Edith Silbermann – Begegnung mit dem Autor Paul Celan, Rezension, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

 

Zu: Edith Silbermann, Begegnung mit Paul Celan, Erinnerung und Interpretation, Rimbaud-Verlag Aachen, 2. Auflage 1995, Hardcover, 96 Seiten, ISBN: 3890868843, antiquarisch erworben, Preis beim Verlag 30,00 Euro, gebraucht um 10,00 Euro

Dieses antiquarisch erworbene Buch ist bemerkenswert. Mit Paul Celan habe ich mich vor einiger Zeit im Zusammenhang mit Martin Heidegger beschäftigt. Doch ich lese seine Gedichte nicht mehr regelmäßig, habe sogar einige Bücher wieder über Momox zurückgegeben (vgl. Links am Ende des Beitrags).

Interessant ist das Buch in mehrfacher Hinsicht. Zunächst trägt es eine Widmung von Edith Silbermann selbst, „Iserlohn, den 18. 4.2000“, der „Empfängerin zur freundlichen Erinnerung“. Edith Silbermann, geborene Horowitz, ist 1921 geboren und starb 2008 in Düsseldorf. Besonders an diesem Buch ist, dass sie nicht einfach ein Leseexemplar signiert verschenkt hat, sondern dass es weitere persönliche Einträge enthält. Da sind zunächst Korrekturzeichen, so dass anzunehmen ist, dass sie das Buch seit 1996 als Korrekturexemplar vom Verlag bzw. vom Lektor erhalten hat. Ob die Zeichen zur Korrektur im gedruckten Text führten, kann ich nicht sagen. Auch ein Gedicht von Rose Ausländer wurde korrigiert. Dieser Abschnitt handelte nicht nur von der das Buchenland genannten Bukowina, heute im Westen der Ukraine liegend, sondern auch von Sadogara im Gedicht „Der Vater“ (R. A. S. 30). Aus „Distanz“ wird „Distanzen“ (S. 31). Über Paul Celan heißt es nach ihrer Korrektur: „Kennzeichnend für Celans Dichtung sind im Unterschied zu der seiner dichtenden Landsleute nicht bloß seine vielen Wortschöpfungen und Wortspiele der Gebrauch von termini technici, z. B. aus der Mineralkunde, sein Hang zu „Oxymora und Paradoxien“ anstelle „Hang zu Oxymoren“ (S. 20).

Das erste Kapitel ist überschrieben mit Paul Celan im Kontext „Brunnenland“ genannt (S. 7), eigentlich meint es aber „Buchenland“ (Bukowina).. In seiner Bukarester Zeit wurde aus seinem Nachnamen Antschel der Name Celan, wohl Tschelan gesprochen. In diesem ersten Artikel stellt Edith Silbermann die Gedichte Celans in den Kontext der rumänischen Umwelt, seinen ebenfalls dichtenden Freunden und der durch die Nazis einbrechende Katastrophe. Ein Teil der Bewohner von Czernowitz war deutschsprachig, für Celan die Muttersprache. Über allem liegt nun aber der Nebel der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, der viele jüdische Bewohner zum Opfer fielen.

Ergänzt wird dieser Aufsatz, der stärker literarisch geprägt ist, von dem mehr persönlichen Artikel „Erinnerungen an Paul Celan“ (S.41 – 70). Schon ganz zu Beginn des Artikels erzählt Edith Silbermann von der frühen Bekanntschaft mit der Familie Antschel und deren einzigem Sohn Paul. Hier erinnert sie auch, dass er getrocknete Pflanzen sammelte und botanisch sehr bewandert war, was (später) in seinen Gedichten auch zum Ausdruck kam.  Der Bericht enthält einige Schwarz-Weiß-Fotos von Paul Celan (Sommer 1938) und ihr (1939, S.46f), Edith Silbermann. Auf S. 50 berichtete sie von dem für sie unhaltbaren Vorwurf, die „Todesfuge“ sei von seinem Freund Immanuel Weissglas und seinen Berichten aus dem Lager inspiriert worden, und weist diesen Vorwurf zurück (S.50f). Auf Seite 53 findet sich neben einer leeren Buchseite das Foto einer Gruppe mit dem Originaltext „Edith Silbermann (2. von links) mit Freunden am Pruth (15.4.1938)“. Hier setzte sie den Nachnamen Silbermann in Klammer und schrieb „Horowitz“ darüber, was damals ihr Mädchenname war. Unten ergänzt sie handschriftlich: „Paul Antschel (Celan) rechts oben“. Sie ist auf diesem Bild recht eng mit einem anderen jungen Mann, von Celan eher distanziert, der evtl. das Foto mit dem Selbstauslöser gemacht hat. Irritiert bin ich, dass Sie auf dem S. 59 gedruckten Foto von ihr selbst (1940), handschriftlich mit „Horowitz, Edith“ markiert. Links S. 58 „Celan im Arbeitslager (1940)“.

Die restlichen Darlegungen berichten immer wieder von unrichtigen oder irrigen Berichten über Celans Zeit in Czernowitz und korrigiert sie mit eigenen Beobachtungen. Es gibt auch einen Text, den sie für pädagogische Einsätze in der Weihnachtszeit von Celan erhalten hat, ein Lied, das säkular von Weihnachten als einem nächtlichen Einsatz der Wichtel berichtet (u.a. Heinzelmännchen spähn nun durch die Ritzen…“ (S. 61, siehe Anhang am Ende).

Biografisch besonders wichtig ist ihre Notiz über Celans Rettung vor der NS_Verfolgung, der seine Eltern zum Opfer fielen: „Celan war im Sommer 1942, als seine Eltern deportiert wurden, nicht geflohen, sondern in weiser Voraussicht des Kommenden einfach von zuhause weggegangen. Eine ehemalige Kommilitonin von ihm, die ich vor kurzem in Frankfurt am Main traf, erinnerte mich daran, dass er, als sich das Gerücht verbreitete, es würden wieder Aushebungen erfolgen, zunächst bei ihr Zuflucht gesucht hatte, es sich aber dann überlegte und zu mir ging, wo er sich offenkundig sicherer fühlte.“ (S. 64) Es folgt nun der Bericht, wie die Eltern in Transnistrien umkamen: „Der Vater erlag dem Typhus, die Mutter wurde durch Genickschuss ermordet.“ (S. 64)

Nach den klärenden Mitteilungen über ihren eigenen und Celans Werdegang berichtet Edith Silbermann über einen Briefwechsel in den sechziger Jahren. Einige Gedanken über Celans Suizid im Wasser der Seine in Paris am 20.4.1970 runden den (auto-) biografischen Bericht ab.

Im letzten Artikel „`Huhediblu` – Versuch einer Deutung“ (S.71-88) gibt es nur noch einige Korrekturzeichen der Autorin. Auf diesen Artikel, der eine sachkundige Deutung bietet, gehe ich in diesem Bericht über einen literaturgeschichtlichen Text jetzt nicht weiter ein. Edith Silbermann ist literaturwissenschaftlich sachkundig und bietet wichtige biografische Klarstellungen zu Paul Celan, zu dessen Werk es inzwischen einem ganze Bücherwand existiert.

Link: https://www.der-schwache-glaube.de/2019/03/16/werner-hamacher-zu-celan-rezension-christoph-fleischer-welver-2019 und andere

Gedicht S. 61:

Zwölf Uhr schlägst und alles, alles schweigt nun,
alles schweigt nun
und die Hitze in der Küche steigt nun
steigt nun, steigt nun
tipp tapp, tipp tapp, tippe tippe tipp tapp
tipp tipp tapp

Heinzelmännchen späht nun durch die Ritzen,
durch die Ritzen;
Nasen spitz und spitze Zipfelmützen,
Zipfelmützen,
tipp, etc.

Spähn sie sacht aus all ihren Verstecken,
dunkeln Ecken
huschen Schatten, die sie sehr erschrecken;
sehr erschrecken,

Was da alles war auf unsern breiten,
unsern breiten
Tischen voller, voller Süßigkeiten!
Süßigkeiten!

Um den Weihnachtsbaum, vor dem sie wachen,
staunend wachen,
läutet laut ihr Lied, ihr helles Lachen,
helles Lachen
tipp, etc.

Bis es Tag wird lärmt der tolle Reigen,
tolle Reigen:
Bis es tagt muß Ängstlichkeit schon schweigen,
ja muß schweigen,
tipp, etc.

Doch wird Tag, muß aller Reigen ruhen,
Reigen ruhen,
Zwergvolk stiehl sich fort auf leichten Schuhen,
leichten Schuhen,
tipp, etc.

(S. 61f)

 

 

„Wege des Unsichtbaren“ von Yury Kharchenko Große Ausstellung im Jüdischen Museum Westfalen  Dorsten, Pressemeldung

„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends /wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts /wir trinken und trinken“. Paul Celans „Todesfuge“ hallt durch das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten. Sie durchdringt den ganzen Raum und erreicht den Besucher ganz tief im Inneren. „Ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen“.

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Das Gedicht ist das Hauptmotiv in den Bildern des jüdischen Künstlers Yury Kharchenko. Es taucht immer wieder in seinen Gemälden auf: Mal sind einzelne Verse, mal ganze Strophen handschriftlich in den Werken eingebunden. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau / er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau“. Kharchenkos Werke werden seit Mai in der Dauer- und Sonderausstellung des Museums präsentiert. Noch bis zum 21. August 2016 ist seine Ausstellung „Wege des Unsichtbaren“ im Jüdischen Museum Westfalen zu sehen. Die 87 Bilder hängen zwischen Thorarollen und Kidduschbechern, Channukka –Leuchtern und anderen jüdischen Kultusgegenständen.  „„Wege des Unsichtbaren“ von Yury Kharchenko Große Ausstellung im Jüdischen Museum Westfalen  Dorsten, Pressemeldung“ weiterlesen

Bücher ohne Ende, Rundgang über die Frankfurter Buchmesse 2015, Christoph Fleischer, Welver 2015

Die Hinfahrt über die Sauerlandlinie war unproblematisch. Markus und ich waren im Gespräch vertieft, kein Regen, kein Schnee, kein Stau. So konnten wir in Frankfurt die Zeit von 11 bis 16 Uhr ausnutzen, die wir uns gesetzt hatten.

Frankfurt am Main, Hessen, Hesse, Deutschland, Germany. 17.10.2015. The Place to Be - die Frankfurter Buchmesse 2015.Besucher stroemen auf die Messe - Eingang Torhaus. © copyright: Peter Hirth / Frankfurter Buchmesse  Presse- und Unternehmenskommunikation Ausstellungs- und Messe-GmbH des Boersenvereins des Deutschen Buchhandels Braubachstraße 16 60311 Frankfurt am Main press@book-fair.com © Copyright-free for journalistic purposes only, no other rights are available. © Copyright frei nur fuer journalistische Zwecke. Keine Model-Release-Vertraege/Persoenlichkeitsrechte der abgebildeten Personen vorhanden.  Keine Weitergabe an Dritte. Belegexemplar erbeten an: Frankfurter Buchmesse Presse- und Unternehmenskommunikation Ausstellungs- und Messe-GmbH des Boersenvereins des Deutschen Buchhandels Braubachstraße 16 60311 Frankfurt am Main press@book-fair.com
The Place to Be – die Frankfurter Buchmesse 2015.Besucher stroemen auf die Messe – Eingang Torhaus.
© copyright: Peter Hirth / Frankfurter Buchmesse

Auf der Buchmesse von Besucherrückgang keine Spur. Viele Schulklassen waren da, auch viele Nationalitäten vertreten, das ist mir aufgefallen. (Dass die Herbstferien in Hessen erst an diesem Freitag beginnen, haben wir erst im Stau auf der Rückfahrt verstanden.)

Drängeln und Schubsen, ja das gab schon mal ein paar kleine Verletzungen. Gut, dass Markus immer ein Pflaster dabei hat. Auch die Promis wie Thomas Gottschalk müssen durch das Gewühl hindurch.

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Bedenken gegen Heidegger, Rezension von Markus Chmielorz, Dortmund und Christoph Fleischer, Welver 2015

Zu: Peter Trawny und Andrew J. Mitchell (Hg.): Heidegger, die Juden, noch einmal, Heidegger Forum 11, Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt/M. 2015, ISBN 978-3-465-04245-7, 256 Seiten, Preis 24,80 Euro

Vorbemerkung

Diese gemeinsame Rezension folgt dem Inhaltsverzeichnis dieses Buches. Die in Französisch abgedruckten Texte von Françoise und Danielle Cohen Lévinas bleiben unbearbeitet.

Heidegger, die Juden 9783465042457Der Band referiert bis auf eine Ausnahme die Vorträge der ersten internationalen Tagung des Martin-Heidegger-Instituts Wuppertal vom 30.10. bis 1.11. 2014. Das Thema der Tagung „Heidegger und die Juden“ erinnerte an den gleichnamigen Text von Jean-François Lyotard „Heidegger et, les juifs“ (1988). Diese gemeinsame Rezension folgt eher einem weltanschaulichen wie politischen Interesse, als dem Wunsch, einer Expertenmeinung eine weitere hinzuzufügen. Wir sind weniger an Heidegger als Person oder an seiner Philosophie interessiert, sondern an dem philosophischen, merkwürdig schamhaften und schweigsamen Umgang mit der Geschichte, die man mit den Stichworten Shoa, Auschwitz oder Holocaust verbindet. Zur weiteren Lektüre sei dazu das Sonderheft des Philosophiemagazins empfohlen (Philosophiemagazin, Sonderausgabe 03, Die Philosophen und der Nationalsozialismus, Hamburg 2015). Obwohl es in der Zeit zwischen 1945 und heute Gelegenheit gab, sich dazu zu äußern, z. B. nach dem ersten und weiteren Frankfurter Auschwitzprozessen ab 1963, gab erst ein Fernsehprojekt namens Holocaust Ende der siebziger Jahre den Anstoß dazu. Auch die sog. Wehrmachtsaustellung kam erst später. Der Philosoph Heidegger war in die Zeit des Nationalsozialismus persönlich involviert und steht somit beispielhaft für eine die Gesellschaft durchdringende Weltanschauung, die man sich heute kaum vorstellen kann. Allenfalls die Tatsache, dass nunmehr Heime von Asylsuchenden brennen anstelle Synagogen, kann man als ein Indiz einer solchen „metaphysischen“ Einstellung verstehen. Die Rezension referiert die Artikel überwiegend aus dem beschriebenen Lektüreinteresse heraus. Ein Fazit erübrigt sich daher. (C.F.)

„Das ‚Da-‚ des Daseins zeige nur an, dass ich den Platz eines anderen einnehme“, zitiert Klaus Englert in seinem Essay „Philosophie eines Überlebenden“ Emmanuel Lévinas‘ Antwort auf Martin Heidegger: über sechs Millionen ermordete Juden, 18 Millionen tote Zivilist_innen in der Sowjetunion, 500.000 ermordete Sinti und Roma, 15.000 in Konzentrationslagern inhaftierte Homosexuelle, deren Todesrate bei 60% lag. Völkermord und Vernichtung, ein „totaler Krieg“.

Philosophie, die Liebe zur Weisheit, sapere heißt schmecken, sapientia der Geschmack – es ist dies der bittere Geschmack des Totalitären: Das „1.000-jährige Reich“ als eine Metapher für das Ende der Geschichte, für eine perverse Eschatologie, für eine todbringende Apokalypse.

Heideggers „Schwarze Hefte“ also. Eine aktuelle Debatte, nicht zufällig 70 Jahre nach dem Ende der Schreckensherrschaft, die Grund genug ist für eine Selbstreflexion. Ein Anlass zu erhellen, worauf die Diskussion zielt und worauf sie gründet. Wie geht „postmetaphysisches Denken“, das sich so gerne auf Heidegger beruft? (M.C.)

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