sich sicherlich um die Darstellung eines Wildesels handeln. Sollte er tatsächlich im Wasser stehen (das ist auf dem Foto nicht richtig zu erkennen), wäre das in der Tat sehr ungewöhnlich, da Esel das Betreten von Wasser üblicherweise meiden. Vielleicht steht das Tier doch eher an einer Wasserstelle?

Durch die Position am Kapitell eines Kirchenbaus liegt ein Zusammenhang zur christlich-allegorischen Bildwelt nahe, die sowohl sehr negative (Teufelstier, Tier der Ungläubigen, …) und auch sehr positive (Tier der Genügsamkeit, Duldsamkeit, Einfältigkeit, später auch: Tier der Pilger, …) Deutungen bereithält. Eine konkrete Verbindung zum Wasser findet sich z. B. im Buch der Natur des Konrad von Megenberg und in der Enzyklopädie De proprietatibus rerum des Bartholomäus Anglicus. Dort wird die natürliche Vorliebe des (Wild-)Esels für reines, bewegtes Wasser (und die Ablehnung von trübem Wasser) mit der Tugend der Genügsamkeit und der intuitiven Orientierung an der lebendigen Lehre Gottes (und der Verachtung der weltlichen Lehre) in Verbindung gebracht. Könnte das eine Spur sein? Gibt es vielleicht weitere Bildwerke an anderen Kapitellen, so dass sich ein Programm erschließen ließe?

Die Email, die, so Frau Götker, zunächst nicht für eine Veröffentlichung gedacht war, zeigt doch sehr sachkundig den Umgang mit ikonografischem Material. Selbstverständlich kann man hier aus dem zeitlichen Abstand heraus nur spekulieren. Die sonstige Ausstattung der Kirche ist mager an Bildwerken. Lediglich die Architektur des Zwölf-Säulen-Kreises weist auf die Israelpilgerfahrten wenn nicht gar auf die Kreuzzüge hin.

Der Esel rastet am frischen fließenden Wasser der Möhne, das Bild gefällt mir. Ob er hier auch mit auf die Pilgerfahrt ins Heilige Land geht, muss offen bleiben. Die Verbindung zur Schöpfung sowohl im Tier des Wildesels, der später zum Haus- und Lasttier wurde, als auch im Wasser passt zum Standort der Drüggelter Kapelle sehr wohl.

Zum Schluss ein Hinweis auf Johann Moritz Schwager aus Jöllenbeck. Der umtriebige Pfarrer der Aufklärung, der fleißig literarisch aktiv war, hinterließ einige Reisebeschreibungen aus dem achtzehnten Jahrhundert. Dabei kam er ausgerechnet auch nach Unna und dort fielen auch ihm die vielen Hausesel als Nutztiere auf:

Link: https://museen.de/der-esel-unna.html

Raffael (1483 – 1520), Hinweis 2, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2021

Zur weiteren Vorarbeit zum Ausstellungsbesuch in Hamburg habe ich mir etwas Lesestoff unter medimops.de besorgt, u. a. auch ein gut erhaltene Buch aus dem Jahr 1983:

Konrad Oberhuber: Polarität und Synthese in Raphaels ‚Schule von Athen‘, Urachhaus Verlag, Stuttgart 1983, broschiert, 128 Seiten im Großformat, Glanzpapier, 77 Abbildungen, zumeist Schwarz-Weiß, wenige in Farbe, ISBN: 3878383797, Preis: antiquarisch zu erwerben.

Ich beginne mit einem Zitat:

„Noch in den wenige Jahre früher entstandenen Fresken mit den Darstellungen der freien Künste im Appartamento Borgia im Vatikan, die, wie wir noch sehen werden, sicher eine der Voraussetzungen für Raphaels Werk waren, können wir außer durch Bücher, Aufschriften und Attribute die einzelnen Philosophen, Wissenschaftler, Gelehrten oder Künstler nicht voneinander unterscheiden. Auch bei Raphael bieten im Fresko (d. i. „Die Schule von Athen“, der Rez.) Aufschriften und sonstige Attribute wesentliche Hinweise, aber die einzelnen Gestalten sind zum lebendigen Ausdruck ihrer Gedanken geworden, ihre Handlungen kennzeichnen sie auch ohne Bücher als Menschen, deren Leben in der denkenden und einfühlenden Auseinandersetzung mit der Welt und ihren Problemen besteht. Dieses vollkommene Durchdrungensein von der eigenen Idee gibt den Gestalten die Freiheit, die wesentlich zum polyphonen Reichtum der großen Symphonie der Komposition beiträgt. Es ist dies die neugewonnene Freiheit und Individualität des Menschen der Renaissance, der sich in den freien Menschen der Antike wiedererkannte.“ (Ds. S 39)

Die Arbeit von Konrad Oberhuber ist zeitlos aktuell. In der eher unbedeutenden Industrie- und Wirtschaftsmetropole Mailand findet sich neben dem „Abendmahl“ von Leonardo da Vinci kaum ein bedeutendes Werk der frühen Neuzeit. Eine Ausnahme ist da der sogenannte „Karton“, eine gigantische Vorzeichnung für das og. Fresko.

Der Karton „misst 2745 = 7950 mm und ist aus etwa 210 Papierstücken zusammengesetzt“. Diese Vorlage des Freskos ist schmaler als das Originalfresko, da sie auf die Figuren fokussiert, die sich insgesamt im Mittelteil des (gemalten) Gebäudes befinden. Gebäudeskizzen sind zwar auch enthalten, aber nicht als geschlossene Abbildung.

Die Bilder wurden vom Karton mit einer Durchstechmethode auf das Original übertragen, aber auch in einer gewissen Freiheit. Die Vorlage ist nicht immer mit dem Original identisch.

Im gesamten Buch wird das oben beschriebene Ergebnis detailliert dargestellt und dabei immer wieder der Karton mit dem Original und anderen Werken verglichen. Dazu zählen neben Vorentwürfen auch das zuvor entstandene Fresko, die sogenannte „Disputa“, ein ebenso großes Wandgemälde, das in den vatikanischen Museen der „Schule von Athen“ genau korrespondiert.

Es soll eine theologische Diskussion über das Abendmahl darstellen und zeigt die christliche Religion aufgeteilt in Himmel und Erde.

Mich wundert ja immer, wieso die Diskussionen um Luthers Reformation und gerade der Streit zwischen dem Vatikan und den Fürsten in der Kunst der Renaissance kaum Widerhall findet, doch taucht ganz am Ende der Ausführungen Oberhubers ein Motiv auf, zu dem Luther später Stellung beziehen wird: Im Jahr 1512 (gerade 5 Jahre vor der reformatorischen Entdeckung) wird in Rom ein Dogma beschlossen, die „Unsterblichkeit der Seele“, basierend auf der platonischen Philosophie.

Während bei Raffael noch Platonismus und Aristotelismus zur Einheit zu finden scheint, überwiegen in der damaligen Gegenwart die Gegensätze. Der Aristoteliker Pomponazzi „Über die Unsterblichkeit der Seele“, widerlegte die päpstliche Doktrin, und zeigte so schon den Weg in die Neuzeit auf in ihrer „Herauslösung aus dem einheitlichen religiösen Weltbild des Mittelalters.“ (S. 114).

Hier tritt nach Rudolf Oberhuber Rudolf Steiner auf den Plan und erinnert an eine die Vielzahl einzelner Bestrebungen vereinende philosophische Debatte, wobei Steiner m. W. einen interreligiösen Dialog verfolgt, der auch den Buddhismus und den Hinduismus einbezieht und damit die Debatte eher weitet als neu christlich verengt.

Implizit wird hier also schon der Blick auf die Wirkungsgeschichte Raffaels frei, obwohl es ja zunächst um die Entstehung gehen sollte. Aber diese Entstehung war eben nicht nur die Meisterleistung eines künstlerischen Genies, sondern auch eine gute inhaltliche-philosophische Zeitansage. Im Gegensatz zur „Disputa“ ist der Himmel in der „Schule von Athen“ offen, soweit man es aus dem Gebäude heraus sehen kann. Hier ist eine lebendige Diskussion im Gang, in der dogmatische Festlegungen kaum nützlich zu sein scheinen. Aber ob dieser Hinweis von Papst Julius dem II. und Leo X., seinem Nachfolger, verstanden wurde, müssen wir nicht beurteilen.

 

Ausstellung in Hamburg: Raffael (1483-1520), Hinweis 1, Christoph Fleischer, Welver 2021

Julius II. in der Werkstatt Raffaels / ‚Le pape Jules II venant voir les cartons des fresques destinées à la ‚Stanza della Segnatura‘ (Vatican) – 1508′, 1910

Hiermit möchte ich auf eine andere interessante Ausstellung hinweisen, die nur noch bis zum 3. Oktober in der Hamburger Kunsthalle gezeigt wird: „Raffael, Wirkungen eines Genies“. In der Zeitschrift „Magazin , Freunde der Kunsthalle“ (Frühjahr 2021) wird auf einer Doppelseite ein Bild des bekannten Gemäldes Raffaels gezeigt „Schule von Athen“. Doch das ist kein Foto, sondern die Abbildung einer Gouache von Louis Jacoby (1828 – 1918), der das Wandgemälde des Vatikans auf 64,5 bis 91,5 cm malerisch kopiert hat. Eine Fotografie könnte kaum genauer sein als dieses Bild. Dieses Bild ist jedoch lediglich die Vorlage für einen Kupferstich, der dann allerdings wohl in schwarz-weiß veröffentlicht worden ist.

Kupferstich 1882

Wer ein bisschen im Internet stöbert, findet eine Fotografie des Originals aus dem Vatikan auf zeno.org, das hier ergänzt werden kann, da es gemeinfrei ist:

 

http://www.zeno.org/Kunstwerke/B/Raffael%3A+Stanza+della+Segnatura%3A+Die+Schule+von+Athen

Ein kleiner Einblick in das Leben Raffaels ist das Reclam-Büchlein: Georgio Vasari: Das Leben des Raffael von Urbino.

Vasari, Giorgio: Das Leben des Raffael von Urbino, Hrsg.: Kanz, Roland, Reclam Verlag, Stuttgart 2020, 144 S. 22 Farbabb., ISBN: 978-3-15-019653-3, Preis: 7,00 Euro

Dieser Text stammt aus einer regelrechten Sammlung von Biografien, die Georgio Vasari im Jahr 1568 herausgegeben hat. Dieses Werk wurde im 19. Jahrhundert von Adeline Seebeck (1799 – 1874) anonym übersetzt und in sechs Bänden herausgegeben. Der Text des Reclam-Buches ist mit zahlreichen farbigen Abbildungen der Werke Raffaels illustriert, mit der Angabe des Aufbewahrungsortes der jeweiligen Werke. Über die berühmte sixtinische Madonna aus der Gemäldegalerie Dresden, auch hier abgebildet, verliert Vasari nur einen Satz, während er die Ausgestaltung der Stanza im Vatikan ausführlich kommentiert, nicht nur die oben gezeigte „Schule von Athen“ sondern derer genau gegenüber das ebenso monumentale Werk „Disput über das Sakrament“.

Interessant ist im Fortgang der Darstellung zu lesen, wie Raffael nicht nur immer bekannter und angesehener, sondern auch schlicht reicher wurde. Leider starb er mit nur 37 Jahren vermutlich an Syphilis, Vasari meinte jedenfalls, er hätte sich bei einer seiner zahlreichen Geliebten angesteckt. Ich würde mich mal fragen, ob Raffael Bildnisse seiner Geliebten auch in den zahlreichen Gemälden untergebracht hat, auch da, wo es sich eigentlich nur um Männer handeln kann, wie bei der „Schule von Athen“. Zur Hochzeit kam es jedenfalls nicht mehr, obwohl er inzwischen verlobt war. Seine Verlobte wurde, wie es bei Vasari heißt, reichlich abgefunden.

 

Interessante Downloads auf der Seite des katholischen Bibelwerks, Internetnotiz von Christoph Fleischer, Welver 2021

 

Jeden Monat erhalte ich einen Newsletter vom Katholischen Bibelwerk. Ich möchte an dieser Stelle einmal auf ein paar Leseproben hinweisen. Es lohnt sich wirklich diesen Newsletter zu abonnieren.

Im aktuellen Newsletter findet sich eine konstruktive Bearbeitung des Themas „Homosexualität“, die sich von Lesarten abhebt, die normalerweise als päpstliche Verlautbarungen zu hören waren.

Hier ein Zitat aus dem Hinweis:

„Ihr sollt ein Segen sein“ – Verweigerung des Segens biblisch nicht begründbar

Die Weigerung, homosexuelle Lebensgemeinschaften zu segnen, wird häufig mit Bibeltexten begründet. Ein genauer Blick auf die biblische Überlieferung zeigt jedoch, dass die Texte damit falsch ausgelegt werden.

Prof. Dr. Thomas Hieke von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz zeigt in einem Beitrag auf, wie die entsprechenden biblischen Textstellen in ihrem Kontext zu verstehen sind – und warum sie nicht verwendet werden dürfen, um Homosexualität zu verurteilen.

Auf den Artikel von Prof. Hieke wird in einem Link verwiesen:

http://blog.thomashieke.de/blog/bibel-und-homosexualitat/aber-in-der-bibel-steht-doch/

Bibel-Memory

Wer sich direkt mit der Bibel beschäftigen möchte, dem wird ein Memoryspiel angeboten, das man ebenfalls herunterladen kann:

https://www.bibelwerk.shop/fileadmin/public/Memory_Bibel_heute_225.pdf

Rolle des Hellenismus für das Neue Testament und sogar für Jesus

Was mich besonders interessiert, ist die Rolle des Hellenismus für das Neue Testament und sogar für Jesus selbst. Hierauf hatte ja zu Lebzeiten der populäre englische Schriftenforscher Carsten Peter Thiede immer wieder hingewiesen. Hier ist es das Heft von Welt, Umwelt, Bibel das auf den See Genezareth als der Mitte Galiläas verweist. Warum gerade diese Region sowohl als jüdisch religiös wie zugleich hellenistisch kulturell zu verorten ist und warum dies kein Gegensatz ist, wird in dem Artikel von Jürgen K. Zangenberg deutlich, der unten auf dem roten Button als Download und Zusatzmaterial bereitsteht:

https://www.weltundumweltderbibel.de/fileadmin/verein/Dokumente/Welt_und_Umwelt/WUB_1_21_Galila__a-Das_heilige_Land.pdf

Schöpfung und Befreiung gehören zusammen

Zu guter Letzt verweise ich auf einen konstruktiven Artikel zum Thema Schöpfungstheologie in der Zeitschrift „Bibel und Kirche“, der ebenfalls heruntergeladen werden kann:

https://www.bibelundkirche.de/fileadmin/verein/Bilder/Bibel_und_Kirche/Artikel_Benk.pdf

 

 

 

Offenbarung als Ausgang der Theologie? Notizen zu Franz Rosenzweig „Atheistische Theologie“, Christoph Fleischer, Welver 2021

Literatur: Franz Rosenzweig: Atheistische Theologie, in: Kleinere Schriften, Schocken Verlag, Jüdischer Buchverlag 1937, später auch als Band III, Franz Rosenzweig, gesammelte Werke.

Durch diesen Aufsatz wird Franz Rosenzweig im Jahr 1914 persönlich mit Martin Buber bekannt. Allerdings hat Buber den Aufsatz unveröffentlicht zurückgeschickt.

Auch die spätere Schriftensammlung „Zweistromland. Kleinere Schriften aus Religion und Philosophie“ (Philo Verlag 1926, jetzt als Reprint bei Amazon), die vollständig in die o. g. Ausgabe aufgeht, enthält den Aufsatz „Atheistische Theologie“ nicht.

Das Wort „Atheistische Theologie“ war bis dahin kaum bekannt, Franz Rosenzweig zeigt jedoch, was damit gemeint ist. Zunächst war mir selbst nicht klar, ob der Autor selbst eine solche „Theologie“ befürwortet oder sich davon abgrenzt, was wohl eher der Fall ist.

In den letzten vier Sätzen des Aufsatzes zeigt Franz Rosenzweig, dass die Zukunft weder im Christentum noch im Judentum in einer „atheistischen Theologie“ liegen kann, ohne damit allerdings die Ergebnisse der philosophischen Religionskritik in Frage zu stellen. Ausweg ist nun der Begriff „Offenbarung“ als „geschichtliche Tat“, die die „Geschichtlichkeit der Geschichte“ in Kraft setzt. (Ich habe das absichtlich so zitiert, um aufzuzeigen, dass diese positive Theologie immer von ihrer Definition abhängig ist.)

Später wird er bis zu seinem Tod im Jahr 1929 die hebräische Bibel ins Deutsche übersetzen. Im Grunde wird es also wie auch bei Rudolf Bultmann zu einem hermeneutischen Ansatz der Bibelauslegung führen, bei dem sich die Schrift mit Blick auf den historischen Kontext selbst auslegt.

Formal gesehen ist eine „atheistische Theologie“ nötig geworden, seitdem in der Theologie wissenschaftliche Voraussetzungen definiert wurden, was seit der Aufklärung der Fall ist. Schlicht gesagt geht es dabei einerseits um die Geschichte der historisch orientierten Exegese (z. B. Leben-Jesu-Forschung), die mit Albert Schweitzer als gescheitert gilt, zumindest soweit sie meinte, ein authentisches Leben Jesu rekonstruieren zu können.

Franz Rosenzweig wechselt in seinem Aufsatz immer wieder von der christlichen Exegese hin zum jüdischen Selbstverständnis, indem er hierbei gemeinsame Tendenzen entdeckt.

Dies soll kurz am Beispiel des Mythos aufgezeigt werden: „… die rationalistische Vermenschlichung der Christusgestalt zum Jesus der Leben-Jesu-Theologie …, wurde in der Judenvolks-Theologie zum Hebel der rationalistischen Vergötterung des Volks“ (S. 284) (Dieser Satz richtet sich vermutlich an Martin Buber, der in seinen Reden über das Judentum betont, das Judentum sei in erster Linie als Religion zu verstehen und nicht als Volk, Staat oder Land, das dieser Vollendung entgegensieht. Die Vision einer Neuansiedlung in Palästina nahm am Ende des 19. Jahrhunderts immer konkretere Formen an.)

So wie einerseits Christus zum Gottesbild wird, wird im Judentum der Gottesbund, religiös gefeiert und zum Glaubensinhalt erklärt (d. meint, dass die religiöse Feier sich selbst erklärt bzw. selbstreflexiv definiert).

Die „Offenbarung“ wird sich als „Mythologie“ erweisen. Der Mythos ist ein Bild der Geschichte und wird benötigt, um die Bedeutung der religiösen Inhalte zu untermauern.

Die „atheistische Theologie“, so Rosenzweig, zeigt, was unter Verzicht auf den Mythos übrigbleibt. Franz Rosenzweig betont aber auch zu Recht, dass das „Über“ – Menschliche (Gottes) dem Menschen gegenüber wie ein Spiegel funktioniert. Vermutlich werden hier wie dort Projektionsinhalte auf Judentum oder Christentum angewandt.

Erst ganz gegen Ende des Aufsatzes erscheint die Mystik als Alternative, wobei Rosenzweig vermutlich auch hier wieder an Martin Buber selbst gedacht hat, der die Mystik der Chassidim erforscht und Beispiele veröffentlicht hat. Rosenzweig zeigt, dass in der Mystik zwar Gott auch an die Menschengestalt gekoppelt wird, dennoch aber unverfügbar und göttlich bleibt und zitiert ein Beispiel der jüdischen Mystik: „Gott spricht: wenn ihr mich nicht bezeugt, so bin ich nicht.“ (S. 289)

Der am Anfang zitierte Schlussabschnitt wird hier mit einem ausführlichen Schachtelsatz eingeleitet, der an die von Sören Kierkegaard bekannte Rede von einer Kluft erinnert, die das religiöse Erleben erst möglich macht. Analogien auf christlicher Seite lassen sich in der dialektischen Theologie Karl Barths finden.

Doch anstelle zwischen Gott und Mensch liegt die Kluft hier zwischen rationalem Glaubensverständnis einschließlich der Differenz zwischen Mystik und Rationalismus und dem Verständnis des Menschen als Empfänger der Offenbarung.

Meines Erachtens hat Martin Buber den Aufsatz zu Recht zurückgewiesen, weil der Schluss letztendlich argumentativ nicht genügend ausgearbeitet worden ist. Mystik lässt sich nicht vorschnell mit dem Gegenteil von Rationalismus gleichsetzen. Andererseits ist der Begriff der Offenbarung doch bei Rosenzweig zu sehr an der Geschichtlichkeit orientiert, sie offenbart also hauptsächlich die Differenz zwischen Gott und Mensch. Die positiven Inhalte der „Offenbarung“ bleiben unter Projektionsverdacht, was Rosenzweig hier nicht erkennt. Hierzu sei einmal auf das Buch „Moses“ von Martin Buber verwiesen, mit der er die Übersetzungsarbeit am Pentateuch quasi auswertet, und einen politischen Anführer entdeckt, dem die religiöse Verbindung wichtig ist. Mose ist für Buber der Erfinder eines Bundesgesetzes, das mit dem Kult ein Volk zusammenführt und bildet.

Es folgt nun die Dokumentation des Textes von Franz Rosenzweig als PDF, entnommen der Ausgabe von 1937 (s.o.).