38. Deutscher Evangelischer Kirchentag in Nürnberg 7.-11. Juni 2023, Bericht von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2023

Mein Kirchentag

Eröffnungs- und Abschlussgottesdienst

Der Hauptmarkt ist voller Menschen. Alle strömen auf den Platz, um den Eröffnungsgottesdienst zu feiern. Die Pfadfindergruppen haben große Mühe, Fluchtwege freizuhalten und die Besuchermassen einigermaßen zu lenken. Aus den Lautsprechern tönt das Vorprogramm. Endlich beginnt der Gottesdienst. Nach gelungenem Posaunenauftakt wird geklatscht. Immer wieder brandet spontan Applaus auf. Der bayerische Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm hält eine solide Predigt.

Seine Worte tun keinem weh, ganz anders die leidenschaftliche Predigt von Quinton Caesar aus dem ostfriesischen Wiesmoor im Abschlussgottesdienst. Quinton Caeser will aufrütteln, konfrontiert die evangelische Mittelklasse mit ihrer strukturellen Ausgrenzung und Ausblendung von Minderheiten in Kirche und Gesellschaft. Wenn ihr schon zu Jesus gehören wollt, dann klebt an der Liebe Jesu und behandelt eure Schwestern und Brüder so, wie Jesus sie auch behandelt hätte. Dass er den Predigttext aus Kohelet 3,1: „Alles hat seine Zeit“ als negative Folie benutzt, um auf das Motto des Kirchentags umzuschwenken: „Jetzt ist die Zeit“ ist unglücklich, da das Alte Testament hier einmal mehr von einer neutestamentlichen Aussage überboten wird.

Mit der Parteinahme für die Diskriminierten hält er der versammelten Gemeinde am Hauptmarkt und an den Bildschirmen einen Spiegel vor. Kein Wunder, dass der Applaus nur vereinzelt aufbrandet und er den Nerv der Mehrheit nicht trifft. Dazu trägt sein aphoristischer Predigtstil und erst recht seine steilen Aussagen zu wie: „Ich belüge euch nicht.“ „Wir sind die letzte Generation.“ „Gott ist queer.“ Diese Sätze kommen für mich eher als Kotau vor dem Zeitgeist daher als eine evangelische Zeitansage.

Auffallend positiv für den Eröffnungsgottesdienst und den Abschlussgottesdienst auf dem Hauptmarkt waren für mich die liturgische und die musikalische Gestaltung, auch wenn der Windsbacher Knabenchor im Abschlussgottesdienst mit seiner steifen Kleiderordnung nicht meine Kragenweite ist. Nicht mehr der Sacro-Pop der 70er Jahre oder das Neue Geistliche Lied dominierten, sondern Teile der Messe in d (2016) des Komponisten und engagierten Dirigenten auf der Bühne Andreas Mücksch aus Halle/Saale. Die Sinfonische Rockmesse in d würde ich eher als moderne Klassik mit Crossover-Elementen beschreiben. So viel lateinische liturgische Gesänge ist ein Novum für den Evangelischen Kirchentag und sicherlich für die zentralen evangelischen Gottesdienste gewagt. „Bin ich hier in eine katholische Messe geraten oder was?“ Ich selbst als Klassikliebhaber war besonders von der Eröffnungsliturgie beeindruckt.

Foto: Joachim Leberecht

Zwei Bibelarbeiten

Schon seit einigen Kirchentagen besuche ich vorwiegend Bibelarbeiten auf dem Weg. Dabei sitzen die Teilnehmenden nicht auf Kirchentagshockern oder in Kirchenbänken, sondern sie gehen Stationen ab, wo die biblische Geschichte inszeniert wird. Hier kommt es besonders auf die Darstellung der biblischen Erzählung an. Die erste Bibelarbeit fand rund um St. Michael in Fürth statt und wurde von der Ortspfarrerin Dr. Stefanie Schadien (Sprecherin des Worts zum Sonntag) und ihrem Mann, Theologieprofessor Dr. Peter Dabrock (ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Ethikrats), sowie einem Team junger Menschen vorbereitet. Sie war theologisch, sprachlich und darstellerisch gut durchdacht und erweckte die alte Geschichte von der Hochzeit zu Kana überraschend neu zum Leben.

Der Clou war, dass die Geschichte von ihrem Ende – dem rauschenden Hochzeitsfest – her erzählt wurde. Das Wunder bekam niemand mit – außer den Dienerinnen, die das Wasser schöpften. Folgerichtig trat Jesus auch nicht auf. Die Erzählweise und die theologische Pointe boten eine Menge Bezüge zur Gegenwart und zum Kirchentagsmotto: Jetzt ist die Zeit – ohne dass es aufgesetzt wirkte. Ganz anders die zweite Bibelarbeit auf dem Weg. Sie war zwar von Lehrenden und Studierenden der Religionspädagogik vorbereitet, aber in Durchführung und Konzeption unterkomplex. Ein roter Faden war nicht zu erkennen, eine theologische Zuspitzung oder eine spirituelle Botschaft auch nicht. Schade!

Foto Joachim Leberecht

Spirituelles Zentrum

Mitten in der Altstadt lag das Spirituelle Zentrum des Kirchentags, das von  Kommunitäten und vielen Workshopleiterinnen bespielt wurde. Der Komplex mit Kirche und einem weitläufigen Tagungsszentrum des Caritas-Pirckheimer-Haus, einschließlich einer attraktiven Cafeteria, bildeten eine Oase für Geist, Körper und Seele. Die Einführung ins Körpergebet nach Helge Burggrabe von Pfarrerin Simone Rasch aus Herford bot reichlich Gelegenheit zu Burggrabes Musik Gebetsgebärden auszuprobieren. In der Kirche St. Klarakonnten sich Menschen persönlich mit Handauflegung segnen lassen. Das Angebot Schweigend um die Stadtmauer wurde von einer erfahrenen Pilgerleiterin der Nürnberger Pilgerkirche St. Jakob durchgeführt.

Es war eine eindrückliche Erfahrung, sechs Kilometer Fußweg an der nach dem 2. Weltkrieg wieder aufgebauten Stadtmauer mit einer Gruppe von 37 Schweigenden entlangzugehen. Der Pilgerweg wurde mit kurzen Impulsen zur Stille gestaltet. Unterwegs sah ich ein kleines Auto mit der Aufschrift: Stadtmission Nürnberg und ich musste daran denken, dass das schweigende Umrunden der Stadtmauer auch eine Mission ist. Einmal nicht laut mit Posaunen wie um Jericho, sondern leise und hellwach für alles, was einem begegnet.

Kulturkirche

Die Kulturkirche hingegen war ein Flop. Fünfzig regionale Künstlerinnen und Künstler stellten ihre Bilder und Installationen in St. Egidien zum Thema: Jetzt ist die Zeit aus. Auf dem Altar platzierte ein Künstler – man mag es witzig finden – lauter Tic-Tac-Plastikdosen. Nicht nur einmal dachte ich: Ist das Kunst oder kann das weg? Die Werke waren zufällig, hatten für mich keine Ausdruckskraft. Hier hätte ich mir eine deutlichere künstlerische Handschrift des Kuratoriums gewünscht, mehr Klasse statt Masse. Das habe ich auf anderen Kirchentagen schon ganz anders erlebt. Schade – ein Ort der Auseinandersetzung und Begegnung in einer Barockkirche mit Kirche & Kunst wurde verschenkt. Da schaue ich mir lieber die Kunstinstallationen der Kunstkirche St. Peter in Köln an. Können die Katholischen besser Kunst als die verkopften Protestanten?

Foto: Joachim Leberecht

Kirchenmusik

Kirchenmusik hat in der evangelischen Kirche eine lange Tradition. Allein schon wegen des Bilderstreits in der Reformationszeit floss alle Gestaltungskraft in die Musik. Kirchenmusik kann der Kirchentag! Angefangen von den Gemeindeposaunenchören, die auf öffentlichen Plätzen aufspielten: mal mehr und mal weniger sauber, aber immer mit Herz! Einen Kirchentag ohne die immer noch zahlreichen Posaunenchöre kann ich mir schlechterdings nicht vorstellen. Ich bin ein heimlicher Fan der Posaunenchöre. Aber auch Kirchenmusik auf höchstem Niveau war zu erleben. Sei es das A-Capella-Konzert des Ensemble12 unter Leitung von Prof. Alfons Brandl (Hochschule für Musik in Nürnberg), das mit einem Programm aus fünf Jahrhunderten Kirchenmusik zu Psalmenliteratur in Unser lieben Frau in Fürth aufwartete. Die Sängerinnen und Sänger – alles Gesangprofis – bildeten einen homogenen Klangkörper und boten ein noch lang nachhallendes Konzert. Die angekündigte Aufführung von Haydns Schöpfung (1799) mit gleichzeitiger Präsentation des Experimentalfilms Koyaanisqatsi (life out of balance) von Regisseur Godfrey Reggio, der 1982 erstmals in die Kinos kam, lockte mich in die Meistersingerhalle. Hundertfünfzig Mitwirkende, gut besetzte Solistenstimmen, bildeten den Klangraum, der von dem Lorenzkantor Matthias Ank der Nürnberger evangelischen Hauptkirche St. Lorenz dirigiert wurden. Diese Aufführung war für mich kirchenmusikalischer Höhepunkt in Nürnberg.  Klassische Musik und moderner Film gleichzeitig für das Publikum. Der Film kontrastierte die romantische Schöpfungsmusik nach Textvorlage der Genesis und konfrontiert Text, Musik mit Bildsequenzen von der Beherrschung und Zerstörung der Natur durch den Menschen, aber der Film zeigte auch das Wunder der Natur, die Schönheit der Erde.

Foto Joachim Leberecht

Jetzt ist Zeit für Frieden

Mehr oder weniger zufällig – ein Flyer der Friedensdemonstration, der schon leicht zerknittert auf dem Boden lag, lud ein – bekam ich von der Kundgebung für den Frieden auf dem Rosa-Luxemburg-Platz mit. Nicht mit ins offizielle Kirchentagsprogramm aufgenommen (!) – der Vorgang ließ sich für mich trotz Nachfragens nicht eindeutig recherchieren – wurden Kundgebung und Demonstrationszug von kirchlichen und gesellschaftlichen Friedensgruppen organisiert. Als ich circa eine Stunde vor Beginn den Platz erreichte, sah ich nur ein paar alte Männer mit langen zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren die Kundgebung vorbereiten. Hoffentlich kommen noch ein paar mehr, dachte ich. Das kann ja eine traurige Veranstaltung werden. Die Zeiten ändern sich. Als Jugendlicher auf dem Kirchentag in Hannover 1983 war das Friedensthema mit der Forderung nach Abrüstung und lauten Protest gegen den Nato-Doppelbeschluss in aller Munde. Der lila Schal mit dem damaligen Motto: Umkehr zum Leben war allgegenwärtig und prägte den Kirchentag. Zwar gab es auf dem Nürnberger Kirchentag ein Hauptpodium zum Thema Frieden. Es war aber nach der Absage von Margot Käßmann, die sich einen weiteren Shitstorm gegen ihre pazifistische Haltung in der Nachfolge Jesu nicht mehr antun wollte, sehr einseitig besetzt. Außer dem Friedenbeauftragten der EKD, Landesbischof aus Magdeburg Friedrich Kramer, der auch Hauptredner der Friedenkundgebung war, waren es Persönlichkeiten aus Bundeswehr, Parteien und der Kirche, die die Position Waffen für den Frieden vertraten. Ein Schelm, wer da an die Zusammensetzung bekannter Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens denkt. Friedrich Kramer stellte seiner Rede Sprüche 12,20b voran: „Die zum Frieden raten, haben Freude.“ Kramer forderte einen sofortigen Waffenstillstand und Verhandlungen für eine neue Friedensordnung in Europa, damit das Töten, Morden und Leiden der Unschuldigen aufhört. Er brachte das Konzept des Gerechten Friedens in Erinnerung, das zwar in vielen Kirchen diskutiert und auf Synoden verabschiedet wurde, aber mit einem Handstreich vom Tisch gefegt wurde als Russland die Ukraine überfiel. Der Ruf nach Aufrüstung und Militarisierung sei ein Rückschritt für ein friedliches Europa und für die Welt insgesamt. Kramer wünschte sich auch, dass sich die Friedensbewegung stärker mit der Klimabewegung vernetzt, da jeder Krieg massiv die Umwelt zerstört. Der Demonstrationszug mit ca. vierhundert Teilnehmenden durch die Altstadt erregte Aufmerksamkeit. Ich war froh, Gleichgesinnte gefunden zu haben.

Wie ich mit meiner Depression Kaffee trinken ging

Mit der Erzählung von Franz Essing „Wie ich mit meiner Depression Kaffee trinken ging“ und den Bildern zur Geschichte von Jannes Heidemann, erschienen im Ulli-Verlag, war ich als Herausgeber das erste Mal Mitwirkender auf dem Kirchentag. Es hat mich überrascht und gefreut, dass trotz zweitausend Veranstaltungen des Kirchentags, Hitze und Schwüle der Heilig-Geist-Saal in der Stadtmitte zweimal voll besetzt war. Die humorige Lesung mit Franz Essing, die Bildpräsentation und die Musik führten zu einem regen Austausch im Saal und zu Fragen aus dem Publikum, die zu einem vertieften Verständnis von Depressionen beitrugen und Anregungen für den Umgang bei Betroffenen und Angehörigen gaben.

Fazit

Alles in allem ein inspirierender Kirchentag in Nürnberg 2023 mit vielen Eindrücken und Begegnungen. Eine Gemeinschaftserfahrung, die ihresgleichen sucht. Der Kirchentag verändert sich, wie die Zeiten sich ändern. Das war mein elfter Kirchentag, vielleicht wird mein zwölfter 2025 in Hannover sein.

 

Bericht über die Frankfurter Buchmesse 2022, Niklas Fleischer, Dortmund 2022

Agora, mit Blick auf den Messeturm

Ein verregneter Oktobertag, was gibt es da schöneres als 200km über die A45 und Umleitungen im Sauerland zur Frankfurter Buchmesse nach Frankfurt zu fahren?

Tatsächlich ist die Frankfurter Buchmesse auch im Jahr 2022 ein lohnenswertes Ziel, auch wenn sich die Anfahrt durch die Teilsperrung der A45 – wie auch schon in 2021 – mehr als nervenaufreibend gestaltet.

Zur Verteilung der Stände gibt in diesem Jahr – zu mindestens im Vergleich zum Vorjahr – gar nicht so viel zu berichten, da sich diese bis auf kleinere Ausnahmen weitestgehend wie 2021 gestaltete (Bericht vom Vorjahr hier im Blog). Der große Unterschied im Vergleich zum Vorjahr bestand für mich eher in der Besucherzahl, die sich scheinbar wieder normalisiert hat und die Messe wieder deutlich belebt hat. Trotz des Fachbesuchertages waren eigentlich alle Hallen ziemlich gefüllt, jedoch noch nicht in einem unangenehmen Maße, dies mag sich an den Publikumstagen sicherlich ändern.

Langenscheidt-Verlag in Halle 3.1

Auch für die Stände gab es in diesem Jahr trotz der anhaltenden Energie- und Wirtschaftskrise offenbar wieder mehr Budgets, die teilweise gebraucht oder improvisiert wirkenden Stände des Vorjahres waren jedenfalls nicht mehr zu finden. Witzig war zum Beispiel ein großer Grüffelo, mit dem man sich in Halle 3.0 beim BELTZ & Gelberg-Verlag fotografieren lassen konnte.

Grüffelo bei BELTZ & Gelbert

Beim Katapult-Verlag in Halle 3.1 konnten wir um 14 Uhr an der Autoren-Vorstellung des Buches „100 Karten über China“ teilnehmen. Der Vortrag war zwar informativ und ganz gut gemacht, hinterließ bei mir jedoch ein paar Fragezeigen, da zwar zuerst Chinas Qualitäten als Vielvölker- und multireligiöser Staat angepriesen wurden, jedoch kritische Punkte erst später benannt wurden – z.B. die Frage, welche dieser Religionen denn überhaupt ohne politische Verfolgung ausgeübt werden kann. Eine Diskussion mit den Autoren über diese und andere Themen wäre zwar lohnend gewesen, zeitliche Zwänge und die große Menge an weiteren Ständen zwangen jedoch nach einer halben Stunde zum Aufbruch.

Postkarten beim Katapult-Verlag

In Halle 3.0 fiel mir auf dem Rückweg aus Halle 3.1 noch der zwar nicht besonders große, jedoch besonders prominent platzierte Stand des Karl-May-Verlages auf. Die Frage, ob dies mit der anhaltenden Diskussion darüber – ob die angebotenen Werke Mays angesichts laufender Wokeness-Debatten noch zeitgemäß sind – zu tun hat, liegt zwar auf der Hand. Der Andrang am Stand schien sich jedenfalls in Grenzen zu halten, vielleicht auch weil von Karl May derzeit keine Neuvorstellungen mehr zu erwarten sind. Leider kann man bei einem Ein Tages-Besuch mit längerer Anfahrt nicht jede interessante Diskussion führen, die sich vielleicht angeboten hätte.

„Durchs Wilde Kurdistan“

Meine persönlichen Highlights waren in diesem Jahr sicherlich wieder die beiden Etagen der Halle 3 und die generellen Eindrücke, die auf der Messe gewonnen werden konnten. Der Stand der „Stiftung Buchdruckkunst“ war wie auch schon in den Vorjahren auch wieder ein besonderes Highlight.

Nachdenklich hat mich hingegen der Neubau (oder die Renovierung) der Halle 5 gemacht – ob man diesen Platz jemals wieder sinnvoll für die Buchmesse brauchen kann, oder ob auch hier die Grenzen des Wachstums erreicht sind, müssen die nächsten Jahre zeigen. Derzeit bin ich jedenfalls skeptisch.

Weiterhin: Corona stand für mich wie ein Elefant im Raum. Trotz hoher Inzidenzen bestand keine Maskenpflicht, auch bestand bei gefühlt 80-90% der Besucher keine Motivation, freiwillig eine Maske zu tragen. Angesichts aktueller Warnungen vor neuen Herbstwellen fand ich dies schon etwas komisch, und der ein oder andere Besucher wird sicherlich mit Omikron nach Hause gehen. Dies wird sich an den Besuchertagen der Messe sicherlich noch verschlimmern. Auch die Beheizung der Hallen war für meinen persönlichen Geschmack deutlich zu warm, da sich ein Besuch der Agora um zwischendurch „durchzulüften“ und risikofrei die Maske absetzen zu können geradezu angeboten hat. Um die Jacke bei jedem Wechsel der Halle auszuziehen hatte ich jedoch nach Mitnahme des ein oder anderen Kataloges schlichtweg keinen Platz in den Taschen mehr. Vielleicht hätte man auch hier angesichts aktueller Aufrufe zum Energiesparen anders vorgehen können.

Aber: Unterm Strich hat sich die Buchmesse, wie in den Vorjahren, erneut sehr gelohnt. Es wird sicherlich spannend in 2023 zu erleben, ob die Erholung der Messekultur weiter geht, oder ob wir 2019 die Frankfurter Buchmesse im größten Umfang der Messegeschichte erlebt haben.

Buchcover-Installation am GU Stand

Umnutzung der Neuen Pauluskirche in Essen-Huttrop, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

Paulus-Quartier

An der Steeler Straße in Essen Huttrop befindet sich das Gebäude der Neuen Pauluskirche unweit des katholischen Franz-Sales-Hauses, ganz in der Nähe der A 52. Von weiten erscheint die Kirche in der üblichen Gestalt. An der Front oben findet sich der Schriftzug „Paulus Quartier, Adolphi Stiftung“. Und ganz recht unten steht: „Paulus-Café“.

Seniorenwohneinrichtung

Die Kirche wurde im Jahr 2015 zur Seniorenwohneinrichtung umgebaut. Leider kann man diese Einrichtung im Moment nur unter Durchführung eines Corona-Tests betreten, daher konnte ich mir davon kein Bild machen.

Auf der Homepage zukunft-kirche-raeume.de wird es neben anderen erfolgreich durchgeführte Umnutzungsprojekten dokumentiert. Vom Ursprünglichen Kirchengebäude gibt es noch die Gestalt des Kirchhauses mit dem Kirchturm. Ob man vom Nebeneingang her wirklich ein Café betreten kann, weiß ich nicht. Offensichtlich handelt es sich um das Café des dortigen Altenheims, wie es das ja fast in jedem größeren Altenheim gibt. Das große Buntglasfenster der Kirche ziert die jetzt 7 Meter hohe Cafeteria.

Dort, wo man den Haupteingang der Kirche vermutet, am Turm der Westseite, findet sich eine Front von einzelnen Fenstern, die auf die Geschosse des Altenheims aufgeteilt sind. Die gleiche Aufteilung erscheint auch an der rechten Seite der Kirche zur Steeler Straße.

Der Haupteingang zum Altenheim ist an der gegenüberliegenden Innenseite und ist von daher eher unauffällig. Ich habe mir beim ersten Eindruck keinen rechten Reim darauf machen können, warum die Kirche in ein Quartier umbenannt wurde, halte die Lösung aber für durchaus passabel.

Kein Tagungszentrum realisiert

In der Broschüre „Modellvorhaben Kirchenumnutzungen, Ideen-Konzepte-Verfahren, Sechzehn Beispiele aus Nordrhein-Westfalen“ aus dem Jahr 2010 findet sie diese Kirche bereits als eines der geplanten Umnutzungsprojekte (Ministerium für Bauen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, Referat für Presse und Öffentlichkeitsarbeit, Düsseldorf 2010). Doch in diesem Heft wird kein Altenheim, sondern ein Tagungszentrum vorgestellt. Dieses Projekt wurde nicht realisiert, so dass dann die Adolphi-Stiftung als evangelischer Träger die Gelegenheit erhielt, ein Seniorenzentrum zu errichten (https://www.zukunft-kirchen-raeume.de/projekte/neue-pauluskirche-seniorenwohneinrichtung-und-pflegeheim/).

 

Ausstellungseröffnung Iserlohn: Stadt Kirche Bürgertum, Ein Bericht von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2021

Als ehemaliger Bürger und gebürtigem Iserlohn interessiert mich manche Meldung, die ich durch den Pressedienst erhalte. So auch die Einladung zur heutigen (7.11.2021) Ausstellungseröffnung im Stadtmuseum Iserlohn.

Wie die Kuratorin zu recht deutlich machte, liegt das Museum so nah am Kirchenensemble der Bauernkirche und der Obersten Stadtkirche, dass es nahe liegt, dazu eine Ausstellung zu machen.

Iserlohner Künstler malen Ihre Kirchen

In der Ausstellung am Ende, aber im Raum doch dominant, zeigen sich die zahlreichen Gemälde bekannter Iserlohner Künstler. Die Obersten Stadtkirche taucht dort immer wieder als das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt auf.

Dr. Sandra Hertel (im bild rechts), die durch die Ausstellung führte, sagte, dass sie im Stadtmuseum die Coronazeit genutzt hätten, den große Bestand an Gemälden zeitgenössischer und kürzlich verstorbener Künstler des 20. Jahrhunderts zu sichten und dass ihnen dabei die vorherrschende Rolle besonders der obersten Stadtkirche aufgefallen sei.

Stadt- und Kirchengeschichte verzahnt

Während die Stadt Iserlohn zunächst im Baarbachtal nahe der jetzigen Bauernkirche entstanden sei, war die Oberste Stadtkirche als etwas spätere alte Kirche auf dem Fels des Bilstein gebaut worden, von wo ausgehend eine Festung entstehen sollte, die jedoch danach zur befestigten Stadt gedieht.

Marientafeln und Reformationsgeschichte

Anhand der Marientafeln wurde klar, dass die Iserlohner Bürgerschaft über genügend Mitteln verfügte, um für die Kirche in Flandern einen Flügelaltar anfertigen zu lassen. Als man sich entschied, der Gemeinde die geschnitzte Seite permanent zu zeigen, wurden die sogenannten Marientafeln abgenommen und über dem Chorgestühl montiert.

Zwei Tafeln, die mit einem gekrönten König und mit Maria sind an das Ladnesmuseum in Münster gegangen.

Bürgertum und Kirchenbestand

Immer wieder wurde die feste Verbindung zwischen dem Bürgertum und der Kirche deutlich, im Kirchenbuch, im Visitationsbericht, in vorzeigbaren Kirchengegenständen wie dem Abendmahlsgeschirr. Die Stadt Iserlohn gibt es nicht ohne die Oberste Stadtkirche.

Immer wieder wurden so auch aktuelle Zeitströmungen im Bereich des Kircheninventars und seiner Veränderung deutlich. Wie zum Beispiel an der Veränderung des Orgelprospekts gezeigt werden konnte. Interessant war auch der Werdegang der Namensschilder im Kirchengestühl, die früher sogar das Wappen der jeweiligen Familien enthielt. Die Interessante Ausstellung zur Geschichte der Obersten Stadtkirche ist noch bis zm 27. Februar 2022 im Stadtmuseum Iserlohn zu besichtigen.

Link zur weiteren Information: https://www.iserlohn.de/kultur/museen/stadtmuseum-iserlohn/sonderausstellung

Bericht: Dürer war hier. Eine Reise wird Legende, Joachim Leberecht, Aachen 2021

 

18.07.21 – 24.10.21

Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen

500 Jahre später – Dürer

 zum Anfassen

190 Exponate

Die Räume sind bordeauxrot, dunkelgrün und dunkelblaugrau gestrichen. Es herrscht geschäftiges Treiben. Überall sind Handwerker, die der Ausstellung den letzten Schliff geben. Die Beleuchtung jedes Bildes wird digital ausgemessen, für die letzten Bilder, die noch aufgehängt werden müssen, werden Striche an die Wand gemalt. „Erst gestern Abend ist der berühmte Hieronymus (1521) von Albrecht Dürer aus Lissabon eingetroffen. In letzter Sekunde. Corona hätte uns beinahe einen Strich durch die Rechnung gemacht, doch der Direktor des Museum Nacional de Arte Antiga aus Lissabon durfte durch diplomatisches Geschick persönlich als Kurier das Bild nach Aachen bringen“, erzählt Peter van den Brink, Direktor und einer der Kuratoren der Ausstellung des Suermondt-Ludwig-Museums in Aachen. Über sieben Jahre lang hat er mit seinem Team die große Dürer-Ausstellung über Dürers niederländische Reise 1520/1521, die ihn auch anlässlich der Krönung Kaiser Karls des V. für drei Wochen nach Aachen führte, vorbereitet. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Neben 20 Kupferstichen Dürers aus dem eigenen Haus werden 170 Leihgaben aus aller Welt, von namhaften Museen ebenso wie aus privaten Sammlungen, ausgestellt.

 

Bildnis der zwanzigjährigen Katharina

Gefragt nach seinem persönlichen Lieblingsbild, führt Peter van den Brink eine kleine Schar Interessierter zu einer auf den ersten Blick eher unscheinbaren Zeichnung Dürers. Es ist ein Porträt der zwanzigjährigen Katharina, eine zarte, rötlichbraun schimmernde Silberstiftzeichnung. Van den Brink ist ganz in seinem Element, er erklärt die Technik der Silberstiftzeichnung, bezeichnet Dürer als großen Künstler – wenn nicht den größten überhaupt –, der es versteht, die Gefühle der Porträtierten durch genaue Wiedergabe der Augen und der Mundpartie darzustellen. Ihn selbst berühre der leicht verschämte und zurückhaltende Ausdruck Katharinas. Darüber hinaus haben wir es hier mit dem ersten Gesichtsporträt einer jungen schwarzen Frau in Europa zu tun. Dürer lernte die junge Frau in Antwerpen kennen, wo er während seiner Reise mit seiner Frau Agnes wohnte. In die Kunstgeschichte ist das Bild unter dem Titel: „Die Mohrin“ eingegangen.

Foto: Bildnis Katharina

 

Das „schreib püchle“

Foto: schreib püchle

Grundlage für die Ausstellungskonzeption ist das „schreib püchle“, das der geschäftstüchtige Albrecht Dürer während seiner Reise in die Niederlande und ins Rheinland mit sich führte. Glücklicherweise sind neben akribisch aufgeführten Ausgaben und Einnahmen durch den Verkauf von Zeichnungen auch Treffen mit anderen Künstlern und Auftraggebern, Freunden und Personen des öffentlichen Lebens verzeichnet. Es ist im eigentlichen Sinn kein Reisetagebuch – die Ausstellungsmacher sprechen lieber von einem Rechnungsbuch – aber es ist bis heute eine Fundgrube für die Dürerforschung. Das Original ist bis auf eine Seite verloren gegangen, doch gibt es zwei Abschriften aus dem 16. Jahrhundert, die erhalten geblieben sind. Eine Abschrift aus dem Jahr 1550 befindet sich im Nürnberger Dürer-Archiv. Einige Seiten dieser Abschrift sind als digitale Version mit Übersetzung ins heutige Deutsch und Englisch in der Ausstellung aufbereitet worden. Insgesamt wäre eine stärkere multimediale Aufarbeitung und Vermittlung der Exponate wünschenswert: Besonders fehlt ein Audioguide als „Sehhilfe“, da doch vielen Besucherinnen und Besuchern die Bildsprache des 16. Jahrhunderts fremd sein dürfte. Peter van den Brink als ausgewiesener Kenner der Kunst des 16. Jahrhunderts hätte hier mit seinem Team noch mehr „Übersetzungsarbeit“ leisten können. Das Begleitheft zur Ausstellung enthält zwar detaillierte Einführungen zu allen Bildern, umfasst jedoch 170. Seiten und ist damit schlicht eine Überforderung für den Museumsgast.

 

Dürer und Erasmus von Rotterdam

Während seiner Reise traf Dürer den humanistischen Theologen Erasmus von Rotterdam und porträtierte ihn. Erasmus soll auf das Porträt erpicht gewesen sein – so van den Brink – doch zu seinem Unwillen hat er es nie ausgearbeitet aus Dürers´-Werkstatt zurückerhalten. Der Einfluss Erasmus und der sich ausbreitende Humanismus auf Dürer wird in der Ausstellung gut in Szene gesetzt. Dürers bekanntem Kupferstich Hieronymus im Gehäus (1514) hängt sein epochales Bild Derhl. Hieronymus im Studierzimmer (1521) gegenüber. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung weitere Hieronymus-Bilder von niederländischen Künstlern, die sich von Dürers´ Hieronymusdarstellung inspirieren ließen. Dürers Bild, während seiner Reise in Antwerpen gemalt, zeigt Hieronymus im Halbporträt mit der Konzentration auf Gesicht und eine auf einen Totenschädel weisende linke Hand. Dieses biblisch-humanistische Memento-Mori (Ps 90,12) ist auf den Eintrittskarten und den Ausstellungsplakaten in Ausschnitten zu sehen.

Foto: dürer karl V. aachen

 

Dürer und Luther

Peter van den Brink weist darauf hin, dass in Dürers Rechnungsbuch die „Lutherklage“ enthalten war, wohl als Interpolation von Jacobus Probst, Präses eines kleinen Augustinerkonvents in Antwerpen, wie es Jeroen Stumpel in seinem Essay „Luther in Dürers Tagebuch“ nachzuweisen versucht (Ausstellungskatalog: Dürer war hier S. 121ff).

Albrecht Dürer wollte Luther persönlich aufsuchen, um einen Kupferstich von ihm zu machen. Dazu ist es vor seiner Abreise in die Niederlande 1520 nicht gekommen. In einem Brief an Spalatin schrieb Dürer über seine Wertschätzung Luthers: „Vnd hilf mir got, das jch zw doctor martinus luther kum, …., der mir aws grossen engsten geholfen hat.“ (nach Stumpel a.a.O. S. 125)

Dürer hat sich sehr für Luther und die Reformation interessiert. Er selbst war im Besitz mehrerer Schriften Luthers. Luthers Haltung zur Passion und sein „Sermon von der Betrachtung der heiligen Leiden Christi“(1519) waren ihm vertraut. (Siehe auch Dana E. Cowen in: Ausstellungskatalog, S.371ff)

Wie schon das Heironymusbild (1521) zeigt, führt der geistige Einfluss der Reformbewegungen zu einer neuen künstlerischen Produktivität mit traditionellen Bildmotiven. Da lässt sich besonders eindrucksvoll an den ausgestellten Zeichnungen Die Kreuzigung Christi 1521 und der „Querformatigen Passion“ ablesen.

 

Foto: Auschnitt aus Die Kreuzigung Christi (1521)

 

Der dicke Dürer

Die Kuratorinnen und Kuratoren nennen den Ausstellungskatalog liebevoll den „dicken Dürer“. Bei 680 Seiten und einem Gewicht von 4,5 kg wird da niemand widersprechen. Ursprünglich sollte der Katalog auf 500 Seiten begrenzt sein, doch Dank der Verschiebung der Ausstellung wegen der Pandemie und der daraus folgenden intensiven Homeoffice Arbeit – wie Peter van den Brink als Herausgeber humorvoll zum Besten gibt – wurde umso gründlicher am Ausstellungskatalog gearbeitet. 26 Essays namhafter Dürerkennerrinnen und -kenner führen in das Werk Dürers ein und machen dem in ausgezeichneter Bildqualität im Michael Imhof Verlag erschienenen Werk: „Dürer war hier“ und besonders dem Untertitel: „Eine Reise wird Legende“ alle Ehre.

Foto: Ausstellungskatalog

Joachim Leberecht (Text und Fotos)

Anmerkungen:

1  Jeroen Stumpel: Luther in Dürers Tagebuch,

in: Dürer war hier. Eine Reise wird Legende, Ausstellungskatalog, (Hg) Peter van den Brink, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2021, S.121ff

2  zitiert nach, siehe Anmerkung 1, S. 125