Impulse feministischer Philosophie aus Italien, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2012

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Zu: Diotima: Macht und Politik sind nicht dasselbe, herausgegeben und übersetzt von Dorothee Markert und Antje Schrupp, Ulrike Helmer Verlag Sulzbach/Taunus 2012, ISBN 978-3-89741-338-2, Preis 19,95 €

Hannah Arendt (1906-1975), deutsche Philosophin und Schülerin von Martin Heidegger, schrieb seinerzeit vom Freiheitsraum der Politik. Diese Gedanken prägten das „Große Seminar“ der Philosophinnen-Gemeinschaft Diotima aus Verona/Italien im Jahre 2008, dass im vorliegenden Band in deutscher Sprache dokumentiert wird.  Das Spannungsfeld von Macht und Politik liegt hierbei im Fokus der noch von Berlusconi geprägten Situation, einer von korrupten Strukturen ausgehöhlten Demokratie. Die Diskussion über Macht und Politik in diesem Band von Diotima ist geprägt von zwei Arten philosophischer Diskurse feministischer Prägung. Die eine ist vom Schreibstil her der akademischen Lehre verbunden und präsentiert die aktuelle philosophische Diskussion (Luisa Muraro, geboren 1940, Diana Sartori, Chiara Zambioni, Annarosa Buttarelli). Hier fällt auf, dass sich eine wichtige Polarität der italienischen Sprache, in der Macht maskulin und Politik feminin sind, nicht ins Deutsche übertragen lässt. Wofür es steht, dass im Deutschen beide Worte feminin sind, lässt sich hier nicht verfolgen. Der lange Artikel von Diana Sartori enthält ein Glossar der wichtigen Begriffe, wobei sie auf die Differenz der Geschlechter im Zusammenhang der Frage nach Macht und Politik eingeht („Phänomenologie, quasi eine Landkarte von Indizien“): Zwecke, Ende, Zweck und Mittel, Objekte, Ideale, Orte, Zeiten, Fähigkeiten, Rationalität, Ontologie, Praxis, Grenzen, Recht und Rechte, Wirksamkeit und Vorhersehbarkeit, Subjekt (politische Anthropologie), Tugenden, Körper, Sexualität, Begehren, Ängste, Empfinden, Genuss, leidenschaftliche Anhänglichkeiten.

Die zweite Gruppe von Aufsätzen dieses Buches stellt die Polarität von Macht und Politik auf feministischem Hintergrund in gesellschaftliche Berufs- und Arbeitsfelder hinein, in der handelnde Personen auf den Einfluss von Macht und die Wirkung von Politik hinweisen.

Gianna Longobardi (geboren 1947) stellt die Erfahrungen an der Schule in den Mittelpunkt und warnt vor Rationalisierungen der Pädagogik, bei denen der Anspruch auf „Mütterlichkeit“ auf der Strecke bleibt.
Fulvia Bundoli (geboren 1952) ist Politikerin der demokratischen Linken und Abgeordnete. Sie berichtet aus ihrer Erfahrung über die Möglichkeiten und Grenzen der Parteien.
Antonella Cumico hat an der Platzbesetzung in Vincenca gegen einen neuen US-Militärstützpunkt teilgenommen, bei der eine Frauengruppe gegründet worden ist. Diese Gruppe vermittelte zwischen gemäßigten Aktivisten und radikaleren Besetzerinnen und Besetzern und befürwortete einen „Schritt zur Seite“.
Christina Faccincani ist Psychiaterin und berichtet über die Rolle der Macht in Übertragungen während der Therapie und beschreibt deren familiären und meist patriarchalen Hintergrund.

In der philosophischen Praxis von Diotima ist ein lebendiger Dialog zwischen Theorie und Praxis zu Hause, der hier dokumentiert worden ist. In diesem Dialog wird nach der Rolle der Geschlechter gefragt, aber ohne diese Frage zu verselbstständigen. Die Politik ist eine Frage von Beziehungen, die einen Freiheitsraum ermöglichen. Die Anwendung von Macht ist damit nicht vereinbar. Das feministische Interesse nach Beziehungen legt die Machtstrukturen in der Einbindung in patriarchalen Interessen offen. Obwohl das Buch nicht leicht zu lesen ist und biografische Informationen über die Autorinnen fehlen, ist die dargebotene Diskussion unverzichtbar.

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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