„Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes.“ Römer 12,2
Liebe Gemeinde,
wir spüren es schon länger, dass die Gemeinden vor Ort sich verwandeln müssen. Als Kirche der Reformation haben wir theologisch immer von der Reformation als unabgeschlossenen Prozess gesprochen. Ecclesia semper reformanda, gehandelt haben wir aber oft nicht danach. Wir sind Teil dieses Anpassungsdrucks und es fällt uns schwer, liebgewordenes sein zu lassen, uns zu verabschieden von Strukturen, Handlungsfeldern, Gebäuden und vor allem von unseren Kirchen, die in einer säkularisierten Welt steingewordene Himmelszeichen sind: Orte der Erinnerung, Besinnung und Vergegenwärtigung Gottes.
dass die Gemeinden vor Ort sich verwandeln müssen
Wenn wir in die Kirchengeschichte schauen, gibt es grob gesagt verschiedene Phasen wie sich das Verhältnis von Kirche und Staat, Religion und Gesellschaft, Glaube und Wissenschaft, Dogma und gelebte Religion aufeinander bezogen und gegenseitig durchdrungen haben. Wir sprechen hier nicht umsonst von der Geschichte des christlichen Abendlandes, immer noch spürbar in den westlich liberalen Demokratien.
Schub in Richtung Subjektivierung und Individualismus
Die Freiheit des Geistes als Freiheit des Glaubens bündelt sich in vielen Lebensgeschichten der reformatorischen Bewegung. Luthers Worte auf dem Reichstag in Worms im Angesichts des Kaisers: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ markieren deutlich den Übergang in die Neuzeit. Der einheitliche religiöse Himmel zerfällt, die Macht und Kleinstaaterei stützt diesen Prozess und sichert ihn ab. Luthers Bindung an das Wort der Heiligen Schrift und seine Berufung auf sein Gewissen sind zwar nicht der Beginn, aber bewirken einen mächtigen Schub in Richtung Subjektivierung und Individualismus, der bis in die Moderne und heutige Spätmoderne anhält. Mit der Kehrseite eines ungezügelten Individualismus einer zersplitterten Gesellschaft haben wir heute zu kämpfen.
Die katholische Kirche reibt sich bis heute an der Moderne
Die katholische Kirche reibt sich bis heute an der Moderne, Teile von ihr inszenieren sich vormodernistisch und suchen ihr Heil rückwärtsgewandt. Diese Tendenzen gibt es auch in evangelischen Strömungen. Nicht so sehr in der Institution Kirche, aber recht lebendig an der Basis. Zahlreiche Christinfluencer:innen zeugen davon. In Zeiten einer allgemeinen Verunsicherung wird nach eindeutigen Antworten und stark geregelten Lebensentwürfen gesucht.
Die fetten Jahre sind vorbei. Sie sind Geschichte.
Was wir als Kirche und Gemeinden insgesamt sicherlich unterschätzt haben als unsere Gruppen und Kreise noch boomten, Gemeindehäuser ab den 60er Jahren wie Pilze aus dem Boden sprießten, ist der schleichende Prozess der Säkularisierung in der Gesellschaft. Die Restauration der deutschen Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg und die Partizipation am Wirtschaftsaufschwung durch die Kirchensteuer, die noch als selbstverständlich geltende über Jahrhunderte sozial eingeübte Deckungsgleichheit von Bürger-Sein und Kirchenmitglied-Sein haben zur Überdehnung des Gebäudebestands und des Gottesdienstangebots geführt.
Wir können auch sagen. Die fetten Jahre sind vorbei. Sie sind Geschichte.
Sie werden nicht mehr zurück kehren.
Paulus rät der Gemeinde in Rom: „Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes.“
Die christliche Gemeinde in Rom ist in einer absoluten Minderheitensituation. Auch wenn die beiden großen Kirchen mit ihren Mitgliederzahlen in Deutschland inzwischen unterhalb der 50% des Bevölkerungsanteils gesunken sind, befinden wir uns nicht in einer Minderheitensituation, aber wir bewegen uns hin zu einer relativen Größe. Wir müssen uns nicht kleiner machen als wir sind, aber wir sollten in einer auch religiös-pluralistischen Gesellschaft eine ehrliche Standortbestimmung vornehmen und die Zukunft in den Blick nehmen.
eine ehrliche Standortbestimmung vornehmen
Es geht um Verwandlung. Verwandlung ist mehr als das eher technisch klingende Wort Transformationsprozess. Beschreibt ein Transformationsprozess eher strukturelle Prozesse wie die Umstellung in eine nachhaltige Wirtschaft oder wie die Veränderung unserer Berufswelt durch KI, bezieht sich Verwandlung auf unser Mindset. Paulus schreibt: Lasst euch verwandeln. Hier ist Verwandlung kein aktives Handeln, kein Aktionismus des Menschen. Die Verwandlung geht von Gott aus. Gottes Geist kann Menschen ergreifen und neu ausrichten. Wir können noch soviel Vorsorge tragen und unsere Zukunft als Kirche gestalten, aber ohne eine tiefgreifende Verwandlung – uns sei sie nur als Suchbewegung vorhanden – dienen alle Bemühungen nur dem Selbsterhalt der Institution Kirche. Von Institutionen haben die Menschen aber genug. Ihnen trauen sie nicht mehr. Sie laufen in Scharen weg. Nein, ich denke, wir brauchen Institutionen. Wir brauchen auch die Kirche als Institution, aber wir brauchen alle Erneuerung. Eine Wiederbelebung des Gottesdienstes, ja, der Verehrung Gottes. Und gleichzeitig eine Hinwendung zu den Menschen, ein Hinhören, einen Glauben, der sich in Liebe äußert.
Die Frage nach Spiritualität, nach Glaubenserfahrungen und einem Leben, das sich nach Gott ausrichtet ohne die Welt zu verteufeln, stellt sich heute neu.
Natürlich erleben wir Verluste. Und Verluste sind kein Pappenstiel. Wir werden weniger. Auch das ist schmerzvoll. Aber das ist nicht das Ende. Der tschechische Theologe Thomás Halík sieht das Christentum in seiner Glaubensgeschichte am Nachmittag angekommen. Die Kirche hat den Morgen erlebt, die Zeit der Entstehung und des Aufbruchs; die Kirche hat den Mittag erlebt, die prägende Zeit ihrer gesellschaftlichen Bedeutung mit allen Verstrickungen darin, jetzt erlebt sie den Nachmittag. Viele Selbstverständlichkeiten verschwinden. Der Nachmittag ist ein ganz neuer Abschnitt. Er ist gekennzeichnet von vielen Fragen und einer Suchbewegung der Christenheit. Die Frage nach Spiritualität, nach Glaubenserfahrungen und einem Leben, das sich nach Gott ausrichtet ohne die Welt zu verteufeln, stellt sich heute neu. Es geht um ein tieferes Verständnis und Eintauchen in Glaubenswelten, nicht um dogmatische Wahrheiten, sondern um ein existentielles Erleben der Gottesbeziehung. Auch das ist eine Erneuerung des Sinns, der wir uns heute öffnen können. Wir gemeinsam. Denn Kirche ist die Gemeinschaft der Glaubenden. „Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes.“
