Die Wurzeln des Rassismus oder ein falscher Humor, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2021,

Zu:

Jonas Jonasson: Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte, aus dem Schwedischen von Astrid Arz, C.Bertelsmann, München 2020, gebunden, 399 Seiten, ISBN 978-3-570-10410-1 (print), Preis: 22,00 Euro

Link: https://www.randomhouse.de/Buch/Der-Massai-der-in-Schweden-noch-eine-Rechnung-offen-hatte/Jonas-Jonasson/C-Bertelsmann/e566034.rhd

 

Ich möchte es kurz machen und feststellen, dass ich von diesem Buch enttäuscht bin. Die erste und bislang einzige Stelle, an der ich schallend gelacht habe, war ungefähr auf Seite 120. Das kenne ich von Jonas Jonasson anders.

Wahrscheinlich liegt es einfach daran, dass ich das Klischee vom Wilden/Afrikaner, der etwa bei einer Reise mit der westlichen Zivilisation in Kontakt kommt, und sich dabei etwas schräg verhält, einfach nicht mehr witzig finde. Literarisch ist es überdies abgegriffen.

Die Reise des Massai Ole Mbatian (was für ein Vorname!) nach Schweden ist voller Skurrilitäten, die immer auf dem gleichen Muster beruhen: Der Massai weiß nicht, wo Schweden ist, er weiß nicht, was ein Pass ist und wozu man ein Visum braucht, er weiß nicht, wozu man Bargeld benötigt (er selbst rechnet in Kühen oder Ziegen) und er weiß erst recht nicht, wie man sich beim Betreten einer Rolltreppe verhält. Er ist Medizinmann in einem afrikanischen Dorf unweit einer Savanne, in der es auch Löwen gibt.

Der Erzählfaden des Buches, der in Schweden spielt, ist schon plausibler, aber auch eher verrückt als witzig. Dein einzige Motiv, das mir gefällt, ist die Geschichte von Irma Stern, einer inzwischen völlig unbekannten Malerin, die in Südafrika als Kind jüdischer Einwanderer gelebt und gearbeitet hat. Zu Irma Stern hat Jonas Jonasson auch ein Sachbuch veröffentlicht, wozu eine Anzeige auf der letzten Buchseite abgedruckt ist.

Da die Geschichte einiger Bilder von Irma Stern in diesem fiktiven „humorvollen“ Roman auftaucht, ist ihr vermutlich damit gar nicht recht gedient.

Ich habe nichts dagegen, dass Jonas Jonasson mit Elementen der Globalisierung spielt und einzelne Erzählfiguren in Gestalt von Situationskomik konfrontiert. Aber die Elemente des Rassismus spielerisch zu reproduzieren, geht so nicht.

Predigt Exodus 13,20-22, Altjahrsabend 2020, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

 

Predigttext (Lutherbibel Ausgabe 2017): So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

 

Liebe Gemeinde,

in der Wüste geht Gott seinem Volk am Tag in einer Wolkensäule, in der Nacht in einer Feuersäule voran. Beides sind Zeichen seiner Gegenwart in einer kargen, lebensfeindlichen Umwelt. Um in der Wüste zu überleben, braucht es vor allem die Fähigkeit, sich an die unwirtlichen Verhältnisse anzupassen, aufeinander zu achten, einander zu helfen, damit niemand verloren geht. Die Wüste zeigt, wie schutzlos der Mensch ist, wie angreifbar, aber auch seine Anpassungsfähigkeit, seinen Überlebenswillen. Mut und Unmut, Fata Morgana und Realität, Glaube und Unglaube liegen hier dicht beieinander.

Gottes Erscheinungen in Wolken- und Feuersäule sind Zeichen seiner zuverlässigen Gegenwart, aber diese Zeichen müssen im Glauben erfasst werden, denn die Wolke verhüllt, was sie offenbart, und das Feuer ist unnahbar. Für das Volk Israel wird deutlich, dass es uns Menschen unmöglich ist, Gott in seiner Heiligkeit und Herrlichkeit anzusehen, geschweige denn sein Handeln zu verstehen. 40 Jahre lang irrte das Volk Israel durch die Wüste, bevor es die Schwelle ins gelobte Land überschritt.

Seit einem Jahr leben wir global gesehen mit der Pandemie. Dazu ist viel gesagt und geschrieben worden, von Expert*innen und anderen schlauen Köpfen, von Moralaposteln und Selbstdarstellern. Auch haben wir in der Gemeinde, in der Familie und am Arbeitsplatz, ständig diskutiert und gestritten, was zu tun und was zu lassen ist. Wir haben oft geirrt und uns übereinander erhoben. Das hat uns mürbe und oft nicht nur unterschwellig aggressiv gemacht. Im Herbst zeigte sich dann ein Hoffnungschimmer am Horizont. Viele entwickelte Impfstoffe versprechen, dass wir aus dieser weltumspannenden Krise herauskommen oder sie zumindest eindämmen können, denn mit dem Virus müssen wir weiterhin leben. Frank Plasberg sagte zu Beginn seiner Fernsehsendung über erste positive Testergebnisse von Impfmitteln in „hart aber fair“ etwas lapidar: Endlich hat Gott angefangen, seine Arbeit zu tun.

Ja. Das sehe ich auch so. Gottes verlässliches Begleiten seiner Welt und seiner Menschheit sind auch in der Überwindung von Leid zu sehen. Die Impfstoffe sind auch Zeichen seiner Fürsorge für uns. Und die Menschen, die diese Impfgaben entwickelt haben, sind Co-Schöpfer*innen Gottes, die aktiv an der Erhaltung des Lebens mitgearbeitet haben. Wir sind geistbegabte Wesen, und Gottes Geist vermag durch unseren Geist das Leben vielfältig zu fördern. Die schnelle Entwicklung von Impfstoffen zeigt auch, wozu wir Menschen in der Lage sind, wenn wir über Grenzen hinaus unsere Ressourcen bündeln. Auch darin liegt in dem von vielen abgeschriebenen Jahr 2020 eine hoffnungsvolle Perspektive, die wir so sehr brauchen, damit andere Krisen überwunden werden können. Das gemeinsame Handeln kann zur Blaupause im nächsten Jahrzehnt und darüber hinaus werden.

Wenn aber die Überwindung von Leid durch uns Menschen eine Art ist, wie Gott die Welt regiert, nicht offensichtlich, aber verhüllt, ist dann nicht auch das Zulassen von Leid eine Art Feuerprobe für unser Menschsein und unseren Gottesglauben?

Ich weiß, diese Frage ist alt. Viele Menschen in Philosophie und Theologie haben sie zu beantworten versucht, meist unbefriedigend, weil diese Frage theoretisch – mit der Vernunft gesprochen – nicht ohne Aporien zu Ende gedacht werden kann. Auch das wussten die meisten ihrer Zunft. Dennoch haben sie versucht, eine Sprache dafür zu finden, und im Glaubensvolk, für die Menschen, die ihr Schicksal aus Gottes Hand nahmen, gab es dafür immer schon eine Sprache. Eine Sprache wie ein Zeichen einer Wolken- oder Feuersäule.

Unsere gegenwärtigen Kirchen allerdings bleiben da eher stumm, wie sie auch verstummten und es ihnen die Sprache verschlagen hatte, als im ersten Lockdown alle Kirchen in Deutschland für lange Zeit für die Öffentlichkeit geschlossen wurden. Es gibt eine Scham darüber zu sprechen, es gleicht einem Tabu, ähnlich wie es für die Dekonstruktivisten unmöglich war über die Liebe zu sprechen, ohne sie gleichzeitig damit schon zu zerstören.

Aber nicht über Liebe zu reden, hieße die Liebe zu verleugnen, und nicht über die Erfahrung von Leid aus Gottes Hand zu reden, hieße die Wirklichkeit, wie sie Glaubende erfahren, zu leugnen. Das aber führt zur Abspaltung und Verkümmerung des Glaubens selbst, da eine Wirklichkeit der Glaubenserfahrung nicht mehr in den Blick genommen wird. Mir kommt für diese Glaubenserfahrung ein altes Wort in den Sinn: Heimsuchung. Ich weiß, dieses Wort ist vielfach falsch benutzt worden und hat Ängste geschürt, hat die Menschen klein gemacht anstatt groß, ist zu Propagandazwecken und Machterhaltung durch kirchliche Institutionen und Personen missbraucht worden.

Dennoch möchte ich es am Ende des Jahres von der Pandemie als Heimsuchung reden und im Gespräch mit der Gemeinde danach fragen, ob es sinnvoll und hilfreich ist, neben Gottes Wirken in all dem Guten, das uns widerfährt, auch von Gottes Heimsuchung in all dem Bösen, das uns widerfährt, zu reden.

Heimsuchung verstehe ich hier nicht als Strafe für böse Taten oder gar als strafendes Gerichtshandeln Gottes an einer ungläubigen Welt, die seine Gebote nicht achtet, sondern ich versuche Heimsuchung anders zu verstehen. Sie ist ein Zeichen, dass Gott uns sucht, dass wir zu ihm heimfinden.

Zeigt nicht unsere Verletzlichkeit als Menschen, wie bedürftig wir sind? Hat uns das für viele gefährliche Virus nicht zurück in die Realität geholt, uns, die wir gefangen sind in unseren Schein-Realitäten? Hatten sich viele von uns nicht zurückgelehnt und es sich auf Kosten anderer gut gehen lassen, als lebten wir auf einer Insel der Seligen? Doch hart hat die Realität zugeschlagen und vieles, was wir für selbstverständlich hielten, ist zerbrochen.

Ist das nicht die Botschaft des Evangeliums, dass die, die zerbrochen sind und ein zerschlagenes Gemüt haben, bei Gott eine Heimat haben? Ist das nicht Heimsuchung, ein dringendes Rütteln am Kern des Menschseins, zur göttlichen Heimat seiner Existenz zurückzukehren?

Stattdessen haben wir Kirchen – wir, die dafür verantwortlich sind, die Frage nach Gott in unserer Gesellschaft offen zu halten – das Feld den Verschwörungstheoretiker*innen und den Hardlinern, die in allem das Gericht und die Strafe Gottes sehen, überlassen, und wir haben auch die Wissenschaft allein gelassen. Nur so konnte sie für viele zum Heilsersatz und zum einzigen Trost oder zur Furchtauslöserin werden.

Ich habe mich in dieser Zeit in einer spirituellen Wüste vorgefunden und die Kirche weithin als orientierungslos erlebt. Gottesdienste wurden und werden nicht mehr analog gefeiert. In den meisten evangelischen Gemeinden wurde die Feier des Abendmahls eigestellt. Gläubige konnten und können Gottes Gegenwart in Brot und Wein als Wegzehrung und Glaubensstärkung nicht mehr erfahren. Aus meiner Sicht ist den Kirchen – trotz vieler Aktivitäten im digitalen Raum und im eigenen Umfeld – in der breiten Öffentlichkeit nicht gelungen, den Menschen eine Sinndeutung der Pandemie anzubieten oder zumindest die Frage nach dem, was unser Menschsein ausmacht, zu stellen und den spirituellen Kern der Krise frei zu legen.

Wir haben mehr den Zahlen und Statistiken geglaubt als den Zeichen unseres Gottes, der verborgen und doch vernehmbar um uns und unser Vertrauen in aller Furcht und Angst geworben hat. Unsere Kirchen – und ich schließe mich darin ein – waren sehr kleingläubig und unser Glaubenszeugnis hat sich im Alltag verflüchtigt. Ich kann nur hoffen, dass Gott in vielen Menschen in aller Stille durch die Krise ein neues Fragen nach einer Gottesbeziehung ausgelöst hat, ein Bewusstsein der Verbundenheit, ja notwendigen Abhängigkeit von ihm und allen Menschen.

Wir stehen an der Schwelle eines neuen ungewissen Jahres, doch wir dürfen vertrauen: Gott geht mit. Gott hat sein Volk in der Wüste begleitet und den rechten Weg gezeigt durch eine Wolken- und Feuersäule. Tag und Nacht ist unser Gott ein mitgehender Gott, der unser Leben will, der nur Gutes für uns will und der uns selbst in der Heimsuchung zu sich und zur Gemeinschaft mit ihm und seiner gesamten Schöpfung ruft.

So dürfen wir getrost und in der Gewissheit von Gottes Geleit in das neue Jahr hinübergehen und immer wieder heimkehren zu Gott selbst. Amen.

 

 

 

Vom „Bilderbuch Gottes“, Rezension von Konrad Schrieder, Hamm 2020

Zu: Kurt Erlemann: Gleichnisse. Theorie – Auslegung – Didaktik, in: UTB 5494, Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2020, ISBN 978-3-8252-5494-0, 362 S, € 29,90.

Link: https://www.utb-shop.de/catalog/product/view/id/11204/category/5145/

Was ist eine Gnome, eine Metonymie oder eine Synekdoche? Im Alltag des Pfarrberufs mögen diese und ähnliche Begriffe wohl kaum eine Rolle spielen. Wenn es aber um Gleichnisse geht, dann können sie zum Verständnis einiges beitragen.

Kurt Erlemann, Professor für Neues Testament und Alte Kirche an der Bergischen Universität Wuppertal, hat mit seiner Neuveröffentlichung ein umfassendes und wegweisendes Kompendium in der bekannten UTB-Reihe vorgelegt.

Dabei leitet er nicht nur an, die verschiedenen Begriffe und ihre Bedeutungen im Blick auf die neutestamentlichen Gleichnisse anzuwenden und zu verstehen, sondern zeichnet auch die Entwicklung der Gleichnisforschung nach. Ging Adolf Jülicher noch von religionsgeschichtlich geprägten und festgefügten literarischen Mustern aus, so ist man heute der Ansicht, dass der Übergang von der mündlichen Tradition zur Verschriftlichung wesentlich dynamischer erfolgt ist und von der ursprünglichen Jesus-Tradition mehr bewahrt hat, als eine schematische Stilisierung vermuten ließe. Dabei ist der Alltagsbezug ein wesentlicher Gesichtspunkt, der erst den Bezug zur Gottesherrschaft zulässt. Das darin vermittelte Gottesbild legt Gott nicht einseitig fest, sondern hilft ihn und sein Handeln in unterschiedlichen Alltagsbezügen zu verstehen. Gerade diese Offenheit ermöglicht immer neu zeitbezogene Deutungen und unterscheidet sie von Allegorien, die diese Deutungen immer schon mitbringen.

Methodisch hilft die Anwendung der Textlinguistik, der Traditionsgeschichte, des redaktionsgeschichtlichen Vergleichs und der Redaktionskritik, die Texte zu decodieren (S. 136). Anhand von zwölf Musterexegesen erschließt Erlemann auf diese Weise jeweils den theologischen, den christologischen, den pneumatologischen, den kosmologischen, den anthropologischen, den ekklesiologischen, den ethischen, den soteriologischen und den eschatologischen Aspekt von Texten aus den Evangelien und den Korintherbriefen. Mit diesem Raster lassen sich leicht weitere Texte erschließen.

In einem weiteren Teil beschreibt Vf. die Bedingungen, unter denen sich Gleichnisse unter didaktischen Gesichtspunkten erschließen lassen. Anhand einer Auswahl von sieben Musterbeispielen bereits behandelter Gleichnisse entwickelt er eine Reihe 45-minütiger Unterrichtsverläufe für unterschiedliche Schulstufen. Die behandelten Themen sind auf die Alltagswelt der Schülerinnen und Schüler bezogen. Die Lernzieldimensionen werden jeweils kognitiv, expressiv-emotiv und praktisch ausformuliert. Wenn auch nicht alle der Gleichnisse in den Lehrplänen aufgeführt sind, so erscheint die Auswahl aus inhaltlichen Gründen sinnvoll.

Ein Textstellenverzeichnis sowie eine nach Kategorien und Themen geordnete Übersicht eröffnen die Möglichkeit, die gewonnenen Einsichten auf die eigene Weiterarbeit in der Praxis anzuwenden. Ein Glossar und ein Schlagwortregister ermöglichen auch dem theologisch weniger gebildeten Leser einen schnellen Zugang zu den behandelten Inhalten. Das umfangreiche Literaturverzeichnis bietet schließlich einen repräsentativen Querschnitt durch die Gleichnisforschung seit 1903, wobei der Schwerpunkt auf dem aktuellen Stand liegt.

Insgesamt lässt sich sagen, dass mit diesem Buch ein vielseitiges und disziplinenübergreifendes Instrumentarium vorliegt, das sowohl über den aktuellen Stand der Interpretation von Gleichnissen informiert als auch zum selbständigen Umgang mit deren Auslegung anleitet. Es ist gleichermaßen ein Lehr- und Praxisbuch, das zum Lesen, Blättern und Nachschlagen einlädt und Zugänge zum Thema von verschiedenen Seiten aus ermöglicht. Das, was Helmut Thielecke einst als das „Bilderbuch Gottes“ bezeichnete, ist seit den Zeiten der Urkirche fernab von jeder abstrakten Dogmatik lebendige Verkündigung, die bis heute ihre Relevanz im Leben der Hörer entfaltet. Dem trägt das Gleichnisbuch von Kurt Erlemann in umfassender Weise Rechnung.

Das diakonische Handeln der Kirchen, Rezension von Konrad Schrieder, Hamm 2020

Quenstedt, Jan: Diakonie zwischen Vereinslokal und Herrenmahl. Das Konzept diakonischen Handelns im Licht antiker Vereinigungen und früher christlicher Gemeinden, in: Neutestamentliche Entwürfe zur Theologie, hg. v. Eve-Marie Becker, Jens Herzer, Angela Standhartinger und Florian Wilk, Band 31, Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG, Tübingen 2020, 612 S., ISBN 978-3-7720-8710-3, € 108,00.

 

Das diakonische Handeln der Kirchen ist einer der Faktoren, der einen großen Teil ihrer Akzeptanz in breiten Schichten der Bevölkerung ausmacht. Gleichzeitig ist es eine wesentliche Lebensäußerung ihres Auftrags und ihres Selbstverständnisses.

Jan Quenstedt bewegt sich auf dem Hintergrund seiner diakoniewissenschaftlichen Tätigkeit sowohl auf dem Gebiet der Praktischen Theologie als auch auf dem der neutestamentlichen Exegese. In seiner umfangreichen Dissertation stellt er einen Vergleich an zwischen den heutigen Gegebenheiten und den biblischen Grundlagen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Dabei legt Vf. einen besonderen Akzent darauf, in wieweit möglicherweise das antike Vereinswesen den diakonischen Gedanken und Organisation beeinflusst hat. Aufgrund von Inschriften aus dem lateinisch- und griechischsprachigen Bereich arbeitet er Inhalte und Soziologie fürsorgliches Handeln anhand von Vereinsstatuten und Lobreden auf Wohltäter heraus.

Die Organisationen hatten es sich zum Ziel gesetzt, die gegenseitige Fürsorge im Alltag und darüber hinaus zu gewährleisten. Die Begräbnisfürsorge spielt dabei eine besondere Rolle. Fragen der Finanzierung und eventueller Streitigkeiten wurden durch die erhalten gebliebenen Dokumente minutiös geregelt. Gemeinsame Mahlzeiten förderten die Gemeinschaft. Bemerkenswert ist aber auch die Erkenntnis, dass die Vereine für eine Mitgliedschaft grundsätzlich jedem Menschen offenstanden.

Schon durch personale Überschneidungen lassen sich daher Berührungspunkte zu den jungen christlichen Gemeinden vermuten. Ausgehend von dem Auftrag zur Fürsorge und der Schlichtung von Rangstreitigkeiten in den Evangelien untersucht Vf. anhand ausgewählter Texte bei Paulus und in den Pastoralbriefen die dort behandelten Fragen der Fürsorge füreinander, des Besitzes und den Umgang mit Streitigkeiten sowie der damit verbundenen Hierarchien und Ämter.

Dabei zeigt sich in der Apg. und bei Paulus, dass die Feier des Herrenmahls und die Gütergemeinschaft die getauften Christen zu verantwortlichem Handeln verpflichten. Auch die von Paulus erbetene Kollekte bezieht sich darauf. Ein Sonderfall der Fürsorge ist der Kasus der Bestattung. Im Unterschied zu antiken paganen Vereinigungen ist diese nicht an die Entrichtung von Beiträgen gebunden. Gleichwohl leitet sie sich von der Tatsache ab, dass der Leichnam Jesu nach der Kreuzabnahme bestattet wurde.

Damit wird deutlich, dass diakonisches Handeln von der Mimesis, der Nachfolge Christi getragen ist. Die beiden Aspekte der Philanthropia (Güterverteilung aus Menschenliebe – die moderne Frage der sozialen Gerechtigkeit ist nicht Thema dieser Untersuchung) und der Philotimia (Ehrenamt), die Christen zum fürsorgenden Handeln verpflichtet und sie damit von der Welt unterscheidet, sind eng miteinander verbunden. Es kann also bei dem diakonischen Handeln nicht um die persönliche Ehre gehen.

Abschließend stellt Vf. fest, dass die Untersuchung dazu beitragen kann, diakonisches Handeln als ein identitätsschaffendes Tun zu begreifen, um in dieser Welt und für diese Welt zu dienen. Ein weiterer Aspekt ist die Dimension des diakonischen Lernens, das zum einen davor bewahrt, Strukturen zu konservieren, die in einer ständig sich verändernden Welt leicht erstarren können, das dadurch zum anderen die innovative Kraft eines Handelns in der Nachfolge Christi entdeckt und bewahrt.

Bei dieser Dissertation handelt es sich nicht nur um eine historische Arbeit. Für Menschen, die in der diakonischen Leitung und Organisation tätig sind, kann sie eine lohnenswerte Fundgrube darstellen, um biblische und allgemeine anthropologische Impulse für gelingendes fürsorgliches Handeln zu gewinnen, gemessen an dem Auftrag, der gegeben ist. Aber auch in der Diakonie Tätige oder am gesellschaftlichen Auftrag der Kirche Interessierte können daraus einen Nutzen ziehen, um weiter zu denken.

Der disziplinenübergreifende Blickwinkel dieser gut zu lesenden Monographie mit ihren gründlichen Textanalysen lädt dazu ein. Von der Fülle des verarbeiteten Materials sollte sich niemand abschrecken lassen, zumal jedem Originaltext eine eigene Übersetzung beigefügt ist. Ein ausführlicher Anhang mit den bearbeiteten Quellen, Sekundäeliteratur, Tabellen, Schlagwortverzeichnis und Bibelstellenregister erleichtern die Handhabe. Allein der Preis wird manchen vom Kauf dieses sehr empfehlenswerten Buches abhalten.

 

Eine religiöse Schatzsuche, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu:

Tobias Daniel Wabbel: Der Templerschatz, Eine Spurensuche, Bassermann Verlag (in der Verlagsgruppe Random House), München 2020, gebunden, 255 Seiten, ISBN: 978-3-8094-4306-3, (print), Preis: 9,99 Euro

Link: https://www.randomhouse.de/Buch/Der-Templerschatz/Tobias-Daniel-Wabbel/Bassermann/e577245.rhd

 

Es ist wirklich eine tolle Leistung des Verlages und des Autors, die beiden Bücher über die Bundeslade von Tobias Daniel Wabbel in einer gekürzten Neufassung zu einem unschlagbar günstigen Preis herauszugeben, um so neue Leserschichten zu gewinnen und sicher auch zu interessieren. Die von mir an anderer Stelle gestellte Frage, Sachbuch oder Erzählung?, fällt hier doch klar für das Erstere aus. Da man ein Sachbuch nicht wie eine Erzählung liest, sondern auch den Anhang und den Rahmen zur Kenntnis nimmt, mit dem Nachwort und dem Postskriptum, stelle ich fest, dass die Arbeit des Autors aus Sicht eines Schatzsuchers vergeblich war, auch wenn er dabei wichtige und auch weiterführende Beobachtungen gemacht hat.

Das wäre eben so, als hätte Indiana Jones in „Jäger des verlorenen Schatzes“ die Bundeslade nicht gefunden. Historisch bibliophiles Vorbild ist Werner Keller mit seinem Buch „Die Bibel hat doch recht“, in dem der Leser und die Leserin bei der Lektüre feststellen, dass die Archäologie zwar manches ans Licht gebracht hat und Passagen der Bibel in einem anderen historischen Licht erscheinen lassen, womit die Option der Überschrift aber keinesfalls eingelöst wird. Hier von einer „Schatzsuche“ zu sprechen. Der Weg dieser Schatz-Spurensuche wird weitergehen. Vielleicht ist ja eines Tages mal die Frage dran, wo sich das Gold der Nibelungen nun wirklich befindet, im Rhein oder ganz woanders (Bemerkung des Rezensenten).

Doch was hier aus der Sicht eines Schatzsuchers vergeblich ist, die Bundeslade des Volkes Israel zu suchen und ihre Geschichte aufzuklären, wie etwa die kürzlich in Bayern kriminologisch gelungene Aufklärung eines Mordes ohne Leiche, mag ja kirchengeschichtlich oder profangeschichtlich doch einige interessante Beobachtungen zu Tage bringen. Die Geschichte der Templer gehört in die Rubrik der Ketzerverfolgung wie auch die der Waldenser (heute als evangelische Konfession in Italien zu Hause).

Fakt ist also: Die Bundeslade des Volkes Israel ist und bleibt verschollen. Doch an dieser Stelle möchte ich den Autor vor sich selbst warnen und ebenso die Lesenden, sich allein auf die materielle Frage zu konzentrieren. Könnte es nicht also sein, dass der brutale Massenmord an den Templern, von den Methoden her ein erstes Beispiel unter Folter erpresster Schuldeingeständnisse wie bei der Hexenverfolgung, den der französische König Philipp IV. in Verbindung mit Verantwortlichen der Kirche begangen hat, nicht allein durch Neid und Habsucht motiviert war, sondern auch darin, die israelfreundliche Haltung der Templer zum Schweigen zu bringen?

Auch dieses gehört dann nämlich in die Annalen der Kirchengeschichte, dass es mit den Templern einen Orden gab, der nicht (nur) für den Schutz der Pilger zuständig war, sondern für den Schutz der heiligen Stätten in Jerusalem allgemein. Und hier ist die erste Hypothese des Buches zu Hause, die feststellt, dass die Templer, die auf dem Tempelberg wohnten, das Versteck der Bundeslade in einem unterirdischen Höhlengang unter dem Tempel gefunden hätten. Hier gehen aber m. E. mit dem Autor die Pferde durch, indem er Alternativen dazu schlicht ausblendet und diese Annahme fortan in seinem Buch als Fakt behandelt.

Das ist fast so, als seien die heiligen drei Könige tatsächlich im Kölner Dom beerdigt, wobei sie in Wahrheit die Ausschmückung einer Legende des Matthäusevangeliums sind, wo es sich schlicht um „Weise aus dem Morgenland“ handelt, die sich mit dem König Herodes auf einen scheinbaren Kuhhandel einlassen, jedoch nach dem Besuch Bethlehems keinesfalls nach Jerusalem zurückgehen und seitdem verschollen sind, als hätte es sie nie gegeben.

Meines Erachtens wird die Äußerung, die Bundeslade sei in Rom bzw. im Vatikan gesehen worden viel zu schnell ad Acta gelegt, denn sie ist genauso plausibel wie der Raub der Templer. Dann hätte der Tempelschatz nämlich nach der Eroberung Jerusalems um 70 n. Chr., wie im Titusbogen in Rom gezeigt, in der Schatzkammer der römischen Kaiser geruht, wo sie dann dem christlichen Kaisertum in die Hände gefallen und ggf. dem Vatikan geschenkt worden wäre. Wie man von Dan Brown und seinen Vorlagen weiß, sind ja die Geheimnisse des Vatikans auch nicht bis ins Letzte geklärt.

Aber es ist das Verdienst von Tobias Daniel Wabbel, einfach mit sturer Akribie seiner Theorie zu folgen und damit das Thema der Auffindung und des neuerlichen Versteckens der Bundeslade auf die Tagesordnung zu setzen. Warum sich dies mit dem Bau gotischer Kathedralen verbindet, liegt allein daran, dass der Reichtum der Templer erst 1307 in staatliche Hände überging und vorher als Kredit für den Bau der Kirchen verwendet wurde. Und nun beginnt in St. Denis, das heute zu Paris gehört, eine ikonographische und architekturhistorische Spurensuche und führt über Chartres bis Laon, wo in einer Kleinstadt eine riesige fünftürmige Kathedrale steht.

Fazit: Die Rolle der Templer beim Bau der Kathedralen ist anschaulich erzählt und begründet. Dabei wird ikonographisch dem Alten Testament eine besondere Stellung eingeräumt. Der erzählte Besuch der Kathedralen nach der Spur zweier Sternbilder hat Tobias Daniel Wabbel der Literatur entnommen und auf seine Frage nach dem Verbleib der Bundeslade bezogen. Das Buch „Der Templerschatz“ ist ein Beitrag zur Versachlichung aller Geschichten, die sich um die Gralssuche ranken. Den heiligen Gral und die Bundeslade gleich zu setzen, entschärft den Christusbezug und lässt Jesus wieder stärker als Messias Israels erscheinen. Die Theologie darf tatsächlich nicht dabei stehenbleiben, die Judenfeindschaft in der Kirchengeschichte ans Licht zu bringen, sondern muss gleichzeitig die projüdischen Spuren in der Welt des Christentums aufspüren, wie hier am Beispiel der Templer geschieht. Dazu lädt Tobias Daniel Wabbel ein.