Dokumente zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

zu: Dietrich Bonhoeffer: Konspiration und Haft, 1940-1945, Herausgegeben von Jørgen Glenthøj (+), Ulrich Kabitz und Wolf Krötke, Dietrich Bonhoeffer Werke, 16. Band, Chr. Kaiser Verlag 1996 jetzt: Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 2. Auflage 2016, ISBN 978-3-579-01886-7, gebunden, 956 Seiten, Preis: 199,00 Euro (print)

Zum Einstieg

Der Preis des umfangreichen Buches überrascht zunächst. Sicherlich ist die sorgfältige Edition aufwändig, zumal das Buch den Forschenden ausführliche Register an die Hand gibt (über 200 Seiten).

Der Herausgeberkreis dokumentiert die Editionsgeschichte im Vorwort und bietet im Nachwort den Versuch einer historischen und theologischen Einordnung der Widerstandstätigkeit Dietrich Bonhoeffers, die hier ausführlich dokumentiert wird. Die im zweiten Teil abgedruckten theologischen Arbeiten sind allesamt unveröffentlicht, da Bonhoeffer zwischen 1940 und 1943 und erst recht während der Haft jede Veröffentlichung verboten war.

Es gibt einige Fragen, mit denen ich die Lektüre dieser Materialsammlung angehe, die nicht nur allein von Bonhoeffer selbst verfasste Schriften enthält, und zugleich Briefes an ihn wie z. B. von Eberhard Bethge, dem späteren Herausgeber seiner Gefängnisbriefe und Biograph, sondern auch Gerichts- und Prozessunterlagen.

Fragen

Eine meiner Fragen ist: Inwieweit war der Verfasser friedensethischer Schriften selbst Kriegsdienstgegner oder gar Verweigerer, was ihm ja nicht vorzuwerfen wäre? Als er 1939 erneut aus den USA zurückkehrte, musste ihm diese anstehende Entscheidung immer deutlicher werden. Er führte von Schlawe (Pommern) aus sogenannte Sammelvikariate und musste sich dort auch mustern lassen. Der Einberufung entging er durch die „uK-Stellung“ auf Antrag der Abwehr im Bereich der Reichswehr, zu der er nun offiziell gehörte. Hierzu hatte sein Schwager von Dohnanyi gesorgt.

Wie viele Auslandsreisen Bonhoeffer absolviert hat und wofür, ist wohl noch lange im Unklaren geblieben. So musste er während seines Aufenthalts im Kloster Ettal mehrere Monate auf das Visum für die Schweiz warten. Die Frage der indirekten Kriegsdienstverweigerung sollte in den Prozessakten einen breiten Raum einnehmen. Hierbei wird auch indirekt deutlich, dass die Abwehr selbst juristisch angreifbar schien. Leitende Beamte wir Wilhelm Canaris (1887 – 1945) und Hans von Dohnanyi (1902 – 1945) wurden ja ebenfalls von den Nationalsozialisten ermordet.

Die Frage, ist ob angesichts weitreichender Rede und Schreibverbote von herkömmlicher theologischer Arbeit überhaupt noch die Rede sein konnte. Trotzdem dokumentiert der Band, dass der Theologe Dietrich Bonhoeffer die Arbeit an theologischen Konzepten nicht aufgegeben hat.

Besonders der Briefwechsel mit Eberhard Bethge im ersten Teil erinnert in seiner Reflexion schon in weiten Zügen an die Gefängnisbriefe ( siehe: „Widerstand und Ergebung“, DBW Band 8). Zusätzlich wird immer wieder auf das Projekt der „Ethik“ (DBW, Band 6) Bezuggenommen, an der Bonhoeffer besonders in Ettal, aber letztlich bis zu seiner Verhaftung gearbeitet hat. Einzelne Themen der „Ethik“ sind von einem Situationsbezug her zu bewerten, der in den Dokumenten zwischenzeitlich angesprochen wird.

Eine weitere Frage ist, inwieweit Bonhoeffer schon in den politischen Widerstand involviert war. Hierzu wird es kaum schriftliche Quellen geben. Der Besuch in der Schweiz 1941 rechnet mit einer Möglichkeit des Kriegsendes durch eine Art Regierungswechsel. Wie dieser Umsturz geplant war, bleibt offen. War das Attentat vom 20.07.1944 als Auslöser eines Militärputsches gedacht oder sollte es so schnell es geht zurück zur Demokratie kommen?

Meine letzte Frage ist die nach Befremdlichem. Wie verhält sich die pazifistische Position, mit der Bonhoeffer den waffenlosen Dienst als Agent der Abwehr dem Kriegseinsatz vorzieht zu anderen Arten des Widerstandes gegen Hitler? Warum bezieht sich Dietrich Bonhoeffer in seinem Brief gegen den Vorwurf „volkszersetzender Tätigkeit“ nicht in erster Linie auf die Religion, sondern seine adlige und zum Teil untadelige bürgerliche Herkunft (S. 62)? Und gibt es gar in den Rundbriefen im Gedenken an die Gefallenen eine Art „Kriegstheologie“, wenn es z. B. heißt: „Braucht Gott etwa unsere Brüder zu irgend einem verborgenen Dienst für uns in der himmlischen Welt?“ (S. 193) Warum bezieht er sich in dem Bericht über die Deportationen nicht auf den Verdacht, es könne sich um Ermordungen handeln (vgl. S. 213 „nach Polen“)? Und: Warum gibt es in der kritischen Ausgabe Stellen, die als nicht zitierfähig bezeichnet werden? Worum geht es dabei, um private Beziehungen etwa?

Was typisch ist

Wie schon in „Widerstand und Ergebung“ werden zahlreichen theologische Fragen reflektiert. Erstaunlich sind dabei Bonhoeffers Formulierungen, die seinen Veröffentlichungen eine besondere Tiefe geben. Dazu am Ende der fragmentarischen Rezension ein Beispiel: „Die Unverantwortlichkeit der Zukunft gegenüber ist Nihilismus, die Unverantwortlichkeit der Gegenwart gegenüber ist Schwärmerei. Beides müssen wir überwinden und in dieser Aufgabe, die auch eine höchst persönliche ist – werden wir uns einmal vereinigen müssen und können…“ (Brief an Christoph Bethge, hier S. 223).

Würdigung

Der hier skizzenhaft rezensierte Band 16 der Dietrich Bonhoeffer Werke zeigt dass, wie schon bei der Neubearbeitung der Gefängnisbriefe unter der Überschrift „Widerstand und Ergebung“, überlieferte Dokumente und auch Briefe an und über Dietrich Bonhoeffer zum Verständnis seines Wirkens hinzugehören.

Hierbei wird zudem auch die historische Perspektive zu würdigen sein, in der Bonhoeffers Rolle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu bedenken ist. Letztlich ist ihm in der Funktion als Agent der Abwehr eine politische Funktion zugewachsen, die es neben der theologischen auch in Zukunft stärker zu würdigen ist. Dadurch wäre Bonhoeffers Theologie nun erst recht eine politische Theologie geworden.

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