Predigt Reformationstag 2026, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

„Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes.“  Römer 12,2

 

Liebe Gemeinde,

wir spüren es schon länger, dass die Gemeinden vor Ort sich verwandeln müssen. Als Kirche der Reformation haben wir theologisch immer von der Reformation als unabgeschlossenen Prozess gesprochen. Ecclesia semper reformanda, gehandelt haben wir aber oft nicht danach. Wir sind Teil dieses Anpassungsdrucks und es fällt uns schwer, liebgewordenes sein zu lassen, uns zu verabschieden von Strukturen, Handlungsfeldern, Gebäuden und vor allem von unseren Kirchen, die in einer säkularisierten Welt steingewordene Himmelszeichen sind: Orte der Erinnerung, Besinnung und Vergegenwärtigung Gottes.

dass die Gemeinden vor Ort sich verwandeln müssen

Wenn wir in die Kirchengeschichte schauen, gibt es grob gesagt verschiedene Phasen wie sich das Verhältnis von Kirche und Staat, Religion und Gesellschaft, Glaube und Wissenschaft, Dogma und gelebte Religion aufeinander bezogen und gegenseitig durchdrungen haben. Wir sprechen hier nicht umsonst von der Geschichte des christlichen Abendlandes, immer noch spürbar in den westlich liberalen Demokratien.

Schub in Richtung Subjektivierung und Individualismus

Die Freiheit des Geistes als Freiheit des Glaubens bündelt sich in vielen Lebensgeschichten der reformatorischen Bewegung. Luthers Worte auf dem Reichstag in Worms im Angesichts des Kaisers: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ markieren deutlich den Übergang in die Neuzeit. Der einheitliche religiöse Himmel zerfällt, die Macht und Kleinstaaterei stützt diesen Prozess und sichert ihn ab. Luthers Bindung an das Wort der Heiligen Schrift und seine Berufung auf sein Gewissen sind zwar nicht der Beginn, aber bewirken einen mächtigen Schub in Richtung Subjektivierung und Individualismus, der bis in die Moderne und heutige Spätmoderne anhält. Mit der Kehrseite eines ungezügelten Individualismus einer zersplitterten Gesellschaft haben wir heute zu kämpfen.

Die katholische Kirche reibt sich bis heute an der Moderne

Die katholische Kirche reibt sich bis heute an der Moderne, Teile von ihr inszenieren sich vormodernistisch und suchen ihr Heil rückwärtsgewandt. Diese Tendenzen gibt es auch in evangelischen Strömungen. Nicht so sehr in der Institution Kirche, aber recht lebendig an der Basis. Zahlreiche Christinfluencer:innen zeugen davon. In Zeiten einer allgemeinen Verunsicherung wird nach eindeutigen Antworten und stark geregelten Lebensentwürfen gesucht.

Die fetten Jahre sind vorbei. Sie sind Geschichte.

Was wir als Kirche und Gemeinden insgesamt sicherlich unterschätzt haben als unsere Gruppen und Kreise noch boomten, Gemeindehäuser ab den 60er Jahren wie Pilze aus dem Boden sprießten, ist der schleichende Prozess der Säkularisierung in der Gesellschaft. Die Restauration der deutschen Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg und die Partizipation am Wirtschaftsaufschwung durch die Kirchensteuer, die noch als selbstverständlich geltende über Jahrhunderte sozial eingeübte Deckungsgleichheit von Bürger-Sein und Kirchenmitglied-Sein haben zur Überdehnung des Gebäudebestands und des Gottesdienstangebots geführt.

Wir können auch sagen. Die fetten Jahre sind vorbei. Sie sind Geschichte.

Sie werden nicht mehr zurück kehren.

Paulus rät der Gemeinde in Rom: „Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes.“

Die christliche Gemeinde in Rom ist in einer absoluten Minderheitensituation. Auch wenn die beiden großen Kirchen mit ihren Mitgliederzahlen in Deutschland inzwischen unterhalb der 50% des Bevölkerungsanteils gesunken sind, befinden wir uns nicht in einer Minderheitensituation, aber wir bewegen uns hin zu einer relativen Größe. Wir müssen uns nicht kleiner machen als wir sind, aber wir sollten in einer auch religiös-pluralistischen Gesellschaft eine ehrliche Standortbestimmung vornehmen und die Zukunft in den Blick nehmen.

eine ehrliche Standortbestimmung vornehmen

Es geht um Verwandlung. Verwandlung ist mehr als das eher technisch klingende Wort Transformationsprozess. Beschreibt ein Transformationsprozess eher strukturelle Prozesse wie die Umstellung in eine nachhaltige Wirtschaft oder wie die Veränderung unserer Berufswelt durch KI, bezieht sich Verwandlung auf unser Mindset. Paulus schreibt: Lasst euch verwandeln. Hier ist Verwandlung kein aktives Handeln, kein Aktionismus des Menschen. Die Verwandlung geht von Gott aus. Gottes Geist kann Menschen ergreifen und neu ausrichten. Wir können noch soviel Vorsorge tragen und unsere Zukunft als Kirche gestalten, aber ohne eine tiefgreifende Verwandlung – uns sei sie nur als Suchbewegung vorhanden – dienen alle Bemühungen nur dem Selbsterhalt der Institution Kirche. Von Institutionen haben die Menschen aber genug. Ihnen trauen sie nicht mehr. Sie laufen in Scharen weg. Nein, ich denke, wir brauchen Institutionen. Wir brauchen auch die Kirche als Institution, aber wir brauchen alle Erneuerung. Eine Wiederbelebung des Gottesdienstes, ja, der Verehrung Gottes. Und gleichzeitig eine Hinwendung zu den Menschen, ein Hinhören, einen Glauben, der sich in Liebe äußert.

Die Frage nach Spiritualität, nach Glaubenserfahrungen und einem Leben, das sich nach Gott ausrichtet ohne die Welt zu verteufeln, stellt sich heute neu.

Natürlich erleben wir Verluste. Und Verluste sind kein Pappenstiel. Wir werden weniger. Auch das ist schmerzvoll. Aber das ist nicht das Ende. Der tschechische Theologe Thomás Halík sieht das Christentum in seiner Glaubensgeschichte am Nachmittag angekommen. Die Kirche hat den Morgen erlebt, die Zeit der Entstehung und des Aufbruchs; die Kirche hat den Mittag erlebt, die prägende Zeit ihrer gesellschaftlichen Bedeutung mit allen Verstrickungen darin, jetzt erlebt sie den Nachmittag. Viele Selbstverständlichkeiten verschwinden. Der Nachmittag ist ein ganz neuer Abschnitt. Er ist gekennzeichnet von vielen Fragen und einer Suchbewegung der Christenheit. Die Frage nach Spiritualität, nach Glaubenserfahrungen und einem Leben, das sich nach Gott ausrichtet ohne die Welt zu verteufeln, stellt sich heute neu. Es geht um ein tieferes Verständnis und Eintauchen in Glaubenswelten, nicht um dogmatische Wahrheiten, sondern um ein existentielles Erleben der Gottesbeziehung. Auch das ist eine Erneuerung des Sinns, der wir uns heute öffnen können. Wir gemeinsam. Denn Kirche ist die Gemeinschaft der Glaubenden. „Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes.“

Der Inhalt Gerhard Tersteegens Theologie, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Gerhard Tersteegen, Abhandlungen zu Frömmigkeit und Theologie, herausgegeben von Johannes Burkardt, Edition Pietismus Texte, Band 12, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2018, Paperback, 356 Seiten, ISBN: 978-3-374-05357-5, Print, 24,00 Euro

Das Cover

Das Cover zeigt nicht Gerhard Tersteegen, sondern Jesus Christus als Heilkundler oder Apotheker (Seelenarzt), weil es ein Portrait Tersteegens nicht gibt. Einen kurzen Kommentar dazu gibt das Impressum: „Tersteegen benutzte häufig Metaphern aus dem medizinischen Bereich zur Beschreibung der göttlichen Fürsorge.“ (S. 4) Das Bild stellt also eher eine symbolische Verbindung zu Tersteegen her. Das Aussehen Tersteegens selbst bleibt im Dunkeln.

„editorische Notiz“

Im Inhaltsverzeichnis sind zuerst die dokumentierten Schriften aufgeführt; danach folgen u. a. die editorische Notiz, das Nachwort und ein Literaturverzeichnis.

Da die Schriften Tersteegens mehrfach aufgelegt und dabei immer verändert und ergänzt wurden, lohnt es sich, die „editorische Notiz“ zuerst zu lesen (Seite 303-310). Hieraus geht hervor, dass das in mehreren Auflagen herausgegebene Hauptwerk Gerhard Tersteegens (1697 – 1769) das Buch Weg der Wahrheit ist. Die weiteren Auflagen dieser Schrift sind 1735,1750,1753, 1768 und posthum 1781 erschienen (vgl. „Verzeichnis der abgekürzten Literatur“, S. 347 d.). Die Zuordnung der jeweiligen Abhandlungen sind in der editorischen Notiz erläutert.

Das Nachwort

Wer zunächst eine informative Einleitung erwartete, wird im Nachwort belohnt. Hier wird die Redaktion dieser Ausgabe erläutert und jede einzelne Schrift inhaltlich kurz zusammengefasst.

Es lohnt sich, diese Zusammenfassungen bei der Lektüre der jeweiligen Texte nachzulesen. Diese wird dadurch ergänzt, jedoch keinesfalls ersetzt, zumal in ihnen die verschiedener Varianten der Druckausgabe dokumentiert werden.

Entwicklung im Denken Tersteegens

Das Hauptinteresse des Buches liegt darin, in der Abfolge der einzelnen Varianten eine Entwicklung im Denken Tersteegens zu beobachten und danach zu fragen, inwieweit dieser eher Mystiker, Lyriker, Theologe oder pietistischer Prediger war, oder vielleicht alles ein wenig.

„Ich bete an die Macht der Liebe“

Der Herausgeber des Buches ist Johannes Burkardt, promovierter Historiker und Archivleiter am Landesarchiv NRW Detmold. Er hat den Titel selbst formuliert und die dortige Textauswahl in der Reihenfolge ihrer Entstehung herausgegeben. So reicht zum Beispiel der Titel „Von dem Unterschied und Fortgang in der Gottseligkeit“ (S. 7-57) zurück auf ein von Gerhard Tersteegen selbst formuliertes Vorwort seiner Übersetzung der Bernieres-Louvigny Schrift Das verborgene Leben mit Christo in Gott (1728; vgl. Johannes Burkardt: Gerhard Tersteegen, Die Bernières-Louvigny-Űbersetzungen, Luther-Verlag Bielefeld 2023, Rez. Till Kinzel, JWKG 121, 2025, S. 389-392). Diese Schrift ist damit noch eher erschienen als Tersteegens Gedichtausgabe Geistliches Blumengärtlein von 1729 mit den bekannten Kirchenliedern Tersteegens „Für dich sei ganz mein Herz und Leben“ (EG RWL 661; mit der 2. Strophe „Ich bete an die Macht der Liebe“) und „Gott ist gegenwärtig“ (EG 165).

Nur drei Texte dieses Bandes sind in keiner Ausgabe vom Weg der Wahrheit, dem Hauptwerk Tersteegens enthalten, so „Judas excommuniciert…“ (S. 148-191) und „Vom Separatismo und der Herunterlassung“ (S. 292-302). Diese sind posthum 1785 in der Ausgabe Nachgelassene Aufsätze und Abhandlungen (Essen 1842) erschienen. Der Titel „Beweis, dass man demjenigen, der von Gott in seinem Gewissen zurückgehalten wird, mit zum Abendmahl zu gehen, seine Gewissensfreiheit ungekrängt lassen müsse“ (S. 270-291) ist in keiner gedruckten Ausgabe enthalten.

Editionsphilologisch gibt J. B. nach Abgleichung aller gedruckten Ausgaben den ältesten Textbestand wieder, Ergänzungen und Veränderungen erscheinen jedoch als Anmerkungen. Die Tersteegen-Ausgabe Edition Pietismus Texte kann somit auch weiterhin zur Erforschung der Geschichte des Pietismus herangezogen werden.

Pietist und Mystiker

Gerhard Tersteegen verstand versteht sich als Pietist und Mystiker. Seine Heimatstadt Moers gehörte zu den Generalstaaten der Niederlande. Er war auf den Namen Gerrit Ter Steegen getauft worden und gehörte Zeit seines Lebens der Reformierten Kirche an. In den vorliegenden Editionen kürzte er seinen Namen mit Initialen GTS ab und verfasste einige der hier vorgelegten Schriften zunächst als Briefbeilage in niederländischer Sprache, bevor er sie selbst ins Deutsche übersetzte. Entsprechend müsste sein Name eigentlich in niederländischer Form und nicht in deutscher Transkription wiedergegeben werden. J. B. hält sich indessen an die übliche Schreibweise.

Mystik als eine Verinnerlichung des Christus

Tersteegen verstand Mystik als eine Verinnerlichung des Christus: „…Fangen die Seelen an/ in einem mehr kindlichen Sinn einzugehen/ und das einfältige/ arme/ verachtete und verborgene ‚Creutz=Leben‘ JEsu Christi anzutretten/ da dann ihnen gar andere Lectiones als vorher vorgelegt werden. Die Leyden/ die Armut und die Schmach Christi muss sie lernen lieb gewinnen und hingegen; … /Die Reichtümer und Schätze der Erden… meiden und fliehen.“  (S. 21, die hier dargestellte Transkription dieser Ausgabe werde ich im Fortgang des Textes vereinfachen, ohne den Sinn zu entstellen, d. Rez.).

„Das verborgene Leben in Christus“

Die Form des Titels „Das verborgene Leben in Christus“ ist eine versteckte Formel, die zugleich sein pietistisches Selbstverständnis wiedergibt: Eine mystische Einstellung zu Gott, wie sie zuerst vom Apostel Paulus vertreten wurde, ist konfessionell unabhängig. Aus diesem Grund dürfte Gerhard Tersteegen ökumenische Kontakte zu den evangelisch-reformiert orientierten Gemeinden oder Fürstenhäusern in Westfalen und vor allem im Rheinland gepflegt haben (die o. g. Bernières-Louvigny Übersetzungen dokumentieren eine ähnliche Aufgeschlossenheit für entsprechende Erscheinungen innerhalb der römisch-katholischen Kirche).

Diese als mystische Theologie bezeichnete Einstellung wird im Folgenden noch einmal in einer Ergänzung von 1756 bekräftigt und auf einige Theologen verwiesen z. B. Philipp Jakob Spener, (Anmerkung hier zuerst Lateinisch, dann Deutsch: „Weil in der mystischen Theologie viel mehr Gesundes und Kräftiges gewesen, dadurch das Herz gerührt werden könne, als in der SchulTheologie.“ (S. 34, Anm. 49, d. i. DVL 1756).

Zum Teil wechselt Tersteegen in einen rhetorischen Stil, der durch viele Bibelzitate illustriert wird: „… der …einzige, wahre und unwanckelbare Grund des inwendigen Lebens ist die inwendige (oder mystische) Glaubens-Vereinigung und Gemeinschaft mit Christo Jesu …“ (S. 43). Das hier so genannte „inwendige Leben“ in Christus ist nicht unabhängig von der biblischen Botschaft, muss aber als Privatreligion nicht in einer bestimmten konfessionellen Richtung praktiziert werden.

„Anleitung zum Lesen der Heiligen Schrift“

Dieses Thema wird in der „Anleitung zum Lesen der Heiligen Schrift“ aufgenommen: bei der Lektüre der Bibel kann es nicht bleiben: „… dieses Denkmal bringst du uns vor die Ohren, vor die

Augen und in unsere Hände und dennoch vergisset man deiner und lebet als ohne GOtt in der Welt …“ (S. 66). Die Theologie dagegen muss zur Erfahrung führen, „denn die Gottes-Gelehrtheit besteht ganz in der Erfahrung, erst muss man schmecken und dann sehen, wie bitter die Sünde und wie freundlich der Herr sei…“ (S. 77). Anders gesagt: Die Liebe Gottes muss praktiziert werden. Glaube ist weniger eine Lehre als vielmehr eine Lebenspraxis: „Im Beten, im Tun, im Verleugnen, im Sammeln, im Leiden sich übende Seele wird der göttlichen Erleuchtung immer mehr fähig und teilhaftig… (S. 86), Tersteegen plädiert für eine meditative Art der Bibel Lektüre; man solle nicht zu viel auf einmal lesen. (vgl. S. 107)

„Sendschreiben von der Vernunft, deren Fähigkeit, Gebrauch und Missbrauch im Göttlichen“

Das „Sendschreiben von der Vernunft, deren Fähigkeit, Gebrauch und Missbrauch im Göttlichen“ (S.112 – 143) wird als Antwort auf einen Brief bezeichnet, und war zuerst auf Niederländisch verfasst und verbreitet (vgl. S. 114). Seit 1735 ist er Teil des Buches Weg der Wahrheit (s.o., vgl. editorische Notiz).  Die Frage nach der Erkenntnis Gottes wird als „Theosophie“ bezeichnet, in der Philosophie auch als „Metaphysik“ (Anm., S. 115).  Dagegen betont die Theologie, dass die Erkenntnis Gottes vom Verstand aus nicht nötig ist, Religion sei eben Erkenntnis des Herzens (vgl. S. 119).

Die Bibel redet vom Verstand abwertend und bezeichnet ihn als irdische Weisheit (vgl. S. 121), während die subjektive Wahrheit nicht hinterfragt werden kann: „was man gesehen hat, das weiß man“ (S. 124). So ist es möglich, Schlüsse der Erfahrungen zu nennen, die auf Gott hinweisen. Dazu gibt Tersteegen biblische Hinweise. Die Reflexion des Frommen kann zu Selbstgefälligkeit führen. Tersteegen vielmehr: „die Wege Gottes werden so viel unbegreiflicher, so viel göttlicher als sie werden. Gott bequemet sich wohl einigermaßen nach der Schwachheit, aber man muss doch endlich lernen, sich überlassen und verlieren. Selig sind die nicht sehen und doch glauben.“ (S. 138).

Der Begrff „Negative Theologie“, den Mystiker nach dem Pseudo-Dionysios Areopagita geprägt haben, kommt bei Tersteegen zwar nicht vor, ist aber zu berücksichtigen, vor allem wenn es um die von ihm vertretene Mystik geht; vgl. „Handbrieflein von der Mystik“ (1735, S. 144-147; seit 1750 in Weg der Wahrheit enthalten.)

„Kurzen Bericht von der Mystik“

Dieser Text ist verwandt mit dem „Kurzen Bericht von der Mystik“, (S. 260 – 269, 1768). Zwischen beiden Texten liegen über 30 Jahre. Bis kurz vor seinem Tod 1769 versteht sich Tersteegen als Mystiker beziehungsweise orientiert sich an der Mystik. 1735 schreibt er: „…ganz vor Gott sein, ist das wahre Geheimnis des inwendigen (mystischen) Lebens, wovon Ihnen die Leute so seltsame und fürchterliche Bilder machen: es ist nichts einfältiger, sicherer lieblicher, fruchtbarer als dieses Herzensleben… Das Werk des Geistes Jesu in uns als unser eigenes Werck“. (S. 144). Noch einmal: „das Wahre inwendige Leben ist … Der uralte und wahre Gottesdienst, das christliche Leben.“ (Seite 146).

Somit kann die Glaubenspraxis den Gottesdienst ersetzen. Ein Leben, das nicht von der Liebe Gottes geprägt ist, mag noch so fromm sein, christlich ist es nicht. Wer mag, kann das Pietismus nennen, Tersteegen selbst tut es hier nicht. 30 Jahre später zeigt er das hier Genannte am Vorbild des Apostels Paulus, der diese Gotteserfahrung „Erleuchtung“ genannt hat. Hier findet sich auch ein Abschnitt, in dem kurz gesagt Glaubenserfahrung mit Mystik gleichgesetzt wird: „… das Leben Gottes, da der Mensch oder das ich, nicht sich lebet, sondern Christus in ihm.“ (S. 265).

„Judas exkommuniziert, oder Verhandlung vor dem Abendmahl Judä Iskarioth“

Diese Einheit mit Christus ist die Voraussetzung zur Heiligung im reformierten Sinn. Durch diese Begriffswahl wird Tersteegens Position als theologisch interessiert und im reformierten Sinn gedacht deutlich, die auch im weiteren Text gezeigt wird.  Die reformierte Position zeigt ein strengeres Verständnis des Abendmahls, das letztlich dazu führt, auf die Teilnahme eines volkskirchlichen Gottesdienstes oder die Teilnahme am Abendmahl ganz zu verzichten, so im Text 5: „Judas exkommuniziert, oder Verhandlung vor dem Abendmahl Judä Iskarioth“ (S. 148).

Hier zeigt Tersteegen, dass Judas unmöglich am Abendmahl Jesu teilgenommen und den gesegneten Kelch Jesu empfangen hat. Interessant ist diese Exegese insofern, als er versucht, die teilweise sehr abweichenden biblischen Zeugnisse zu einem konkreten Ablauf zu harmonisieren, und den im Evangelium des Johannes überlieferten Ablauf des Abends vor Jesu Kreuzigung zu rekonstruieren. Dabei vertraut er im Gegensatz zur späteren historisch-kritischen Exegese der Historizität der Quellen. Die Darstellung ist ebenso gründlich wie einseitig auf den reformierten Verständnishorizont beschränkt. Dieser Kontext wird in den späteren Texten 9 und 10 durch die einzigen Calvin-Zitate des gesamten Buches offensichtlich.

Die Theologie vermag sich indessen nicht von den fortschreitenden Erkenntnissen der historisch-kritischen Exegese zu dispensieren. J. B. nennt die theologische Arbeit Tersteegens zwar exegetisch, was jedoch nur sehr eingeschränkt der Fall war. Tersteegen rekonstruiert aus inhaltlich nicht widersprüchlichen Textfragmenten eine für ihn historisch erwiesene Geschichte, die sich allerdings nicht als tragfähig erweist. Wenn man bekannte künstlerische Darstellungen des Abendmahls sieht, wie z. B. von Tilman Riemenschneider, so ist dabei immer auch Judas anwesend. Zum Verräter wird er erst danach.

„Warnschreiben gegen die Leichtsinnigkeit“

Das „Warnschreiben gegen die Leichtsinnigkeit“ von 1747 (S. 192 – 226) findet sich seit 1750 in der Sammlung Weg der Wahrheit. Hier gibt es eine deutliche Positionierung zum Pietismus: Tersteegen vermisst in erweckten Kreisen die „Heiligung“, also die Veränderungen des Alltags, der aus dem Glauben folgt (vgl. S. 196 f.). Glaubende Bibelleser sollen nicht nur Paulus, sondern auch Petrus und Jakobus lesen, Apostel, die das Tun des Glaubens betonen. Daraus folgt auch, dass „Bekehrung“ nicht ein „Ereignis einiger Stunden“ sein kann, sondern ein längerer, wenn nicht sogar andauernder Prozess. Glaube ist nicht einmalig oder ewig. Er muss anwachsen und vollendet werden (vgl. S. 207). In der Mitte des Textes wird der Begriff der Gesetzlichkeit bedacht. Zur Abgrenzung schreibt Tersteegen: „Aber das ist gesetzlich, diese und andere Sachen zu tun mit einem unveränderten Herzen, um Gott und seinem Gewissen mit einem bloß getanen Werk zu befriedigen.“ (S. 217 f.).

„Erklärung über einige Punkte von dem Glauben, der Rechtfertigung, dem geschriebenen Worte Gottes.“

Am Ende dieses Berichts steht „Erklärung über einige Punkte von dem Glauben, der Rechtfertigung, dem geschriebenen Worte Gottes.“ (S. 227 – 259). Laut Nachwort hat Tersteegen diesen Text als „Berlinischen Brief“ bezeichnet, den er 1754 auf Verlangen der Obrigkeit vorgelegt hat (Moers war seit 1712 preußisch). Er hat damit Anfragen aus dem Konsistorium beantwortet. Der Text wurde 1763 separat gedruckt und 1768 in den Weg der Wahrheit aufgenommen. (vgl. editorische Notiz, S.307 f.). Interessant ist, dass er die einzelnen Abschnitte in Gebetsform zusammengefasst hat. Glaube ist nach Tersteegen keine einmalige Sache: „Wir müssen aber nicht nur einmal, sondern unaufhörlich glauben, und in dem Glauben wachsen, gegründet und bewähret werden, so wird auch unsere Rechtfertigung immer fester und edler werden.“ (S. Seite 231).

Fazit

Johannes Burkardt hat mit der Akribie des Historikers die Entstehungsgeschichte der wichtigsten Schriften Gerhard Tersteegens rekonstruiert und die jeweils älteste Fassung um die Erweiterungen ergänzt. Man darf gespannt sein, welche Beiträge über Tersteegens reformierten Pietismus noch folgen werden.