Nach mehrjähriger Pause hatte ich in diesem Jahr wieder Gelegenheit, an der Frankfurter Buchmesse teilzunehmen. Da mein letzter Besuch im Jahr 2022 lag – in der Zwischenzeit hatte die gesperrte Rahmedetalbrücke meinen Enthusiasmus etwas gebremst – war ich kurz vor der Anreise tatsächlich etwas aufgeregt. Was würde sich in der Zwischenzeit verändert haben?
Bereits im Vorfeld hatte ich erfahren, dass ein Fokuswechsel auf der Buchmesse erfolgt war: Der Buchverkauf ist seit einigen Jahren an allen Messetagen erlaubt. Für mich kamen in diesem Jahr auch größere Warteschlangen im Innenhof hinzu, aber vielleicht hatte ich 2022 auch nicht so genau drauf geachtet.
Im Rückblick war die Anreise an einem Samstag – einem der Hauptbesuchertage – damit vielleicht ein Fehler.
Die Frankfurter Buchmesse verteilt sich auf mehrere Hallen und belegt dort jeweils mehrere Stockwerke (im Schnitt immer 3-4 Gebäude mit jeweils 1-3 Stockwerken). Die großen Verlage für Belletristik befanden sich meistens in den Erdgeschossen, die in Folge überfüllt wirkten. Dass die primär für Fachbesucher interessanten Bereiche am Samstag schon nicht mehr gut besucht waren, war auch schon in der Vergangenheit so. Neu war aber, dass diese Bereiche am Samstag teilweise schon völlig entvölkert wirkten. Eigentlich schade, da eine bessere Besucherverteilung der Messe insgesamt gutgetan hätte.
Vom Messepartner Tschechien habe ich in diesem Jahr leider nicht viel mitbekommen, dabei fallen eigentlich sinnvolle Themen wie Franz Kafka ein. Möglicherweise gab es hier aber auch noch mehr Angebote in Forum oder Festhalle.
Die Gründe für den Fokuswechsel sind mehr oder weniger offensichtlich:
Messen haben ihre Rolle als Ort von Produktankündigungen weitestgehend an Social Media verloren. Weitere Messefunktionen wie Geschäftsanbahnungen, Socializing oder bei Verbrauchermessen schlichtweg auch Konsum, müssen damit zwangsläufig in den Fokus rücken, um die teuren Messeauftritte der Verlage zu rechtfertigen.
Mein Fazit zur diesjährigen FBM ist somit leider etwas durchmischt. Den Besucherfokus kann ich zwar rein sachlich nachvollziehen, ich bin mir jedoch nicht sicher, ob die FBM schon am Ziel ihrer Transformation angekommen ist. Die Fachbesucherbereiche haben mich am Samstag jedenfalls eher etwas nachdenklich gemacht (vgl. Liminal Spaces). Religion befand sich mit Halle 3.0 in einem der eher etwas überfüllten Bereiche, sodass ich zu diesem Thema auf der diesjährigen FBM leider kaum eine Aussage treffen kann.
Dennoch war die Frankfurter Buchmesse unterm Strich auch in diesem Jahr ein positives Erlebnis. Lässt man sich auf die bunten Konsumangebote ein, kann die FBM auch auf andere Art und Weise unterhalten. Ein klassischer Messebesuch wird durch das extrem langsame Bewegungstempo und Menschentrauben-Slalom aber etwas gebremst. Gerne wieder?
Die Ausstellung teilt sich in zwei Projekte, einer Ausstellung von Kunst und Projektinstallationen in zwölf Kirchen des Ruhrgebiets die allesamt außer Dienst gestellt sind, aber noch als (Kirchen-)gebäude vorhanden. Hierzu ist ein Katalog erschienen, den ich hiermit vorstellen möchte:
Dieses Buch erscheint anlässlich der Manifesta 16 Ruhr, der Europäischen Nomadischen Biennale, 21.06. – 04.10.2026, Hrsg. Von Manifesta 16 Ruhr, Koordiniert von Christoph Jehlicka, Anna Thornton, u. a. Verlag Kettler, Bönen, 1. Auflage August 2026, www.verlag-kettler.de, Paperbeck, 384 Seiten, ISBN: 978-3-98741-251-6 (print)
Hier nicht besprochen: Begleitband zu Manifesta 16 Ruhr, Das ist keine Kirche. Urban Vision. Auch als Doppelband erhältlich.
Die Ausstellung Manifesta (Biennale) ist zunächst unauffällig. Sie nutzt kein vorhandenes Ausstellungsgebäude, sondern zieht sozusagen in eine Region ein. Diese Ausstellungsräume sind in diesem Fall leer gefallene Kirchen oder von Schließung bedrohte. Damit ist zugleich ein Thema vorgegeben: Welche Räume könnten der Quartiersentwicklung dienen, ohne dass sie von vornherein bestimmte Bevölkerungsgruppen ausschließen. Doch die Frage sei erlaubt, ob dies auf ein Kirchengebäude zutrifft. Zu einem einladendem und geöffneten Gebäude muss ein religiös geprägtes Gebäude erst noch werden: „Es besteht die Chance die vielfältigen Moleküle der künstlerischen Impulse aufzugreifen und zu Neuem zu verbinden, und so Kirchen in Räume zu verwandeln, durch die Nachbarschaften wieder zu Orten der sozialen Kohäsion werden – und die mit den Menschen vor Ort geplant und gelebt werden.“ (Prof. Dr. Reneé Tribble, TU Dortmund, S. 33)
Einige Kirchen der Ausstellung Manifesta 16 Ruhr sind noch sehr geprägt von der religiösen Nutzung, sind vielleicht noch gar nicht entwidmet, andere sind aufgegeben und stehen schon länger leer, sollen womöglich abgerissen werden, während wiederum andere vielleicht schon als soziale oder kulturelle Treffpunkte dienen. Für alle trifft zu, was Peter Köddermann schreibt: „… Kirchen besitzen etwas Numinoses. Gemeint ist damit: Sie strahlen etwas Geheimnisvolles aus, auch wenn sie nicht mehr zur Glaubensausübung genutzt werden … Sicher ist, die Gebäude (…) in der Hoffnung durch künstlerische Intervention in Szene gesetzt, erlebbar und wertvoller zu werden.“ (S. 35) Die Reflektion darüber zeigt auch Projekte für die Umnutzung der Kirchen, die nicht mehr als religiöses Gebäude funktionieren, aber ein Umfeld bieten, in dem kommunikative oder kulturelle Angebote denkbar sind oder gebraucht werden. Das Projekt Manifesta 16 Ruhr lädt die Kunst dazu ein, Impulse für solche Prozesse zu geben. Im Folgenden soll ein persönlicher Rundgang durch die Ausstellung dokumentiert werden. Videoprojekte die nur vor Ort erlebbar sind, müssen dabei außen vor bleiben. Ich möchte noch ergänzen, dass meine Darstellung vom Konzept der Dekonstruktion geprägt sein wird. Ich nehme Impulse auf, setze aber auch kritische Beobachtungen dagegen. Manchmal müssen Dissonanzen ausgehalten werden. Kunst muss heute nicht mehr harmonisch oder schön sein.
Kulturkirche Liebfrauen Duisburg, ab S. 40.
Diese ehemalige katholische Zentralkirche in Duisburg ist seit 2011 Kunstzentrum. Etwas erstaunlich ist, dass im Untergeschoss ein schlichter Gottesdienstraum in Funktion ist. Dann ist es schon etwas makaber, wenn im Treppenhaus das Schild hängt: „Das ist keine Kirche“. Foto: Christoph Fleischer, 2026
Der Zentralraum im Obergeschoss bietet die Installation von Abbas Zahedi, London, geb. 1984, Orgelpfeifen mit Belüftungssystem „Ouranophobia 47051, 2026“. Diese Installation ist unüberhörbar. Dazu erklärt der Katalog: „Pfeifen der Orgel der St.-Nikolaus-Kirche in Kiew – 2021 durch Brand zerstört- bilden die Grundlage für Zahedis Konstruktion.“ (S. 44), Foto s.o.
Zusätzlich sei noch eine Installation herausgegriffen, die einen Bezug zum Ort herstellt: Emil Walde, Düsseldorf, geb. 1991, hat alte Scheiben aus dem Umbau des Duisburger Bahnhofs abgezweigt, die entsorgt werden sollten. Im ehemaligen Kirchraum werden diese Scheiben den ursprünglichen Beichtstühlen zugeordnet, wodurch „intime Ecken der Ruhe und Besinnung“ entstehen. (S. 56), Foto: Christoph Fleischer, 2026
Markuskirche, Essen-Frohnhausen, ab S. 64
Die Markuskirche in Essen-Frohnhausen soll bald entweiht werden. Bis auf den Einbau der Ausstellung wirkt sie jedoch auffällig intakt. Architektonisch soll der Kirchsaal an ein Schiff erinnern. (vgl. Katalog, S. 67)
Augustas Serapinas, Vilnius, LT, geb. 1990, Pew Tower, 2026. Aus umgebauten vor Ort vorhandenen Kirchenbänken hat Augustas Serapinas einen begehbaren Turm gebaut. Vielleicht wäre dieser Turm auch als Kanzel geeignet, wodurch auch eine Rückkehr zur kirchlichen Nutzung denkbar wäre. In der Ausstellung dient dieser Holz-Turm dazu, den Raum anders wahrzunehmen. (eigene Deutung, Katalog, S. 76f) Fotos: Christoph Fleischer, 2026
St. Getrud, Essen-City, ab S. 78
Diese Präsentation ist die erste (Kirche) der Manifesta, die ich besucht habe und die mich neugierig gemacht hat auf das gesamte Projekt.
Wer den ehemaligen Kirchsaal betritt, ist verblüfft über die Einbauten aus weißem Ständerwerk; dort befinden sich Nischen, die offensichtlich als Atelier Verwendung finden (sollen). Darauf, dass hier ein offensichtlich grundlegendes Beispiel der räumlichen Umnutzung zu sehen ist, geht der Katalog nur ganz kurz ein. (Foto: Christoph Fleischer, 2026)
Zwei räumliche Installation greife ich exemplarisch heraus:
Donja Nasseri, Düsseldorf, geb. 1990, Mad Dogs, 2026. Mad Dogs ist eine skulpturale Installation an drei großen Halbkugeln…“, die im Inneren Lautsprecher enthalten. Im eigentlichen Foyer des oberen Bereichs dekorieren sie die bunten Glasfenster. (vgl. S.99), Foto: Christoph Fleischer, 2026
Nasan Tur, Berlin, geb. 1974, Elevation, 2026. Ehemalige Kirchenbänke werden vertikal im Raum aufgestellt. Diese Bänke sellen einen Raum dar, der „nicht von einer zentralen Instanz, sondern von vielen Menschen gemeinsam gestaltet wird.“ (vgl. S.105), Foto: Christoph Fleischer, 2026
St. Marien, Essen-Karnap, ab S. 106.
Diese mächtige moderne in Ziegelbauweise errichtete Kirche steht offensichtlich schon länger leer, da bereits Fenster durch Steinwürfe zerstört worden sind. Von außen erinnert die Kirche an einen Festungsbau, steht aber recht versteckt in einem Wohngebiet in Essen-Carnap.
William Engelen, Berlin, geb. 1964 mit Dagmara Genda: Unter der Orgelempore sind 148 Metallrohre aufgehängt, die abwechselnd angeschlagen werden können und damit einen Klangteppich verbreiten. Der leere Kirchenbau, einem sehr hohen Saal, kann als Klangraum erfahren werden. (vgl. S.110), Foto: Christoph Fleischer, 2026
Katharina Fritsch, Düsseldorf, geb. 1956, Birkenkreuz, 2026. Das weiße Holzkreuz kann in Beziehung zu den Buntglasfenstern gesehen werden. Das Kreuz Gedächtnis zurück. (vgl. S. 113-115). Foto: Christoph Fleischer, 2026
St. Josef, Gelsenkirchen-Ückendorf (ab S. 130)
Diese riesige neugotische Hallen-Kirche ist etwa 150 Jahre alt. Sie steht erstaunlicherweise in westlicher Richtung, nicht in Richtung Sonnenaufgang wie seit der Romanik üblich.
Curro Claret Marti, Barcelona, geb. 1968, This Is Not a Church Pew, 2026. Das Team hat mit einem Team Kirchenbänke auseinandergenommen und in neuen Konstellationen zusammengeschraubt.
Das Duo Barber Palacios, Valencia, geb. 1968, präsentiert einen ständigen Glockenklang in der gesamten Kirche.
Penique Productions, Möglich Unvorhersehbar, 2026. Sergi Arbusa, geb. 1987. Die Kirche St. Josef ist ausgeräumt und im Innenraum vollständig mit Plastikfolie ausgefüllt, die ständig mit Luft aufgefüllt wird. (Fotos: Christoph Fleischer, 2026)
Ergänzen möchte ich hier ein Projekt, dessen Ergebnisse in der Kirche St. Josef ausgestellt sind, im Katalog aber unter dem Kapitel „Communities und Bildung“ aufgeführt sind: Havin Al-Sindy, Kuli (Locust) 2026 (vgl. S.358ff). Gezeigt wird eine ca.2m große Heuschrecke, die an Stangen getragen werden kann. Schüler*innen der Gesamtschule Gelsenkirchen haben darüber hinaus tausende einzelne Heuschrecken aus Papier gefaltet, die an Fäden aufgehängt, einen Schwarm bilden. (Siehe Fotos von Christoph Fleischer, 2026)
Die folgenden Ausstellungsorte in Kurzfassung:
St. Anna – Hatay Engin Musikhalle, Gelsenkirchen-Schalke.
Schwerpunkt ist hier die Musik der Gastarbeiter*innen. Emre Abut hat eine Musikinstallation aufgebaut, die einen authentischen Höreindruck vermittelt.
Foto: Christoph Fleischer, 2026)
St. Bonifatius – Ferdane Satir Teegarten, Gelsenkirchen-Buer-Erle.
Neben der in Holzkästen angebauten Tee-Pflanzen sind hier die zahlreichen Gemälde auffällig, die im ehemaligen Kirchraum als Ausstellung gezeigt werden. Thema ist die Spannung zwischen der neuen und alten Heimat.
Beispiel: Merve Kaplan, geb. 1997: Yoldas, 2025. „Durch ihre räumliche Gestaltung schafft die Installation eine Übergangswelt…“ (vgl. S.192ff). Foto: Christoph Fleischer, 2026
Foto: Christoph Fleischer, zeigt: Manifesta 16 Ruhr, Das ist keine Kirche, hier: Gelsenkirchen, St. Bonifatius, Ferdane Sativ Teegrten, Motiv: Merve Kaplan, geb. 1997, Yoldas, 2025
Thomaskirche – Hava Gülec Wohnzimmer, Gelsenkirchen-Buer.
Textile Arbeiten stehen hier im Mittelpunkt, die im Gedenken an „Gastarbeiter*innen“ hergestellt wurden. Auch hier werden Kirchenbänke in Ausstellungsständer umfunktioniert.
Christ-König, Bochum.
Die erst 1932 errichtete Kirche wurde kriegsbedingt 1944 zerstört und dann bis 1957 wiedererrichtet. Möglicherweise war hier eine franziskanische Gemeinschaft, die Nähe zu Menschen der arbeitenden Bevölkerung gesucht hat.
Auffällig ist die Installation von Eva Kolatkova, Prag, geb. 1982 „When Animal Fall from the Sky. 2026. Der Boden ist dekoriert mit vom Himmel gefallenen Vögeln, meist schwarzen Krähen. Foto: Christoph Fleischer, 2026
St. Anna, Bochum.
Die Kirche steht in der Nähe des ehemaligen Stahlstandorts Stahlhausen.
Gethsemane-Kirche, Bochum.
Auffallend im Nachkriegsstil errichtete leer gefallene Ev. Kirche.
St. Ludgerus, Bochum-Langendreer.
Die Turnhalle erinnernde Installation eingerichtet. Vielleicht könnte es daran erinnern, dass Kirchengebäude nach ihrer kirchlichen Nutzung auch dem Breitensport zur Verfügung stehen könnten oder als Kletterhalle funktionieren könnten. Foto: Christoph Fleischer, 2026
Kino Astra in Essen, Foto: Christoph Fleischer (c)
Die folgende Auswahl geht auf ein Film-Kolleg im Januar 2024 im Haus Villigst (Schwerte/Ruhr) zurück, das Thomas Groll und Tom Damm durchgeführt haben. Das gemeinsame Filme-Schauen mit Pfarrkolleginnen und -kollegen hat zu einer regen Diskussion über die Darstellung von Kirche und ihrem Bodenpersonal geführt. Auch haben wir uns angeregt über unsere pastoralen Identitäten ausgetauscht. Meine Rezensionen sind durch das Film-Kolleg motiviert und möchten selbst anregen, sich den einen oder anderen Film anzuschauen. Alle Filme sind auch für das Gemeinde-Kino zu empfehlen.
Glauben ist alles (2001)
Romantische Komödie
Die gut zweistündige romantische Komödie von Edward Norton (Regie und Schauspieler) aus dem Jahr 2001 mit dem Titel: „Glauben ist alles“ (Keeping the faith) lässt sich gut anschauen. Edward Norton gelingt es als Regisseur witzige Verwicklungen und Szenen auf die Leinwand zu bringen. Der Film überzeugt mich allerdings in der Konstellation zweier befreundeter Geistlicher, der eine Rabbi (Ben Stiller), der andere katholischer Priester (Edward Norton), die sich in ein und dieselbe Frau verlieben, nicht. Gerade die Lebenswelten des Rabbis und des katholischen Priesters werden nur oberflächig berührt. Vielmehr wirkt hier alles Religiöse ausschließlich als Showeffekt und soll lediglich die Dramatik des Dreiecksverhältnisses steigern. Die Dreieckskomödie bleibt ohne Überraschungen und bietet nur an ganz wenigen Stellen Tiefgang. Auch entwickeln sich die drei Figuren nicht wirklich. Das Potential der Konkurrenzsituation der befreundeten Geistlichen wird in der Verfilmung nicht ausgeschöpft, auch die schöne Blondine (Jenna Elfman), die beiden Männern den Kopf verdreht, ist eine Karikatur ihrer selbst. Womit der Film allerdings punktet, sind seine beeindruckenden Aufnahmen von New York und die Filmmusik.
Die Pastorin (2013)
Leichte Unterhaltung
Der Fernsehfilm „Die Pastorin“ (Christine Neubauer) von 2013 ist leichte Unterhaltung. Im Mittelpunkt steht eine geschiedene evangelische Pastorin, die einen beruflichen Neuanfang wagt, der mehr als holprig ist. Die durch Umzug und Pfarrstellenwechsel entstandene räumliche Nähe zu ihrem Ex, um der Kinder willen, lässt in ihr eine neue Hoffnung auf Weiterführung der Beziehung keimen, bis sie herausbekommt, dass seine jetzige Flamme ein Kind von ihm erwartet. Die Kinder stehen dazwischen und halten ihre Eltern für ziemlich blöd und kompliziert. Die Ältere geht ihren eigenen Weg. In der Gemeinde braut sich etwas zusammen, die Pastorin ist in einer seelsorglichen Begleitung plötzlich selbst involviert und stellt ihren Neuanfang in Frage. Gefühlsmäßig holt mich der Film gut ab, intellektuell und ästhetisch bleibt viel Luft nach oben. „DiePastorin“ ist einer der wenigen Filme, der eine Pastorin in der Hauptrolle zeigt. Christine Neubauer spielt die Rolle der Seelsorgerin und Predigerin gut. Dass das Drehbuch überfrachtet ist, dafür kann sie nichts.
Heute wäre eine ganze Serie aus dem Drehbuch von Katrin Ammon entstanden, das Josh Broecker verfilmt hat. In die 1,5 Stunden ist einfach zu viel hineingepackt. So bleibt der Film trotz vieler existenzieller Themen ein leichtes Melodram mit Hang zur Schmonzette.
Am Sonntag bist du tot (2014)
Thriller-Tragödie
Ein außergewöhnlich starker Film, besetzt in der Hauptrolle mit einem katholischen Priester (Brandon Gleeson), der seine Berufung in einem kleinen irischen Dorf überzeugend in Kontakt mit den Menschen vor Ort lebt. Im Beichtstuhl wird ihm von einem seiner Schäfchen angedroht, dass er ihn am Sonntag in einer Woche am Strand töten wird. Daher auch der deutsche Titel: „Am Sonntag bist du tot.“ Im englischen Original trägt der Film den Titel: „Calvary“ und stellt damit eine Verbindung zu Passion und Sterben Jesus von Nazareth am Kreuz von Golgatha her. Die Sühnetod-Theologie ist Vorlage für die erzählte Geschichte im Film. Hier sühnt der gute Priester für die Sünden eines anderen Priesters, der schon verstorben ist. Der als Kind durch den verstorbenen Priester mehrfach missbrauchte Mann, rächt sich mit seiner Gewalttat an dem unbescholtenen Priester für die erlittenen Übergriffe unter denen er sein Leben lang gelitten hat. Ein Unschuldiger leidet für die Schuld eines anderen. Der Regisseur John Michael McDonagh schreibt hier die Passionsgeschichte Jesu fort. Recht früh (2014) greift er das Thema sexueller Missbrauch auf. Pater James geht hier allerdings einen anderen Weg als seine Kirche. Der unbescholtene Pater James geht hier wie Jesus in freien Stücken zu seiner Hinrichtung. Das ist verwirrend. Wo bleibt seine Abwehr? Sein Recht auf Leben? Oder ist sein Weg eine Mahnung an die Kirche und die Täter endlich Verantwortung zu übernehmen? Sühne als Voraussetzung für Vergebung? „Am Sonntag bist du tot“ ist eine sehenswerte Thriller-Tragödie. Sie erzählt mit atemberaubenden irischen Landschaftsimpressionen von Schuld und Sühne.
Adams Äpfel (2005)
Groteske pur
Der frisch aus dem Gefängnis entlassene Adam (Ulrich Thomsen) landet in einem kuriosen Resozialisierungsprogramm bei Pastor Iwan. Iwan (Mad Mikkelsen) sieht in jedem Menschen das Gute, selbst wenn dieser wie Adam Nazi ist und ihn zusammenschlägt. Adam kann die Umdeutung der Realität durch Iwan nicht ertragen und macht es sich zum Ziel, Iwans Gutmenschentum zu dekonstruieren. Das schafft er nach vielen Fehlversuchen, indem er Iwan anhand von Hiob klarmacht, dass nicht der Teufel Iwan prüft und versucht, sondern Gott selbst. Daraufhin bricht Iwan zusammen und verliert seine Antriebskraft. Der Tumor in seinem Kopf ist nicht mehr in Schach zu halten. Er wird daran schnell zugrunde gehen, wenn er nicht wieder Lebensmut bekommt. Adam erkennt voll Schrecken, dass er Iwan zwar bezwungen hat, aber in der kleinen Gemeinschaft alles aus dem Ruder zu laufen droht. Das erste Mal wird Adam emphatisch und übernimmt ganz im Sinne Iwans Verantwortung für die Lebensgemeinschaft. Der Wandel Adams ist perfekt und findet seinen Höhepunkt, als er mit dem allerletzten Apfel einen kleinen Apfelkuchen backt und ihn gemeinsam mit Ivan genüsslich verzehrt. Der dänische Regisseur Anders Thomas Jensen erzählt in Adams Äpfel skurril die Konversion eines Nazis und von einem Pfarrer, der erst im Scheitern erfolgreich ist.
Italienisch für Anfänger (2000)
Liebes-Komödie
„Liebe für Anfänger“ könnte der dänische Film von Lone Scherfig auch heißen. Sie erzählt ohne viele Schnörkel und in sich stimmig, wie sechs liebenswerte, schrullige Menschen, am Ende sind es drei Paare, zueinander finden. Es sind durchweg Randexistenzen einer Stadtgesellschaft, die in ihren Familienbanden, Aggressionen und Hemmungen verstrickt sind. Gemeinsam ist ihnen die Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach Freiheit und Liebe. Die Geschichte ist um den jungen Pastor Andreas (Anders W. Berthelsen) erzählt, der eine Pfarrvertretung übernimmt. Der vorherige alte Pastor ist unpässlich. Das qualvolle Sterben seiner Frau hat den alten Pastor aus der Bahn geworfen und er verhält sich derart daneben, dass er für den Dienst nicht mehr tragbar ist. Der Vertretungspastor Andreas hat selbst vor einem halben Jahr seine Frau verloren. Er ist verzweifelt, einsam und selbst auf der Suche, wie sein Leben weitergeht. In seiner Rolle wird er von den am Leben Leidenden aufgesucht und erweist sich als warmherziger Seelsorger, der die Menschen tröstet und ihnen einen guten Gedanken mit auf den Weg gibt. Wie Andreas sich den Menschen zuwendet und mit ihnen redet, ist für meinen Geschmack etwas zu soft, aber durchaus typisch für einen in Klinischer Seelsorge (Gesprächsführung) geschulten jungen Pastor. Dass er nicht nur sanft kann, zeigt er in einer Szene, wo er dem alten Pfarrer die Leviten liest.
Die Regisseurin Lone Scherfig lässt im Verlauf der Erzählung geschickt alle drei Liebespaare in einem von der Kommune durchgeführten Italienisch-Kurs für Anfänger aufeinander treffen. Es kommt zu Verwicklungen und komischen Szenen, bis sich jedes Paar gefunden hat. Auch der junge Pastor Andreas findet eine neue Liebe. Die Paare jedoch wissen noch nicht voneinander. Als der Italienisch-Kurs zu Ende geht, beschließen alle den Kurs mit einer Abschlussfahrt nach Venedig zu beenden. In Venedig kommt es zum Höhepunkt, da sich bei einem Abendessen in einem romantischen Restaurant eindeutig zeigt, wer zu wem gehört.
Auch wenn der Schluss mir zu süßlich ist, schafft es Lone Scherfig, einen Kunstfilm nach den Regeln von Dogma 95 zu drehen, der facettenreich ist und die Liebessehnsucht heutiger Menschen mit allen Regeln einer Komödie in den Blick nimmt.
Gott existiert, ihr Name ist Petrunya (2019)
Tragikomödie
Die 32jährige studierte Historikerin Petrunya lebt bei ihren alten Eltern in einem nordmazedonischen Dorf. Petrunya ist arbeits- und antriebslos und wird von ihrer Mutter völlig beherrscht. Mit einem intuitiven Sprung in den Fluss beim traditionell auf Männer beschränkten Kreuz-Fischen beginnt ihre Selbstwerdung. Petrunya fischt das Kreuz aus dem Wasser. Dieses soll nach alter Tradition vom orthodoxen Priester geweiht und in den Fluss geworfen ein Jahr lang Glück bringen. Die jungen Männer des Dorfes reagieren wutentbrannt und entreißen Petrunya das Kreuz. Im Gerangel ergreift sie es wieder und flieht. Die Aufregung ist groß, die Polizei fahndet nach ihr. Jetzt beginnt ein Kammerspiel in einer heruntergekommenen Polizeistation. Patrunya erwehrt sich aller Einschüchterungen, sei es vom Kommandanten, dem Priester, dem Staatsanwalt, dem wütenden Mob und auch der Journalistin, die die Story groß herausbringen will. Petrunya entdeckt ihre eigene Stärke und innere Freiheit. Auch von der Mutter, die sie besorgt in der Polizeistation besucht, grenzt sie sich entschieden ab und kann danach die leicht verwirrte Mutter in den Arm nehmen. Als der ereignisreiche Tag sich neigt und sie zuletzt gemeinsam mit dem Priester die Polizeistation verlässt, gibt sie überraschend das von allen begehrte Kreuz dem Priester mit den Worten zurück: Ich brauche es nicht. Ein Hilfsmittel zu ihrem Glück braucht Petrunya nicht länger. Widerstandskraft und Freiheit liegen in ihr selbst. Ein wunderbarer Film. Völlig zurecht hat dieser Film im Rahmen der Berlinale 2019 den Ökumenischen Jurypreis gewonnen. Regie führt: Teona Strugar Mitevska. Petrunya wird gespielt von Zorica Nusehva.
Corpus Christi (2019)
Drama
„Leib Christ. Empfangt, was ihr seid, damit ihr werdet, was ihr seid: Leib Christi“ sagt der Priester in der Messe vor der Kommunion. „Ihr alle seid Priester“, damit eröffnet Pfarrer Thomasz seine Messfeier im polnischen Jugendknast. Sein eifriger Knast-Messdiener Daniel (Bartosz Bielenia) saugt jedes Wort des Priesters auf und hat den Wunsch, sein Abitur nachzumachen, um eine Priesterausbildung anzustreben. Priester werden das ist sein größter Wunsch. Das komme nicht in Frage, die Kirche würde nie einen schuldig Verurteilten zum Priester ausbilden, antwortet brüsk Pfarrer Thomasz. Aus dem Gefängnis entlassen stolpert der fromme ehemalige Sträfling in einem Dorf in die Priesterrolle: Er gibt sich als junger Pater auf Wanderschaft aus. Der sichtlich gezeichnete Dorfpriester vor Ort bittet ihn, ihn während er selbst auf Kur ist zu vertreten. Nun steht Daniel vor dem Dilemma, was nun? Eine Beichte abnehmen, eine Messe feiern, eine letzte Ölung spenden, eine Predigt halten, wie geht das? Pater Thomasz – wie er sich ab da selbst nennt – vertraut ganz seiner Intuition und findet einen unverstellten Zugang zu den Menschen im Dorf. Seine Gebete sind echt, einfache Worte, die die Situation aufnehmen und Gott ins Leben der Menschen bringen. Seinem Gerechtigkeitssinn folgend lässt er nicht locker, bevor er erfährt, was für ein Unfall im Dorf sechs junge Menschen und einen Ehemann getötet hat. Die alte Sündenbockgeschichte offenbart ihre Aktualität, da für die Eltern der sechs umgekommenen Jugendlichen ein ehemaliger alkoholsüchtiger Mann eindeutig der Schuldige ist. Er, der selbst beim Unfall ums Leben kam, wird als Mörder beschimpft, seine seitdem zurückgezogen im Dorf lebende Frau als Hure. Der Ausschluss aus der Gemeinschaft wird daran deutlich, dass sein Bild nicht an der großen Dorf-Gedenktafel hängt und seine Urne nach einem Jahr immer noch nicht auf dem Gemeindefriedhof beigesetzt wurde. Das will die Gemeinde und der mächtige Bürgermeister, der das örtliche Sägewerk besitzt, nicht. Jetzt findet der falsche, aber wahre Priester seine eigentliche Rolle und lebt trotz der hartnäckigen Widerstände auf. Wahrhaft seelsorglich und an Christus orientiert lebt er das Evangelium, auch wo es scheidet und weh tut. Wo sich langsam im Dorf etwas in Bewegung setzt, läuft auf Daniel die Katastrophe zu. Auf dem Höhepunkt seines Niedergangs kann er nur noch entblößt Mensch sein. Das priesterliche Gewand ist abgestreift, schutzlos und machtlos begibt er sich in die Hände der Polizei. Seine bleibende Botschaft: vergeben und lieben.
Das auf eine wahre Geschichte zurückgehende Drehbuch von Jan Komasa, der selbst auch Regie geführt hat, führt eindrücklich katholisch-polnische Provinzfrömmigkeit, die Verlogenheit der Institution Kirche und das wahre Priestertum in der gebrochenen und doch hoffnungsstiftenden Figur eines Straffälligen vor Augen. Jan Komasa hält allen Geistlichen einen Spiegel vor. Genial!
Der Hauptmarkt ist voller Menschen. Alle strömen auf den Platz, um den Eröffnungsgottesdienst zu feiern. Die Pfadfindergruppen haben große Mühe, Fluchtwege freizuhalten und die Besuchermassen einigermaßen zu lenken. Aus den Lautsprechern tönt das Vorprogramm. Endlich beginnt der Gottesdienst. Nach gelungenem Posaunenauftakt wird geklatscht. Immer wieder brandet spontan Applaus auf. Der bayerische Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm hält eine solide Predigt.
Seine Worte tun keinem weh, ganz anders die leidenschaftliche Predigt von Quinton Caesar aus dem ostfriesischen Wiesmoor im Abschlussgottesdienst. Quinton Caeser will aufrütteln, konfrontiert die evangelische Mittelklasse mit ihrer strukturellen Ausgrenzung und Ausblendung von Minderheiten in Kirche und Gesellschaft. Wenn ihr schon zu Jesus gehören wollt, dann klebt an der Liebe Jesu und behandelt eure Schwestern und Brüder so, wie Jesus sie auch behandelt hätte. Dass er den Predigttext aus Kohelet 3,1: „Alles hat seine Zeit“ als negative Folie benutzt, um auf das Motto des Kirchentags umzuschwenken: „Jetzt ist die Zeit“ ist unglücklich, da das Alte Testament hier einmal mehr von einer neutestamentlichen Aussage überboten wird.
Mit der Parteinahme für die Diskriminierten hält er der versammelten Gemeinde am Hauptmarkt und an den Bildschirmen einen Spiegel vor. Kein Wunder, dass der Applaus nur vereinzelt aufbrandet und er den Nerv der Mehrheit nicht trifft. Dazu trägt sein aphoristischer Predigtstil und erst recht seine steilen Aussagen zu wie: „Ich belüge euch nicht.“ „Wir sind die letzte Generation.“ „Gott ist queer.“ Diese Sätze kommen für mich eher als Kotau vor dem Zeitgeist daher als eine evangelische Zeitansage.
Auffallend positiv für den Eröffnungsgottesdienst und den Abschlussgottesdienst auf dem Hauptmarkt waren für mich die liturgische und die musikalische Gestaltung, auch wenn der Windsbacher Knabenchor im Abschlussgottesdienst mit seiner steifen Kleiderordnung nicht meine Kragenweite ist. Nicht mehr der Sacro-Pop der 70er Jahre oder das Neue Geistliche Lied dominierten, sondern Teile der Messe in d (2016) des Komponisten und engagierten Dirigenten auf der Bühne Andreas Mücksch aus Halle/Saale. Die Sinfonische Rockmesse in d würde ich eher als moderne Klassik mit Crossover-Elementen beschreiben. So viel lateinische liturgische Gesänge ist ein Novum für den Evangelischen Kirchentag und sicherlich für die zentralen evangelischen Gottesdienste gewagt. „Bin ich hier in eine katholische Messe geraten oder was?“ Ich selbst als Klassikliebhaber war besonders von der Eröffnungsliturgie beeindruckt.
Foto: Joachim Leberecht
Zwei Bibelarbeiten
Schon seit einigen Kirchentagen besuche ich vorwiegend Bibelarbeiten auf dem Weg. Dabei sitzen die Teilnehmenden nicht auf Kirchentagshockern oder in Kirchenbänken, sondern sie gehen Stationen ab, wo die biblische Geschichte inszeniert wird. Hier kommt es besonders auf die Darstellung der biblischen Erzählung an. Die erste Bibelarbeit fand rund um St. Michael in Fürth statt und wurde von der Ortspfarrerin Dr. Stefanie Schadien (Sprecherin des Worts zum Sonntag) und ihrem Mann, Theologieprofessor Dr. Peter Dabrock (ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Ethikrats), sowie einem Team junger Menschen vorbereitet. Sie war theologisch, sprachlich und darstellerisch gut durchdacht und erweckte die alte Geschichte von der Hochzeit zu Kana überraschend neu zum Leben.
Der Clou war, dass die Geschichte von ihrem Ende – dem rauschenden Hochzeitsfest – her erzählt wurde. Das Wunder bekam niemand mit – außer den Dienerinnen, die das Wasser schöpften. Folgerichtig trat Jesus auch nicht auf. Die Erzählweise und die theologische Pointe boten eine Menge Bezüge zur Gegenwart und zum Kirchentagsmotto: Jetzt ist die Zeit – ohne dass es aufgesetzt wirkte. Ganz anders die zweite Bibelarbeit auf dem Weg. Sie war zwar von Lehrenden und Studierenden der Religionspädagogik vorbereitet, aber in Durchführung und Konzeption unterkomplex. Ein roter Faden war nicht zu erkennen, eine theologische Zuspitzung oder eine spirituelle Botschaft auch nicht. Schade!
Foto Joachim Leberecht
Spirituelles Zentrum
Mitten in der Altstadt lag das Spirituelle Zentrum des Kirchentags, das von Kommunitäten und vielen Workshopleiterinnen bespielt wurde. Der Komplex mit Kirche und einem weitläufigen Tagungsszentrum des Caritas-Pirckheimer-Haus, einschließlich einer attraktiven Cafeteria, bildeten eine Oase für Geist, Körper und Seele. Die Einführung ins Körpergebet nach Helge Burggrabe von Pfarrerin Simone Rasch aus Herford bot reichlich Gelegenheit zu Burggrabes Musik Gebetsgebärden auszuprobieren. In der Kirche St. Klarakonnten sich Menschen persönlich mit Handauflegung segnen lassen. Das Angebot Schweigend um die Stadtmauer wurde von einer erfahrenen Pilgerleiterin der Nürnberger Pilgerkirche St. Jakob durchgeführt.
Es war eine eindrückliche Erfahrung, sechs Kilometer Fußweg an der nach dem 2. Weltkrieg wieder aufgebauten Stadtmauer mit einer Gruppe von 37 Schweigenden entlangzugehen. Der Pilgerweg wurde mit kurzen Impulsen zur Stille gestaltet. Unterwegs sah ich ein kleines Auto mit der Aufschrift: Stadtmission Nürnberg und ich musste daran denken, dass das schweigende Umrunden der Stadtmauer auch eine Mission ist. Einmal nicht laut mit Posaunen wie um Jericho, sondern leise und hellwach für alles, was einem begegnet.
Kulturkirche
Die Kulturkirche hingegen war ein Flop. Fünfzig regionale Künstlerinnen und Künstler stellten ihre Bilder und Installationen in St. Egidien zum Thema: Jetzt ist die Zeit aus. Auf dem Altar platzierte ein Künstler – man mag es witzig finden – lauter Tic-Tac-Plastikdosen. Nicht nur einmal dachte ich: Ist das Kunst oder kann das weg? Die Werke waren zufällig, hatten für mich keine Ausdruckskraft. Hier hätte ich mir eine deutlichere künstlerische Handschrift des Kuratoriums gewünscht, mehr Klasse statt Masse. Das habe ich auf anderen Kirchentagen schon ganz anders erlebt. Schade – ein Ort der Auseinandersetzung und Begegnung in einer Barockkirche mit Kirche & Kunst wurde verschenkt. Da schaue ich mir lieber die Kunstinstallationen der Kunstkirche St. Peter in Köln an. Können die Katholischen besser Kunst als die verkopften Protestanten?
Foto: Joachim Leberecht
Kirchenmusik
Kirchenmusik hat in der evangelischen Kirche eine lange Tradition. Allein schon wegen des Bilderstreits in der Reformationszeit floss alle Gestaltungskraft in die Musik. Kirchenmusik kann der Kirchentag! Angefangen von den Gemeindeposaunenchören, die auf öffentlichen Plätzen aufspielten: mal mehr und mal weniger sauber, aber immer mit Herz! Einen Kirchentag ohne die immer noch zahlreichen Posaunenchöre kann ich mir schlechterdings nicht vorstellen. Ich bin ein heimlicher Fan der Posaunenchöre. Aber auch Kirchenmusik auf höchstem Niveau war zu erleben. Sei es das A-Capella-Konzert des Ensemble12 unter Leitung von Prof. Alfons Brandl (Hochschule für Musik in Nürnberg), das mit einem Programm aus fünf Jahrhunderten Kirchenmusik zu Psalmenliteratur in Unser lieben Frau in Fürth aufwartete. Die Sängerinnen und Sänger – alles Gesangprofis – bildeten einen homogenen Klangkörper und boten ein noch lang nachhallendes Konzert. Die angekündigte Aufführung von Haydns Schöpfung (1799) mit gleichzeitiger Präsentation des Experimentalfilms Koyaanisqatsi (life out of balance) von Regisseur Godfrey Reggio, der 1982 erstmals in die Kinos kam, lockte mich in die Meistersingerhalle. Hundertfünfzig Mitwirkende, gut besetzte Solistenstimmen, bildeten den Klangraum, der von dem Lorenzkantor Matthias Ank der Nürnberger evangelischen Hauptkirche St. Lorenz dirigiert wurden. Diese Aufführung war für mich kirchenmusikalischer Höhepunkt in Nürnberg. Klassische Musik und moderner Film gleichzeitig für das Publikum. Der Film kontrastierte die romantische Schöpfungsmusik nach Textvorlage der Genesis und konfrontiert Text, Musik mit Bildsequenzen von der Beherrschung und Zerstörung der Natur durch den Menschen, aber der Film zeigte auch das Wunder der Natur, die Schönheit der Erde.
Foto Joachim Leberecht
Jetzt ist Zeit für Frieden
Mehr oder weniger zufällig – ein Flyer der Friedensdemonstration, der schon leicht zerknittert auf dem Boden lag, lud ein – bekam ich von der Kundgebung für den Frieden auf dem Rosa-Luxemburg-Platz mit. Nicht mit ins offizielle Kirchentagsprogramm aufgenommen (!) – der Vorgang ließ sich für mich trotz Nachfragens nicht eindeutig recherchieren – wurden Kundgebung und Demonstrationszug von kirchlichen und gesellschaftlichen Friedensgruppen organisiert. Als ich circa eine Stunde vor Beginn den Platz erreichte, sah ich nur ein paar alte Männer mit langen zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren die Kundgebung vorbereiten. Hoffentlich kommen noch ein paar mehr, dachte ich. Das kann ja eine traurige Veranstaltung werden. Die Zeiten ändern sich. Als Jugendlicher auf dem Kirchentag in Hannover 1983 war das Friedensthema mit der Forderung nach Abrüstung und lauten Protest gegen den Nato-Doppelbeschluss in aller Munde. Der lila Schal mit dem damaligen Motto: Umkehr zum Leben war allgegenwärtig und prägte den Kirchentag. Zwar gab es auf dem Nürnberger Kirchentag ein Hauptpodium zum Thema Frieden. Es war aber nach der Absage von Margot Käßmann, die sich einen weiteren Shitstorm gegen ihre pazifistische Haltung in der Nachfolge Jesu nicht mehr antun wollte, sehr einseitig besetzt. Außer dem Friedenbeauftragten der EKD, Landesbischof aus Magdeburg Friedrich Kramer, der auch Hauptredner der Friedenkundgebung war, waren es Persönlichkeiten aus Bundeswehr, Parteien und der Kirche, die die Position Waffen für den Frieden vertraten. Ein Schelm, wer da an die Zusammensetzung bekannter Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens denkt. Friedrich Kramer stellte seiner Rede Sprüche 12,20b voran: „Die zum Frieden raten, haben Freude.“ Kramer forderte einen sofortigen Waffenstillstand und Verhandlungen für eine neue Friedensordnung in Europa, damit das Töten, Morden und Leiden der Unschuldigen aufhört. Er brachte das Konzept des Gerechten Friedens in Erinnerung, das zwar in vielen Kirchen diskutiert und auf Synoden verabschiedet wurde, aber mit einem Handstreich vom Tisch gefegt wurde als Russland die Ukraine überfiel. Der Ruf nach Aufrüstung und Militarisierung sei ein Rückschritt für ein friedliches Europa und für die Welt insgesamt. Kramer wünschte sich auch, dass sich die Friedensbewegung stärker mit der Klimabewegung vernetzt, da jeder Krieg massiv die Umwelt zerstört. Der Demonstrationszug mit ca. vierhundert Teilnehmenden durch die Altstadt erregte Aufmerksamkeit. Ich war froh, Gleichgesinnte gefunden zu haben.
Wie ich mit meiner Depression Kaffee trinken ging
Mit der Erzählung von Franz Essing „Wie ich mit meiner Depression Kaffee trinken ging“ und den Bildern zur Geschichte von Jannes Heidemann, erschienen im Ulli-Verlag, war ich als Herausgeber das erste Mal Mitwirkender auf dem Kirchentag. Es hat mich überrascht und gefreut, dass trotz zweitausend Veranstaltungen des Kirchentags, Hitze und Schwüle der Heilig-Geist-Saal in der Stadtmitte zweimal voll besetzt war. Die humorige Lesung mit Franz Essing, die Bildpräsentation und die Musik führten zu einem regen Austausch im Saal und zu Fragen aus dem Publikum, die zu einem vertieften Verständnis von Depressionen beitrugen und Anregungen für den Umgang bei Betroffenen und Angehörigen gaben.
Fazit
Alles in allem ein inspirierender Kirchentag in Nürnberg 2023 mit vielen Eindrücken und Begegnungen. Eine Gemeinschaftserfahrung, die ihresgleichen sucht. Der Kirchentag verändert sich, wie die Zeiten sich ändern. Das war mein elfter Kirchentag, vielleicht wird mein zwölfter 2025 in Hannover sein.
Ein verregneter Oktobertag, was gibt es da schöneres als 200km über die A45 und Umleitungen im Sauerland zur Frankfurter Buchmesse nach Frankfurt zu fahren?
Tatsächlich ist die Frankfurter Buchmesse auch im Jahr 2022 ein lohnenswertes Ziel, auch wenn sich die Anfahrt durch die Teilsperrung der A45 – wie auch schon in 2021 – mehr als nervenaufreibend gestaltet.
Zur Verteilung der Stände gibt in diesem Jahr – zu mindestens im Vergleich zum Vorjahr – gar nicht so viel zu berichten, da sich diese bis auf kleinere Ausnahmen weitestgehend wie 2021 gestaltete (Bericht vom Vorjahr hier im Blog). Der große Unterschied im Vergleich zum Vorjahr bestand für mich eher in der Besucherzahl, die sich scheinbar wieder normalisiert hat und die Messe wieder deutlich belebt hat. Trotz des Fachbesuchertages waren eigentlich alle Hallen ziemlich gefüllt, jedoch noch nicht in einem unangenehmen Maße, dies mag sich an den Publikumstagen sicherlich ändern.
Langenscheidt-Verlag in Halle 3.1
Auch für die Stände gab es in diesem Jahr trotz der anhaltenden Energie- und Wirtschaftskrise offenbar wieder mehr Budgets, die teilweise gebraucht oder improvisiert wirkenden Stände des Vorjahres waren jedenfalls nicht mehr zu finden. Witzig war zum Beispiel ein großer Grüffelo, mit dem man sich in Halle 3.0 beim BELTZ & Gelberg-Verlag fotografieren lassen konnte.
Grüffelo bei BELTZ & Gelbert
Beim Katapult-Verlag in Halle 3.1 konnten wir um 14 Uhr an der Autoren-Vorstellung des Buches „100 Karten über China“ teilnehmen. Der Vortrag war zwar informativ und ganz gut gemacht, hinterließ bei mir jedoch ein paar Fragezeigen, da zwar zuerst Chinas Qualitäten als Vielvölker- und multireligiöser Staat angepriesen wurden, jedoch kritische Punkte erst später benannt wurden – z.B. die Frage, welche dieser Religionen denn überhaupt ohne politische Verfolgung ausgeübt werden kann. Eine Diskussion mit den Autoren über diese und andere Themen wäre zwar lohnend gewesen, zeitliche Zwänge und die große Menge an weiteren Ständen zwangen jedoch nach einer halben Stunde zum Aufbruch.
Postkarten beim Katapult-Verlag
In Halle 3.0 fiel mir auf dem Rückweg aus Halle 3.1 noch der zwar nicht besonders große, jedoch besonders prominent platzierte Stand des Karl-May-Verlages auf. Die Frage, ob dies mit der anhaltenden Diskussion darüber – ob die angebotenen Werke Mays angesichts laufender Wokeness-Debatten noch zeitgemäß sind – zu tun hat, liegt zwar auf der Hand. Der Andrang am Stand schien sich jedenfalls in Grenzen zu halten, vielleicht auch weil von Karl May derzeit keine Neuvorstellungen mehr zu erwarten sind. Leider kann man bei einem Ein Tages-Besuch mit längerer Anfahrt nicht jede interessante Diskussion führen, die sich vielleicht angeboten hätte.
„Durchs Wilde Kurdistan“
Meine persönlichen Highlights waren in diesem Jahr sicherlich wieder die beiden Etagen der Halle 3 und die generellen Eindrücke, die auf der Messe gewonnen werden konnten. Der Stand der „Stiftung Buchdruckkunst“ war wie auch schon in den Vorjahren auch wieder ein besonderes Highlight.
Nachdenklich hat mich hingegen der Neubau (oder die Renovierung) der Halle 5 gemacht – ob man diesen Platz jemals wieder sinnvoll für die Buchmesse brauchen kann, oder ob auch hier die Grenzen des Wachstums erreicht sind, müssen die nächsten Jahre zeigen. Derzeit bin ich jedenfalls skeptisch.
Weiterhin: Corona stand für mich wie ein Elefant im Raum. Trotz hoher Inzidenzen bestand keine Maskenpflicht, auch bestand bei gefühlt 80-90% der Besucher keine Motivation, freiwillig eine Maske zu tragen. Angesichts aktueller Warnungen vor neuen Herbstwellen fand ich dies schon etwas komisch, und der ein oder andere Besucher wird sicherlich mit Omikron nach Hause gehen. Dies wird sich an den Besuchertagen der Messe sicherlich noch verschlimmern. Auch die Beheizung der Hallen war für meinen persönlichen Geschmack deutlich zu warm, da sich ein Besuch der Agora um zwischendurch „durchzulüften“ und risikofrei die Maske absetzen zu können geradezu angeboten hat. Um die Jacke bei jedem Wechsel der Halle auszuziehen hatte ich jedoch nach Mitnahme des ein oder anderen Kataloges schlichtweg keinen Platz in den Taschen mehr. Vielleicht hätte man auch hier angesichts aktueller Aufrufe zum Energiesparen anders vorgehen können.
Aber: Unterm Strich hat sich die Buchmesse, wie in den Vorjahren, erneut sehr gelohnt. Es wird sicherlich spannend in 2023 zu erleben, ob die Erholung der Messekultur weiter geht, oder ob wir 2019 die Frankfurter Buchmesse im größten Umfang der Messegeschichte erlebt haben.
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