Predigt Jubiläumskonfirmationen 2026

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Johannes 15,5
Liebe Festgemeinde,
in der Oberstufe belegte ich das Fach Erziehungswissenschaften. Wir lernten, wie sich ein Baby entwickelt und langsam die Welt zu begreifen lernt. Sie kennen das: Kleine Babys greifen nach allem, was Ihnen vor die Nase gehalten wird. Anfangs können sie nur etwas festhalten, später spielen sie damit, stecken sich alles mögliche in den Mund und lachen. Noch später werden sie ärgerlich, wenn ihnen etwas weggenommen wird, was sie begehren.
Gut in Erinnerung ist mir noch, wie die Lehrerin uns verschiedene Entwicklungs- und sozialwissenschaftliche Theorien der kindlichen Entwicklung vorstellte. Ein Name hat sich bis heute bei mir eingebrannt: Arnold Gehlen, ein Philosoph und Sozialwissenschaftler. Seine These:
Der Mensch ist ein Mängelwesen
Der Mensch ist ein Mängelwesen. Das gilt besonders für Babys und Kleinkinder.
Das hat mich aufgebracht und ich protestierte. Der Mensch ist kein Mängelwesen. Er ist eine gute Schöpfung Gottes. Für meinen Glauben sind Babys bis zu aller erst ein Wunder, ein Geschenk. Und mit jedem Kind, das die Welt erblickt, wiederholt sich dieses Wunder. Das werden viele von Ihnen, die Sie sich heute an ihre Konfirmation erinnern und selbst Kinder bekommen haben, ähnlich empfunden haben. Und dieses Gefühl wird nicht alt. Es hat sich eingestellt und wird sich hoffentlich noch einstellen,
wenn das Leben, das durch Sie hindurchgegangen ist, wieder Leben gebiert. Die unter ihnen, die schon Großeltern sind, wissen wovon ich rede. Und die, die es noch nicht sind, dürfen sich wahrlich auf etwas Großartiges freuen. Ich sage immer: Die wahren Wunder des Lebens sind nicht größer als 50 cm.
Und natürlich ist so ein kleines Wesen bedürftig: nach Nahrung, nach Nähe, nach Wärme, nach Verlässlichkeit. Und Mutter und Vater schenken es ihm. Von Anfang an hängt unser Leben von anderen Menschen ab. Und am Anfang hängt es im wahrsten Sinn des Wortes von anderen ab. Und beim Menschen dauert die Abhängigkeit des Neugeborenen und später des Kindes und auch des Jugendlichen und inzwischen auch des jungen Erwachsenen sehr, sehr lange, bevor das Kind selbständig ist und das Leben ohne Hilfe bewältigt, gestaltet und seinen Platz in der Welt findet. Das meinte Arnold Gehlen mit seiner These: Der Mensch ist ein Mängelwesen. Er hat einfach das Leben beobachtet. Wie lange brauchen Vogeleltern oder andere Tiere für die Aufzucht ihrer Jungen und wie lange braucht der Mensch für die Aufzucht seiner Kinder? Der Unterschied ist gewaltig.
Was hat sich Gott dabei gedacht?
Was hat sich Gott dabei gedacht? Natürlich können wir nicht in Gottes Kopf hineinschauen, aber auch wir können beobachten und von unseren Erfahrungen berichten. Wir wissen, wie wichtig die Beziehung des Baby´s zu einer verlässlichen Bezugsperson ist. Nur über das persönliche Du findet das Kind zum Ich, zu einem Vertrauen zu sich selbst und in die Welt. Es geht also um Verbindung und Beziehung.
Unser Leben ist Beziehung. Und das hört nie auf. Das ist das Schöne und oft auch das Schwierige, weil wir uns immer selbst mitbringen. Mit unseren Sehnsüchten, mit unseren Übertragungen, mit unseren Verletzungen, mit unserem Bedürfnis nach Nähe, mit unserer Abwehr, mit unserer Scham. Aber auch mit unserer Lust, mit unserer Freude, mit unserem Sinn für Schönheit, mit unserer Liebesfähigkeit, mit unserem Glauben und der unbändigen Hoffnung, dass es gut wird.
Im Glauben geht es um Verbindung
Im Glauben geht es um Verbindung, Beziehung und Abhängigkeit. Es geht um die Verbindung mit Gott. Jesus ist in unserem Glauben das Du Gottes. Hier wird Gott sichtbar, erfahrbar und bekommt ein menschliches Antlitz.
Kein anderes Evangelium spricht derart intim von der Beziehung Jesu zu seinem himmlischen Vater und der Beziehung Jesu zu seinen Jüngerinnen und Jüngern wie das Johannesevangelium. Es geht fast in jedem Wort Jesu um die Verbindung mit Gott und ihm. Dabei spricht Jesus oft in Bildern, die er der Natur entnimmt:
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“
Eine Rebe kann nicht aus sich selbst sein. Sie wächst und reift nur in Verbindung mit dem Weinstock. Das sie verbunden ist mit dem Weinstock ist wichtig. Der Weinstock ist ihr Lebenselixier. Von dem Weinstock erhält die Rebe alles, was sie zum Leben braucht. Bricht die Verbindung zum Weinstock ab, vertrocknet die Rebe.
Im nächsten Satz überträgt Jesus das Bild des Weinstocks und der Reben auf die Beziehungsebene von Christus und Mensch. Hier geht es nicht um Trennung. Hier geht es um gegenseitige Durchdringung. Nicht als Selbstzweck, sondern es geht um die Steigerung des Lebens: um die Frucht. Auch wenn diese Worte mystisch klingen, zielen sie doch auf das konkrete Leben.
„Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“
Die Einheit mit Gott ist ein seltenes Erleben. Manche streben es an, andere bekommen es geschenkt. In meinem Studium diesen Sommer in Leipzig haben wir in einem Seminar jüdische Geschichten aus dem Talmud gelesen. Immer wieder ging es um Rabbis und ihr intensives Gebet, ihre Versenkung in Schriftverse und ihre Abkehr von der Welt. Auch wenn die Tradition ihr Streben nach Einheit mit Gott würdigt, wird doch geschaut, wie sie mit ihrer Frau, mit ihren Kindern und Kollegen umgehen.
Mystische Erlebnisse sind das eine, die Liebe aber ist das Kriterium. Das ist die Frucht. Wir können nicht mit Christus in Verbindung sein und gleichzeitig ein Leben ohne Liebe führen. Die Frucht, die von selbst reift und wächst, ist ein Leben im Geiste Jesu. „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe.“(Joh 15,12)
Und dann sagt Jesus den Satz gegen den wir uns als moderne Menschen mit Händen und Füßen wehren:
„Denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“
Wir alle sind abhängig von Liebe
Was ist Religion? Was ist der Glaube?
Ist Religion ein Gefühl der „Abhängigkeit“ von Gott (Schleiermacher) und der Glaube gelebte Liebe?
Kehren wir zurück zum Anfang. Das Neugeborene ist abhängig von Bezugspersonen. Nur durch die Abhängigkeit wächst und reift es. Leben ist Verbindung und Beziehung. Das hält unser ganzes Leben an bis zuletzt. Und gerade, wenn unsere Kräfte weniger werden, merken wir, wie abhängig wir sind von den Menschen, die uns beistehen, begleiten oder gar pflegen.
Könnte es sein, dass viele Menschen in unserer modernen Gesellschaft einsam sind oder sich immer mehr zurückziehen, weil sie sich anderen Menschen nicht zumuten wollen, weil sie nicht mehr wissen, wie sie ihre Sehnsucht nach Kontakt und Beziehung leben können? Sie scheinen Getriebene ihres Glaubenssatzes: Bloß keine Abhängigkeit.
Wir alle aber sind abhängig von Liebe, von Zuwendung, von miteinander reden. Ja, wir machen uns verletzlich, aber auch das gehört dazu. Ja, wir machen uns schuldig, aber auch das gehört dazu. Ja, wir bedürfen der Vergebung, aber auch das gehört dazu und wir müssen oft schmerzhaft lernen, dass es besser ist jemanden zu vergeben, damit wir nicht in Schuld verstrickt bleiben und der Groll uns innerlich zerfrisst.
Der Glaubende ist Gottes bedürftig
Der Glaubende ist Gottes bedürftig und er weiß darum. Das macht ihn nicht klein. Das macht ihn nicht groß. Das macht ihn frei. Frei zu lieben.
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“
Das Leben ist ein Wunder
Sie schauen zurück auf ihr Leben. Viele Jahrzehnte liegen hinter Ihnen. Jahrzehnte des Werdens und Vergehens, von Anfang bis jetzt. Sie haben geliebt und sind geliebt worden. Sie haben es so gut gemacht wie sie konnten. Sie mussten mit sich selbst klar kommen, sich immer wieder anpassen und auch neu erfinden. Die Herausforderungen in Familie, Beruf und Gesellschaft haben Spuren hinterlassen. Mitten in der Hoch-Zeit des Lebens ist kaum Zeit inne zu halten. Wie geht es Ihnen heute? Was spüren Sie? Ist da neben Wehmut auch Dankbarkeit für das, was Ihnen widerfahren ist, was Sie selbst gestalten und prägen durften? Dankbarkeit kann sich einstellen und sich in Ihnen ausbreiten, wie auch Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens und der Wunsch in Frieden versöhnt zu leben. Das Leben ist ein Wunder. Es ist so vielfältig wie die Frucht des Weinstocks. Der Wein, den wir kosten, hebt das Leben. Die ganze Fülle des Lebens ist darin verborgen.
Der du das Brot erkoren und den Wein,
um dich in Ihnen zu gestalten.
Nun fällt von dort geheimnisvoll ein Schein
auf jede Mahlzeit, die wir halten. (Manfred Hausmann)
Gleich beim Abendmahl schmecken wir das Brot des Lebens und trinken aus dem Kelch des Heils. Die Feier des Mahls weist in die Zukunft. In die Herrlichkeit Gottes, in die Gemeinschaft mit ihm. Leben Sie ihr Leben als Gesegnete froh und gestärkt weiter.
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.