Das Hohelied der Liebe, Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2022

Link: https://www.dumont-buchverlag.de/buch/houellebecq-vernichten-9783832181932/

Der neue Roman von Michel Houellebecq „Vernichten“ (2022) nimmt die große Frage vom Werden und Vergehen nicht in einem Akt philosophischen Exkurses auf, sondern in der Erzählung der Lebensgeschichte des Endvierzigers Paul. Paul arbeitet dem konservativen Wirtschaftsminister Bruno zu und unterstützt ihn auch als persönlicher Assistent bei der anstehenden Präsidentschaftswahl 2027. Der Roman ist in naher Zukunft in Frankreich vor einer Präsidentschaftswahl verortet, wie auch schon der Roman „Unterwerfung“. Kleine Spitzen auf gegenwärtige politische und gesellschaftliche Akteure sind bei Houellebecq natürlich en Passant eingearbeitet. Gleichzeitig wird im Genre eines Thrillers von einer geheimnisvolle Terrorismuszelle und deren globalen hochtechnisierten Anschlägen berichtet, die die Geheimdienste und Regierungen der westlichen Welt, aber auch Chinas in Angst, Schrecken und Ratlosigkeit versetzen. Einmal mehr zeichnet Houellebecq die durchaus realistische Gefahr auf, wie eine kleine Gruppe mit genügend finanziellen und technischen Ressourcen die Welt in Atem halten kann. Es bleibt bis zum Schluss in der Schwebe, wer genau hinter den gezielten Anschlägen steht.
Geschickt verwebt Houellebecq die Nachforschungen zu den Anschlägen mit der Berufsbiographie von Pauls Vater Édouard, der bis zu seiner Pensionierung für den französischen Geheimdienst gearbeitet hat.

Ehe und Familie

Um Pauls Ehe steht es schlecht. Seit über neun Jahren leben Paul und seine Frau Prudence zwar in einer schicken Pariser Eigentumswohnung, führen jedoch komplett getrennte Leben. Der Kühlschrank mit den veganen Speisen von Prudence und Pauls‘ Tiefkühlfertigkost – alles fein säuberlich getrennt – wird zum Realsymbol der Trennung von Bett und Tisch. Zu seiner Familie hat Paul so gut wie keinen Kontakt. Das ändert sich erst, als sein Vater einen Hirninfarkt überlebt und als Wachkoma-Patient in ein Pflegeheim in der Nähe seines Anwesens, das er sich mit Pauls Mutter als eine Art Refugium aufgebaut hat, eingewiesen wird.

Die Ehe des schweigsamen Vaters mit der extrovertierten künstlerischen Mutter wurde – so scheint es Paul – von dem gemeinsamen Lebensprojekt, das ländliche Anwesen zu restaurieren, zusammengehalten. Hier ist Paul, der Älteste, mit seiner Schwester Cécile und seinem um etliche Jahre jüngeren Bruder Aurélien aufgewachsen.
Die schwere Erkrankung des Vaters führt zu einer neuen Familiendynamik, angefangen von ersten Gesprächen Pauls‘ und Prudences‘, der Auseinandersetzung mit seiner im katholischen Glauben verwurzelten Schwester und seinem Schwager Hervé, und seinem innerlich weit entfernten Bruder Aurélien, der ganz im Machtbereich seiner intriganten Frau Indy steht.

Houellebecqs Kunst

Nachdem Houellebecq die Figuren seines Familienepos entfaltet hat, erzählt er – völlig unerwartet – wie neues Leben, Begegnung, Vertrauen, Annäherung und sogar ein Erwachen der Liebe geschehen. Für mich sind das die schönsten Geschichten von Liebe, die ich von Houellebecq – ja überhaupt im 21. Jahrhundert – gelesen habe. Das alles wird aus Pauls Sicht erzählt, es ist gar nicht kitschig, auch nicht romantisch, sondern schön – ein neuer Ton bei Houellebecq. „Er musste geduldig sein, sagte er sich immer wieder, sie müssten sich Zeit lassen, aber um ehrlich zu sein, war es angenehm und sogar erregend, sich Zeit zu lassen, denn am Ende würden sie einander zweifellos in die Arme fallen.“ (S.306)
Natürlich dürfen wir nicht allzu lange darin schwelgen, weiterspinnen und träumen, dafür taugt die harte und unschöne Realität nicht. Fantastisch bis grotesk wird der Vater aus dem Pflegeheim von einer Pro-Leben-Guerilla für Schwerstkranke entführt, damit er mit seiner Lebensgefährtin Madeleine zusammenleben kann.

Diese Organisation wird ähnlich wie die militanten Abtreibungsgegner in Amerika von einem schwerreichen evangelikalen Amerikaner finanziert. Pauls Schwager Hervé hat über seine katholisch- identitären Beziehungen Kontakt zu dieser rechten Untergrundbewegung aufgenommen. Hier flirtet Houellebecq wieder einmal offen mit dem rechten Spektrum. Wieso er allerdings die katholische und die identitäre Bewegung gleichsetzt, ist für mich als Deutscher nicht recht nachvollziehbar. Jedenfalls ist sein einfühlsames Schreiben über Édouards‘ Wachkoma ein Plädoyer für ein menschenwürdiges Leben bis zuletzt.

Kabale und Liebe

Kaum haben die Geschwister halbwegs zueinander gefunden, hat Aurelien die Kraft, sich nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich von Indy zu lösen. Er verliebt sich in eine der Pflegerinnen seines Vaters. Diese emanzipative Liebesgeschichte bringt zwei einsame Seelen zueinander, wobei Maryse Aurélien in die sinnliche Liebe einführt. Die hoffnungsvolle Wendung in Auréliens Leben nimmt ein jähes Ende durch einen intriganten Zeitungsartikel seiner Nochfrau Indy. Der Artikel hat den alleinigen Zweck, der gesamten Familie zu schaden. Vor lauter Scham und Schuldgefühlen nimmt sich Aurelien das Leben. Für die Familiendynamik bedeutet das einen Wendepunkt. Wie Édouard alle aufs Land zusammengeführt hat und so etwas wie Heilung im gemeinsamen Kümmern stattgefunden hat, werden mit dem Suizid alle wieder in ihr altes Leben katapultiert. Die Fliehkräfte sind größer als das Kreisen um die Mitte. Die Mitte, die Ruhe, die Stille – ja die Meditation siedelt Houellebecq auf dem Land an. Sie liegt im Schauen der Natur. Ob es Édouard ist, der stundenlang auch gemeinsam mit Paul durchs große Fenster in die Natur schaut, oder Paul und Prudence, die auf der Fahrt durch die Landschaft Halt machen und einfach nur schweigend in die Landschaft schauen, es werden die Schauenden ein Teil des Angeschauten, und es stellt sich selbst beim Lesen ein Stück Frieden ein. Dann schreibt Houellebecq Sätze wie: „Die Gottheit ruhte jetzt, in der Stille dieses schönen Wintertages.“(S.183)

Nach Aureliens Suizid hat der Roman einige Längen, wie etwa die sich anschließende Schilderung des Präsidentschaftswahlkampfs, bevor er wieder im letzten Viertel an Dichte gewinnt. Mir scheint die Konstruktion hier nicht recht gelungen zu sein, vielleicht gibt Houellebecq dem Leser aber auch bewusst eine emotionale Verschnaufpause, damit er sich ganz der wiedergefundenen Liebe von Paul und Prudence und dann Pauls Sterben hingeben kann.

Traum

In keinem seiner früheren Romane spielt das Träumen seines Protagonisten eine derart herausragende Rolle wie in „Vernichten“. Erinnert hat mich das an die großen Romane von Dostojewskij, wobei die Träume bei Dostojewskij in der Bildsprache eindeutiger sind als bei Houellebecq. Pauls Träume sind intensiv, bizarr und lang. Sie sind mitunter so gestrickt, dass der Leser mitunter überlegen muss, was Traum und was Realität ist, etwa der Suizid von Aurelien. Gerade diese Schwebe von Traum und Wirklichkeit hebt die starke Unterscheidung auf und führt zu einem durch die Traumwelt erweiterten Verständnis von Wirklichkeit. Paul ist nach außen hin der Vernünftige, der es nicht gelernt hat über seine Gefühle zu sprechen, aber er hat auch jenseits der Ratio als Person ein Unbewusstes, das zu ihm gehört. Sich Pauls Träume noch einmal genauer anzuschauen ist sicherlich lohnenswert.

Spiritualität und Religion

Noch bevor das Gespräch von Paul und Prudence in Gang kommt, entdeckt Paul, dass Prudence ein Wicca-Magazin bezieht. Auf dieses Wicca-Motiv haben sich die Gazetten, aber auch DER SPIEGEL in der Vorankündigung des neuen Romans gestürzt und meist mehr über die Wicca-Religion berichtet als im Roman darüber erzählt wird. So wird zwar erzählt, dass Prudence eine Sabbat-Feier der Wicca-Anhängerinnen besucht und das Jahr in diverse Sabbatfeste eingeteilt ist, was aber Prudence dort -wie auch viele andere Städter – erlebt oder warum sie dort für sich eine spirituelle Quelle gefunden hat, wird nicht erklärt. Es scheint aber auf eine Verbundenheit aller mit allen hinaus zu laufen. Dabei spielen die festen Prinzipien des Männlichen und Weiblichen eine besondere Rolle. (s. S. 354) Ein Schelm, wer hier nicht denkt, dass Houellebecq die Wicca-Religion gegen den Gender-Kult ins Feld führt. Für Prudence spielt ihre neue spirituelle Heimat in der Kommunikation mit Paul keine Rolle. Fast scheint es, als hätte Paul intuitiv verstanden, dass die Wicca-Spiritualität etwas mit der neuen Prudence zu tun hat. Ihr gereiftes Frau-Sein, ihre erotische Sinnlichkeit, ihre Fähigkeit im Hier und Heute zu leben und zuletzt auch in der Annahme von Pauls Sterblichkeit und ihre Hoffnung auf die Wiedergeburt ihrer Liebe in einem zukünftigen Leben sind positive Wirkungen ihrer Spiritualität. Das wird von Paul nicht analytisch zerredet, sondern dankbar erlebt. Bei Houellebecq ist die Religion lebendig und sie trägt zur Lebensbewältigung bei. Houellebecq hat kein Interesse am Wicca-Kult, er dient ihm nur als Vehikel für die Aussage, dass der Westen immer noch nicht verstanden hat, dass der Mensch ohne Religion verloren ist. Eine durch Technik, Konsum und Macht aufgebaute Gesellschaft stillt niemals die Sehnsucht der Seele nach transzendentaler Geborgenheit angesichts von Leid und Endlichkeit. Das katholische Christentum begegnet dem Leser in der Gestalt von Cécile und Hervé. Sie werden als grundehrlich, aber auch als langweilig gezeichnet, wobei Cécile als Betschwester und Ehemann-Versorgerin noch biederer daherkommt als ihr arbeitsloser Mann Hervé. Die Libido liegt eindeutig bei der Wicca-Anhängerin Prudence und bei Auréliens Liebschaft mit der aus Benin geflüchteten katholischen Maryse.

Ein Seitenhieb auf das Christentum sitzt perfekt, wenn Paul sinniert, dass Sinnlosigkeit keine christliche Denkweise sei. (428) Damit trifft Houellebecq die allgemeine Klageunfähigkeit im Christentum. Da der Erlöser schon in die Welt gekommen ist und zukünftig in Herrlichkeit alles recht ordnet, ist das Christentum der Gefahr des Duldertums ausgesetzt. (380)

Eros und Tod

Die schon auf dem Landwesens seines Vaters auftretenden dumpfen Zahn- und Kieferschmerzen Pauls‘ stellen sich als bösartiges Krebsgeschwür heraus, das sofort mit Strahlen- und Chemotherapie und dann mit plastischer Chirurgie unter Neuaufbau des Kiefers und der Zunge behandelt werden soll. Paul nimmt die Nachricht erstaunlich gelassen hin, erst mit der Zeit trifft ihn sein Schicksal als Kränkung. „Jede Krankheit war nun in gewissem Sinn eine beschämende Krankheit, und tödliche Krankheiten waren selbstredend die schändlichsten von allen. Der Tod war die ultimative Unanständigkeit.“(550)
Michel Houellebecq läuft mit der Schilderung von Pauls Auseinandersetzung mit der Krankheit von Diagnose bis Endstadium literarisch zur Hochform auf. Wer sich nicht den gesamten Roman vornehmen will, lese das letzte Kapitel sechs. (S. 499ff)

Pauls körperlicher Zerfall wird durch eine verdichtete Beziehung mit Prudence ausgeglichen. Als wäre die Liebe noch einmal zur richtigen Zeit zurückgekehrt, endet „Vernichten “ zwar mit Pauls körperlichen Zerfall, aber mit einer umso stärkeren sich entfaltenden Liebe und einem Glauben an eine zukünftige Vereinigung. Selbst der agnostische Paul lässt sich von der Beschäftigung mit Nahtoderfahrungen einen Spalt Hoffnung offen und Prudence religiöse Gewissheit lässt auch ihn Frieden finden, dass es auch mit ihr gut weitergeht. Paul und Prudence sprechen nicht viel, sie schweigen gemeinsam, spüren ihre Körper und vereinigen sich bis zuletzt mit lustvoller Hingabe. Für den einen oder anderen mag das irritierend sein, für Paul und Prudence – deren Ehe und Liebe neun Jahre auf Eis lag – ist es stimmig, schön und vor allem tröstlich. Eros und Tod sind seit der Antike bis in die Gegenwart (nicht nur) literarisch starke Kräfte, die aufeinander bezogen sind, sich abstoßen und unbändig anziehen.

Fazit

 

„Familie und Ehe waren die beiden verbliebenen Pole, die das Leben der letzten Bewohner des Abendlandes in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts ordneten.“(453) Zugleich beruhigt und erschreckt erlebt Paul, dass selbst Familie immer gleich in ihren Beziehungen untereinander ist: „unverwüstlich und hoffnungslos.“(453) Houellebecqs Untergangsphantasien des Abendlandes, nach denen das ganze System unweigerlich vor dem Kollaps steht, zieht sich scharfsinnig und grotesk durch den Roman. Halt und Neuorientierung liegen für Houellebecq in einer wie immer auch verwurzelten und gelebten kosmischen Spiritualität, die nicht wie die Ratio unterscheidet, sondern alles mit allem verbindet. Die Fliehkräfte und das Zerstörungspotential des Systems sind so groß, dass allein die erlebte Liebe zweier Menschen dem Leben Sinn abtrotzen kann.
Das ist eine sehr resignative Sicht auf die gegenwärtige Gesellschaft, die Houellebecq als unheilbar skizziert. Darin bleibt er sich treu. Neu schält sich in „Vernichten“ heraus: Erlösung und Heilung geschehen allein durch Liebe.
Das ist auch die Kernbotschaft der christlichen Religion, dessen heimlicher Bewunderer Houellebecq ist. Im christlichen Glauben und im Vollzug des Glaubens wird die Liebe nicht verengt auf die Liebe eines Paares, sondern sie umfasst alles Leben und durchdringt den ganzen Kosmos.
Mit „Vernichten“ hat Houellebecq einen vielschichtigen Gesellschafts-, Familien- und Liebesroman geschrieben. Ich hoffe, es ist nicht sein letzter!

Hundertwasserhaus

Das Hundertwasserhaus im Grugapark, Essen, ein Haus für Kinder war eine Zusammenarbeit von Friedensreich Hundertwasser mit Mc Donslds Kinderstiftung.


— Weiterlesen www.grugapark.de/erleben/fuer_kunst__und_kulturinteressierte/hundertwasserhaus.de.html

Aus dem Land der fliegenden Kohlen, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

zu: Marlies Blauth: Bilder aus Kohlenstaub, edition exemplum, ATHENA-Verlag Oberhausen 2021, schwarz-weiß, Hochglanz, 99 Seiten, Paperback, 21×25 cm, ISBN  978-3-7455-1102-4, Preis: 24,50 Euro (print)

 

Der dritte und umfangreichste Gedichtband der Malerin Marlies Blauth ist, wie schon die vorigen, mit eigenen Illustrationen bebildert. Obwohl das Coverbild mehrfarbig ist (warum?), sind alle Bilder im Text schwarz-weiß und, wie schon im Titel bezeichnet, unter Verwendung von Kohlenstaub erstellt.

Die Verwendung dieses Materials soll die Assoziation Ruhrgebiet gleich Kohlenpott hervorrufen. Zugleich ist diese Assoziation ein wenig unwirklich, da ja bekanntermaßen keine aktive Zeche mehr in diesem Ballungsraum existiert. Im Geleitwort von Margrid F. Gantenberg (Journalistin) wird zu Recht darauf hingewiesen, dass die Landschaft des Ruhrgebiets einem Wandel unterliegt. Die Region nördlich der Ruhr könnte man jetzt eher als grüne und blühende Industrielandschaft bezeichnen.

Industrie im Wandel

Hier möchte ich allerdings schon vor einer neuen Ruhrgebietsromantik warnen. Richtig ist, dass die Industrie im Wandel ist. Der immense Straßen-, Bahn und Flugzeugverkehr bringt allerdings nach wie vor einen recht eng besiedelten und nicht ganz leisen Ballungsraum hervor, in dem es gleichwohl landschaftlich interessante Zonen und Parks gibt. Durchweg von Unna bis Duisburg in der Nähe des Flusses Ruhr und in Bereichen, in denen die Landwirtschaft nie ganz verdrängt worden ist.

Marlies Blauth verschweigt Industriekolosse nicht.

Bild: Industrie – Kohlenstaub auf Malpappe [15 cm x 25 cm, 2021], S. 44

„liebliche Landschaften“

Marlies Blauth dichtet aber auch: „liebliche Landschaften/ die man hier nicht vermutet“ (S. 21).

Die alten (und neuen) Kirchen zeugen von einer geschichtlichen Kontinuität durch die Umbrüche hin zu Kohle und Stahl und von ihnen weg. Einige Bilder und Text nehmen das Motiv der Kirche bewusst auf.

Bild Landschaft mit Kirche – Kohlenstaub auf Malpappe [15 cm x 25 cm, 2021], S. 21

Umnutzung von Kirchen

Das Bild der Peterskirche aus dem Dortmunder Vorort Syburg steht dafür exemplarisch. Doch auch die Umnutzung von Kirchen ist bekannt, wie es im Gedicht Umwidmung heißt, wahrscheinlich anspielend auf die Konzertkirche in Bochum: „im übrigen ist es/ ein lichtgefluteter Raum/ für alle, die auf dem Weg sind -/ wäre da nicht/ das Kassenhaus in der Apsis:…“

Im Übrigen ist es passend zur Landschaftsbeschreibung, dass die Jahreszeiten durchwandert werden, beginnend mit dem kalten Winter, dem aufblühenden Frühjahr bis zum düsteren Herbst und der Festserie in der Weihnachtszeit. Der November wird als der „tote Monat“ (S. 63) bezeichnet. Einer der stärksten Texte ist in dieser Hinsicht das Gedicht Rombergpark Dortmund (S. 67), dass daran erinnert, dass in den letzten Kriegstagen noch im Rombergpark Gefangene der Gestapo erschossen worden sind und dann im Wald der Bittermark in einem Massengrab beerdigt worden sind.

Was die Region natürlich auch interessant macht sind die Zeugnisse vergangener Industrieherrlichkeit, wie das unterbrochene Viadukt in der Nähe des Westfalenparks in Dortmund-Hörde: „Hympendahlbrücke“

Bild: Hympendahlbrücke – Kohlenstaub/ Fineliner auf Malpappe [15 cm x 25 cm, 2021], S.69

„stolze Gerippe“

Gleiches gilt für die ehemaligen Hochöfen in Phönix-West, die heute nur noch „stolze Gerippe“ (S. 70) sind.

Das letzte Gedicht möchte ich gern hier zitieren, einen Teil der zeigt, wie die Gedichte von Marlies Blauth funktionieren. Sie dekonstruieren und rufen damit Bilder hervor:

Glaubensbekenntnis:
und wenn
niemand an mich glaubt:
mein Vater gibt mich nicht auf
meine Mutter, die Schöpfung, die Erde, der Himmel
halten mich in der Mitte

(Gedicht: Glaubensbekenntnis, S. 97)

Das Buch ist ein gutes Geschenk für Menschen aus unserer Region Ruhrgebiet.

Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2022

Rezension Denkanstöße 2022. Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft

https://www.piper.de/buecher/denkanstoesse-2022-isbn-978-3-492-31782-5

Interessanter Querschnitt

Es ist das dritte Jahr, dass ich mir die Denkanstöße zu Gemüte führe. Beim Blick in das Inhaltsverzeichnis hatte ich auf wenige Artikel Lust, jetzt kann ich sagen, dass Isabella Nelte wieder einen interessanten Querschnitt zusammengestellt hat.

Zeitzeugenschaft

Begeistert hat mich der Auszug aus der Autobiographie von Stefan Aust. Sicherlich liegt es auch daran, dass Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Rudi Dutschke Personen sind, die zum kollektiven Gedächtnis meiner Generation gehören. Hier einen Zeitzeugen zu hören, ist schlichtweg spannend.

Der Missbrauch in der katholischen Kirche

Interessanter und verstörenden als ich dachte, war der Artikel über sexuellen Missbrauch und das System Ratzinger, das gerade durch die Veröffentlichung einer Münchener Kanzlei über Missbrauch im Erzbistum München/Freising wieder hochkocht. Es war aber schon vieles bekannt, wie Doris Reisinger und Christoph Röhl in ihrem Buch „Nur die Wahrheit rettet. Der Missbrauch in der katholischen Kirche und das System Ratzinger“ überzeugend und in der Fülle der Quellen erschlagend zusammentragen. Heute am 24. März 2022 hat der emeritierte Papst zugegeben, dass er eine Falschaussage über seine Teilnahme an einer Sitzung 1980 mit Übernahme eines bekannten Sexualstraftäters aus der Essener Diözese gemacht hat. Vgl. hier S.160 ff.

Gefühle, Wünsche und Ängste in Partnerschaften

Der Bindungseffekt von Ursula Nuber regt zum Nachdenken über das eigene Verhalten und die damit verbundenen Gefühle, Wünsche und Ängste in Partnerschaften an. Es kommt schlicht und einfach geschrieben daher, aber es gewinnt an Tiefe im Rückblick auf eigene Beziehungsmuster. Dass Ursula Nuber die Zeitschrift „Psychologie heute“ herausgegeben hat, davon zeugen ihr guter Stil und ihre Recherchefähigkeit.

Natur und Gesellschaft

Was mir an Fabian Scheidler „Der Stoff aus dem wir sind. Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen“ gefällt, ist die Schärfe seiner Analyse, verbunden mit Nüchternheit, sein philosophischer Ansatz und, dass er nicht in Moralin ertrinkt. Unbedingt lesenswert!

Pandemie

Zwei weitere Beiträge beschäftigen sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der Pandemie. Der eine bietet kritisch eine Risikoanalyse, der andere fragt nach systematischer Gefahrenabwehr. Beide haben gegenüber den lauten Medien den Vorteil, langsam, leise und eher tiefgründig an das Thema heranzugehen. Allein das tut gegenüber dem Schrillen in der Medienlandschaft gut.

Diskurs über Rassismus

Mit „Der weiße Fleck“ von Mohamid Anjahid, eine antirassistische Anleitung für die weiße Mehrheitsgesellschaft in Deutschland, wird eine Stimme aus der Minderheitengesellschaft hörbar. In der Radikalität neu für mich. Ich bin gespannt, wie der gesellschaftliche Diskurs über Rassismus in unserer Gesellschaft weiter geht.

Verletzung von Menschenrechten in westlichen Demokratien

Nils Melzer ist Sonderberichterstatter der UN für Folter und Menschenrechtsverletzung und rollt den Fall Julian Assange auf. Dabei weist er nach, dass England, Schweden, Ecuador und USA Folter an Julian Assange ausgeübt haben und trotz seiner Intervention nicht zu einer rechtsstaatlichen Praxis zurückkehren wollen. Ihn treibt die Sorge um die Entwicklung von Menschenrechten bei Gefangenen in westlichen Demokratien um. Ein starker Beitrag, ein Augenöffner zur Wahrnehmung von Verletzung von Menschenrechten. Die durch Medien verbreiteten Narrative über Julian Assange ( ich ergänze über die Corona-Politik) gilt es kritisch zu hinterfragen.

Wir alle werden durch Dauerberieselung in unserer Wahrnehmung stark beeinflusst. Nils Melzer hat einen der stärksten Beiträge in den Denkanstöße 2022 verfasst.

 

 

Gelassenheit im Alter, Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2022

Rezension über Ilse Helbich: Gedankenspiele über die Gelassenheit, Literaturverlag Droschl, Graz (A) 2021, gebunden , 11×19 cm, 48 Seiten, ISBN: 9783990590768, € 10,00 (print)

 Link: https://www.droschl.com/buch/gedankenspiele-ueber-die-gelassenheit/

Gestern Abend habe ich das schmale Bändchen über Gelassenheit von Ilse Helbich gelesen, nachdem ich Auszüge davon vorher im Kulturradio WDR 3, von der Autorin selbst gelesen, gehört habe.

assoziative Geschichten

Zunächst fand ich etwas schwierig in ihre assoziativen Geschichten einzutauchen, da ich die Struktur des Büchleins nicht auf Anhieb erkennen konnte. Auch die Sprache der Hochbetagten (98J.), besonders ihr kärnt´ner Idiom, war gewöhnungsbedürftig.

Je länger ich gelesen habe, desto schöner und aufregender wurde aber ihre andere Sprache, weil sie sich nicht verbiegt und manche Gedanken erfahren allein durch ihre Sprachwendung eine neue Konnotation.

Unterschiede in den Zeitläuften

Insgesamt geht Ilse Helbich das Thema Gelassenheit sehr biographisch an. Sie zeigt den Unterschied in den Zeitläufen auf, was früher galt, was heute gilt. Dabei geht sie von der Beobachtung – besonders älterer Menschen – in ihrer Umgebung aus.

Altersweisheit

Die Einsichten in das Verhalten der Menschen zeugen von echter Altersweisheit, ihre Gedanken zu Natur, Endlichkeit und vor allen Dingen zu Meister Eckhart haben mich beeindruckt, besonders die Zeilen auf Seite 38: „Aber es ist ja so mit allem Erkannten, Erlebten und dann Ausgesprochenen, dass es unsichtbar in der Welt weiterwirkt und immer wieder und in immer neuen Bereichen Wurzeln schlägt. Und so könnte es wohl sein, dass auch heute in allen den verschiedenen Annäherungsversuchen an eine Verfassung des Gelassen-Seins noch immer etwas von den Erkenntnissen Meister Eckharts mittönt.“

Sie selbst hat eine Menge Humor, wenn Sie von sich selbst und ihren Zornfluten spricht, gerade ihre Selbstironie, aber auch und ihr Vertrauen in das Leben machen das schmale Bändchen zu einer spirituellen Quelle der Freude.