“Der Rest ist Rauschen”, Rezension von Markus Chmielorz, Dortmund 2021

Rezension zu: Raabe, M., (2021), Die letzten Stunden Walter Benjamins, Eine Rekonstruktion und eine Wanderung, Leipzig: Trottoir Noir, URL: http://www.trottoirnoir.de/?page_id=472, [2021-07-31]

Zeitgleich wird die Rezension auch hier veröffentlicht: http://frei-und-gleich.de/2021/08/01/der-rest-ist-rauschen/

 

334 Seiten, 323 Fußnoten, drei Teile, eine Vorbemerkung und ein Anhang, dazwischen eine Zeitspanne von kaum zwei Tagen, in denen dieser kleine Band mich in seinen Bann gezogen hat. Marcel Raabe ist Literaturwissenschaftler, Soziologe und Historiker, und nur aus diesem Dreiklang konnte dieser kleine Band so entstehen, wie er vor uns Leser*innen liegt.

 

Marcel Raabe macht es dem Rezensenten leicht, seine Rezension mit nur einem Wort zu beginnen und abzuschließen: Lesen!

 

Akribisch hat der Autor Quellen gesichtet und zusammengetragen, die das einlösen, was der Titel verspricht, in “Die letzten Stunden” Walter Benjamins einzutauchen. Was so rational, mit einem scheinbaren Übergewicht an Kognition daherkommt: links, gerade Seiten, der Text des Buches und rechts, ungerade Seiten der “Fußnoten-“apparat, das entwickelt mit dem Verstreichen der erzählten Zeit und dem Verstreichen der Zeit, die die Lesenden brauchen, einen quasi mimetischen Sog. Kursiv gedruckt: Die erzählte Zeit der (abgebrochenen) Wanderung des Autors auf der Fluchtroute Walter Benjamins in umgekehrter Richtung, zurück vom katalanischen Portbou über die Ausläufer der Pyrenäen ins französische Banyuls-sur-Mer.

Foto: Markus Chmielorz

Der Autor ruft auf die Bühne: Walter Benjamin und Freund*innen, Fluchthelfer*innen, Weggefährt*innen, zufällig Beteiligte, Täter*innen und den langen Schatten des Faschismus, der sich todbringend über Europa und die Welt gelegt hatte. Und so spinnt er aus den Fäden der vielen Erzählungen einen Strang vom Morgen des 24. September 1940 bis zum Freitag, dem 27. oder Samstag, dem 28. September 1940, was mit der Grablegung endet (vorerst, denn danach beginnt die Geschichte davon, wie Benjamins Tod in die Welt kommt), beginnt mit Begegnung Walter Benjamins und seiner Fluchthelferin Lisa Fittko. Marcel Raabe macht Geschichte anhand seines akribischen Quellenstudiums plausibel: der Tod Walter Benjamins kein Mord, sondern eine Entscheidung für Suizid angesichts der für ihn ausweglosen Lage im katalanischen Grenzort (mehr soll an dieser Stelle nicht nacherzählt werden, um den Leser*innen die eigene geradezu kriminalistische

[Nach-]Arbeit zu ermöglichen); unterschiedliche Angaben über den Todeszeitpunkt verschiedenen bekannten und unerkannt gebliebenen Erzähler*innen geschuldet; Archive ziehen um, Spuren verlieren sich; aus Walter Benjamin wird Benjamin VValter (Abnm.: ein deutsches W gibt es im Spanischen nicht, d. Redakteur).

 

Auf Walter Benjamins Grabstein in Portbou, zu dem es gar kein Erdgrab gibt, auch nicht gab, steht: “Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.“ Ein Zitat Walter Benjamins, Über den Begriff der Geschichte. Benjamin zeigt sich darin als ein früher Vertreter des systemischen Denkens, der begriffen hat, dass diejenigen, die so gekonnt Kultur von Barbarei zu unterscheiden gewohnt sind, das eine nicht ohne das andere haben können. Was also gepflegt, bebaut und vereehrt werden will (die lateinischen Bedeutungen des Wortes “colere, von dem sich unser Wort “Kultur” ableitet), schlägt um in Unmenschliches, Rohes, Grausames. Von dieser Grenze spricht Walter Benjamin, der seine letzte Grenze am Coll de Rumpisó in den Pyrenäen fliehend, mühsam, auf- und absteigend überschreitet. Hatte er da die (angebliche) Manuskriptaktentasche dabei, das Geschriebene, dessen Rettung ihm fast wichtiger war als seine eigene?

 

Hören wir zum Abschluss erst Marcel Raabe, dann Benjamin selbst und einen Nachruf von Berthold Brecht:

 

“Das Fragmentarische als Form ist eigentlich ein Resultat der Unterbrechung wie der Tod Benjamins einen Abschluss des Passagenwerks unterbrach.” (S. 312)

 

“Aber die Lumpen, den Abfall: die will ich nicht inventarisieren, sondern sie auf die einzig mögliche Weise zu ihrem Rechte kommen lassen: sie verwenden.” (Walter Benjamin, Das Passagen-Werk I, 576)

 

“WB

selbst der wechsel der

jahreszeiten

rechtzeitig erinnert

hätte ihn zurückhalten

müssen

 

der anblick neuer gesichter

und alter auch

 

neuer gedanken heraufkunft

und neuer schwierigkeiten” (Berthold Brecht)

 

 

Marcel Raabe

http://www.marcelraabe.de

 

Meine Wanderung von Banyuls-sur-Mer nach Portbou im Februar 2015 auf der sogenannten Ruta Walter Benjamin

http://frei-und-gleich.de/2015/03/13/1473/ und

http://www.der-schwache-glaube.de/2015/02/19/walter-benjamin-biografische-notiz-markus-chmielorz-dortmund-2015/

 

Weitere Texte von Christoph Fleischer und mir zu Walter Benjamin

http://frei-und-gleich.de/2019/10/01/kafka-benjamin-brecht-1934/

http://frei-und-gleich.de/2019/08/11/mit-walter-benjamin-unterwegs-rezension/

 

Beide Texte auch hier

Die eingeschriebenen Spuren des Faschismus – Kafka, Benjamin und Brecht 1934, Markus Chmielorz, Dortmund 2019

Mit Walter Benjamin unterwegs, Rezension von Markus Chmielorz, Dortmund und Christoph Fleischer, Welver 2019

 

 

Bericht: Dürer war hier. Eine Reise wird Legende, Joachim Leberecht, Aachen 2021

 

18.07.21 – 24.10.21

Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen

500 Jahre später – Dürer

 zum Anfassen

190 Exponate

Die Räume sind bordeauxrot, dunkelgrün und dunkelblaugrau gestrichen. Es herrscht geschäftiges Treiben. Überall sind Handwerker, die der Ausstellung den letzten Schliff geben. Die Beleuchtung jedes Bildes wird digital ausgemessen, für die letzten Bilder, die noch aufgehängt werden müssen, werden Striche an die Wand gemalt. „Erst gestern Abend ist der berühmte Hieronymus (1521) von Albrecht Dürer aus Lissabon eingetroffen. In letzter Sekunde. Corona hätte uns beinahe einen Strich durch die Rechnung gemacht, doch der Direktor des Museum Nacional de Arte Antiga aus Lissabon durfte durch diplomatisches Geschick persönlich als Kurier das Bild nach Aachen bringen“, erzählt Peter van den Brink, Direktor und einer der Kuratoren der Ausstellung des Suermondt-Ludwig-Museums in Aachen. Über sieben Jahre lang hat er mit seinem Team die große Dürer-Ausstellung über Dürers niederländische Reise 1520/1521, die ihn auch anlässlich der Krönung Kaiser Karls des V. für drei Wochen nach Aachen führte, vorbereitet. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Neben 20 Kupferstichen Dürers aus dem eigenen Haus werden 170 Leihgaben aus aller Welt, von namhaften Museen ebenso wie aus privaten Sammlungen, ausgestellt.

 

Bildnis der zwanzigjährigen Katharina

Gefragt nach seinem persönlichen Lieblingsbild, führt Peter van den Brink eine kleine Schar Interessierter zu einer auf den ersten Blick eher unscheinbaren Zeichnung Dürers. Es ist ein Porträt der zwanzigjährigen Katharina, eine zarte, rötlichbraun schimmernde Silberstiftzeichnung. Van den Brink ist ganz in seinem Element, er erklärt die Technik der Silberstiftzeichnung, bezeichnet Dürer als großen Künstler – wenn nicht den größten überhaupt –, der es versteht, die Gefühle der Porträtierten durch genaue Wiedergabe der Augen und der Mundpartie darzustellen. Ihn selbst berühre der leicht verschämte und zurückhaltende Ausdruck Katharinas. Darüber hinaus haben wir es hier mit dem ersten Gesichtsporträt einer jungen schwarzen Frau in Europa zu tun. Dürer lernte die junge Frau in Antwerpen kennen, wo er während seiner Reise mit seiner Frau Agnes wohnte. In die Kunstgeschichte ist das Bild unter dem Titel: „Die Mohrin“ eingegangen.

Foto: Bildnis Katharina

 

Das „schreib püchle“

Foto: schreib püchle

Grundlage für die Ausstellungskonzeption ist das „schreib püchle“, das der geschäftstüchtige Albrecht Dürer während seiner Reise in die Niederlande und ins Rheinland mit sich führte. Glücklicherweise sind neben akribisch aufgeführten Ausgaben und Einnahmen durch den Verkauf von Zeichnungen auch Treffen mit anderen Künstlern und Auftraggebern, Freunden und Personen des öffentlichen Lebens verzeichnet. Es ist im eigentlichen Sinn kein Reisetagebuch – die Ausstellungsmacher sprechen lieber von einem Rechnungsbuch – aber es ist bis heute eine Fundgrube für die Dürerforschung. Das Original ist bis auf eine Seite verloren gegangen, doch gibt es zwei Abschriften aus dem 16. Jahrhundert, die erhalten geblieben sind. Eine Abschrift aus dem Jahr 1550 befindet sich im Nürnberger Dürer-Archiv. Einige Seiten dieser Abschrift sind als digitale Version mit Übersetzung ins heutige Deutsch und Englisch in der Ausstellung aufbereitet worden. Insgesamt wäre eine stärkere multimediale Aufarbeitung und Vermittlung der Exponate wünschenswert: Besonders fehlt ein Audioguide als „Sehhilfe“, da doch vielen Besucherinnen und Besuchern die Bildsprache des 16. Jahrhunderts fremd sein dürfte. Peter van den Brink als ausgewiesener Kenner der Kunst des 16. Jahrhunderts hätte hier mit seinem Team noch mehr „Übersetzungsarbeit“ leisten können. Das Begleitheft zur Ausstellung enthält zwar detaillierte Einführungen zu allen Bildern, umfasst jedoch 170. Seiten und ist damit schlicht eine Überforderung für den Museumsgast.

 

Dürer und Erasmus von Rotterdam

Während seiner Reise traf Dürer den humanistischen Theologen Erasmus von Rotterdam und porträtierte ihn. Erasmus soll auf das Porträt erpicht gewesen sein – so van den Brink – doch zu seinem Unwillen hat er es nie ausgearbeitet aus Dürers´-Werkstatt zurückerhalten. Der Einfluss Erasmus und der sich ausbreitende Humanismus auf Dürer wird in der Ausstellung gut in Szene gesetzt. Dürers bekanntem Kupferstich Hieronymus im Gehäus (1514) hängt sein epochales Bild Derhl. Hieronymus im Studierzimmer (1521) gegenüber. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung weitere Hieronymus-Bilder von niederländischen Künstlern, die sich von Dürers´ Hieronymusdarstellung inspirieren ließen. Dürers Bild, während seiner Reise in Antwerpen gemalt, zeigt Hieronymus im Halbporträt mit der Konzentration auf Gesicht und eine auf einen Totenschädel weisende linke Hand. Dieses biblisch-humanistische Memento-Mori (Ps 90,12) ist auf den Eintrittskarten und den Ausstellungsplakaten in Ausschnitten zu sehen.

Foto: dürer karl V. aachen

 

Dürer und Luther

Peter van den Brink weist darauf hin, dass in Dürers Rechnungsbuch die „Lutherklage“ enthalten war, wohl als Interpolation von Jacobus Probst, Präses eines kleinen Augustinerkonvents in Antwerpen, wie es Jeroen Stumpel in seinem Essay „Luther in Dürers Tagebuch“ nachzuweisen versucht (Ausstellungskatalog: Dürer war hier S. 121ff).

Albrecht Dürer wollte Luther persönlich aufsuchen, um einen Kupferstich von ihm zu machen. Dazu ist es vor seiner Abreise in die Niederlande 1520 nicht gekommen. In einem Brief an Spalatin schrieb Dürer über seine Wertschätzung Luthers: „Vnd hilf mir got, das jch zw doctor martinus luther kum, …., der mir aws grossen engsten geholfen hat.“ (nach Stumpel a.a.O. S. 125)

Dürer hat sich sehr für Luther und die Reformation interessiert. Er selbst war im Besitz mehrerer Schriften Luthers. Luthers Haltung zur Passion und sein „Sermon von der Betrachtung der heiligen Leiden Christi“(1519) waren ihm vertraut. (Siehe auch Dana E. Cowen in: Ausstellungskatalog, S.371ff)

Wie schon das Heironymusbild (1521) zeigt, führt der geistige Einfluss der Reformbewegungen zu einer neuen künstlerischen Produktivität mit traditionellen Bildmotiven. Da lässt sich besonders eindrucksvoll an den ausgestellten Zeichnungen Die Kreuzigung Christi 1521 und der „Querformatigen Passion“ ablesen.

 

Foto: Auschnitt aus Die Kreuzigung Christi (1521)

 

Der dicke Dürer

Die Kuratorinnen und Kuratoren nennen den Ausstellungskatalog liebevoll den „dicken Dürer“. Bei 680 Seiten und einem Gewicht von 4,5 kg wird da niemand widersprechen. Ursprünglich sollte der Katalog auf 500 Seiten begrenzt sein, doch Dank der Verschiebung der Ausstellung wegen der Pandemie und der daraus folgenden intensiven Homeoffice Arbeit – wie Peter van den Brink als Herausgeber humorvoll zum Besten gibt – wurde umso gründlicher am Ausstellungskatalog gearbeitet. 26 Essays namhafter Dürerkennerrinnen und -kenner führen in das Werk Dürers ein und machen dem in ausgezeichneter Bildqualität im Michael Imhof Verlag erschienenen Werk: „Dürer war hier“ und besonders dem Untertitel: „Eine Reise wird Legende“ alle Ehre.

Foto: Ausstellungskatalog

Joachim Leberecht (Text und Fotos)

Anmerkungen:

1  Jeroen Stumpel: Luther in Dürers Tagebuch,

in: Dürer war hier. Eine Reise wird Legende, Ausstellungskatalog, (Hg) Peter van den Brink, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2021, S.121ff

2  zitiert nach, siehe Anmerkung 1, S. 125

„Schäm dich!“, Predigt zu Römer 1,16a, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

5. Sonntag nach Trinitatis 2021

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben.“ (Luther 2017)

Liebe Gemeinde,

„Schäm dich!“ ist der Imperativ unserer Zeit. Wie, du fliegst noch mit dem Flieger in den Urlaub? Schäm dich! Wie, du isst noch Fleisch? Schäm dich! Wie, du fährst einen Diesel? Schäm dich! Wie, du bestellst bei Amazon? Schäm dich!

Schon in der Geschichte von Kain und Abel spielt die Scham eine entscheidende Rolle. Kain blickte aus Scham zu Boden, als er sah, dass Gott Abels Opfer annahm, seine´s aber nicht würdigte. Mit dieser Scham konnte er nicht umgehen. Sie steigerte sich zur Gewalttat. Kain erschlug Abel. So wurde Scham in Schuld verschoben.

Bis heute ist Scham einer der Gründe für Gewalt, die scheinbar aus dem Nichts kommt, wie bei dem tödlichen Attentat des Somaliers mit subsidiärem Flüchtlingsschutz in Würzburg.

Die Scham hat Hochkonjunktur. Sie grassiert. Sie wächst exponentiell. Nicht die Meinungsfreiheit ist in unserer offenen Gesellschaft in Gefahr, aber viele Menschen haben Angst ihre Meinung offen zu äußern aus Scham vor der radikalen Verurteilung durch die angebliche Mehrheitsmeinung. Political Correctness ist gefragt. Wir haben zwar, Gott sei Dank, keine Scharia, aber eine kaum greifbare Minderheit, die über alle möglichen Kanäle Denk- und Sprachpolizei spielt und dabei die Schamanfälligkeit eines jeden Menschen schamlos ausnutzt.

Die Empörung über ein falsches Wort, über eine ungeschickte Geste, über einen Fehler bleibt nicht aus. Da können Sie sich sicher sein. Es geht um richtig oder falsch. Es scheint, als würde der Mensch in einer immer komplexer werdenden Welt nur noch weiß oder schwarz kennen – unabhängig vom politischen Lager oder der jeweiligen Blasen(um)welt. Vor lauter Scham verurteilt zu werden gilt: lieber nichts sagen und einfach still alles abnicken. Wenn die Schamwelle, die schon da ist, als Tsunami über uns kommt, gehen die Werte der Aufklärung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und der eigenen Erfahrung zu vertrauen, verloren.

Genau da setzt Paulus an. Bei seiner eigenen Erfahrung. Genauer gesagt, bei seiner eigenen Gotteserfahrung. Sie steht für ihn außer Frage, so dass er seine Scham vom Evangelium zu reden überwindet. Er hat Gottes Kraft am eigenen Leib erfahren, und diese Kraft bündelt sich für ihn in der Erkenntnis Jesu Christi, dass er – aber eben nicht nur er – sondern alle, die daran glauben, frei sind. Und das nicht, weil er moralisch richtig handelt oder besonders heilig ist, sondern, weil er in Gottes Augen frei ist, freigesprochen von allem. Von Gott hat der Mensch seine Würde und seine Freiheit. Sie ist unveräußerlich.

Selbst der schuldig gewordene Kain bekommt von Gott ein Schutzmal auf die Stirn gezeichnet. „Gott macht eine Differenz auf zwischen der Handlung und der Würde einer Person.“ (Klaas Huizing)1 Das heißt für Kain: Du brauchst dich nicht zu Tode schämen und niemand darf dir aus Rache oder falsch verstandener Gerechtigkeit das Leben nehmen. Ich schenke es dir. Das ist Rechtfertigung durch Gott. So kann selbst die Schuld, die aus Scham entsteht, in ein neues Leben ohne Selbsthass führen, und dem Lynchmob bietet Gott die Stirn. Gleichzeitig wird Kain aufgefordert, die Sünde zu überwinden und sich sozial zu verhalten (Gen 4,6ff). Aggressionsgefühle lassen sich transformieren. Was für ein Narrativ!

Der Geschenkcharakter des Lebens ist ein hohes Lebensgut, ob wir uns schämen oder nicht. Auch für Paulus war es ein langer Weg, seine Selbstgerechtigkeit zu überwinden, einzusehen, dass sein Hass auf die Christen falsch war. Was sollte er machen, als er das erkannte? Sich auf ewig schämen?

Scham ist ein starkes Gefühl, aber wie jedes andere Gefühl auch können wir es mit Übung ausbalancieren. Scham ist auch nützlich. Eine schamlose Gesellschaft will niemand.

Paulus aber möchte mit seinem Statement: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht“ Mut machen, die eigene Scham, vom Glauben und von der Kraft Gottes zu reden, zu überwinden. Paulus nimmt es in Kauf, verlacht zu werden, und nicht nur das, sogar verspottet, verurteilt, geschlagen und zuletzt getötet zu werden, weil er die Kraft Gottes erfahren hat. Diese führt ihn zu einer Freiheit im Glauben gegenüber Menschen, Herrschern und sonstigen Kräften zwischen Himmel und Erde.

Wer glaubt, ist nicht frei von Scham, aber der glaubende Mensch weiß um eine Freiheit, die größer ist als alle Scham, Furcht oder Tod.

In der letzten Woche habe ich mit einem Flüchtling gesprochen. Er kam als Minderjähriger in die Städteregion. Er hat mir von der Hölle seiner Kindheit erzählt, aber auch von der Erfahrung der Bewahrung durch Gott auf seiner monatelangen Flucht. Er hat die Kraft Gottes gespürt. Das waren seine Worte, und ich musste an Paulus denken und an die vielen Fluchtgeschichten in der Bibel. Er war dem Islam durch seine Kindheitserfahrungen entfremdet und hat im christlichen Glauben seine Heimat gefunden. Er hat eine Tochter mit einer deutschen Partnerin. Seine Tochter möchte er taufen lassen. Oft wird er von Muslimen angesprochen, ob er Muslim sei. Dann sagt er, er sei Christ, und alle Muslime wenden sich von ihm ab. Er hat sich ein Kreuz auf den Unterarm tätowieren lassen. Er ist noch jung und voller Scham, aber das Kreuz auf seinem Unterarm ist seine Art, sich nicht seines Glaubens zu schämen und mit Gott in Verbindung zu sein.

Philipp Mickenbecker war mit seinem Bruder erfolgreicher Youtuber. Er ist mit 23 Jahren gestorben. Drei Mal war er schwer an Krebs erkrankt. In dieser Zeit hat er sich intensiv mit Gott beschäftigt. Nie wollte er fromm sein. Er hat Gott herausgefordert und um Zeichen gebeten. Diese hat er bekommen. Über seine Erfahrungen hat er ein Buch geschrieben: My Real Life Story. Es ist ein Spiegel- Bestseller und verbreitet sich rasch. Philipp hat die Kraft Gottes erfahren und schämt sich seiner Zweifel und seines Glaubens nicht.

Wir sind nicht Paulus. Wir sind nicht der Flüchtling. Wir sind nicht Philipp Mickenbecker. Wir haben unsere eigene Glaubens- und Schamgeschichte. Wir drücken auf unsere ganz eigene Art und Weise aus, dass wir uns unseres Glaubens nicht schämen. Nicht alles muss öffentlich gezeigt werden. Weniger ist oft mehr. Vieles muss auch bewahrt und geschützt werden. Gott wirkt auch durch das Verborgene, durch das Stille, durch das Geheimnis.

Eugen Drewermann sagte in einer Radiosendung2 zum Thema Scham: „In der Liebe darf man sich auf den anderen beziehen, wie man ist. Hintergrund ist ein liebevoller Blick, voller Akzeptanz, voller Zugewandtheit. Dafür steht in der Bibel Gott. Was passiert, wenn dieser Bezug verloren geht?“

Könnte es sein, dass in einer Gesellschaft, die den Gottesbezug zunehmend verliert, Beschämung und Ausgrenzung ein leichteres Spiel haben, da das gnädige Angesicht Gottes immer mehr in den Hintergrund gerät? Wenn das richtige Tun immer mehr in den Fokus gerät, gerät der Mensch dann nicht in ein Dilemma aus dem er nicht mehr herauskommt? Wo bleibt die Freiheit? Wo bleibt die Unterscheidung von Handlung und Person?

In einer fragilen und gewaltbereiten Schamgesellschaft ist das öffentliche oder stille unverschämte Gottesbekenntnis ein wichtiger Beitrag, gesellschaftliche Freiheit zu leben und zu gestalten.

Amen

 

 

 

 

1 Huizing, Klass: Die Scham als Tugendlehrerin, in: Anders handeln, Hg.: Andere Zeiten e.V., Neumünster, 1/2019, S. 8-9

2 Drewermann, Eugen: in Radio Bremen in der Sendung Redefreiheit  zum Thema Scham vom 28.04.2014

 

 

Predigt vom Verlieren & Wiederfinden, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

Predigt Lukas 15, 8-10 ,   3. So. nach Trinitatis

Liebe Gemeinde,

Jesus erzählt Gleichnisse, wenn er den Menschen etwas über Gott und sein Reich sagen will. Hier erzählt er von einer Frau, die einen Silbergroschen verliert und ihn mit Mühe solange sucht, bis sie ihn findet. Ihre Freude darüber ist so groß, dass sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen herbeiruft, dass sie sich mit ihr mitfreuen.

Verlieren und Wiederfinden sind Themen, die sich durch unser Leben ziehen und die uns immer wieder existentiell angehen.

Die Fernsehserie Letzte Spur Berlin im ZDF dreht sich darum, dass ein Team von Ermittlern einen Menschen sucht, der mir nichts, dir nichts wie vom Erdboden verschwunden ist. Meistens entspinnt sich darum eine komplizierte Geschichte und der Zuschauer gewinnt einen tiefen Einblick in die menschliche Seele und atmet am Ende auf, wenn die vermisste Person wiedergefunden wird.

Menschen können sich auch selbst verlieren, sich so sehr verausgaben bis in den Burnout hinein, dass sie sich selbst nicht mehr kennen und andere sie auch nicht mehr wiedererkennen. Wie sehr wünschten sie sich, sich wiederzufinden und sie strengen sich dabei an und merken, dass der Wille nicht reicht – sie leiden unter ihrem eigenem Ausgebrannt-Sein, sind in ihrem Selbstwertgefühl völlig verunsichert, verlieren sich Stück für Stück, oft auch ihre Arbeit, Partner oder Partnerin.

Ist da jemand, der sie sucht, dass sie sich wiederfinden können? Wollen sie sich wieder finden lassen? Haben Sie Geduld nach der Suche nach sich selbst?

Und wenn ihnen das Geschenk widerfährt, dass sie sich wieder finden. Was ist das dann für eine Freude?

Auch jede Sucht ist ein Verlust seiner selbst. Die Sucht füllt nicht die Lücke, die Leere, die Angst. Das weiß der süchtige Mensch intuitiv und er weiß, dass er sein Leben zerstört und andere damit unglücklich macht, aber er kommt nicht davon los. Die Sucht ist sein einziger Halt, denkt der Süchtige. Diesem Irrglauben ist der Süchtige verfallen. Doch es gibt Wege aus der Sucht.

Und der Verlust der Selbständigkeit? Davor fürchten sich Menschen unserer Breitengrade am meisten. Der Verlust der körperlichen Selbständigkeit und der Verlust der geistigen Fähigkeiten greifen stark in unser Selbstbild ein. Wer bin ich dann noch? Gibt es dann überhaupt noch ein Sich-Wiederfinden?

Sicher in vielen Fällen kein Wiederfinden als sei nichts geschehen. Verlieren und Wiederfinden sind Prozesse. Nichts ist mehr wie vorher und wird wie vorher sein. Der Verlust bleibt immer ein Teil der eigenen Biografie, selbst da, wo der Mensch sich wieder findet, aber die Freude am Leben – und sei es nur ein Lächeln, das erwidert wird – ist wirklich Freude, und wie jede Freude, wie jedes Glück, wie jede Liebe ein Wieder-Gefunden-Werden – und das ist möglich bis zum letzten Atemzug.

Jesus spricht von Gott, als würde Gott und die ganze Welt Gottes unter dem Verlust der Menschen leiden, die er verloren hat. So sehr verloren hat, dass diese Menschen keine Beziehung mehr zu ihm haben. Das Geschöpf ist von seinem Schöpfer getrennt. Da ist eine Beziehungsunfähigkeit, die ein großer Verlust ist für die himmlische Welt. In der Bibel heißt dieser Verlust Sünde. Sünde ist die Entfremdung von Gott. Sünde ist in erster Linie ein relationaler Begriff. Der Sünder, die Sünderin hat keine Beziehung mehr zu Gott. Das ist die Sünde, nicht irgendein moralisches Fehlverhalten.

Jesus sagt, die Freude unter den Engeln ist groß, wenn ein Sünder sich wieder auf Gott ausrichtet, wenn ein Mensch wieder die Beziehung zu Gott lebt – dann ist es, als sei Gott selbst das Geschenk des Wiederfindens widerfahren.

Verlust kann schwer wiegen. Der Gottesverlust, sagt Jesus – so wie ich ihn verstehe – , ist der größte Verlust für den Menschen. Der Mensch lebt in Gottesferne, entfremdet von Gott und entfremdet von sich selbst und den Nächsten, weil jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist.

Wer die Dimension des Göttlichen, der göttlichen Liebe, in seinem Leben wieder entdeckt, wieder findet, den durchflutet eine Freude, die niemand nehmen kann.

Im Grunde genommen war die große Aufgabe des Gottessohnes Jesus den Menschen wieder neues Vertrauen zu Gott zu schenken. Dafür ist Jesus Mensch geworden, das hat ihn sein Leben gekostet, weil Jesus nicht anders konnte als von einem Gott der Liebe zu reden.

Gott hat mit der Auferweckung Jesu dafür gesorgt, dass der Verlust des Lebens aufgehoben wurde ins ewige Leben. Und im Glauben an Christus haben wir heute schon ewiges Leben in uns.

Es gibt ein Wiederfinden, jetzt schon und einmal in Ewigkeit. Und jedes Wiederfinden löst große Freude aus.

Amen