Sebastian Castellio hinterließ Freunde und Verehrer, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Zu: Peter Litwan: Arm, und doch reich, die ältesten Nachrichten über Sebastian Castellio, Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft, Band 4, Schwabe-Verlag Basel 2026, gebunden, 164 Seiten, ISBN 978-3-7965-5450-6 (print): 46,00 Euro

In der Reihe „Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft“ ist dieser 2026 erschienene Band erst die vierte Schrift. Die internationale Castellio Gesellschaft wurde 2017 gegründet (siehe: https://www.castellio.ch/aktivitaeten). Es ist offensichtlich an der Zeit, an einen Menschen zu erinnern, der sich gegen Verketzerung und für Toleranz Andersdenkender eingesetzt hat. Er wurde nach seiner Flucht aus Genf zunächst Mitarbeiter der Druckerei Oporin in Basel. Während die übrige Schweiz von Genf und Zürich aus bestimmt wurde, gehörte das ehemalig deutsche Basel zum Einflussbereich des oberdeutschen Luthertums (u. a. Bucer). Der bekannte Humanist Erasmus von Rotterdam war inzwischen nach Freiburg ausgewandert. Castellio war ein bekannter Graecist und übernahm nach seiner Arbeit als Rektor in Genf in Basel den Lehrstuhl für Griechisch. Dass Friedrich Nietzsche über 300 Jahre später ein später Nachfolger Castellios war, wird an keiner Stelle erwähnt.

Die Schriften der noch jungen Internationalen Castellio Gesellschaft zeigen, dass das Thema Toleranz im Vordergrund steht. Dazu gehört natürlich die historische Aufarbeitung der Geschichte Castellios. In der Schriftenaufzählung wird hingewiesen, dass die ersten beiden Bände als PDF-Datei heruntergeladen werden können (https://www.castellio.ch/publikationen). Dabei wird selbstredend die Auseinandersetzung mit Calvin hervorzuheben sein, wie im zweiten Band. Der hier zu besprechende Band konzentriert sich eher auf biographische Grundinformationen über Sebastian Castellio. Darauf wird in dieser Rezension hauptsächlich einzugehen sein.

Der Gegenstand des Buches geht zunächst auf Castellio wenig ein, sondern stellt ein Buchprojekt des Druckers und Verlegers Johannes Oporin (1507-1569) vor. Das mehrbändige Buch heißt Theatrum vitae humanae und wird zunächst von Theodor Zwinger (1533 – 1588) herausgegeben, inspiriert vom Lateinprofessor Conrad Lycostenes (1518-1561), seinem Stiefvater, der inzwischen durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt war, jedoch über einige Vorarbeiten für das Mammutwerk verfügte, einer Art „who is who“.

Interessant ist, dass der Verleger Oporin hat eine Zuwendung von 1000 Talern vom Bergwerksbesitzer Weitmoser aus Gastein erhalten hat, um seine Buchprojekte zu realisieren (vgl. S. 16). Die erste Auflage des genannten Titels erschien 1565, die zweite, erneut neu gesetzt mit einem Namensregister 1571, die dritte nun auf 4373 Seiten angewachsen 1586. In der Baseler Universitätsbibliothek befinden sich ein Exemplar aus 1565, drei aus 1571 und eine Ausgabe von 1586 in vier Bänden. Nach einem Vergleich der Ordnungsschemata der verschiedenen Auflagen kommt das hier zu besprechende Buch auf Sebastian Castellio zu sprechen und bietet je einen synoptischen Vergleich zu den unterschiedlichen Nennungen Castellios im Theatrum vitae humanum. Nun werden in einem weiteren Kapitel die biografischen Informationen zusammengefasst. Insgesamt wird hierbei deutlich, das Castellio als gelehrt und engagiert erscheint, ohne eigenes Zutun in Armut geraten ist, sich aber durch Arbeit und Ansehen eine bescheidene Existenz aufgebaut hat.

Seine Umtriebigkeit, sein Streit mit Calvin, sein Protest gegen die Hinrichtung Servets als Ketzer und seine Toleranzschrift werden eher verschwiegen oder nur am Rand erwähnt. Auch der Prozess vor dem Baseler Rat, der durch seinen frühen Tod ohne Entscheidung bleibt, ist außen vor.

Ergänzt wird die Skizzierung seines Lebenslaufs, der den Savoyarden [n. b.. das Herzogtum bzw. Königreich Savoyer gehörte erst 1860 zu Frankreich, d. Rez.] über Genf nach Basel führte durch eine Behandlung seines Epitaphs, eines beschrifteten Grabsteins im Baseler Münster, der später ersetzt wurde. Ergänzt wird diese durch eine Erwähnung epitaphähnliche Gedichte als freundschaftliche Nachrufe auf Castellio. Alle diese Texte sind in diesem Buch zweisprachig Lateinisch im Original und ins Deutsche übersetzt.

Exemplarisch sei auf den ersten Satz des Epitaphs hingewiesen, auf Deutsch: „Iowa [sic; recte: Jehova, d. Rez.] dem besten und größten geweiht.“ (S. 75). Hierzu wird ein kleiner Abschnitt aus der dritten Auslage des Theatrum zitiert, die auf die Verwendung des Gottesnamens in der lateinischen Bibelübersetzung eingeht. Er ist damit über die Übersetzungspraxis Luthers und die Dogmatik Calvins hinausgegangen, die aus dem Glauben an Gott einen Herrschaftsbegriff herausgelesen hat (d.Rez., bei Luther: Der Herr; bei Calvin: l’Éternel. Instrumentalisierung des Gottesnamens zur dogmatischen Unterwerfung bzw. Autorität]):

„Die Juden haben den Namen Gottes mit den vier Buchstaben, der nicht ausgesprochen werden durfte, mit so viel Ehrfurcht begleitet, dass sie ihn niemals nannten, sondern an seiner Stelle als Elohim oder Adonai aussprachen … Als Erster in unserem Jahrhundert hat Sebastian Castellio die Gemüter von diesem Aberglauben befreit, der in seinen biblischen Schriften allenthalben den Namen „Jowa“ gebraucht hat, …“ (S. 63).

Sowohl das Epitaph als auch das Theatrum scheinen mit der Verwendung des Gottesnamens einen eigenen und besonderen Schwerpunkt der Arbeit Castellios als Übersetzer herausgegriffen haben, und damit gezeigt, dass nicht nur seine Ablehnung von jeder Verketzerung und seine Idee von Toleranz, sondern auch seine Bibelübersetzung zu einer streitbaren Person gemacht hat, die danach bis auf wenige Ausnahmen totgeschwiegen, von seinen Schülern und Anhängern aber verehrt worden ist.

Von der Einleitungswissenschaft zu exegetisch-theologischen Grundfragen, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Zu: Ursprungsparadigmen, ZNT – Zeitschrift für Neues Testament, Heft 55, 28. Jahrgang, Jan Heilmann, Susanne Luther, Michael Sommer (Hrsg.), Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2025, Paperback, ISBN 978-3-381-14051-0, Einzelheft 39,00 Euro (print)

Brückenschlag

Folgender Satz aus der Verlagshomepage weist auf das Ziel der Zeitschrift für Neues Testament hin, dem auch dieses Einzelheft verpflichtet ist: „Das Ziel der Zeitschrift ist der Brückenschlag zwischen wissenschaftlicher Textauslegung und der kirchlich-schulischen sowie gesellschaftlichen Praxis, welchem auch die konzeptionelle Gestaltung der Zeitschrift dient.“ (https://www.narr.de/theologie/zeitschriften/znt/)

Dieses Heft stellt die Sachlage am Beispiel der Einleitungswissenschaft dar (Sachthema), von der verschiedene Konzepte zu Wort kommen. Im Prinzip geht es aber dabei um Hermeneutik, wie es im Editorial des Herausgeberkreises dargestellt wird. Exemplarisch sei ein Satz daraus zitiert: „Die Quellenlage selbst konfrontiert uns damit, dass die Ursprünge des frühen Christentums nicht objektiv übermittelt, sondern nur in (Re)konstruktionen greifbar sind.“ (S. 7)

Innovation durch Dialogbereitschaft

Die Einführung ins Thema bietet ein „Werkstattbericht“ des katholischen Theologen aus Münster, Wolfgang Grünstäudl, „Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht.“ (S.9-24). Was mit Innovation gemeint ist, verdeutlicht er an der Konzeptarbeit für „Herders Theologischen Kommentar zum Neuen Testament (HThKNT)“ von 1944 bis 1961. Innovativ ist diese Arbeit durch ihre Dialogbereitschaft mit verschiedenen Kontexten von der Exegese bis zur Religionswissenschaft. In der Gegenwart wird die aus „sozialwissenschaftlicher Herkunft“ stammende „Netzwerkanalyse“ (s. S. 23) zu solchen zusätzlichen Aufgaben gehören. Dies wird hier leider nur in Andeutungen und Windungen am Beispiel des 1. Petrusbriefes gezeigt.

Verständnis für die Kanonentwicklung

Der Hauptteil wird durch drei Aufsätze mit verschiedenen Thematischen Schwerpunkten eingeführt. Sandra Huebenthal, Professorin für katholische Theologie in Passau und Prag, stellt vor „Einleitung weiter denken. Das Neue Testament als Familienalbum.“ (S. 25-45) Sie beklagt die starke Ausdifferenzierung der Fachdiskurse, die die Orientierung am Ganzen erschwert, wie sie auch Ziel der Einleitungswissenschaft ist. In der Orientierung am Kanon in Differenzierung und Einheit schlägt sie das Symbol des Familienalbums vor. Trotz ihrer Kritik an der Differenzierung schlägt sie eine weitere Kategorie für die Einleitungswissenschaft vor, die Kulturwissenschaft. Aussagekräftige Tabellen wie Vorstellung 22 „Deutschsprachiger Einleitungen seit 1983“ (S.38) oder „Aufteilung unterschiedlicher Frageperspektiven…“ (S.43) zeigt, wie die Autorin die gegliederte Weiterarbeit vorstellt. Die Textgruppen des NT werden ebenfalls chronologisch gegliedert in eine Tabelle eingetragen. Auf die Einbeziehung außerkanonischer Schriften geht sie nicht ein, da das Motiv Familienalbum vermutlich die Rolle der Schrift für die Kirchenentwicklung vorstellt, quasi als kanonischer Leitfaden.

Frage nach dem Ursprungsparadigma setzt bei der Textkritik an

Der zweite Artikel des Hauptteils geht auf die Frage der Textkritik ein (Jan Heilmann: Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung). Zunächst habe ich den Artikel beiseitelegt, weil mir die Konzentration auf die Einleitungsfragen eher an einem Ursprungsparadigma orientiert schien. Doch das Gegenteil ist der Fall, weil die Frage nach der Textproduktion, mit der sich die Edition und die Textkritik beschäftigt, an das Ursprungsparadigma der Textentstehung rührt. Hierzu schreibt Jan Heilmann, Professor an der TU Dresden (nach Robin Faith Walsh, siehe Anmerkung 54): „Die Annahme einer idealisierten einheitlichen Gemeinde als unmittelbar formativer sozialer Rahmen sei historisch nicht plausibel. Stattdessen seien die Evangelien als Produkte gebildeter Autoren zu verstehen, die in literarischen Netzwerken agierten.“ (S. 59)

Doch mehr Autoren als Redaktoren?

Von eben jener Robin Faith Walsh stammt der dritte Artikel des Hauptteils: Jenseits der Gemeinde. Eine Neubewertung der Entstehungskontexte der Evangelien.“ (S. 69-85) Sie ist Associate Professor für Neues Testament in Miami, USA. Der Artikel erscheint hier in deutscher Sprache, unter Mitübersetzung des Mitherausgebers der ZNT Jan Heilmann. Das Zitat aus dem vorgenannten Artikel bietet schon so eine Art Zusammenfassung.  Dazu nun einige illustrierenden Zitate. Zunächst: Wie konnte es dazu kommen, dass die Produkte von Schriftstellern als historische Gegebenheiten verstanden werden konnten? Hier schreibt Faith Walsh: „Wir wissen, dass griechische und römische Autoren routinemäßig phantasievolle paradoxographische oder topographische Beschreibungen ihrer Themen anbieten, um Wissen aus erster Hand zu suggerieren; bei den Evangelien werden diese Verweise (…) in gewissem Maße wörtlich genommen.“ (S.70f). Die Vorstellungen eines Textes präsentieren die persönliche soziale Realität der Autorinnen, ihre literarische Sozialisation und narrative Vorstellungskraft (vgl. S. 74). Nur durch die Theorie der mündlichen Überlieferung konnte die Qualität der Verfasser ignoriert und auf eine Traditionskette projiziert werden.

Fachlicher Dialog in der Einleitungswissenschaft

Die Anstöße dieser Artikel können nun im zweiten Hauptteil nachwirken, der sich der Einleitungswissenschaft selbst zuwendet. Udo Schnelle: „Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft“ (S.89-99) und Markus Vinzent „Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft“ (S. 101-113).

Die Einleitung, von denen Udo Schnelle eine vorgelegt hat, sortiert die Schriften des NT quasi chronologisch. Die Inbeziehungsetzung diverser Zitate bildet dann die Reihenfolge der Entstehung, z. B. Justin kennt nicht nur die Paulusbriefe und alle vier Evangelien, er setzt … ihren gottesdienstlichen Gebrauch voraus…“ (S. 93) Markus Vinzent teilt etliche Überlegungen, betont aber, dass die Sammlungen eher als Ausgangspunkt eignen als die Einzelschriften. (vgl. S. 102) Am Ende des Artikels geht Markus Vinzent auf die Paulusbriefsammlung Marcions ein. Hier zeigt sich bereits, dass vier Deuteropaulinen erst im Nachhinein hinzugefügt worden sind. Die Kriterien dafür entstammen der sprachlichen Analyse.

Praktische Konsequenzen

Michael Sommer, „Geschichte und die Schulbücher“ (S.151-132) zeigt am Beispiel der Schulbücher, dass das Bild der Religionsentstehung als Ölbaum hier noch prägend ist. Das Bild entstammt dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Obwohl es für Dialog eintritt, zeigt es die Vorrangstellung des Christentums, da es die jüngeren Äste repräsentiert und die Äste eine getrennte Entwicklung aus einem gemeinsamen Ursprung zeigen. In neueren „Pasting of the ways“- Modellen wird deutlich, dass z. B. Judentum und Christentum sich mit ähnlichen Diskursen auseinandersetzen wie „Rolle der Thora, Messiaserwartung…“ usw. Dabei sind die Religionen einander näher als das heute manchmal erscheint (S.129, Anm. dazu: Daniel Boyarin,). Der letztgenannte Aspekt wird in der Rezension im „Buchreport“ Thomas Tops zu: „Jewish Christianity“ ebenfalls aufgenommen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ausgabe der Zeitschrift das Thema von verschiedenen Perspektiven beleuchtet und vertieft. Die Spezialisten für die Entstehung des Neuen Testaments sind bemüht, die Entwicklung der Schrift als Ganzer zu würdigen. Dabei müssen vorherige, lange gültige Grundpositionen aufgegeben werden. Dementsprechend wird in den Untersuchungen manchmal zu vorsichtig agiert. Hier wäre aber gerade Klarheit günstiger, um nicht neue Fantasien entstehen zu lassen. Hier wäre ein neuer Adolf von Harnack kombiniert mit einer Prise Albert Schweitzer wünschenswerter.

 

Museum am Dom, Würzburg, Bericht von Joachim Leberecht

Besuch des MAD

Anfang des neuen Jahres 2026 habe ich das MAD, das Museum am Dom in Würzburg, besucht. Es war nicht mein erster Besuch des noch jungen Diözesanmuseums (2003). MAD hat sich zum Ziel gesetzt alte und neue Kunst miteinander ins Gespräch zu bringen. Um einen Rundgang durch die Ausstellung für die Besucher*innen interessant zu machen, wurde das Büro bungalow beauftragt Konzept und Design für einen Ausstellungsrundgang zu entwickeln. Das Ergebnis hat mich überzeugt. Zu den Themenfeldern Zeitreisende*r, Philosoph*in, Kunsthistoriker*in und Handwerker*in wurden zweisprachige (deutsch/englisch) Guides aufgelegt. Die einzelnen thematischen Begleithefte bieten neben einer Gesamtübersicht der Ausstellung in ansprechendem Design Informationen zum Kunstwerk, zur Biographie des/der Künstler*in und im Fall der PHILOSOPH*IN, meiner Wahl, existentielle Fragestellungen zum Weiterdenken. Im besten Fall kommt es zu Vertiefung und zu einer interessanten wechselseitigen Wahrnehmung von religiösen und philosophischen Fragestellungen. Ich habe selten eine kirchliche Ausstellung erlebt, der es kunstpädagogisch gelingt, das moderne Lebensgefühl zu versprachlichen und damit eine existentielle Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk anzuregen. Dabei wird das Kunstwerk nicht theologisch verzweckt, sondern es spricht für sich selbst. Diese Freiheit der Kunst im religiösen Kontext ist bei MAD das leitende Konzept. Nichts ist hier bieder oder verstaubt, nichts verengt, sondern auf Weite hin ausgestellt.

Anhand von vier der zehn Exponate, die das Begleitheft Philosoph*in näher in den Blick nimmt, will ich einen Eindruck vermitteln.

Bild 1 Begleitheft Philosoph*in

Girl with a Knife 2006 (Nina Sten-Knudsen)

Den Gegensatz von Ferne und Nähe, Weite und Isolation beschreibt das monumentale Gemälde Girl with a Knife der dänischen Künstlerin Nina Sten-Knudsen. Im Vordergrund der sich scheinbar ins Unendliche weitenden Landschaft malt die Künstlerin eine Frau, deren verweilender Blick auf ein (scharfes?) Messer in ihrer offenen Handfläche fällt. Neben der Beschreibung des Bildes stellt die Philosph*in folgende Fragen: „Was geht da in ihr vor? Warum enthält die ansonsten ruhige Darstellung plötzlich diesen Aspekt einer Gefahr? Ist diese real oder nur vorgetäuscht?… Ist das Messer als Symbol für die innere Verfasstheit der Figur zu deuten? Wie aus dem Nichts entsteht eine magische Atmosphäre, wird der Bildraum zum Lebensraum, zu einem Raum offen für Deutungen.“ (Seite 6)

Bild 2 Begleitheft Philosoph*in

Abziehendes Gewitter 1987 (Wolfgang Mattheuer)

Wer heute ein Zeichen setzen will gegen Angst und Hoffnungslosigkeit, greift zum Symbol des Regenbogens. Der Regenbogen mit seinen bunten leuchtenden Farben öffnet Zukunft. Er steht einem: „Sollen wir immer alles schwarz sehen?“ (Seite 9) entgegen. Das Dunkle wird nicht geleugnet. Es ist mit im Blick, aber es verzieht sich. Die dunkle schwarze Farbmasse „wandelt sich plötzlich auf der rechten Seite zu einer lebensspendenden Erscheinung zarter, rosafarbener Blüten. Frisches hoffnungsvolles Grün durchbricht die trostlose Dunkelheit. Altes und Neues stehen sich gegenüber.“ (Seite 8)

Bild 7 Begleitheft Philosoph*in

Cast Iron Cross Egg 2002 (David Nash Esher)

„Das Kreuz, welches sich öfters in seinen Werken finden lässt, nur als religiöses Werk zu verstehen, wäre zu kurz gedacht. Vielmehr sind es für ihn zwei Linien, die einen Punkt ergeben, oder vier, die von einem Zentrum ausgehen. Gleichzeitig markiert man mit einem Kreuz auch ein Verortetsein auf einer Karte, kreuzt etwas an oder addiert bzw. multipliziert mit dem Zeichen.“ (Seite 18)

Was war zuerst? Das Huhn oder das Ei? Tod oder Leben? Was sind die Pole unseres Lebens? Werden und Vergehen? Gesetz und Autonomie?

Bild 8 Marienkrönung

 

Marienkrönung um 1510 (Tilmann Riemenschneider)

Theologischer Ausgangspunkt ist die Fragestellung, ob die Auferstehung auch für die sterblichen Gläubigen gilt. Das wird in der katholischen Glaubenslehre in der Dogmenentwicklung/Inszenierung von Maria eindeutig bejaht. In unserer Holzfigurengruppe wird Maria von Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn, (beide gleichaussehend!) bekrönt und damit „in die göttliche Familie einbezogen und hat [leiblich] Teil am ewigen Leben.“ (Seite 20)

Interessant zur figürlichen Darstellung von Gott, dem Vater, trotz des Bilderverbots, sind geschichtliche Anmerkungen im Begleitheft: Durch Bibelauslegung „taucht Gott als Alter an Tagen (Dan 7,9) und damit in der uns bekannten Weise als älterer Mann mit Bart seit dem 12./13. Jahrhundert auf. Doch konnten Künstler bis ins 14. Jahrhundert vereinzelt noch dafür bestraft werden. Im späten Mittelalter wurde Maria im Volksglauben bisweilen sogar als vierte göttliche Person dargestellt.“ (Seite 21)

Joachim Leberecht

Kritik im Rahmen der Kommunikation, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Zu:

Andreas Blessing, Philipp Barth: Kritisches Denken einfach erklärt, Edition Transkript, Transkript Verlag Bielefeld 2025, Paperback 120 Seiten, ISBN: 9 78-3 8376-7 435 – 4 (Print), Preis: 20,00 €

Die Forderung nach Kritik ist in unterschiedlichen Weltanschaulichen oder kommunikativen Situationen verschieden. Heute ist es das Internet oder besser gesagt die Informationsvermittlung der sozialen Netzwerke, die nach einer neuen und ausgeprägten Fähigkeit zu kritischem Denken verlangt. Dabei ist die Fähigkeit zur Kritik in der Gesellschaft gar nicht gut ausgebildet, weil alle wahrscheinlich versuchen einen Mittelweg zwischen Misstrauen und Vertrauen zu gehen.

Für mich als etwas älterem Zeitgenossen, kommt dabei der Umgang mit Kritik in den Sinn, der nach gesellschaftlicher Mitwirkung verlangt und der manchen gesellschaftlichen Institutionen unterstellt, Kritik nicht zu wünschen oder abzuwiegeln. Die Gegenbewegung dazu hat sich immer auf die Philosophie in der Nachfolgte Kants, Nietzsches und Marx berufen. Doch hiervon hat sich der Begriff des „kritischen Denkens“ in der Nachfolge entfernt.

Der Begriff kritisches Denken wird hier pragmatisch gebraucht und gehört eher in die Wissenschaftstheorie und die praktische Anwendung. In diesem Buch sind ein naturwissenschaftlicher und psychologischer Ansatz kombiniert. Andreas Blessing, geboren 1977, ist promovierter Psychologe, arbeitet in der Schweiz und lebt in Konstanz. Er veröffentlicht wissenschaftliche Arbeiten z. B. über Demenz und über Wissenschaftskommunikation. Philipp Barth geboren 1981, ist diplomierter Physiker, promovierter Biologe und lehrt an der ETH Zürich über „kritisches Denken als Kompetenz“.

Positiv gesagt wird kritisches Denken durch eine Aufzählung von Kriterien definiert. Denken unterliegt immer auch einer Flexibilität: „Wer denkt, kann seine Meinung ändern.“ (Seite 11) Dieses setzt demnach also die Bereitschaft zur Selbstkritik voraus; kritisches Denken verlangt die Begründung einer Aussage. Kritisches Denken gehört zur Kommunikationskompetenz, die eigentlich alle erreichen möchte. Doch nach dem Motto „grau lieber Freund ist alle Theorie“ zeigen sich die Hauptprobleme in der Anwendung kritischer Kommunikation im Alltag. Die positiven und kritischen Voraussetzungen guter Kommunikation werden in diesem Buch behandelt.

Das Buch teilt den Diskurs in 30 kleine Kapitel ein, die jeweils einen einzigen Gesichtspunkt der denkerischen Aktivität behandeln. Wissenschaftstheoretische im Allgemeinen oder philosophiegeschichtliche Diskurse spielen keine Rolle. Kritik ist also hier kleine weltanschauliche Idee, sondern die Pragmatik des Denkens überhaupt.

2 Beispiele: „Das logisch gültige Argument ist das Fundament der Rationalität.“ (Seite 19) Beispielsätze zeigen, dass Beobachtungen, inhaltliche Voraussetzungen und logische Schlüsse zueinander passen müssen. Die Frage von Weltbildern scheint einen subjektiven Aspekt zu zeigen. „Fest steht auch, dass wir von selbst bewusst entscheiden, und selbst dann unbewusste Prozesse eine entscheidende Rolle spielen“ (Seite 27).

Ein anderes Beispiel ist das, worin unsere Voraussetzungen und unsere Erfahrungen übereinstimmen. „Unsere Wahrnehmung wählt das aus, was die Verarbeitung von Informationen vereinfacht. Und das ist das, was mit unserer Weltanschauung übereinstimmt.  (Seite 31).

Diese Anfangszitate machen hoffentlich neugierig auf eine Mischung wissenschaftlicher Beobachtungen und Schlüsse, kombiniert mit Alltagsbeispielen und einfachen Anwendungen kritischen Denkens. Das Buch sollte nicht im Alltag der Universität vorbehalten bleiben.

Der Umgang mit Kommunikation braucht tatsächlich eine allgemeine Kompetenz an kritischem Denken. Aber sind wir dieser Notwendigkeit überhaupt gewachsen? Es ist zu wünschen, dass dies nicht nur an Universitäten, sondern auch in allen Schulformen gesehen und praktiziert wird.

Das Geheimnis von frühmittelalterlichen Glaubenszeugnissen in Religion, Kunst und Literatur, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2025

zu:

Tobias Daniel Wabbel: Jesus und der heilige Gral, Auf der Suche nach dem Abendmahlskelch, Bassermann Verlag im Penguin Random House Verlag, München 2025, gebunden, 256 Seiten, ISBN 978-3-8094-5123-5,

Preis: 9,99 Euro (print), eBook (Amazon), 6,99 Euro

Während es bei anderen Büchern Tobias Daniel Wabbels (Der Templerschatz, 2020 und Die Templerkathedrale 2023) um die verlorenen Schätze des Templerordens geht, spürt er hier die Ursprünge historischer und religiöser Erzählungen auf und unterzieht sie einem Wahrheitscheck.

Wie präsent kann Jesus heute sein?

In einer Zeit, in der das Leben und Wirken Jesu und der frühen Gemeinden schon über 1000 Jahre zurücklag, kam eine ungeheure Nachfrage nach Gegenständen auf, die die Erzählungen der Bibel vergegenwärtigen konnten und auf eher primitive Art beweisen sollten. Wie viele Nägel des Kreuzes Jesu und dessen Holzsplitter, wie viele Blutstropfen, Lanzen und Tücher konnten die Wahrheit der biblischen Botschaft verdeutlichen?

War etwa der schlichte Kelch des Ludgerus, der heute in der Schatzkammer in Essen-Werden ist, schon in der Hand Jesu beim Abendmahl (Bild 1 des Rezensenten)?

Um die Umstände des Abendmahls und ihre glaubwürdige Überlieferung besser bewerten und verdeutlichen zu können, orientiert sich der Autor am Ablauf der jüdischen Festmahlzeit, gleichwohl wissend, dass diese im Talmud erst später schriftlich notiert worden ist. Wie viele Theologinnen und Theologen nimmt er einfach an, dass dieser Ablauf schon eine längere Tradition besaß und daher auch für die begleitende Mahlzeit vor Jesu Kreuzigung vorausgesetzt werden kann. Vielleicht war der Kelch ja dann auch schon früh aufgefunden worden und in Jerusalem, dem Ort der späteren Grabeskirche sicher verschlossen bewahrt worden. Aber, stopp, Tobias Daniel Wabbel betont damit auch zu Recht, dass mit sogenannten Sedermahl vier verschiedene Kelche eine Rolle spielen, wobei über dreien der Segen gesprochen wird und der vierte der neuen Mahlzeit nach der Vollendung des Reiches Gottes vorbehalten bleibt.

Dann hätten es also mindestens drei verschiedene Kelche gegeben, die Jesus in der Hand hatte. Hierzu findet sich ein liturgischer Kamm, der sehr detailliert aus Elfenbein geschnitzt ist in der Domschatzkammer des Essener Münsters. (Foto des Rezensenten). Dort ist sind auf der Darstellung des Abendmahltisches 12 Jünger mit Jesus versammelt und zur Mahlzeit kommen auf den Tischen verteilt insgesamt vier Kelche zum Einsatz.

Wer oder was ist der Heilige Gral?

Warum ist dann aber trotzdem von dem einen heiligen Gral die Rede? Nach den Nachforschungen des Wissenschaftsjournalisten Wabbels war dieser Kelch, bzw. diese Schale überdies keineswegs aus Metall geformt, sondern aus einem Edelstein geschnitzt worden. Was die Sache dann noch kompliziert macht, ist, dass die Leserinnen und Leser nun einen Gegenstand suchen, mit dem bei der Kreuzigung Jesu das Blut Jesu aufgefangen worden sein soll. Dazu findet Tobies Daniel Wabbel viele noch erhaltene Kirchenausmalungen von Schottland bis Dänemark, wozu damals auch noch die Insel Rügen gehörte. Dorthin führte zuletzt die Erkundungsreise, in die der Autor die Lesenden führt. Hier findet er auch den Namen Graal/Gral, meist mit zwei „a“ geschrieben in diversen Ortsnamen wie Graal-Müritz und anderen.

Um mehr über den heiligen Gral zu erfahren, werden dazu im Mittelteil des Buches die Gralslegenden und Gralsbücher über König Artus von Chretién de Troyes und Wolfram von Eschenbach und dessen Hauptgestalt Parceval oder eingedeutscht Parsival angeführt.

Die Frage ist, ob es bei so vielen unterschiedlichen Hinweisen und Bezügen eine einheitliche Antwort geben kann und ob das Ergebnis des Buches gerade darin liegt, dieses Dilemma festzustellen. Der Volksmund sagt ja zu Recht, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. Ein Weg wäre es vielleicht, die ganze Thematik der christlichen Traditionsgeschichte zuzuordnen und dann festzustellen, dass es den einen Kelch gar nicht mehr geben kann. Doch dieses Fazit lässt der Autor offen, sondern weist lediglich darauf hin, dass wir durch unsere Suche selbst der Gestalt des Gekreuzigten näher gekommen sind, um dann zugleich festzustellen, dass sich eben nicht mehr alles in eine andere Zeit übertragen lässt.

Die Spannung zwischen Wort und Erfahrung.

Hier käme m. E. die Religion in Spiel, die anhand der biblischen Überlieferung Inhalt und Erzählung vergegenwärtigt, ohne damit zugleich zu behaupten, dass man genau weiß, wie es damals wirklich war. Dann wird die Wahrheit in der Gegenwart erfahrbar, ohne beweisen zu wollen, was damals geschah. Ich gebe Tobias Daniel Wabbel darin recht, dass sich schon vergangene Generationen an der Tradition abgemüht haben und sie in ihren jeweilig eigenen Kontext gestellt haben. Diese Vorgänge aufzuspüren in Literatur, Kunst und Religion ist wahrlich spannend. Und ist nicht eben genau dieses die Wahrheit der Auferstehung Christi, die uns fassungslos am leeren Grab stehen lässt, mit nichts anderem als der Zusage, dass Jesus immer da ist, wo wir an ihn denken, mit und ohne Kelch.