Ausstellungseröffnung Iserlohn: Stadt Kirche Bürgertum, Ein Bericht von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2021

Als ehemaliger Bürger und gebürtigem Iserlohn interessiert mich manche Meldung, die ich durch den Pressedienst erhalte. So auch die Einladung zur heutigen (7.11.2021) Ausstellungseröffnung im Stadtmuseum Iserlohn.

Wie die Kuratorin zu recht deutlich machte, liegt das Museum so nah am Kirchenensemble der Bauernkirche und der Obersten Stadtkirche, dass es nahe liegt, dazu eine Ausstellung zu machen.

Iserlohner Künstler malen Ihre Kirchen

In der Ausstellung am Ende, aber im Raum doch dominant, zeigen sich die zahlreichen Gemälde bekannter Iserlohner Künstler. Die Obersten Stadtkirche taucht dort immer wieder als das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt auf.

Dr. Sandra Hertel (im bild rechts), die durch die Ausstellung führte, sagte, dass sie im Stadtmuseum die Coronazeit genutzt hätten, den große Bestand an Gemälden zeitgenössischer und kürzlich verstorbener Künstler des 20. Jahrhunderts zu sichten und dass ihnen dabei die vorherrschende Rolle besonders der obersten Stadtkirche aufgefallen sei.

Stadt- und Kirchengeschichte verzahnt

Während die Stadt Iserlohn zunächst im Baarbachtal nahe der jetzigen Bauernkirche entstanden sei, war die Oberste Stadtkirche als etwas spätere alte Kirche auf dem Fels des Bilstein gebaut worden, von wo ausgehend eine Festung entstehen sollte, die jedoch danach zur befestigten Stadt gedieht.

Marientafeln und Reformationsgeschichte

Anhand der Marientafeln wurde klar, dass die Iserlohner Bürgerschaft über genügend Mitteln verfügte, um für die Kirche in Flandern einen Flügelaltar anfertigen zu lassen. Als man sich entschied, der Gemeinde die geschnitzte Seite permanent zu zeigen, wurden die sogenannten Marientafeln abgenommen und über dem Chorgestühl montiert.

Zwei Tafeln, die mit einem gekrönten König und mit Maria sind an das Ladnesmuseum in Münster gegangen.

Bürgertum und Kirchenbestand

Immer wieder wurde die feste Verbindung zwischen dem Bürgertum und der Kirche deutlich, im Kirchenbuch, im Visitationsbericht, in vorzeigbaren Kirchengegenständen wie dem Abendmahlsgeschirr. Die Stadt Iserlohn gibt es nicht ohne die Oberste Stadtkirche.

Immer wieder wurden so auch aktuelle Zeitströmungen im Bereich des Kircheninventars und seiner Veränderung deutlich. Wie zum Beispiel an der Veränderung des Orgelprospekts gezeigt werden konnte. Interessant war auch der Werdegang der Namensschilder im Kirchengestühl, die früher sogar das Wappen der jeweiligen Familien enthielt. Die Interessante Ausstellung zur Geschichte der Obersten Stadtkirche ist noch bis zm 27. Februar 2022 im Stadtmuseum Iserlohn zu besichtigen.

Link zur weiteren Information: https://www.iserlohn.de/kultur/museen/stadtmuseum-iserlohn/sonderausstellung

Predigt zum Gedenken der Reformation 2021: Geschenkte Freiheit, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

 

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1)

Liebe Gemeinde,

das Stichwort Freiheit wurde genau vor 500 Jahren mit der Freiheitsschrift Martin Luther zum Initial der Reformation: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Vielleicht war dieser Auftakt einer neuen kirchlichen Bewegung so klar und deutlich, dass er gleich den Bauernkrieg mit ausgelöst hat und religiöse Bewegungen wie die Täufer, die über das Ziel hinaus schossen.

Doch wie ist das heute mit der Freiheit? Landauf, landab machen sich viele Menschen Gedanken, wie unsere evangelische Kirche sich den Herausforderungen der Zeit stellen soll. Es gibt viele gute Ansätze und neuerdings auch ein Positionspapier der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland mit dem Titel: „E.K.I.R. 2030. Wir gestalten ‚evangelisch rheinisch‘ zukunftsfähig“. Im Positionspapier wird auf die protestantische DNA ecclesia semper reformanda hingewiesen, was soviel heißt wie: Die Reformation der Kirche ist nie abgeschlossen. Eine Kirche, die an alten Strukturen festhält, ist nicht offen für die lebensstiftenden Bewegungen und Veränderungsprozesse des Geistes Gottes.

Von der Notwendigkeit alte Strukturen aufzubrechen

Von der Notwendigkeit alte Strukturen aufzubrechen und neue Wege als Kirche zu gehen sind so gut wie alle überzeugt. Was aber ist ein guter Weg und wie können wir das beurteilen? Gibt es dafür theologische Kriterien oder gar eine Unterscheidung der Geister? In vielen grundsätzlichen Fragen herrscht Uneinigkeit. Das verunsichert viele Menschen.

Uneinigkeit ist erst einmal gar nicht schlimm, wenn sie produktiv ist, wenn Unterschiede deutlich werden und die gemeinsame Suchbewegung nicht dauerhaft gelähmt oder gar verlassen wird. Schon viele engagierte Christinnen und Christen haben sich mit aller Kraft für Veränderungen eingesetzt und sind dabei aufgerieben worden.

Sicherlich gibt es nicht nur ein Kriterium, um zu prüfen, ob die angestrebten Veränderungen mit dem, was die Kirche verkündigt und was ihr Innerstes ist, übereinstimmen. Jedoch sollte ein Kriterium, das aus meiner Sicht für die protestantischen Kirchen zur Urerfahrung als Glaubensgemeinschaft gehört, unbedingt berücksichtigt werden: Freiheit

Hier sind einige, nicht abgeschlossene oder gar annähernd vollständige Gedanken dazu:

Geschenkte Freiheit

Wir müssen uns die Freiheit nicht erarbeiten. Sie ist uns von Gott geschenkt. Unser Erlöser, unser Bruder und HERR Jesus Christus hat uns zur Freiheit befreit. Wir sind befreite Kinder Gottes und erleben diese Freiheit im Glauben. Gottes Geist teilt uns die Freiheit, die uns niemand streitig machen kann, mit. In der Gemeinschaft der Glaubenden bezeugen wir einander diese Freiheit. Das heißt konkret, wir sehen unser Gegenüber und die Anderen nicht von ihren Fehlern und Defiziten, sondern von Gott her, der uns alle zur Freiheit beruft, aufrecht und selbstverantwortlich unseren Glauben und unser Leben in dieser Welt zu leben. Die durch Gott geschenkte Freiheit ermöglicht Veränderungen und Neuanfänge, ohne Identität zu verlieren. Diese geschenkte Freiheit hat auch Bestand in schmerzhaften Prozessen, in Trauer über das Verlorene, über den Rückbau von Strukturen und selbst im Verlust von Kirchen und Gemeinden. Die geschenkte Freiheit macht uns heilsam passiv und gleichzeitig wachsam, widerständig und lebendig. Durch die von Gott geschenkte Freiheit wird der Mensch zu seinem rechten Maß befreit, das heißt er muss nicht alles selbst leisten, sondern er ist schon frei und darf das ausleben, was Gott an Möglichkeiten in ihm angelegt hat.

Ich träume von einer Kirche, die von der geschenkten Freiheit Gottes her lebt, denn nur diese Kirche hat eine befreiende Botschaft für alle Menschen, nur diese Kirche hat ein weites Herz und weiß die Quelle ihrer Kraft nicht in sich selbst, sondern in Gott.

 

Freiheit und Liebe

Die geschenkte Freiheit ist kein Selbstzweck. Sie führt zur Verantwortung an dem Platz, wo wir als Gemeinde leben. Die geschenkte Freiheit ist der bleibende Auftrag, Kirche zu gestalten und erlebbar zu machen, dass Menschen in ihr diese Freiheit schmecken, von ihr angezogen werden, gestärkt werden ihr Leben zu bewältigen. Umgekehrt muss sich unsere Gemeinde immer wieder fragen lassen: Erleben denn Menschen bei uns diese Freiheit des Glaubens? Wie kann die und der Einzelne die geschenkte Freiheit – Gottes unbedingtes Ja zu ihr und ihm – erfahren? Was brauchen die Menschen wirklich? Was gibt ihnen Halt und Sinn? Wie können sie, wie können wir aus Entwurzelung, Einsamkeit und Überdruss, aus krankmachenden Strukturen ausbrechen, ohne sich wieder anderen ambivalenten Mächten auszusetzen? Das geht nur im Erfahrungsraum der Liebe, der geschenkten Freiheit. Es gilt die Sehnsucht nach Gott, die Sehnsucht nach Angenommensein und Dazuzugehören, aufzugreifen. Es gilt auch die Sehnsucht nach Partizipation und Selbstwirksamkeit, nach Resonanz, die die Menschen heute umtreibt wirklich ernst zu nehmen.

Ich träume von einer Kirche als Resonanzraum für Menschen, die auf der Suche sind nach Gott und seiner Wirklichkeit.

Ich träume von einer Kirche, die Zeugin ist von der Liebe Gottes und deren schwacher Glaube nicht aufhört in der Liebe tätig zu sein. (Gal 5,6b).

 

Freiheit und Wahrheit

Die Freiheit ist in die Wahrheit verliebt. In Wahrheit mutet die Kirche der Welt ihre Botschaft von der Versöhnung zu. Diese Versöhnung wird in der Gemeinde selbst gelebt, das heißt: Die Wahrheit mutet sich den Anderen zu. Nur im Geist der Wahrhaftigkeit kann Freiheit gedeihen und Liebe Wurzeln schlagen.

Martin Luther hat einmal sinngemäß gesagt: Das christliche Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden. Ich glaube, der Satz stimmt auch, wenn wir ihn auf die Kirche übertragen. Die christliche Kirche ist nicht ein Kirche-Sein, sondern ein Kirche-Werden. Diese Haltung, dass wir unterwegs sind, dass wir nach vorn ausgerichtet sind, immer wieder Gemeinde-Werden, gilt es einzuüben. Dann halten wir nicht nur an dem fest, was war oder ist, sondern richten uns auf das aus, was werden kann. Wir sind und bleiben für Gottes Wirken offen, für Veränderungen an und durch uns.

Ich träume von einer Kirche, die der Wahrheit verpflichtet ist und wahrhaftig miteinander umgeht. Ich träume von einer Kirche, die ein Raum der Freiheit ist, wo Wahrhaftigkeit und Vertrauen gedeihen.

 

Freiheit und Gerechtigkeit

Wenn die geschenkte Freiheit nicht zur Gerechtigkeit im Umgang miteinander, im Sehen und Gesehen-Werden, in der Verteilung der Güter, dass alle ausreichend zum Leben haben, in der gleichen Würde aller Menschen ohne Ansehen der Person führt, dann kann sie noch so geistlich vor sich hergetragen werden, sie wird dem Willen Gottes nicht gerecht. Wo Gerechtigkeit nicht angestrebt wird und Fuß fasst, ist die Freiheit ein Spielball der Macht und der bestehenden Verhältnisse.

Ich träume von einer Kirche, in der es gerecht zugeht und die zu Recht und Gerechtigkeit beiträgt.

 

Liebe Gemeinde,

das sind nur einige Gedanken zu einer Kirche, die in unserer Gesellschaft im Umbruch steht. Die neue Gestalt der Kirche ist noch nicht erkennbar, um sie wird gerungen. Wir dürfen ganz aktiv auf Gott vertrauen und darin völlig passiv sein, dass Gott seinen Weg mit unserer Kirche gehen wird. Hier sind das Gebet und das Hören auf Gottes Wort und seinen Geist gefragt. Wir sind Empfangende, darin bin ich gewiss. Und wir dürfen mit unserem schwachen Glauben und unseren vorläufigen Erkenntnissen mit Herz und Verstand neue Kirchenformen denken, wagen und gestalten, aber wir sollten niemals vergessen:

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ (Gal 5,1)

Amen

Persönliche Rezension zur Trauer, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2021

Zu:

Hansjörg Znoj: Ratgeber Trauer, Informationen für Betroffene und Angehörige, 2., überarbeitete Auflage, Hogrefe Verlag, Göttingen 2021, broschiert, 64 Seiten, ISBN: 978-3-8017-2976-9, Preis: 9,95 Euro

Bereits vor einiger Zeit erhielt ich vom Hogrefe Verlag den “Ratgeber Trauer” als Rezensionsexemplar, leider kam meine Lektüre etwas ins Stocken. Traurige Aktualität erhielt der Ratgeber für mich durch den Tod meiner Frau im April dieses Jahrs, der auch Anlass einer kurzen Betätigungspause im Blog war.

Der Tod gehört theologisch immer zu meinen Interessensgebieten, was bei der Beerdigungspraxis im Pastoralberuf ja auch nicht unüblich ist. Ich habe zudem an der Uni ein sehr interessantes und vielseitig angelegtes Tod-Seminar am Institut für christliche Gesellschaftswissenschaften besucht.

Das Seminar ist jetzt fast 40 Jahre her, aber der Name Yorick Spiegel hat sich mir eingebrannt. Seine Lehre von den Trauerphasen war lange prägend und taucht auch im Buch von Hansjörg Znoj wieder auf. Das Buch ist ein schmaler, aber wissenschaftlich fundierter Ratgeber von insgesamt nur 64 Seiten. Ich halte die Empfehlung, das Buch an Trauernde weiterzugeben trotzdem nicht für sinnvoll.

Handout für Betroffene?

Ein Ratgeber in wissenschaftlicher Fachsprache kann kein Handout für Betroffene sein. Das bedeutet nicht, dass dafür nur das wissenschaftliche Publikum in Frage kommt. Jede Person, die irgendwie und irgendwann mit der Begleitung Trauernder zu tun hat, sollte den Inhalt der Broschüre kennen.

Was ist Trauer? Wie äußert sie sich? Was ist normal? Was könnte auf eine Trauerstörung hindeuten?

Phasen von Schock bis zur Neuorientierung

Wichtig fand ich im Vergleich zur älteren Trauerliteratur etwa, dass sich die Phasen von Schock bis zur Neuorientierung nicht wie auf einem Stundenplan verhalten. Gemeint sind eher Erfahrungsebenen, die nebeneinander, übereinander, miteinander und eben nicht schlicht nacheinander geschehen.

Auch sind trauernde Menschen im Prinzip alltagstauglich. Trauer ist keine Krankheit, wenn sie auch belastend ist. Auch in praktischer Hinsicht ist Entlastung sinnvoll.

Trauer hat schon Ähnlichkeit mit einer Depression und ich habe den Verdacht, dass beide Zustände darin verwandt sind, dass sie manchmal unbewusst ablaufen. Ich denke als psychologischer Laie, dass bei einer Depression auch eine Trauererfahrung oder ein Trauma im Hintergrund stehen können.

Trauer kein permanentes Gefühl

Wichtig war für mich bei der Lektüre des Ratgebers eine Sache, die ich in meine eigene Trauer hineingenommen habe, nämlich, dass die Trauer kein permanentes Gefühl ist. Sie ist eine Vorbelastung aufgrund der Erfahrung des Todes, die unterschwellig präsent ist und situativ aufleuchtet. Daher meine ich auch, dass man sich nicht zwangsläufig nach außen hin als Trauernder darstellen müsste.

Der Ratgeber geht für mich ein wenig zu schnell in die Richtung der pathologischen Trauer bzw. der Trauerstörung, obwohl es schon ein wichtiger Aspekt ist.

Ich persönlich habe den Rat des Ratgebers nicht befolgt, mit dem Umzug bis zum Ende des Trauerjahres zu warten. Im Gegenteil: Ich könnte unter bestimmten Umständen das Aus- und Aufräumen und die Wohnungssuche auch als tätige Trauerbewältigung sehen. Ich konnte und wollte mich mit dem Aufenthalt im großen und nun fast menschenleeren Haus nicht abfinden und bin bewusst in eine Wohnung gezogen.

Wo bleiben die Abschiednahme und das Gedenken?

Was mir insgesamt im Ratgeber fehlt, ist der bzw. die Verstorbene selbst. Im Gegensatz zur religiösen Trauerbewältigung bzw. Trauerbegleitung, fehlt hier mit der Abschiednahme auch das Gedenken. Der Ratgeber ist ausschließlich an der Person der Trauernden interessiert und blendet das Objekt der Trauer, das verlorene Gegenüber (weitestgehend) aus.

Ich bin wahrlich kein Friedhofsgänger, weil ich den bzw. die Verstorbenen eher im Leben vermute als im Grab. Aber trotzdem hat auch mir der gelegentliche Blumengruß oder der Besuch am Grab gutgetan und geholfen, mich zu orientieren.

Die im Ratgeber präsentierte neuere und auch schon die ältere Richtung der Psychologie tut m. E. gut daran, nicht nur über den Objektverlust zu reflektieren, sondern auch darüber, wie sich die bleibende Gegenwart der Verstorbenen in uns selbst gestaltet, z. B. als unterschwellige Erinnerung. Das gilt doch auch für andere Arten des Verlustes.

Martin Heidegger schreibt sinngemäß, dass das Leben nur nach vorn und in die Zukunft hineingelebt, aber dass es nur im Blick in die Vergangenheit verstanden werden kann.

Dazu reicht es meines Erachtens nicht aus, nur die Verstorbenen als Verluste und Aufgaben zu sehen. Oft wird mir dann, wenn ich etwas verliere, dessen Wert erst richtig bewusst. Diese Erfahrung des Bewusstseins sollte auch auf der Seite der Psychologie mehr gewürdigt werden.

Reflektierend möchte ich am Schluss über den Ratgeber sagen, dass er ein wichtiges Hilfsmittel für die Begleitender Trauender und ggf. ihrer Therapie darstellt. Da Betroffene im Allgemeinen nicht die Reflektionsebene der wissenschaftlichen Psychologie nachvollziehen können, sehe ich diesen Ratgeber wie schon oben ausgeführt, nicht als Handout für Betroffene, sondern als Hilfsmittel für Begleitende an.

Klar ist, dass wir Betroffene, die wir Menschen in der Begegnung mit dem Tod nun einmal sind, damit zu leben haben, dass das Leben Fragen aufwirft, die wir uns nicht beantworten können und müssen. Aber es schenkt uns auch unendlich viel, das in der Erinnerung präsent bleibt. Das schließt auch eine neue Liebe nicht aus, sondern eröffnet gerade den Weg dorthin.

Hierzu gibt es keinen besseren Text als das Stufengedicht von Hermann Hesse, in dem es zum Ende heißt: „Nimm Abschied und gesunde.“

Frankfurter Buchmesse 2021, Notizen, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2021

 

Foto Niklas Fleischer

Vorrede: Anmerkung zum Format dieses Kurzberichts.

Dem zuvor erschienen Bericht von Niklas Fleischer kann ich nur zustimmen und möchte keinen zweiten anfügen. Niklas hat mich lediglich gebeten, seinem Bericht meine inhaltlichen Notizen hinzuzufügen. Ich muss zugeben, dass ich diese erst aus dem Fundus meiner Mitbringsel rekonstruiert habe. Es geht ja eigentlich auch nur darum, dadurch zu veranschaulichen, dass die traditionelle Buchmessenarbeit durchaus möglich war und vielleicht abgesehen von der etwas schlechteren Auswahl durch die neue Raumaufteilung auch weniger hektisch ausgeführt werden konnte. Ich habe gerade in dem Bericht der Frankfurter Buchmesse selbst noch gesehen, dass das Programm digital zu verfolgen war. Daran haben wir nun offensichtlich weniger teilgenommen, aber das ist trotzdem gut und sinnvoll, zumal diese Beiträge ja meist auch später noch eingesehen werden können.

Foto Niklas Fleischer
Ein Hinweis:

Da dies bewusst nur Notizen sind, führe ich das Format der Buchangaben nicht so gründlich aus, bitte also die Leserinnen und Leser sich im Internet durch Stichwortsuche einen passenden Ort für ihre Recherchen zu suchen. Meist sind das die Verlagsseiten, aber auch die Portale der großen Internet-Buchhändler.

Blaue Frau

Zunächst fiel mir die „Blaue Frau“ von Antje Ravik Strubel aus dem Verlag S.Fischer ins Auge, da es die diesjährige Preisträgerin des deutschen Buchpreises ist, und ich vor der Buchmesse davon gehört hatte. Es interessiert mich auch inhaltlich, da es um die Aufarbeitung einer Vergewaltigung geht, die als Traumatisierung einen Menschen das ganze Leben verfolgen kann. Der Verlag S. Fischer wartete seit 2007 auf einen erneuten Buchpreis. Es ist wirklich einer von den guten Literaturverlagen.

Foto Niklas Fleischer

Mensch, Gott

Bei Suhrkamp finde ich eine Auswahl von Texten von Wolf Biermann unter der Überschrift, „Mensch, Gott“ mir wird sofort klar, dass die Texte, nicht nur die Lieder von Biermann auch religiöse Anspielungen haben und profan christliche Inhalte verbreiten. Man denke nur an das Lied: „Ermutigung“, das in der christlichen Friedensbewegung rauf und runter gesungen wurde. Da ich den Newsletter von Suhrkamp bekomme und im Blogger-Verteiler bin, versuche ich mal ein Rezensionsexemplar zu erhalten.

 

Michelangelo

Bei Wagenbach, dem linken Literaturverlag, finde ich den Schwerpunkt „Kunst“ interessant. Erste Raffaels Schule von Athen und jetzt „Michelangelo“, das fällt ins Auge. Man setzt dabei auf Qualität. Der Preis des Buches wird ab dem 1.1.2022 bei 98,00 Euro liegen, vorher ein wenig niedriger. Da kann man nur sagen: Was nichts kostet, das taugt nichts.

 

St. Maria zur Wiese

Machen wir bei Kunst weiter: Da meine Wege neuerdings in die Normandie führen, fiel mir das Buch über die Normannen ins Auge. Es sind zwei Ausstellungsbände zum Preis von einem, 49,00 Euro und ist eine Koproduktion von „Schnell und Steiner“ mit der Stadt Mannheim. zu Hause nehme ich den Katalog zur Hand und finde etwas, das mir auch sehr interessant erscheint mit lokalem Bezug: Eva Maria Bongardt: „Die Kirche St. Maria zur Wiese in Soest und ihre Bildausstattung.“ Das Buch ist bereits erschienen und kostet ambitionierte 76,00 Euro. Wer die Kirche kennt und vielleicht schon Gottesdienste dort gefeiert hat, weiß, dass die Bildaustattung phänomenal ist.

Pandemie, die erste

Beim Passagen-Verlag aus Wien fiel mir auf: Jean-Luc Nancy: „Ein allzu menschlicher Virus“. Das Buch ist frisch erschienen. Die Pandemie gibt in der Tat zu denken. Das Büchlein ist zudem auch nicht allzu dick. Für mich ist Jean-Luc Nancy als Schüler irgendwie auch inhaltlich der Nachfolger von Jacques Derrida, der Begründer der Postmoderne.

Liberale Glaubenshaltung

Kommen wir mal zu religiösen Themen: Beim Vier Türme Verlag des Benediktinerklosters Münsterschwarzach schreibt der allseits bekannte Anselm Grün, und vermittelt eine sakrale Haltung, die mit der modernen Lebensauffassung vereinbar ist und spirituelle Impulse gibt. Reizvoll sind dazu im Katalog die Neuerscheinungen „Checkliste Himmel“, Glaube zum Ausfüllen. Oder genauso postmodern: Gesine Palmer: „Vielfalt statt Konsens in den Religionen“. vielleicht wird die liberale Glaubenshaltung, von der hier die Rede ist, auch mal die Kirche retten.

Geschlechtervielfalt

Hierzu gibt es im eher unbekannten Verlag Nünnerich-Asmus (www.na-verlag.de“ ein Ausstellungskatalog mit dem sinnigen Titel „G*tt w/m/d“, Geschlechtervielfalt in biblischen Zeiten. Die dazu gehörige Ausstellung wird bis zum 19.12.2021 im Bibelhaus Frankfurt gezeigt.

Jesus oder Paulus

Bei C.H.Beck fällt mein Blick auf das Buch von Johannes Fried: „Jesus oder Paulus“ (22,00 Euro). Ist ja klar: wenn Jesus nicht am Kreuz gestorben ist, wie Fried in einem andren Buch darstellt, dann muss er nach der Kreuzigung weitergelebt haben. Doch davon ist außer bei als Erscheinung des Auferstandenen in der Bibel nicht die Rede. Wäre also spannend zu lesen, wie der Altmeister der profanen Geschichte die Gegenwart Jesu weiter begründet. Auch der richtige Tod des Erlösers würde mich dann auch interessieren.

Ist die Zukunft der Kirche bezahlbar?

Pragmatisch ist da eher der Neuenkirchener Verlag mit der Arbeit von David Guttmann und Fabian Peters: #Projektion2060, Die Freiburger Studie zu Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer, Analyse – Chancen – Visionen, 26,00 Euro. Es ist diesmal keine Umfrage, sondern eine ökonomische Studie, die sich sehen lässt.

Etwas Psychologie zum Schluss:

Bei Hogrefe greife ich das Gesamtverzeichnis 2022 ab, zumal da noch einige Rezensionen offen sind. …

Beim Psychosozialverlag aus Gießen wird ein Buch aus 2020 offen verschenkt: Steven Taylor: „Die Pandemie als psychologische Herausforderung“ (Übersetzt aus dem Amerikanischen).

Eine Neuerscheinung berührt mich persönlich: Anja Röhl: Heimweh-Verschickungskinder erzählen, Hardcover, 24,90 Euro (weitere Info hier: www.verschickungsheime.de).

1700 Jahre jüdisches Leben

Zu guter Letzt: Aus dem Homunculus-Verlag bekomme ich hoffentlich recht bald das Rezensionsexemplar von Uwe Seltmann: „Wir sind da! 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland.“ Es ist kein Katalog zur gegenwärtigen Jubiläumsausstellung, sondern eher ein begleitendes Sachbuch.

Wäre doch gelacht, …

…wenn ich von dieser Buchmesse nicht auch Anregungen und Lesetipps mitgenommen hätte. Mein Eindruck: Die bleibende Präsenz der Verlage ohne Massenandrang ist für diese Aufnahme von Informationen kein Nachteil gewesen.

Foto Niklas Fleischer

Bericht mit Fotografien von der Frankfurter Buchmesse 2021 – Gastland Kanada Niklas Fleischer, Dortmund 2021

Foto vom Autor: Blick auf die Agora der Buchmesse, mit Messeturm

Einleitung

Messen… Mensch, da war ja mal etwas, bevor Covid-19 die Art, wie wir öffentlich umgehen und uns mit anderen Menschen versammeln gänzlich umgekrempelt hat. Zur Erinnerung, die Älteren werden es auch noch kennen: der Duden beschreibt Messen als „große [internationale] Ausstellung von Warenmustern eines oder mehrerer Wirtschaftszweige“.

Vorahnung auf einen anderen Messeverlauf

Genug der der Ironie: Ziemlich genau vor zwei Jahren habe ich hier an dieser Stelle das letzte Mal von der Buchmesse berichtet – zwei Jahre, in denen eher viel passiert ist. Auch wenn das öffentliche Leben durch die Impferfolge langsam wieder Fahrt aufnimmt, sind Zusammenkünfte mit vielen Menschen – zu mindestens für mich – immer noch etwas Ungewohntes, nahezu Befremdliches. Umso mehr habe ich mich gefreut, in diesem Jahr wieder auf die Buchmesse zu fahren – mit der Frage im Hinterkopf: Wie würde es wohl sein?

Re:Connect

In diesem Jahr hat sich die Frankfurter Buchmesse selber den Titel „Re:Connect“ gegeben – eigentlich ein ziemlich technischer Begriff, bei genauem Hinsehen aber eigentlich recht passend:

In der IT bezeichnet ein „Reconnect“ einen erneuten Verbindungsaufbau, beispielsweise nach einem Verbindungsabbruch. Wenn wir also unseren Internet-Router Zuhause neu starten, beispielsweise weil die Videokonferenz im Home-Office zur Diashow wurde, oder abends Netflix Probleme bereitet – dann ist das ein Reconnect. Wir versuchen, eine verlorene Verbindung wieder aufzunehmen – im Falle der Buchmesse sicherlich den menschlichen Kontakt zwischen AutorInnen, Verlagen und LeserInnen.

Foto vom Autor: Bücherstapel beim Lübbe-Verlag
Wie würde also dieser „erneute Verbindungsaufbau“ mit der Literaturwelt sein?

Für den Besuch hatten wir uns in diesem Jahr einen Fachbesucher-Tag ausgesucht. An diesen Tagen dient die Frankfurter Buchmesse einzig und allein Fachbesuchern, und wie in unserem Fall natürlich Bloggern und Journalisten. Verkauft wird an diesen Tagen – von Ausnahmen, wie z.B. Papeterie abgesehen – nichts, stattdessen dient die Messe an diesen Tagen der Geschäftsanbahnung zwischen Verlagen und Buchhändlern, Autoren und Verlagen, fremdsprachigen Verlagen und Übersetzern, etc. Die Öffentlichkeit hat noch draußen zu bleiben.

Hierdurch bleibt der große Andrang an diesen Tagen aus – bei meinem Besuch im Jahr 2019 wirkte die Messe an einem öffentlichen Besuchertag beinahe schon überfüllt – und kann sich in Ruhe der Geschäftsanbahnung und dem Empfang von Geschäftskunden an den Ständen widmen.

 

Der Einlass

Nach Prüfung des Tickets, des Impfnachweises und Personalausweises ging es also endlich los, wir konnten die Fahrbänder betreten und uns in Richtung von Halle 3.1 aufmachen. Was hier direkt auffiel: Von Überfüllung konnte keine Rede sein. Abstandsregeln konnten problemlos eingehalten werden. Ob dies am Fachbesuchertag lag, oder an der generellen Ticketbegrenzung auf 25000 Besucher, kann ich mangels einer Vergleichsmöglichkeit nicht genau sagen – vermutlich war es eine Mischung aus beidem. Dem Sicherheitsgefühl war dies für mich aber eher zuträglich.

Foto vom Autor: Fahrband / Skywalk („Via Mobile“)

Halle 3

Zur Erklärung, Halle 3 ist normalerweise der „Hot Spot“ der Buchmesse. Im Untergeschoss 3.0 tummeln sich die großen Deutschen Belletristik-Verlage, die viele Menschen anziehen und normalerweise Menschenaufläufe garantieren. Im Obergeschoss 3.1 finden sich hingehen spezialisierte Verlage. Schon beim Studium der Hallenpläne fiel eine Veränderung auf: Auch die wissenschaftliche Literatur – 2019, wenn ich mich recht erinnere, noch ein ganzes Stockwerk einer der kleineren Hallen – fanden sich nun hier.

Entdeckungen im Obergeschoss

Wir kamen über den Skywalk zuerst in Halle 3.1 an. Wie schon beim Eindruck war es nicht zu voll – im Gegenteil. Ein surreales Gefühl schlich sich bei mir ein: Bin ich wirklich schon auf der Buchmesse?

Foto vom Autor: Social Distancing

An dieser Stelle kamen bei mir langsam leise Zweifel auf, ob sich die Buchmesse in diesem Jahr für alle Beteiligten wirklich lohnt – oder ob es sich eher um eine Generalprobe handelt – um für die Post-Covid-Zeit nicht völlig aus der Übung zu kommen. Für Menschen, die in Pre-Covid Jahren auf der Buchmesse waren, hatte dieser Anblick definitiv etwas Surreales.

Andererseits: Man konnte die vielen Stände genießen, ohne ständig von Menschentrauben umringt zu werden. Die Atmosphäre hatte beinahe etwas Ruhiges, Intimes. Nicht unbedingt etwas, was Geschäftsleute sich wünschen, die dieses Jahr angesichts Papierknappheit und Inflationsrisiken schon genug Sorgenfalten zulegen werden – als Besucher fand ich dies jedoch eher angenehm.

Highlights und Bemerkenswertes

Dennoch war auch diese Halle mit Highlights gesegnet, beispielsweise der wie jedes Jahr großartige Stand der „Stiftung Buchdruckkunst“, andererseits auch spannender Stände politischer Bildung, wie der Neuen Darmstädter Verlagsanstalt.

Foto vom Autor: Shortlist des Förderpreises für Junge Buchgestaltung

Noch einmal zurück zur „Stiftung Buchdruckkunst“: An diesem Stand wird, wie jedes Jahr erneut deutlich, dass Bücher auch eine visuelle und haptische Kunstform sind. Im vorherigen Bild ist die Shortlist eines Förderpreises für Junge Buchgestaltung zu sehen, auf der mir vor allem das Buch „Berlin Maps“ aufgefallen war.

Nach einem eher längeren Verbleib bei diesem Stand ging es also weiter. Ein Stand pries Bücher unter dem Schlagwort „Anti-Idiotikum“ an, hier verschwand für mich aber leider der literarische Inhalt etwas unter der sehr plakativen Aufmachung.

Foto vom Autor: Anti-Idiotikum
Das Erdgeschoss – Tummelplatz der großen Verlage, aber nicht unbedingt Tummelplatz vieler Besucher

Nach einer kurzen Frischluft-Pause ging es ins Erdgeschoss, der Halle 3.0. Hier wird geklotzt, und nicht gekleckert. Auch hier – 2019 war kaum ein Durchkommen – konnte man sich jedoch bequem bewegen und Abstandsregeln einhalten. Die Bücherstapel der großen Verlage waren auch in diesem Jahr vorhanden, und auch bei der Standdekoration wurde vielerorts nicht gespart. Andererseits gingen andere Verlage in diesem Jahr auch anders an die diesjährige Buchmesse – meiner Meinung nach etwas realistischer.

Der Moritz-Verlag beispielsweise ging erfrischend an das Messejahr und aktualisierte den Jubiläums-Messestand aus dem Jahr 2019 mit ein paar kreativen Eddingstrichen auf das Messejahr 2021. Sicher, eher aus der Not heraus geboren, für mich jedoch eine großartige Analogie dafür, dass in diesem Jahr eben nicht alles „Normal“ ist.

Foto vom Autor:  „Update“
Der in sich gekehrte Schweizer

Letztlich habe ich in dieser Halle auch mein Lieblingsfoto für dieses Jahr gemacht, und habe einen in sich gekehrten Leser fotografiert, der sich in Ruhe, mit viel Platz, am Stand des Schweizer Buchpreises informieren konnte. Er möge es mir verzeihen, aber die ruhige, in sich gekehrte Stimmung dieses Bildes passt für mich wunderbar zur Gesamtstimmung, die ich ansonsten in diesem Jahr auch auf der Messe wahrgenommen habe. Angenehm, aber fast etwas zu ruhig.

Foto vom Autor: Der in sich gekehrte Schweizer

Die Agora

Wie jedes Jahr bietet die Agora Platz, Luft zu schnappen – in diesem Jahr mal zwischendurch die Maske abzusetzen – und etwas innezuhalten. Neben Speis und Trank gab es auch in diesem Jahr wieder Kunstinstallationen. Über große Videoleinwände wurden zudem Vorträge und Dialoge abgespielt.

In Erinnerung ist mir eine Installation einer Bank geblieben, wobei mir eine genaue Deutung des Kunstwerkes eher schwerfällt. Soll mir das etwas über die Schweiz sagen, oder über Europa? Andererseits ist es witzig, dass die Schweiz ausgerechnet in einem Bankenkunstwerk Nennung findet.

Foto vom Autor: Schweizer Bank

Zusätzlich stand eine Tretmühle bereit, auf der man sich durch eigene Körperkraft einen kurzen Film abspielen konnte. Bei einem haptischen Kunstwerk darf in diesem Jahr natürlich der Desinfektionsmittelspender nicht fehlen…. Ob den auch alle benutzt haben?

Auf jeden Fall ging es jetzt frisch gestärkt in die anderen Hallen.

Foto vom Autor: Kino zum Selbermachen

Die Hallen 4, 6 und Forum

Die Hallen 4 und 6 dienten in diesem Jahr vornehmlich den Internationalen Verlagen. Bis auf die englischsprachigen Stände finden sich hier viele Bücher, die mir nicht direkt zugänglich sind.

Genau in dieser gewissen Exotik liegt für mich jedoch auch der eigentliche Reiz diese Hallen zu besuchen, auch wenn ich kein Verlagsagent bin, der interessante Titel für Übersetzungen und hiesige Veröffentlichung sucht: Die Stände, Buchtitel und Cover sind in jedem Jahr aufs Neue eine visuelle Erfahrung. Im Gegensatz zur UNO und WHO ist auch Taiwan mit großen Ständen vertreten, ohne, dass es zu Konflikten oder Tumulten käme, Kanada, Japan, die vereinigten Staaten, etc. luden ein, die dortige Literatur zu erkunden.

<3860> Taiwan

 

Sehnsüchtiges Warten auf Besucher und neue visuelle Erfahrungen

Ein wenig schlich sich bei mir aber ein schlechtes Gewissen ein, da die Hallen eher leer waren und viele Standbetreiber offenbar sehnsüchtig auf Literaturagenten anderer Verlage warteten. Eine Hoffnung, die ich leider als Blogger enttäuschen musste.

Zuletzt besuchten wir noch das Forum: Auch hier fanden sich noch einige spannende Attraktionen zum Gastland Kanada. Mir fiel besonders eine Audiovisuelle-Installation zu Leonard Cohen ins Auge, bei der man sich mit Handbewegungen durch Kurzfilme und Geschichten zu Cohen informieren konnte. Etwas anstrengend zu benutzen, aber spannend. Zuletzt schmerzten jedoch eher die Beine, es stellte sich eine gewisse Reizüberflutung ein, angesichts der längeren Rückfahrt ging es mit dem Shuttlebus schließlich in Richtung des Parkhauses.

Foto vom Autor: Taiwan

Fazit

Die „Re:Connect“ war in diesem Jahr für mich eine Buchmesse der etwas anderen Art. Einerseits bin ich froh, dass es diese Institution weiterhin gibt. Auch in diesem Jahr gab es wieder großartige visuelle Eindrücke und Begegnungen, der Besuch hat sich generell absolut gelohnt.

Andererseits schlich sich bei mir in vielen Bereichen Nachdenklichkeit und etwas Mitleid ein, angesichts der vielen leeren Gänge und Stände. Viele Fragen kommen hier auf: Lohnt sich die Messe in diesem Format für alle Beteiligten noch? Wie geht es weiter? Ist eine Präsenzmesse nicht etwas verfrüht?

Re:Start oder Re:Connect?

Statt einem „Re:Connect“, wo meistens nach kurzer Wartezeit alle Verbindungen wieder zur Verfügung stehen und Netflix wieder ruckelfrei sein Programm abliefert, kam mir die Messe eher wie ein „Re:Start“ vor, also ein langsamer Neustart, bei dem beinahe von Null begonnen werden muss, gewissermaßen ein langsamer Wiederaufbau.

In vielen Bereichen scheinen Messen bereits ein Auslaufprodukt zu sein – siehe IAA. Die Konsumwelt ist deutlich kurzlebiger geworden, Produktvorstellungen aller Art gibt es inzwischen das ganze Jahr über im Internet. Dennoch ist gerade die Frankfurter Buchmesse für mich eine Institution der deutschen Kulturlandschaft. Ohne diese Messe würde etwas fehlen.

Ich hoffe deshalb auf ein Wiedersehen im Jahr 2022, hoffentlich ohne Pandemie, gerne wieder mit mehr Programm, mehr Begegnungen und mehr Ständen, aber durchaus mit den gewonnenen Platz und ohne Massenandrang. An den Schluss dieses Berichts setze ich deshalb Lichtsäulen mit dem überaus passenden Buchtitel: „Wo Geschichten neu beginnen“.

Foto vom Autor: „Wo Geschichten neu beginnen“.