Krisen machen nicht stärker – aber klüger, Einwurf, Christoph Fleischer, Welver 2015

 

Eines meiner früheren Lieblingssprichworte ist mir inzwischen sehr fragwürdig geworden.

Es lautet: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Warum ich diesen Satz in Erinnerung habe und wo ich ihn das erste Mal gehört habe, weiß ich nicht. Auch dass er Friedrich Nietzsche zugesprochen wird, ist mir erst später bekannt geworden. Davon soll auch dieser kurze Text handeln.

Landschaft-6 von Marlies Blauth, http://www.kunst-gratisdownload.blogspot.de
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Ich weiß, dass mir dieses Sprichwort schon seit meiner Kindheit bekannt ist. Daher möchte ich kurz schildern, in welchem Zusammenhang ich dieses Wort früher gesehen habe. Dies hat mit einem Gefühl der Schwachheit oder der Schwäche zu tun. In der Tat habe ich mich von Kind an immer ein wenig schwach gefühlt; sportlich Schwache waren in der Klasse weniger angesehen. Zumindest habe ich das so gefühlt oder meinte es so zu erleben. Schwachheit war eigentlich ein Allgemeinzustand, den ich zu akzeptieren gelernt habe, woran auch die eine oder andere gute Note nichts änderte, denn man wollte ja andererseits nicht als Streber gelten.

Es gab aber auch Ressourcen, mit diesem Gefühl der Schwachheit produktiv umzugehen, Erfahrungen oder Kompetenzen, mit denen ich dagegen halten konnte; das Wort „Ressourcen“ kannte ich damals noch nicht. Ich engagierte mich politisch und war gläubig, religiös sozialisiert und im evangelischen Jugendverband CVJM tätig. Die Schwachheit war damit nicht verschwunden, aber erträglich geworden. Sie flammte in der Pubertät noch einmal auf, trat dann aber in den Hintergrund.

Ich kann aber gar nicht sagen, dass heute das Problem nicht mehr besteht. Es gibt nach wie vor Situationen, in denen ich mich wie gelähmt fühlen kann. Schwachheit ist also nicht nur eine Frage der Entwicklung. Gerade dann, wenn von mir Stärke explizit erwartet wird oder ich sie selbst von mir fordere, fühle ich manchmal besonders schwach. Es kann Situationen geben, in denen ich mich nach wie vor hilflos fühle. Im Allgemeinen ist der Alltag davon aber nicht bestimmt. Wie schon damals bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Schwächen zu akzeptieren und gleichzeitig Verhaltensweisen und Kontakte zu finden, die für mich zur Stärke werden konnten. Wenn es mir manchmal nicht so gut ging oder ich mich etwas schwächer fühlte, dann sagte ich laut oder leise zu mir: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Doch hat mir das wirklich geholfen? War es nicht einfach eine Durchhalteparole? „Krisen machen nicht stärker – aber klüger, Einwurf, Christoph Fleischer, Welver 2015“ weiterlesen

Verständigung geht über die Religion hinaus, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015

Zu: Handbuch Christentum und Islam in Deutschland, Grundlagen, Erfahrungen und Perspektiven des Zusammenlebens, Zwei Bände, Herausgegeben im Auftrag der Eugen-Biser-Stiftung von Mathias Rohe, Havva Engin, Mouhanad Khorchide, Ömer Özsoy und Hansjörg Schmid, Herder Verlag Freiburg im Breisgau 2014, ISBN 9783451311888, Preis 48,00 Euro

COVER 31188-8 Christentum und IslamDas Inhaltsverzeichnis dieses umfassenden Werkes zeigt, dass es bei der Frage des Dialogs immer zuerst um die jeweils eigene Identität und Rolle der jeweiligen Religion geht. Dazu werden zunächst religionssoziologische Fragestellungen  behandelt, die nicht nur die Stellung der Religionen allgemein in Deutschland zeigen, sondern auch die Verankerung von Islam und Christentum. Insofern ist auch aus christlicher Sicht der Artikel von Kurt Gabriel als Auswertung der jüngsten religionssoziologischen Umfragen und Bestandsaufnahmen zu beachten. Er geht davon aus, dass nach der Verabschiedung einer einheitlichen Säkularisierungsidee, die Vorstellung von „multiplen Modernen“ (S. 62) angebracht ist, die es ermöglicht, Religion nicht mehr unter der Perspektive von Abwehrkämpfen zu sehen, sondern vielmehr die Kontinuität der Religionen im Wandel der Modernen. Ein „selbstbewusster säkularer Staat“ wie „zivilgesellschaftlich vertretene christliche Kirchen und Religionsgemeinschaften“ (S. 66) bedingen einander. Da nicht von dem Islam gesprochen werden kann, kommen in den folgenden Artikel mehrere muslimische Richtungen in Deutschland zum Zuge.  „Verständigung geht über die Religion hinaus, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015“ weiterlesen

Nimm schwierige Erinnerungen mit Humor! Rezension von Emanuel Behnert, Lippetal 2015

Rezension zu: Hape Kerkeling: Der Junge muss an die frische Luft – Meine Kindheit und ich, gebunden Piper München 2014, ISBN 978-3-492-05700-4, Preis: € 19,99

cover kerkeling-10507Wer kennt sie nicht: Hannilein, Siggi Schwäbli, Beatrix, Miroslav Lemm (den Hurz-Sänger) Rico Mielke, Gisela, Uschi Blum, Eva van Dampen und last but not least Horst Schlämmer? Dem ein oder anderen sind wir sicher im Verlauf der Zeit das ein oder andere Mal begegnet. (S.29)

Rollen und Ausdrucksformen des deutschen Komikers, Autors, Schriftstellers, Schauspielers, Sänger und Synchronsprechers (Wikipedia, 30.01.2015) (Hans-Peter  Wilhelm) Hape Kerkeling. Vielfältige Ausdrucksweisen und Facetten eines bewegten und bewegenden Lebens und Schaffens, die das Publikum immer nur in Ausschnitten wahrnehmen kann, sicher oftmals ohne zu (hinter-)fragen, auch wenn manchen vielleicht manchmal genauer interessieren mag: Wer ist der, der da vor mir steht in den verschiedenen Rollen, der mich zu Lachen bringt und der – zumindest  für eine kurze Zeit – mich meinen Alltag vergessen lässt, wirklich?  „Nimm schwierige Erinnerungen mit Humor! Rezension von Emanuel Behnert, Lippetal 2015“ weiterlesen

Die unbedingte Wertschätzung eigener Erfahrungen, Rezension von Gerd Kracht, Recklinghausen 2015

Rezension zu Abraham H. Maslow: Jeder Mensch ist ein Mystiker, Impulse für seelische Ganzwerdung, Einleitung von David Steindl-Rast, Herausgegeben und mit einem Nachwort von Erhard Doubrawa, Aus dem Amerikanischen von Karola Tembrins, Peter Hammer Verlag Wuppertal, Juni 2014, broschiert, ISBN: 377950488X, 17,80 €.
(Erstmalige deutsche Übersetzung des 1964 erschienen Buches: A. H. Maslow, Religions, Values and Peace-Experience, erweitert um den 1962 erschienen Vortrag: A. H. Maslow: Lessons from the Peak-Experiences.)

41aJ0BVt7wL._SY344_BO1,204,203,200_Die einfache Sprache Maslows kommt in der Übersetzungsarbeit von Karola Tembrins und dem Nachwort des Herausgebers Erhard Doubrawa neben den treffenden Betrachtungen in der Einleitung des Benediktiners David Steidl- Rast zum Ausdruck. Auf den Punkt bringt der Benediktiner den Sachverhalt in der Einführung:
“Weltbewegende Bücher sind selten dicke Schmöker. Von Platon bis Einstein sind es oft nur dünne Bändchen. Ihr äußerer Umfang verrät nicht ihr inneres Gewicht. Auch das schlanke Büchlein, das Sie in Händen halten, enthält mehr geistigen Explosionsstoff als ganze Bibliotheken.“ 
 „Die unbedingte Wertschätzung eigener Erfahrungen, Rezension von Gerd Kracht, Recklinghausen 2015“ weiterlesen

Der religiös-maritime Ursprung des Karnevals. Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015

Zu: Vera Zingsem: Die Kölsche Göttin und ihr Karneval, Über die Ursprünge des Rheinischen Karnevals, Pomaska-Brand Verlag Schalksmühle 2015, ISBN 9783943304237, Preis 16,90 Euro

Die Koelsche Goettin_coverVera Zingsem, in Tübingen lebende Theologin, hat ihren Schwerpunkt der „Göttinnen großer Kulturen“ (Zuletzt Anakonda-Verlag 2010) in Gestalt der umgeformten Isis-Anbetung im Kölner Karneval wiedergefunden. Archäologisch sind mehrere Isistempel in Europa, z. B. Köln, Mainz, London, gefunden worden.

Der Ansatzpunkt für die Verbindung zwischen Isis und Karneval besteht für Vera Zingsem zunächst in einer Korrektur der Worterklärung für Karneval, die etymologisch sauber argumentiert. Demnach hat das Wort nichts mit dem Fasten zu tun nach carnislevamen (lat.) und italienisch carnevale, sondern leitet sich vom Schiffswagen (carnavalis = das Wagenschiff) her. Was zunächst skurril anmutet, Schiffe auf Wagen zu verfrachten und über Land zu ziehen, ist ein uralter Ritus der Isis-Tradition und gilt im Frühjahr gleichzeitig zur Begrüßung der frischen Vegetation und zur Eröffnung der Schifffahrt. „Der religiös-maritime Ursprung des Karnevals. Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015“ weiterlesen