Edith Silbermann – Begegnung mit dem Autor Paul Celan, Rezension, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

 

Zu: Edith Silbermann, Begegnung mit Paul Celan, Erinnerung und Interpretation, Rimbaud-Verlag Aachen, 2. Auflage 1995, Hardcover, 96 Seiten, ISBN: 3890868843, antiquarisch erworben, Preis beim Verlag 30,00 Euro, gebraucht um 10,00 Euro

Dieses antiquarisch erworbene Buch ist bemerkenswert. Mit Paul Celan habe ich mich vor einiger Zeit im Zusammenhang mit Martin Heidegger beschäftigt. Doch ich lese seine Gedichte nicht mehr regelmäßig, habe sogar einige Bücher wieder über Momox zurückgegeben (vgl. Links am Ende des Beitrags).

Interessant ist das Buch in mehrfacher Hinsicht. Zunächst trägt es eine Widmung von Edith Silbermann selbst, „Iserlohn, den 18. 4.2000“, der „Empfängerin zur freundlichen Erinnerung“. Edith Silbermann, geborene Horowitz, ist 1921 geboren und starb 2008 in Düsseldorf. Besonders an diesem Buch ist, dass sie nicht einfach ein Leseexemplar signiert verschenkt hat, sondern dass es weitere persönliche Einträge enthält. Da sind zunächst Korrekturzeichen, so dass anzunehmen ist, dass sie das Buch seit 1996 als Korrekturexemplar vom Verlag bzw. vom Lektor erhalten hat. Ob die Zeichen zur Korrektur im gedruckten Text führten, kann ich nicht sagen. Auch ein Gedicht von Rose Ausländer wurde korrigiert. Dieser Abschnitt handelte nicht nur von der das Buchenland genannten Bukowina, heute im Westen der Ukraine liegend, sondern auch von Sadogara im Gedicht „Der Vater“ (R. A. S. 30). Aus „Distanz“ wird „Distanzen“ (S. 31). Über Paul Celan heißt es nach ihrer Korrektur: „Kennzeichnend für Celans Dichtung sind im Unterschied zu der seiner dichtenden Landsleute nicht bloß seine vielen Wortschöpfungen und Wortspiele der Gebrauch von termini technici, z. B. aus der Mineralkunde, sein Hang zu „Oxymora und Paradoxien“ anstelle „Hang zu Oxymoren“ (S. 20).

Das erste Kapitel ist überschrieben mit Paul Celan im Kontext „Brunnenland“ genannt (S. 7), eigentlich meint es aber „Buchenland“ (Bukowina).. In seiner Bukarester Zeit wurde aus seinem Nachnamen Antschel der Name Celan, wohl Tschelan gesprochen. In diesem ersten Artikel stellt Edith Silbermann die Gedichte Celans in den Kontext der rumänischen Umwelt, seinen ebenfalls dichtenden Freunden und der durch die Nazis einbrechende Katastrophe. Ein Teil der Bewohner von Czernowitz war deutschsprachig, für Celan die Muttersprache. Über allem liegt nun aber der Nebel der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, der viele jüdische Bewohner zum Opfer fielen.

Ergänzt wird dieser Aufsatz, der stärker literarisch geprägt ist, von dem mehr persönlichen Artikel „Erinnerungen an Paul Celan“ (S.41 – 70). Schon ganz zu Beginn des Artikels erzählt Edith Silbermann von der frühen Bekanntschaft mit der Familie Antschel und deren einzigem Sohn Paul. Hier erinnert sie auch, dass er getrocknete Pflanzen sammelte und botanisch sehr bewandert war, was (später) in seinen Gedichten auch zum Ausdruck kam.  Der Bericht enthält einige Schwarz-Weiß-Fotos von Paul Celan (Sommer 1938) und ihr (1939, S.46f), Edith Silbermann. Auf S. 50 berichtete sie von dem für sie unhaltbaren Vorwurf, die „Todesfuge“ sei von seinem Freund Immanuel Weissglas und seinen Berichten aus dem Lager inspiriert worden, und weist diesen Vorwurf zurück (S.50f). Auf Seite 53 findet sich neben einer leeren Buchseite das Foto einer Gruppe mit dem Originaltext „Edith Silbermann (2. von links) mit Freunden am Pruth (15.4.1938)“. Hier setzte sie den Nachnamen Silbermann in Klammer und schrieb „Horowitz“ darüber, was damals ihr Mädchenname war. Unten ergänzt sie handschriftlich: „Paul Antschel (Celan) rechts oben“. Sie ist auf diesem Bild recht eng mit einem anderen jungen Mann, von Celan eher distanziert, der evtl. das Foto mit dem Selbstauslöser gemacht hat. Irritiert bin ich, dass Sie auf dem S. 59 gedruckten Foto von ihr selbst (1940), handschriftlich mit „Horowitz, Edith“ markiert. Links S. 58 „Celan im Arbeitslager (1940)“.

Die restlichen Darlegungen berichten immer wieder von unrichtigen oder irrigen Berichten über Celans Zeit in Czernowitz und korrigiert sie mit eigenen Beobachtungen. Es gibt auch einen Text, den sie für pädagogische Einsätze in der Weihnachtszeit von Celan erhalten hat, ein Lied, das säkular von Weihnachten als einem nächtlichen Einsatz der Wichtel berichtet (u.a. Heinzelmännchen spähn nun durch die Ritzen…“ (S. 61, siehe Anhang am Ende).

Biografisch besonders wichtig ist ihre Notiz über Celans Rettung vor der NS_Verfolgung, der seine Eltern zum Opfer fielen: „Celan war im Sommer 1942, als seine Eltern deportiert wurden, nicht geflohen, sondern in weiser Voraussicht des Kommenden einfach von zuhause weggegangen. Eine ehemalige Kommilitonin von ihm, die ich vor kurzem in Frankfurt am Main traf, erinnerte mich daran, dass er, als sich das Gerücht verbreitete, es würden wieder Aushebungen erfolgen, zunächst bei ihr Zuflucht gesucht hatte, es sich aber dann überlegte und zu mir ging, wo er sich offenkundig sicherer fühlte.“ (S. 64) Es folgt nun der Bericht, wie die Eltern in Transnistrien umkamen: „Der Vater erlag dem Typhus, die Mutter wurde durch Genickschuss ermordet.“ (S. 64)

Nach den klärenden Mitteilungen über ihren eigenen und Celans Werdegang berichtet Edith Silbermann über einen Briefwechsel in den sechziger Jahren. Einige Gedanken über Celans Suizid im Wasser der Seine in Paris am 20.4.1970 runden den (auto-) biografischen Bericht ab.

Im letzten Artikel „`Huhediblu` – Versuch einer Deutung“ (S.71-88) gibt es nur noch einige Korrekturzeichen der Autorin. Auf diesen Artikel, der eine sachkundige Deutung bietet, gehe ich in diesem Bericht über einen literaturgeschichtlichen Text jetzt nicht weiter ein. Edith Silbermann ist literaturwissenschaftlich sachkundig und bietet wichtige biografische Klarstellungen zu Paul Celan, zu dessen Werk es inzwischen einem ganze Bücherwand existiert.

Link: https://www.der-schwache-glaube.de/2019/03/16/werner-hamacher-zu-celan-rezension-christoph-fleischer-welver-2019 und andere

Gedicht S. 61:

Zwölf Uhr schlägst und alles, alles schweigt nun,
alles schweigt nun
und die Hitze in der Küche steigt nun
steigt nun, steigt nun
tipp tapp, tipp tapp, tippe tippe tipp tapp
tipp tipp tapp

Heinzelmännchen späht nun durch die Ritzen,
durch die Ritzen;
Nasen spitz und spitze Zipfelmützen,
Zipfelmützen,
tipp, etc.

Spähn sie sacht aus all ihren Verstecken,
dunkeln Ecken
huschen Schatten, die sie sehr erschrecken;
sehr erschrecken,

Was da alles war auf unsern breiten,
unsern breiten
Tischen voller, voller Süßigkeiten!
Süßigkeiten!

Um den Weihnachtsbaum, vor dem sie wachen,
staunend wachen,
läutet laut ihr Lied, ihr helles Lachen,
helles Lachen
tipp, etc.

Bis es Tag wird lärmt der tolle Reigen,
tolle Reigen:
Bis es tagt muß Ängstlichkeit schon schweigen,
ja muß schweigen,
tipp, etc.

Doch wird Tag, muß aller Reigen ruhen,
Reigen ruhen,
Zwergvolk stiehl sich fort auf leichten Schuhen,
leichten Schuhen,
tipp, etc.

(S. 61f)

 

 

Pressemeldung Stadt Iserlohn vom 18.8.2026, Stollenvortrieb für die Sanierung des Oestricher Baches schreitet voran

Aktuelle Informationen:  Stadt Iserlohn
18. August 2026,  Iserlohn
Iserlohn.
Für die Sanierung des Oestricher Baches kommen die Arbeiten am neuen Stollenvortrieb nach einer anspruchsvollen Anfangsphase planmäßig voran.

Wer derzeit an der Baustelle an der Lenne vorbeikommt, ahnt kaum, was sich wenige Meter unter der Oberfläche abspielt. Seit Mitte Mai wird dort in aufwendiger Handarbeit und mit viel technischem Know-how ein neuer Stollen im klassischen Vortriebsverfahren hergestellt. Mittlerweile ist der Stollen bereits rund zehn Meter lang und wächst Stück für Stück weiter in den Baugrund hinein.

Die Baugrube wurde unmittelbar am Flussufer hergestellt und bildet den Zugang zum Stollen. Trotz der beengten Platzverhältnisse wurde eine kompakte und funktionale Baustelleneinrichtung geschaffen, die den Vortrieb ermöglicht und gleichzeitig die Eingriffe in die Umgebung geringhält.

Wer den Stollen betritt, fühlt sich eher an ein Bergwerk als an eine gewöhnliche Tiefbaubaustelle erinnert. Tatsächlich erfolgt der Vortrieb in klassischer bergmännischer Bauweise, einem traditionellen Verfahren, das heute nur noch vergleichsweise selten zum Einsatz kommt, aber gerade unter den gegebenen Rahmenbedingungen seine besonderen Stärken ausspielt.

Die Stollensicherung besteht dabei aus einem System aus Schwellen, statisch bemessenen Stahlbögen und Holzverzug, die an die örtlichen Baugrund- und Lastverhältnisse angepasst sind. Die einzeln angepassten Hölzer werden dabei in präziser Handarbeit Stück für Stück zwischen Baugrund und Stahlbögen eingebracht und sichern den Baugrund so unmittelbar nach dem Vortrieb. Dadurch entsteht die typische Stollenschale, die den Boden unmittelbar sichert.

Auch wenn das Verfahren auf traditionellen Prinzipien beruht, kommen moderne Hilfsmittel zum Einsatz. Ein elektrisch betriebener Kleinbagger unterstützt den Ausbau des Altbetons und kann direkt im Stollen eingesetzt werden.

Der beim Vortrieb anfallende Boden und Betonbruch wird über Loren aus dem Stollen transportiert und mit dem Kran aus der Baugrube gehoben – über denselben Weg, auf dem später auch die neuen Bauteile eingebracht werden.

Parallel zum Vortrieb wird das bestehende Beton-Kastenprofil zurückgebaut. Die Herausforderung besteht darin, dass der Rückbau innerhalb des neuen Stollenquerschnitts stattfindet. Dabei wird äußerst behutsam gearbeitet, um den umgebenden Boden nicht zu beeinträchtigen. Die Arbeiten erfolgen abschnittsweise, damit die Standsicherheit jederzeit gewährleistet bleibt. Der Rückbau des bestehenden Kastenprofils schafft Platz für das neue Bauwerk.

Anstelle des bisherigen Kastenprofils wird ein neues Kreisprofil eingebaut. Am Ende ersetzt ein Rohr aus glasfaserverstärktem Kunststoff das bestehende Kastenprofil. Sämtliche Maßnahmen wurden im Vorfeld mit der Unteren Wasserbehörde des Märkischen Kreises abgestimmt.

Der Stollenvortrieb zählt nicht zu den alltäglichen Baustellenverfahren. Gerade deshalb bietet das Projekt einen spannenden Einblick in ein Handwerk, das traditionelle Bauweisen mit moderner Technik verbindet. Wo oberirdisch nur eine überschaubare Baustelle zu sehen ist, entsteht im Untergrund mit viel Erfahrung, Präzision und Fingerspitzengefühl Meter für Meter ein neues Bauwerk.

Der Neubau des Bauwerkes war erforderlich geworden, nachdem im Herbst 2025 bei einer statischen Untersuchung der Gewässerverrohrung des Oestricher Baches ein partieller Einsturz festgestellt wurde.

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Der Blick aus dem entstehenden Stollen am Oestricher Bach in Richtung Ausgang.
© Echterhoff GmbH & Co. KG / Stadt Iserlohn

Der Blick aus dem entstehenden Stollen am Oestricher Bach in Richtung Ausgang.


Mit einem Kleinbagger läuft der teilmaschinelle Abbruch innerhalb des Stollens ab.
© Echterhoff GmbH & Co. KG / Stadt Iserlohn

Mit einem Kleinbagger läuft der teilmaschinelle Abbruch innerhalb des Stollens ab.


Die Stollensicherung besteht aus einem System aus Schwellen, statisch bemessenen Stahlbögen sowie Holzverzug und wird in präziser Handarbeit eingebracht.
© Echterhoff GmbH & Co. KG / Stadt Iserlohn

Die Stollensicherung besteht aus einem System aus Schwellen, statisch bemessenen Stahlbögen sowie Holzverzug und wird in präziser Handarbeit eingebracht.


Der anfallende Boden und Betonbruch wird über denselben Weg, auf dem später auch neue Bauteile eingebracht werden, abtransportiert.
© Echterhoff GmbH & Co. KG / Stadt Iserlohn

Der anfallende Boden und Betonbruch wird über denselben Weg, auf dem später auch neue Bauteile eingebracht werden, abtransportiert.


Exodus – Aufbruch in eine bessere Welt, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Sommerkirche am 9. August 2026 

in der Markuskirche Herzogenrath

Predigttext: Ex 14, 21-31

Liebe Gemeinde,

wenn ich Konfirmandinnen und Konfirmanden frage, was ihr Ziel im Leben ist, sagen immer einige: „Die Welt ein wenig besser machen.“ Das finde ich gut. Dahinter steht die Erkenntnis und auch die Erfahrung, dass wir in dieser einen Welt anders leben müssten: gerechter und auch friedlicher. Das „ein wenig“ zeigt an, dass die Jugendlichen ahnen, dass das gar nicht einfach ist. Aber sie tragen noch ein Stück Hoffnung in sich. Hoffnung, dass Veränderungen zum Besseren, zu einer menschlicheren Welt, möglich sind.

Exodus als Hoffnungsgeschichte

Die biblische Hoffnungsgeschichte schlechthin ist die Exodusgeschichte. Gott befreit sein Volk Israel aus der Sklaverei Ägyptens. Aus dem Land der Knechtschaft soll das Volk in das Land der verheißenen Freiheit aufbrechen. Das ist nicht nur eine Geschichte unter vielen. Es ist die Geschichte. Die Verheißung auf eine bessere Zukunft, auf eine bessere Welt. Das ist das Geschenk des Judentums an die Welt. Wo immer ein Volk und Menschen unterdrückt werden: Brecht aus diesen Verhältnissen aus. Wir können uns die Moderne gar nicht anders vorstellen, ohne die Energie und den Glauben an Veränderungen, die aus diesem Stoff kommt. Das die westliche Welt auf Zukunft ausgerichtet ist, steckt im Exodus des Volkes Israel und in seinem Glauben an den einen Gott, der geschichtlich handelnd gedacht und geglaubt wird, der mitgeht und begleitet.

Durch die wechselvolle Geschichte von Verlierern und Gewinnern, von Wissen und Erkenntnis, von Macht und Kriegen, bleibt die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen lebendig – gerade bei den Armen und Leidenden. Sie bleibt auch im Volk Gottes lebendig, wenn im Passahmahl an die Geschichte des Aufbruchs und der Befreiung durch Gottes rettende Tat erinnert wird. Auch wenn wir gemeinsam Brot und Wein teilen im Gedenken an die Rettungstat Gottes durch die Hingabe seines Sohnes. Wir haben kraft seiner Auferstehung Anteil am Exodus und können uns mit einer ungerechten Welt nicht abfinden.

Beschleunigung durch Digitalisierung und KI

Zum ersten Mal erlebt die Welt einen Modernisierungsschub durch Digitalisierung und KI, der rasanter verläuft als alle bisherigen technischen Entwicklungen, wie etwa 

die Industrialisierung mit ihren Verwerfungen im 18./19. Jahrhundert. Das durch KI beschleunigte globale Finanz- und Wirtschaftssystem wirbelt mehr Staub auf als eine Wüste an Sandkörnern hat. Lang geglaubte stabile Systeme wie die liberalen Demokratien geraten ins Wanken.Da wird nach starker Führung gerufen. Das Recht, besonders das internationale, wird untergraben. Die Schere zwischen arm und reich geht weltweit immer weiter auseinander. Die meisten Länder sind von ein paar wenigen abhängig. Eine neue Art von Kolonisierung. Schon jetzt gibt es Abgehängte und Millionen Verlierer. Der Verbrauch von Ressourcen übersteigt unsere Vorstellungskraft.

Die wenigen KI-Chefs lenken nicht nur Entwicklung und Datenströme, sondern konzentrieren Macht und Einfluss auf sich, gebären sich als Feudalherren einer neuen Weltordnung, wo sich der Mensch ganz der Maschine und ihren Interessen zu unterwerfen hat. Die Tec-Mogule erinnern mich an den Pharao, der seine Sklaven weiter unterdrücken und ausnutzen will. Das darf nicht so bleiben.

Zweierlei geschieht mit unseren Empfindungen. Auf der einen Seite spüren und ahnen wir die ungeheure Macht der KI selbst und auf der anderen Seite sehen und wissen wir um unsere eigene Abhängigkeit von sozialen Medien, und wir erleben von Tag zu Tag, wie KI unseren Alltag und unsere Kommunikation verändert. Die KI sitzt uns im Nacken – wie einst die Ägypter den Israeliten – und gleichzeitig haben wir noch keinen Weg als Menschheit gefunden, wie wir durch das Meer der Herausforderungen einigermaßen trockenen Fußes hindurchgehen können. Die Angst verschlungen zu werden, einfach nicht mehr mitzuhalten mit den Entwicklungen in der Arbeitswelt, die Angst seinen Arbeitsplatz zu verlieren, die Gefahren der Manipulation, besonders unserer Kinder und Jugendlichen, aber auch ganzer Gesellschaftsgruppen, die hundertfach erzeugten Narrative, die die Frage nach Wahrheit relativieren, sind ja keine Hirngespinste, sondern Realität.

Ach, wäre doch da einer wie Mose, der seinen Stab hebt und ein Weg für die Menschheit tut sich auf, noch einmal der Gefahr entrinnen und sich ans andere Ufer retten, nicht ersäuft werden von der Flut der Informationen, von den Algorithmen, die wie Seeungeheuer unser begrenztes, fehlerhaftes und schönes Menschsein bedrohen.

Die Zeit der Helden ist vorbei

Liebe Gemeinde,

die Zeit der Helden ist endgültig vorbei, selbst wo die Heldengeschichte des Odysseus zur Zeit in den Kinos schon über eine Milliarde Doller eingespielt hat. Es braucht keine Helden. Es braucht uns alle. Es ist ja das Volk Israel, das hier durch das rote Meer zieht. Nicht ein Einzelner, sondern die Vielen – auf Gottes Verheißung hin. 

Ja, bevor sich eine Menge in Bewegung setzt, braucht es viel Ermutigung, Zuspruch und vor allem Vertrauen in sich selbst und den Glauben, dass Veränderungen möglich sind. Veränderungen, die wir vorher nicht für möglich gehalten haben.Mose resigniert nicht. Er vertraut Gottes Weisung. Darum lesen und hören wir heute die Exodusgeschichte. Der Blick in die biblische Geschichte und das Hören und immer wieder Hören, dass Gott Befreiung seines Volkes will und schenkt, soll uns doch selbst auf den Weg zu mehr Gerechtigkeit und Frieden führen. Für das glaubende Volk Gottes ist der Blick in die biblische Geschichte ein Blick in Gottes Zukunft mit der Welt. Diese Zukunft wird Gott aber nicht per Mausklick oder durch Wunder schaffen, sondern durch uns. Wir sind gefragt. Wir tragen Verantwortung. Wir sind als Christinnen und Christen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Gottes neuer Weltordnung, die sich nicht an Machtherrschaft und Gewalt orientiert, sondern an das Gemeinwohl, an Gerechtigkeit und Frieden für alles Lebende. Dafür gilt es die Schutzlosen zu schützen, Übergriffe und Gewalt abzuwehren, um das Recht zu erhalten. Wir wissen, dass die Vollendung der Schöpfung nicht durch uns geschieht, aber wir dürfen in einer noch unerlösten Welt, in einer selbstsüchtigen, wo sich wieder einmal die Macht des Stärkeren durchsetzen will, dem Recht aufhelfen, wo immer wir können. Es gilt die Würde allen Lebens zu bewahren. Die Sünde mag mächtig sein und der Teufel mag wüten, die Gnade aber und unser Gott sind mächtiger. Die technisch aufpolierten Streitwagen der Ägypter, großartige Waffenkunst auf der Höhe der Zeit, wurden ausgebremst. Sie konnten nichts mehr anrichten. Wir sollten die Kriege und die Rüstungsindustrien ausbremsen, statt sie zu füttern. Sie sind unersättlich. Es ist ein Irrglaube, Sicherheit durch immer mehr und immer tödlichere Waffen herstellen zu können. Lernen wir stattdessen wieder die Sprache der Diplomatie und des Ausgleichs. Ohne Vertrauen und aufeinander zugehen, wird kein Rechtsbruch geheilt, wird es keine Friedensverträge geben.

Universalistische Rechtsentwicklung

Wir erinnern uns: Nach der Katastrophe von zwei Weltkriegen mit Millionen Toten wurden im 20. Jahrhundert die modernen Menschenrechte (1948) verabschiedet, das Völkerrecht (1945) neu gefasst mit dem Verbot von Angriffskriegen, die Genfer Flüchtlingskonvention (1951) verabschiedet, Abrüstungsvereinbarungen getroffen und vieles andere. Manche Theologen glauben und ich neige dem zu, dass Gottes Weltherrschaft, sein Regiment, wie früher gesagt wurde, sich in der Rechtsentwicklung zum Schutz aller Völker und Menschen abbildet. Einem Recht, das allen gilt, Freiheit ermöglicht, Grenzen der Macht entwickelt und vor allem die Würde des Menschen – und ich ergänze allen Lebens – schützt.

Ein anderes Beispiel: Die Sklaverei war über Jahrtausende ein ehernes Gesetz. Es war ein langes Ringen, dass die Sklaverei gesetzlich weltweit abgeschafft wurde. Oft standen dem wirtschaftliche Interessen entgegen. Die Mächtigen wollten es nicht. Es 

kam aber der Punkt, wo es zu einem gleichen Stand aller Menschen vor dem Gesetz kam. Für die Abschaffung der Sklaverei haben auch viele Christinnen und Christen beharrlich gekämpft. Sie wollten dieses Unrecht aus der Welt schaffen. Sie wollten, um es mit den Konfirmand:innen zu sagen, die Welt „etwas besser“ machen.

Doch richten wir den Blick wieder auf die skizzierte Herausforderung, wie wir als Menschheit und wir als Kirche einen Weg finden durch die rasante technische Entwicklung.

Enzyklika Magnificat humanitas

Ein Christ von heute schreibt über die Herausforderung mit der KI: „Wir sind aufgerufen, um über die große Baustelle unseres Zeitalters nachzudenken: Was bauen wir? Während die technologische Entwicklung Sprachen, Beziehungen, Institutionen und Machtformen rasch verändern, müssen und können wir Gläubigen…das großartige Menschsein, das uns als Gabe anvertraut wurde, bewahren und zur Geltung bringen.“ (MH 90)

Sie haben es sicherlich gemerkt. Diese Worte hat Papst Leo der IV in seiner ersten Enzyklika (Mai 2026): Magnifica humanitas aufgeschrieben. In seiner Enzyklika setzt sich der Papst im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz mit den globalen sozialen Verwerfungen, die Ausgrenzung der Armen und der Migrantinnen und Migranten und vor allem mit die Bewahrung der menschlichen Würde auseinander.

Er fordert Teilhabe, Transparenz und Kontrolle über die Entwicklung der KI-Systeme. Papst Leo unterscheidet Künstliche Intelligenz von menschlicher Intelligenz, generische Zahlen und Texte versus Erfahrungswissen. Er legt eine geistliche Beurteilung der KI vor, ohne wissenschaftsfeindlich zu sein oder naiv zu meinen, wir könnten das Rad zurückdrehen oder aufhalten. Der Papst ruft aber alle Menschen guten Willens auf, nicht nur die Gläubigen, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein, nicht zu resignieren trotz vieler Gefahren, sondern zu Handeln. Das Heft des Handelns als Menschheit in die Hand zu nehmen. Jetzt.

Ist er damit der heutige Mose für uns? Also doch wieder ein Held, der sagt, wo es lang geht? Alle ihm hinterher? Nein.

Nein, hier spricht nicht einer mit einem Wahrheitsanspruch für die Wissenschaft- Finanz- und Wirtschaftswelt, obgleich der Papst wirtschaftlich mehr Gerechtigkeit für alle Völker einfordert, er geht sogar an die Heilige Kuh des Eigentums und stellt Gemeinwohl über Privatbesitz.Hier spricht ein gläubiger Mensch, der für eine menschlichere Welt wirbt. Die Enzyklika wirbt für Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden.

Das steht uns auch als evangelische Kirche gut zu Gesicht. Das entspricht der biblischen Exodus-Tradition. Das entspricht all dem, wie sich Gott gezeigt und offenbart hat, zuletzt in seinem Sohn. Statt der Kultur der Macht (Ägypten) sollen wir gemeinsam eine Kultur der Liebe Gottes leben. Voller vertrauen auf den Gott, der nicht aufhört seine Menschen und seine Schöpfung zu lieben, zu retten und zu befreien.

Aufbrechen und Verantwortung übernehmen

Um etwas zu ändern und zu bewirken braucht es Menschen, die sich gemeinsam auf den Weg machen. Das ganze Volk Israel ging durch das rote Meer. Die Geschichte lehrt, dass es immer wieder vieler Menschen bedurfte, um Rechte zu erkämpfen und die Welt ein wenig besser zu machen.

Wir modernen Individualisten müssen auch wieder lernen, dass Gemeinschaft nicht vom Himmel fällt, sondern gelebt werden will. Sie entsteht, wenn jede und jeder sich einbringt und Verantwortung übernimmt. Auch wir Christinnen und Christen müssen wieder lernen zusammen zu rücken, dass wir uns als Volk Gottes erleben in einem säkularen Umfeld. Nur wenn wir gemeinsam aufbrechen, werden wir eine neue Gestalt unserer Gemeinden finden. Die Sommerkirche ist ein Teil davon. Schön, dass Sie gekommen sind. Wir wollen einander wahrnehmen, stärken und Gemeinschaft erfahren. Dazu gebe Gott seinen Segen.

Joachim Leberecht

Literatur:

Papst Leo der XIV: Die großartige Menschheit. Die Enzyklika »Magnifica humanitas« über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Mit einer Einführung von Godehard Brüntrup SJ, Patmos Verlag, 2026