Kurt Riezler: Parmenides, Übersetzung, Einführung und Interpretation, Vittorio Klostermann, Frankfurt/Main, 4. Auflage 2017 (1. Auflage 1934), Klostermann Rote Reihe 93, Paperback, 105 Seiten, ISBN 9783465043027, Preis: 16,80 Euro
Parmenides‘ fragmentarische Überlieferung
Der Text des Parmenides (515-455 v. Chr.) besteht aus numerisch gegliederten Fragmenten, deren Zusammenhang nicht immer rekonstruiert werden kann. Die Gliederung der Fragmente bei Riezler weist von der davor gängigen ab. Dadurch kann es vorkommen, dass etwa Martin Heidegger aus Text IX zitiert, den Text ab er mit VIII benennt. Die jeweiligen Abweichungen sind aber im Buch klar notiert.
Wie schon bei Homer (8. Jahrhundert v.Chr.) sind die Texte in der Form eines Gedichtes verfasst, das durch Lücken unterbrochen ist. Die Frage danach, auf welche Frage Parmenides antwortet, ist gar nicht leicht zu beantworten.
In der Philosophie bleibt der mythologische Rahmen des Parmenides meist unterbewertet. Es ist schließlich eine Göttin, der Moira, der er die Worte über das Sein in den Mund legt.
Welche Mythologie ist das denn?
Die griechische Mythologie ist eigenartig immanent. Nicht in der Ewigkeit, sondern im Sein, im Denken, in der Gegenwart liegt der Sinn des Lebens. Die Göttin Moira verkörpert das Schicksal. Die alte griechische Götterlehre der Sagen Homers scheint bereits überholt. Die neuen Götter heißen Schicksal, Wahrheit, Ruhm, sind also eher irdisch zu deuten.
Kurt Riezler schreibt dazu: (S. 54): Warum sollen Anagke (Notwendigkeit) und Moira(Schicksal) ein jenseitiges Sein in ihren Fesseln binden? Was sie gefügt haben und festhalten ist Themis (Recht) und Dike (Gerechtigkeit), in ihnen das Wesen der Physis(Gestalt), das Seinsgesetz alles Seienden, gegenüberstehend als göttliche Setzung dem Nomos (Urteil) und der Thesis (Rede) des flüchtigen, nicht in sich ruhenden, sterblichen Menschen.“ (S. 54, Übersetzung der griechischen Begriffe durch den Rezensenten).
Die Götterlehre dieser elatischen Philosophenschule greift auf Gottesnamen zurück, die in das Denkgefüge und die Weltdeutung der Menschen selbst gehören, also keine übermenschlichen Naturmächte sind. Selbst das hier genannte Schicksal meint das Grundverständnis des menschlichen Daseins selbst, genannt das Sein.
Ontologie des Parmenides, Vorbild für modernes Denken
Das Sein wird vom Seienden unterschieden: „Dieses Sein ist oberhalb jenes Gegensatzes, in dem wir etwa Ruhe als Sein der Bewegung und als Werden gegenüberstellen. Es umfasst als Eines das Sein dessen, was wir Bewegung nennen.“ (S. 58)
Hierzu kommt nun fast in idealistischer Intuition, dass Parmenides die Einheit von Sein und Denken feststellt. Damit wird das Denken zuerst als Wahrnehmung gedeutet und erst danach als Reflektion. Und, wieder modern gedacht: Das Sein ist für uns nur insoweit vorhanden, wie wir es erkennen.
Fazit: Meine Notizen sind keine erschöpfende Wiedergabe der Lehre des Parmenides, sondern stellen nur eine Beobachtung heraus, wie sie später auch von Martin Heidegger reflektiert worden sind. (hier im Literaturverzeichnis: Martin Heidegger, Moira (Parmenides VIII, 34-41, in: Vorträge und Aufsätze usw.).
Bilder des Films aus der Pressemappe entnommen: bonhoefferfilm.de
Vorweg: „In der heutigen Gesellschaft schrecken Populisten und Nationalisten nicht davor zurück, die Geschichte und in diesem Fall das Vermächtnis eines ganzen Menschen für ihre unmenschliche Weltanschauung zu verdrehen.“ (Jonas Dassler, Moritz Bleibtreu, August Diehl und weitere Schauspieler des Films BONHOEFFER in der Stellungnahme zu Vorwürfen aus USA und Deutschland, Quelle: bonhoefferfilm.de)
Der Film über Dietrich Bonhoeffer als Erzählung eines beispielhaften Lebens
In der folgenden Besprechung schildere ich, wie ich den Film im Kino aufgenommen und in mein Wissen über Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) eingeordnet habe.
Der Film (etwa 2 Stunden, 15 Minuten) beginnt mit einer sich durchziehenden Rahmenhandlung. Dietrich Bonhoeffer sitzt in einem antiken Reisebus, mit dem eine Gruppe Gefangener in den letzten Kriegstagen aus Berlin evakuiert werden, alle in Zivil nicht in Gefangenenkleidung. Bonhoeffer redet wenig mit anderen, sondern sitzt stattdessen allein und schreibt in kleines in Leder gebundenes Tagebuch. Er notiert dabei Erinnerungen an sein ganzes Leben. Seine notierten Stichworte rufen die Erinnerungen an die Zeitabschnitte seines Lebens auf, die im Film episodenhaft gezeigt werden.
Diese Reise beginnt damit, dass die Gruppe in ein KZ gebracht wird, wahrscheinlich Buchenwald bei Weimar. Hier wird ein prominenter Nazi sein Zellennachbar, der wohl bei Hitler in Ungnade gefallen ist. Als das Gefängnis unter den Folgen einer Bombardierung zusammenstürzt muss die Gruppe die Fahrt im Bus fortsetzen. Hierin erkenne ich auch eine Anspielung auf die Bombenangriffe, die Bonhoeffer während seines Aufenthalts im Gefängnis in Tegel zwischen 1943 und 1945 erfahren musste. (Der Aufenthalt in Tegel bleibt im Buch Film unerwähnt).
Von dort kommt der Bus nach einer längeren Irrfahrt an einer eingestürzten Brücke zum Stehen. Der Ort, den sie kurz danach besuchen, heißt Schönberg. In der dortigen Dorfkirche feiert Bonhoeffer das Abendmahl mit seinen Mitgefangenen und wird danach zum Hinrichtungsplatz gebracht, wo drei Galgen aufgestellt sind. Die angebotene Möglichkeit, in der Kleidung eines Gefängnisaufsehers zu fliehen schlägt er aus mit Rücksicht auf seine Familie, die dadurch Schwierigkeiten bekommen hätte. Die Hinrichtung erfolgt an diesem Ort. Von Flossenbürg ist jedenfalls nicht die Rede. Ob und wo die anderen Insassen getötet werden, wird nicht erwähnt.
Bonhoeffers Gefangenschaft und spätere Hinrichtung wird zum Leitmotiv des gesamten Films
Im Folgenden gehe ich auf einige Szenen ein, von denen mir die meisten noch in Erinnerung geblieben sind.
Zu Beginn des Films ist Bonhoeffer noch ein Kind (gespielt von Phileas Heyblom, geb. 2012). Die Frisur ist mir von einem bekannten Foto bekannt Bonhoeffers als Kind bekannt. Seine Schwestern und der älteste Bruder werden hervorgehoben, außerdem der Vater und seine Mutter. Das Kinderzimmer sieht ein wenig wie eine kleine Schulklasse aus, vielleicht weil die Kinder in den ersten Schuljahren zu Hause unterrichtet wurden.
Als der Bruder Walter zur Wehrmacht eingezogen wurde, war Dietrich 8 Jahre alt. Vater, Mutter und einige Geschwister begleiten den jungen Soldaten zum Zug. Sofort darauf (im Film) kommt dieser in einem Sarg zurück. Beim Beerdigungskaffeetrinken spielt Dietrich Klavier, das Lieblingsstück von Walter, heißt es.
Die nächste Szene zeigt Dietrich als älteren Studenten in Amerika. Während des dortigen Studienaufenthalts lernte er sowohl den Jazz kennen. Er wird eingeladen, mitzuspielen und spielte ein Thema auf dem Klavier, das dann von der Kapelle aufgenommen wurde. Dann war er auch in einem Gottesdienst einer schwarzen Gemeinde, wo ein großer Gospelchor sang. Nach dem Gottesdienst war er bei der Pfarrersfamilie zum Mittagessen zu Gast.
Zurück in Deutschland arbeitet Bonhoeffer als Pastor. Seine Predigt richtet sich gegen die Umdeutung der Bibel durch die Nazis und gegen den Antisemitismus. Er muss mitansehen, wie seine Konfirmandengruppe in der entsprechenden Kluft zur Hitlerjugend geht. Die Deutschen Christen machen sich in den Gottesdiensten breit und wählen einen Nazibischof. Religiöse Gegenstände wie ein Kruzifix werden in einer Kirche heruntergerissen und stattdessen Nazifahnen aufgehängt. In den vorderen Bänken sitzen Uniformierte als geschlossene Gruppe.
Pfarrer Niemöller gründet die bekennende Kirche. Bonhoeffer legt ihm sein eigenes Bekenntnis vor, dass von dieser Richtung der Kirche auch angenommen wird. Die Kirche bekennt sich zum Alten und Neuen Testament und zu Israel als auserwähltem Volk Gottes.
Danach geht Bonhoeffer nach England und wird Pfarrer in einer deutschen Gemeinde. Er berichtet dem dortigen Bischof über die neuen Verhältnisse in Deutschland besonders über die Judenverfolgung.
Schon nach wenigen Jahren kehrte er zurück, um in Finkenwalde (Pommern, heute Polen) ein Predigerseminar der Bekennenden Kirche zu leiten. Dort lernte er Eberhard Bethge kennen, erst Student und dann enger Mitarbeiter.
Dann wird er noch einmal in Amerika gezeigt. Es war als Auswanderung geplant und wurde nur ein kurzer Trip. Er sollte dort in Sicherheit gebracht hat werden und den deutschen Widerstand aus dem Ausland unterstützen.
Doch ein Professor der Uni leitete eine Meinungsänderung ein. Vermutlich zeigt er ihm auf, dass er an die Seite seiner Familie gehört und in Amerika nichts ausrichten kann. Dass Bonhoeffer hier als Asylant nach Amerika kam, hatte sicher einen anderen Stellenwert als in einem Gaststudium wie 10 Jahre zuvor. Dietrich Bonhoeffer kehrte nach Deutschland zurück. Diese Entscheidung bleibt sicher nicht nur den Kinobesuchern ein stückweit rätselhaft.
In Berlin eingetroffen, schließt der sich dem Widerstand an und wird Mitarbeiter der Abwehr. In deren Auftrag begleitete er eine Gruppe jüdischer Männer in die Schweiz, die das Gerücht entkräften sollten, es sei in Deutschland zu Judenverfolgungen gekommen. Doch Bonhoeffer selbst hatte schon zuvor mit seinen Brüdern einen Film in seinem Zimmer gesehen, der Originalaufnahmen von den Deportationen zeigte.
Dann nahm er in Berlin an einem Attentatsversuch teil. Der Offizier Gersdorff trug eine Bombe unter seiner Jacke und sprach mit Adolf Hitler, als dieser das Mahnmal für den Ersten Weltkrieg in Berlin besuchte. Unter der Jacke muss es heiß gewesen sein, denn sofort danach legte er den Bombengürtel in einer Herrentoilette wieder ab. Die Detonation war nicht eingetreten.
Auf einer Reise kommt Bonhoeffer als Agent wieder nach London und sprach mit dem ihm bekannten Bischof. Dieser wollte sich für den Widerstand einsetzen, meinte aber, Churchill wolle unbedingt Deutschland im Krieg besiegen.
Als zweiter Attentatsversuch wurde die Platzierung einer Bombe in Hitlers Nähe gezeigt. Bei diesem Attentat war Dietrich Bonhoeffer aber nicht selbst anwesend. Im Film war dies dann aber der Anlass für die Aufdeckung der Verschwörung. Sämtliche Mitverschwörer, auch Bonhoeffer selbst, wurden verhaftet.
Damit unterschlägt der Film Bonhoeffers Gefängniszeit in Tegel. Zum Zeitpunkt des Attentats 1944 war er schon mehr als ein Jahr in Haft. An diesem Attentat konnte er also nicht beteiligt gewesen sein. Dass Bonhoeffer für die Abwehr als Agent tätig war, ist historisch richtig. Aber im Film wird nicht gezeigt, dass er seine Tätigkeit als Pfarrer im Rahmen seiner Möglichkeiten fortgesetzt hat.
Durch den Verzicht auf die Tegeler Gefängniszeit unterschlägt der Film auch die Gefängnisbriefe. Das Gedicht „von guten Mächten“ wird nicht erwähnt. Nur, dass der Gefangene Bonhoeffer ständig in sein Tagebuch schreibt, kann vielleicht als Andeutung auf die andauernde Schriftstellerei im Gefängnis gedeutet werden. Ein solches Tagebuch Bonhoeffers ist bis heute aber nicht aufgetaucht.
Dass ein Film aus der Biografie auswählen muss, ist verständlich. Die konspirative Tätigkeit als Agent der Abwehr wurde in der Vergangenheit vielleicht auch zu wenig betont. Doch dass der Christ und Pazifist so zu einem Vertreter des bewaffneten Widerstands geworden ist und als Teil der Abwehr im Grunde auch Soldat war, wird als Problem gesehen. Der Film zeigt tatsächlich auch ein Gespräch in der Familie, in dem man Bonhoeffer gerade damit konfrontiert, dass er ein bekennender Pazifist gewesen sei. Im Grund hat ihm jedoch die Aufnahme in die Abwehr den Dienst mit der Waffe selbst erspart.
Aus Interviewszenen nach der Deutschlandpremiere erinnere ich mich an die Aussage des ehemaligen bayrischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, der Film mache Mut, für das einzustehen, was man glaubt und dafür, sich für die Menschen einzusetzen, denen Unrecht widerfährt. Die Biografie Bonhoeffers bleibt gegenüber den bekannten Biografien ein wenig sperrig, ist aber durchaus plausibel erzählt. Der Spannungsbogen bleibt durch die Rahmengeschichte bestehen, wenn auch die eingefügten Fragmente sich nicht immer zu einer geschlossenen Erzählung zusammenfügen lassen.
Wenn dieses Journal sich den Namen „Der blaue Reiter“ gibt, so greift es bewusst ein Motiv aus der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts auf. Das Motiv stammt aus dem Expressionismus, der der Kunst eine zeitgenössische Richtung gab. Doch woher das Motiv des Blauen Reiters genau stammt und wie es auf diese Zeitschrift anzuwenden ist, ist nicht einfach festzustellen.
Vielleicht passt noch am ehesten die Frage nach einer exakten Abbildung, die es für die Kunft nach der Entstehung der Fotografie nicht mehr geben kann. Es in der Kunst nichts mehr zu darzustellen. Daher mussten vielmehr Eindrücke gefunden werden. Ist Philosophie nicht auch eher Konstruktion als exakte Wissenschaft, und gibt somit die Pluralität der Gesellschaft wieder?
Wird ein philosophisches Thema behandelt, so wird es weniger um richtig oder falsch gehen als darum, die Facetten der Diskussion anzureißen. Als philosophisches Thema wird also hier ein Blick in das Konzept von Philosophie gewährt, nicht nur eine originalgetreue Abbildung gegeben. Hier soll es um Verantwortung gehen, ein sicherlich aktueller Begriff.
Der „Blaue Reiter“ genannt nach einem Bild von Wassily Kandinsky (1906)
In jedem Heft des „Blauen Reiters“ kommt die Kunst zu Wort. Künstler dieser Ausgabe ist Frank Nordiek aus Hannover. Auf dem vorderen Umschlag sind zwei farbige Abbildungen, im sonstigen Heft etliche Abbildungen in Grautönen. Weitere Graphiken beziehen sich auf die jeweiligen Artikel. Zusätzlich auch Anzeigen zu Literatur, zum Teil aus dem eigenen Verlag.
Aufbau der Zeitschrift: Inhaltlich differenziert und zugleich unterhaltsam
Wie jede andere Zeitschrift, so hält sich das Heft an einen bestimmten redaktionellen Aufbau. In der Rezensionsarbeit darf ich heute exemplarisch die aktuelle Ausgabe des Journals vorstellen.
Zunächst fällt das Format auf. Das Heft ist etwas größer als DIN A4. Passt also im Bücherschrank eher zu den Bildbänden.
Verantwortung heute
Der thematische Teil dominiert das ganze Heft. Ihm folgt je eine Umfrage, eine Kolumne, ein Lexikon mit vier Begriffen wie Erbsünde und Rache, dann „Unterhaltung“, ein Portrait, eine Presseschau, Rezensionen und das Impressum.
Ich greife ein Beispiel heraus: Unter Unterhaltung findet sich ein (fiktiver) Briefwechsel mit Lesern. Hier werden drei Fragen beantwortet (von „Dr. B. Reiter). Die letzte lautet z. B. „Warum sehen so viele Philosophen Religion kritisch?“ (S. 93) Die Antwort der Redaktion beginnt mit dem Satz „Philosophie beginnt genau da, wo Religion aufhört.“ (S. 93). Hier ist Religion intolerant und Philosophie tolerant (vielleicht abgesehen von Martin Heidegger, so die Meinung der Redaktion).
Philosophie heißt, sich eine eigene Meinung zu bilden
Zwischenfazit: Das Heft des Blauen Reiters fördert die eigenständige Auseinandersetzung mit einem philosophischen Thema, und lädt dazu ein, einen philosophisch begründeten Standpunkt zu vertreten. Die eigene Meinung ist dann reflektiert, aber nicht unumstößlich. Was oben zu Religion gesagt wurde, ließe sich auch auf Politik anwenden. Wie kann Verantwortung erprobt werden, wenn jeder recht hat?
Drei Beispiele des inhaltlichen Diskurses
Nach Dieter Birnbacher (Professor emeritus aus Düsseldorf) steht Verantwortung zwischen Vergangenheit und Zukunft, „die zwei Zeitrichtungen der Verantwortung“. Sie fragt nach Verantwortung „wofür“ wohl eher im juristischen Sinn und danach, was an Vorsorge nötig ist und welche Zukunft sich Menschen wünschen.
Paul Stephan (philosophischer Redakteur) zeigt exemplarisch zwei philosophische Auswege aus der Krise der Verantwortung zwischen Egoismus (nach Stirner) und der Selbstverantwortung (nach Nietzsche) auf. Eine Formulierung erinnert an Sören Kierkegaard, ohne ihn jedoch zu nennen: „Sobald ich überhaupt wähle, ein Selbst zu sein, muss ich auch wählen, Verantwortung zu übernehmen“ (S. 15)
Christina Schüess (Professorin, Lübeck) greift dazu ein Thema Hannah Arendts auf, die Bedeutung des Lebens. Für diese Philosophin ist die Geburtlichkeit der Grund für die Übernahme der Verantwortung. Der Weltbezug ist den Menschen also im Grund von Geburt an mitgegeben. Auch Emmanuel Levina wird hier einbezogen.
Weitere Aspekte von Verantwortung
Weitere Artikel seien hier nur kurz stichwortartig skizziert
Die Rolle des Wissens und der Wissenschaft (Dr. Otto Peter Obermeier, Philosoph und Mediziner)
Schuld und Verantwortung (Jutta Heinz, Literaturwissenschaftliche Autorin)
Freiheit (Martin Booms, Professor, Alfter)
Armut (Dr. Valentin Beck, Direktor des Instituts für Global Value Inquiry, Berlin)
Andere oder Fremde (René Weiland, philosophischer Autor)
Selbstbestimmung nach Sokrates (Jörg H. Hardy, Professor, Georgien und Flagstaff, USA, Privatdozent, Berlin)
Moralische Verantwortung (Thomas Zoglauer, lehrt Philosophie in Cottbus und Stuttgart)
Verantwortung zwischen Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit
Die gegenwärtige Aktualität dieser Aufsätze ist offensichtlich, die Themenfelder durchaus unterschiedlich. Der Begriff der Verantwortung stellt sich als das vorrangige Aufgabenfeld der Gegenwart dar. Dass dazu auch Religion etwas zu sagen hätte, wird hier leider nicht in den Blick genommen.
Predigt über Galater 2,15-21 (Bibel in gerechter Sprache)
15 Wir sind zwar von Geburt her zwar tatsächlich jüdisch und nicht Sünderinnen und Sünder aus den heidnischen Völkern. 16 Aber wir wissen, dass kein Mensch ins Recht gesetzt wird durch vorschriftsmäßige Erfüllung der Gesetzesverordnung, sondern nur durch die Treue Jesu, des Messias. Darum sind wir auch zum Vertrauen an den Messias Jesus gelangt, damit wir ins Recht gesetzt würden aus der Treue des Messias und nicht aus vorschriftsmäßiger Erfüllung der Gesetzesverordnung. Denn aus vorschriftsmäßiger Erfüllung der Gesetzesverordnung gibt es keine Gerechtigkeit für die Menschheit als ganze.
17 Aber wenn nun wir, die wir ins Recht gesetzt werden wollen durch den Messias, auch selbst als Sünderinnen und Sünder dastehen, ist dann der Messias ein Handlanger der Sünde? Nein, und abermals nein. 18 Stattdessen: Wenn ich genau das wieder aufrichte, was ich niedergerissen habe, bezichtige ich mich selbst der Übertretung. 19 Denn ich bin durch das Ordnungsgesetz für die Gesetzesordnung gestorben, damit ich für Gott lebe. Mit dem Messias bin ich mitgekreuzigt worden.
20 Und ich lebe nicht mehr als ich, sondern in mir lebt der Messias. Was ich jetzt in meiner leiblichen Existenz lebe, lebe ich im Vertrauen auf das Kind Gottes, das mich geliebt und sich selbst ausgeliefert hat für mich. 21 Ich erkläre nicht das Geschenk der Zuwendung Gottes für null und nichtig. Denn wenn die Gerechtigkeit durch die gesetzte Ordnung käme, wäre der Messias umsonst gestorben.
Von der Freiheit, die Mut kostet
Liebe Gemeinde,
was ist richtig oder was ist falsch? Diese Frage treibt uns um, wenn wir an Diskussionen in den letzten Jahren oder auch an gegenwärtige in unserer Gesellschaft denken, wobei ich wahrnehme, dass viele Menschen zwar für sich eine Meinung haben, aber diese lieber für sich behalten. Es gibt ein diffuses Gefühl, sich besser nicht äußern.
Wie wir von Paulus wissen, gehört er nicht zu denen, die einer Klarstellung aus dem Weg gehen. Als er von der Gemeinde in Galatien hört, dass dort stillschweigend hingenommen wird, dass die Beschneidung der männlichen Geburten weiter Praxis ist, bezieht er klar Stellung und sagt sinngemäß:
„Ich weiß zwar, dass das Jüdischsein euch im römischen Reich religiöse Sonderrechte einräumt und ihr mit eurem Glauben dann nicht im Konflikt mit dem römischen Staat kommt, aber gleichzeitig schwächt ihr damit euer Vertrauen zu dem Messias Jesus, der für uns gestorben und wieder auferstanden ist. Wenn ihr die Beschneidung in der Gemeinde zu einem Gesetz macht, dann legt ihr denen etwas auf, die nicht aus der jüdischen Tradition kommen und auch dem Messias Jesus vertrauen wollen. Ihr wisst doch selbst, dass kein Mensch gerecht wird durch das Einhalten von Gesetzen, sondern allein durch das Vertrauen auf Jesus Christus, der in seiner Treue zu Gott uns ins Recht gesetzt hat. Nicht dass Gesetze und Verordnungen schlecht sind, aber sie sind nicht unser Maßstab für unser Handeln und Leben. Unser Maßstab ist allein Jesus und nicht die Gesetze der Herrschenden, seien sie religiös oder politisch.“
Soziale Sprengkraft paulinischer Gedanken
Ich weiß nicht, ob wir nach einer 2000jährigen Christentum-Geschichte, wo sich das Christentum mehrheitlich mit den politischen Mächtigen auf die Siegerseite der Geschichte gestellt hat, wahrnehmen, wie radikal kritisch hier Paulus gegenüber (religiösen) Gesetzen denkt. Auch wenn Paulus im Römerbrief schreibt, dass „alle Obrigkeit von Gott sei“ (Römer 13,1f), ist für ihn dennoch klar, dass er Gott mehr gehorchen muss als den Menschen. Paulus hat ganz von seiner Bindung an Jesus – und das bedeutete für ihn zuerst an das Kreuz des Geschundenen, des Opfers der Gewalt, gedacht – und daher seine Freiheit gegenüber dem (religiösen) Gesetz gewonnen.
Im Vertrauen auf Christus war er frei, sah sich mit ihm gestorben und mit ihm auferstanden. Nichts und niemand mehr sollte ihn binden. Diese Freiheit war gefährlich, das wusste er. Sie hatte eine enorme soziale Sprengkraft: In Christus gibt es weder „Jude noch Grieche, Sklave noch Freier, Mann noch Frau“… (Galater 3,28)
Sind wir kritikfähig?
Wir neigen alle zu Kleingläubigkeit und Gesetzeserfüllung, das haben mir die Jahre der Corona-Pandemie deutlich vor Augen gestellt. Die politischen Entscheidungsträger haben zwar demokratisch – aus meiner Sicht aber unverhältnismäßig –, getrieben von Medien und Angstmachern, in die Grundrechte eingegriffen und viele Menschen durch ihre Maßnahmen aus Angst ausgegrenzt. Die Folgen spüren wir heute mit Macht: u.a. haben Depressionen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen drastisch zugenommen. Eine kritische Aufarbeitung dieser Zeit – auch in der Kirche – steht noch aus. Das Impfen wurde in unserer Kirche mit dem Siegel der Nächstenliebe sakralisiert, so sagte der Präses der rheinischen Kirche nach seiner dritten Impfung in der Düsseldorfer Johanneskirche in einem Radiointerview: „Sich impfen lassen sei Nächstenliebe“, zu dieser Zeit wohlwissend, dass die Impfung nicht vor Weitergabe des Virus schützt. Theologisch noch bedenklicher empfand ich, dass das Teilen von Brot und Wein in vielen evangelischen Gemeinden den Gemeindemitgliedern über zwei Jahre verweigert wurde.
Wessen Geboten sind wir hier gefolgt? Oder zeigt sich hier gerade die evangelische Freiheit von religiöser Praxis?
Falsch oder richtig?
Die Unterstützung der Ukraine mit Waffen? Das Aufrechterhalten des Tötens in einem verlustreichen Stellung- und Abnutzungskrieg?
Falsch oder richtig?
Milliarden für den Haushalt 2025 fehlen, sollen aber jetzt auf Vorschlag einer Partei durch Kürzung im Sozialsekttor eingespart werden.
Falsch oder richtig?
Die deutsche Staatsräson, das kriegerische Vorgehen Israels mit zigtausend getöteten Zivilisten in Gaza nicht zu kritisieren? Erst gestern wurde eine Schule mit palästinensischen Flüchtlingen ausgebombt und an die hundert Toten billigend in Kauf genommen. Und Deutschland liefert weiter Waffen an Israel. Machen wir uns nicht mitschuldig an dem Tod Unschuldiger?
Falsch oder richtig?
Ich weiß, wir können es schon gar nicht mehr hören. Wir können doch sowieso nichts ändern! Wir müssen es hinnehmen! Gebt uns Brot und Spiele und wir sind zufrieden. Meine eigenen Probleme halten mich derart in Bann, dass ich alles andere ausblenden muss. Jeder ist sich selbst der Nächste.
Liebe Gemeinde,
was richtig oder falsch ist, ich weiß es auch nicht, bin oft hin- und hergerissen, ich fühle mich aber je länger, je mehr an den gewaltlosen Weg Jesu gebunden. Ich sehe einfach nicht, dass Gewalt und das einzig auf das militärisch setzende Eindämmen von Aggressionen durch immer mehr Waffen und Töten Sicherheit, geschweige denn Frieden bringen.
Auch das Aufrüsten in unserem Land, zuletzt die Zustimmung des Kanzlers ab 2026 weitreichende amerikanische Mittelstreckenraketen nachrüsten zu lassen finde ich falsch. Aufrüsten und Nachrüstern schenken keine Sicherheit. Und es bleibt die Frage: Wann ist Sicherheit erreicht?
Keiner kann das sagen.
Freiheit zu lieben – ein Weg?
Vertrauen und vertrauensbildende Maßnahmen allein schenken Sicherheit, im Kleinen wie im Großen.
Paulus sagt, er vertraue ganz Christus. Das war für ihn alternativlos. Auch seinen gewaltsamen Tod hat er dafür in Kauf genommen. Ich weiß nicht, ob ich das könnte, aber in der Kirche – vielleicht als eine der wenigen Institutionen überhaupt noch – sollten die Opfer von Gewalt, Kriegen und auch die Zerstörung der Ressourcen durch unser kapitalistisches Wirtschaftssystem wachgehalten werden, damit wir uns verändern, Krieg überwinden, die Schöpfung bewahren. Um Christi willen müssen wir von den Opfern her denken und glauben.
Kein Gesetz der Welt kann retten, nur die Liebe.
Natürlich ist eine Justiz, die auf die Menschenrechte und das Völkerrecht achtet und diese weiterentwickelt und verbreitet, wichtig und richtig, aber ohne Vergebung und Liebe wird es keinen Neuanfang und einen Frieden geben.
Jesus ist den Weg der Liebe im Auftrag Gottes gegangen und hat dafür mit seinem Leben bezahlt. Mit der Auferweckung seines Sohnes hat Gott Jesus ins Recht gesetzt. Die Freiheit, die Paulus darin erkennt, ist keine billige. Sie befähigt zum Widerstand gegen Machthabende und Gesetze, die Menschen und Geschöpfe ihrer Würde berauben.
Eine sehr unaufgeregte, komprimierte, treffsichere, durchdachte und dennoch schöne, nahezu lyrische Sprache begegnet mir in dem schmalen Bändchen von Angela Krauss. Die Autorin ist eine echte Neuentdeckung für mich und dass zu errichtende Weltgebäude klopft an meinen Bücherhimmel an.
Auch geschriebene Worte sind eine Wohnung. Aber selbst Worte entziehen sich wie Erinnerungen: „Sobald ich ein Wort finde, trifft es schon nicht mehrdas, was ich erlebt habe.“(32). Der Ich-Erzählerin entwischen Worte, sie verändern sich, fliegen auf und davon. Das geschieht der Erzählerin nicht nur mit Worten, sondern mit allen Dingen, die ihr begegnen. Die Wahrnehmung von Personen und Dingen in Raum und Zeit wird dadurch erweitert. Es gibt immer die Dimension des Möglichen und der Daseinsverwandlung: Träume und Tagträume, Engel und Feen mit denen die Ich-Erzählerin spricht – besonders gern auch mit einer Tänzerin – sind Zwischenräume in Raum und Zeit. Diese Zwischenräume interessieren die Erzählerin und ich vermute stark auch die Schriftstellerin besonders. In den Zwischenräumen geschieht Anrede, dieser Anrede will als reale Möglichkeit in der Welt zu sein, wahrgenommen werden. Das ist raumgreifend und transzendiert das gewöhnliche Verständnis von Raum und Zeit als Messeinheit. „Die Unschärfe des großen Zusammenhangs“(33) schafft Freiheit und ist ein produktiver Zustand. Daraus entwickelt sich immer wieder neue Lebensformen.
Sehnsucht nach Verbindung
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“(Hermann Hesse) Es geht um immer wieder neues Anfangen und sich auf das Leben, gleich ob es Glück oder Unglück bringt, einzulassen. „Anfangen erzwingt ein Hochgefühl“(82).
Der Alltag ist offen für Begegnungen und im Innersten sehnt sich der Mensch nach Verbindung: „Denn immer, wenn ein Mensch da ist, wollen wir ihmbegegnen, sonst müsste er nicht da sein“(62). Wir müssen zu unserer Sehnsucht durchdringen, die noch unterhalb der Angstschicht verborgen liegt (63). Die Sehnsucht verbindet die Menschen miteinander, es widerfährt ein Gefühl der Einheit und der Liebe. Im Alltag, z.B.: beim Busfahren, kann es sein, dass eine kurze Begegnung stattfindet und dass zwei Menschen „zehn Minuten lang Freundinnen“ (66) sind.
Heimat
Die Vergangenheit ist vergangen und ragt doch in das JETZT hinein. Im zweiten Teil des Bändchens kreisen die Gedanken der Ich-Erzählerin um Herkunftsorte, um Wohnen und Miteinander leben im Erzgebirge. Da ist der geheimnisvolle Stumpf des verlorenen Fingers der Großmutter (71), die lebendige Erinnerung an den ersten erhaltenen Brief (79), gemeinsames Aufwachsen mit dem jüngeren, wesensverschiedenen Bruder unter einem Dach mit der Mutter. „ImLaufe der Jahre, …, „verlieren diese Erlebnisse nichts an Präsenz, jedoch unmerklich ihre Grenze“(92).
Abschied von der Mutter
Die Autorin nennt das Kapitel, wo die Tochter (Ich-Erzählerin) und Bruder die Mutter beim Weniger-Werden bis zum Sterben begleiten: Heilige Umkleideräume. Wer sich umkleidet steht an einer Schwelle, bereitet sich vor, „um in den weißen Raum zu treten“(105). Selten habe ich ein Kapitel über das Sterben einer vieles bestimmenden Mutter mit so viel gelebter Empathie, Geschwisternâhe und Offenheit für das, was auch jenseits des Sichtbaren geschieht gelesen, wie bei Angela Krauss. Kein Wunder, dass in Sternwarte, dem Ausblick des Bändchens, der Ich-Erzählerin von der Fee zugeflüstert wird: „Wir sterben nicht“(110).
Das Weltgebäude muss errichtet werden
Mit dem Titel nimmt Angela Krauss unzweifelhaft Bezug zu Jean Pauls Rede destoten Christus vom Weltgebäude herab (1). Bei Jean Paul (1763-1825) droht das Weltgebäude einzustürzen, da der Tote Christus sagt: Es gibt keinen Vater-Gott. Bei Angela Krauss soll das Weltgebäude erst errichtet werden. „Man will ja irgendwo wohnen.“ Die Daseinsverwandlung errichtet das Weltgebäude durch eine Punktmutation. „Es handelt sich dabei um eine weltweit gleichzeitig einsetzende Kalibrierung des Frontalkortex durch eine neue Frequenz“(109). Das hat zur Folge, dass der Menschheit neue Fähigkeiten zuwachsen, die zur Errichtung des Weltgebäudes hilfreich sind. Auch wenn Jean Paul und Angela Krauss eine Menge Bauzeit, Zerstörung und Wiederaufbau trennen, sind sie sich einig, dass die Zwischenräume wichtig sind, beide wollen die Welt in der Schwebe halten, beide sehen die Welt voller Geheimnisse: „Die Geheimnisse brauchen keine Anstrengungen zu ihrem Schutz, weil alles Geheimnis ist“(96).
Fazit
Ein ungeheuer lesenswertes Buch, das sich wegen der Fülle von Assoziationen
eignet mehrmals zu lesen. Vielleicht sind Form und Inhalt nicht allen zugänglich. Das macht aber nichts, versuchen kann man es einmal. Beim Lesen musste ich an das unter Theologie in Tübingen Studierende Bonmot über die Philosophie Ernst Blochs des Theologen Jürgen Moltmanns denken. Moltmann war von Ernst Blochs Philosophie der Hoffnung begeistert, kritisierte aber Bloch dahingehend, seine die Welt transzendierende Philosophie der Hoffnung komme ohne Gott aus, dass sei wie Fahrrad fahren ohne Pedale.
Auch wenn Angela Krauss ohne das Wort Gott auskommt, was ich in der literarischen Gattung überhaupt nicht vermisse, spricht sie von Daseinsverwandlung. Ein großes Geschehen. Wie ereignet es sich? Es widerfährt der Welt und dem Einzelnen. Vielleicht ist die Nähe zu dem, was Religion für Möglichkeiten bereithält, von ihr selbst nicht intendiert, aber es scheint mir an diesem Punkt ein Gespräch von Literatur und Religion fruchtbar.
1 Vgl. Link zur Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab
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