Rezension zu „Drachenjahre“, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2024                                                                                            

Zu:

Robert Rother, Drachenjahre. Wie ich sieben Jahre und sieben Monate im chinesischen Gefängnis überlebte, Edel Books – Ein Verlag der Edel Germany GmbH, 2020, ISBN: 9783841906991, Broschiert, Seitenzahl 224, Preis: -antiquarisch erworben-

Wie ein Eisberg – der größte Teil bleibt verborgen

Einleitung
„Ich kann sagen, wie es war, was ich erlebt und gesehen habe. Aber nicht, was ich dachte und fühlte und was ich heute darüber denke und fühle“, schreibt Robert Rother im letzten Kapitel seines Buches. Diese beiden Sätze haben mir geholfen, Rothers Erzählstil besser zu verstehen. Während des Lesens habe ich mich gefragt, warum sind die Geschichten, die einer emotionale Achterbahn gleichen, gleichzeitig so distanziert geschrieben? Warum gehen Robert Rothers Erlebnisse nicht in die Tiefe? Warum kann ich nicht in seine Seele hineinsteigen und miterleben, was Rother durchlebt und durchlitten hat?
Warum darf ich nur den sichtbaren Teil des Eisbergs sehen und nicht seine ganze Tiefe und Größe?

Zweifacher Schutz
Ich glaube, dahinter steckt ein doppelter Schutz. Auch Marketing-Gründe spielen dabei eine Rolle.

Erstens: Wenn es eine Überlebungsstrategie für Robert Rother war gefühlshart – ja gefühlskalt – zu sein, dann ist allein schon das Aufschreiben seiner Geschichte ein therapeutischer Akt, der sicher nicht ungefährlich war. Robert Rother näherte sich durch das Schreiben seinen Gefühlen, ja seinem Unbewussten an, und er schreibt intuitiv über sich selbst, als würde er sich beobachten. Dadurch bleibt er auf eine gute Art auf Distanz zu dem Drachen in ihm und gleichzeitig besänftigt er das Ungeheuer.

Zweitens: Stellen wir uns einen Moment vor, wir wären selbst nur einen Tag in einem chinesischen Drecksloch untergebracht. Was für eine Menge von Gedanken und Gefühlen würden wir durchleben? Aber wie sollten wir das alles mitteilen und versprachlichen? Wir würden sagen: es war schrecklich. Wir würden Äußeres beschreiben – wie es auch Robert Rother in Drachenjahre macht- das innere Erleben mit seinem ganzen Chaos könnten auch wir nur streifen. Letztlich glaube ich, dass wir Leser es auch nicht aushalten würden, wenn ein Mensch uns brutal in sein Innenleben ziehen würde. Wir würden uns verschließen. Nur die wenigsten von uns sind in der Lage mit in die Tiefe hinabzusteigen. Robert Rothers Schutz, schützt auch Leserinnen und Leser.

Heldenreise
Drittens: Auch Vermarktungsgründe haben nicht unwesentlich die Story beeinflusst. Ein Erzähler, der mit seiner Geschichte eine Spannung aufbaut und in überschaubaren Kapiteln seine Erzählung aufteilt, der lässt sich gut auf dem Markt platzieren.
Und wie wir von Robert Rother wissen, will er immer ganz oben mitschwimmen und vor allen Dingen wahrgenommen werden. Böse gesagt: Er will immer Held sein (auch im Knast) – und Drachenjahre ist wie eine Heldenreise aufgebaut. Das funktioniert immer.

Ghostwriter
Die Heldenreise ist aber nicht auf Rothers Mist gewachsen. Ein Profi hat hier mitgeholfen. An dieser Stelle möchte ich ein Lob für Thomas Schmoll aussprechen, Rothers kongenialer Ghostwriter. Die Fülle des Materials, die Erlebnisse und Gedanken Rothers hat Thomas Schmoll sortiert und dem Buch eine gut lesbare Form gegeben. In einfachen, kurzen Sätzen und einer direkten Sprache fesseln die überschaubaren fünfundzwanzig Kapitel. Rothers Geschichte wird nicht chronologisch erzählt, sondern in Rück- und Vorblenden. Erst, wer das ganze Buch gelesen hat, stellt fest, wieviel Themen, Lebensphasen und Beziehungen – ja echte Freundschaften – aus dem Leben Rothers angeschnitten werden.

Das Buch setzt sich wie ein Puzzle zusammen. Immer mehr Teile (Kapitel) ergeben ein Ganzes, wobei das Ganze – wie erwähnt -nur der sichtbare Ausschnitt des Eisbergs ist. Die gesamte Korrektur, Struktur- und Redaktionsarbeit sind Thomas Schmoll in Abstimmung mit dem Autor hervorragend gelungen.

Und was ist mit China?
Auch wenn Drachenjahre keine gesellschaftspolitische Analyse des chinesischen Volkes und des kommunistischen Systems sind, bekommt der Leser doch eine Ahnung davon, wie dieses Land funktioniert, wie die Wirtschaft kapitalistisch aufgestellt ist, der Arbeitsdruck enorm hoch ist und die Eliten hemmungslos ausbeuten und absahnen. Ein patriarchaler Kapitalismus unter der diktatorischen Knute der Einheitspartei, das ist China heute. Die Situation in den Gefängnissen spottet jeder Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde. Wer die (ungeschriebenen) Gesetze verletzt, bekommt die volle Härte des Polizeistaats zu spüren. Robert Rother zeigt aber auch, wie kreative Geschäftsideen im Graubereich der vorhandenen Gesetze in China zu Erfolg führen können. Anerkennung findet, wer Geld-Macht hat. Aus einer langen Tradition der Standesgesellschaft in China ist eine konsumorientierte Statusgesellschaft geworden. Eingehegt wird der Kapitalismus durch Zucht, Ordnung und Willkür der staatlichen Behörden. Die Angst regiert überall und niemand ist gefeit vor den Klauen der Machthaber. Das erfährt man plastisch durch Rothers Erzählen nebenbei. Rother fühlte sich frei, bis das System mit aller Härte durchgriff. Das alles garniert mit einem durch und durch korrupten Gemeinwesen und einer Verachtung von individuellen Menschenrechten und Person-Sein. Auch um das System China zu entlarven anhand seiner Knast-erfahrungen, hat Rother zu Papier und Feder gegriffen.

Eine Pilgerreise
Neben der schon in der frühen Kindheit eingeübten Widerstandskraft gegen eine immer wiederkehrende lebensbedrohende Atemnot, einer ausgeprägten Willenskraft, einer feinen Nase, sich mit hilfreichen Menschen zu umgeben, einer Neugier und Wissbegierde – immerhin hat er sage und schreibe 300 Bücher im Knast verschlungen – steht eine radikale Wahrnehmung seiner Verlorenheit und ein intensives Suchen nach spirituellen Wahrheiten. Robert Rother hat seine verkümmerte religiöse Ader entdeckt, hat seine verdorrte Wurzel genährt und bewässert durch Lektüre Heiliger Schriften und Nachahmung spiritueller Mitgefangener. Das hat zu seiner Konversion geführt. Das Beten und die Neuausrichtung seines Geistes und damit seines Wesens hat ich durch die Wüstenjahre der Haft geführt. In Drachenjahren beschreibt Rother seinen neu gefundenen Glauben in Kapitel 14: „Das ganze hier ist ein pures Geschenk Gottes.“ Auch wenn die Aussage in der Euphorie der Entdeckung geschieht, der Geist ist durch nichts zu beeinträchtigen: „Gott schenkt eine Freiheit, die mir keiner nehmen kann. Mein Geist ist mit seinem Geist verbunden, wie alles mit allem verbunden ist.“ Zugang zu geistigen Wahrheiten findet Rother über die Lektüre des schwedischen Mystikers Emmanuel Swedenborg (1688-1772). Das Glaubenskapitel hat mich besonders angesprochen, weil Robert Rother in einer Extremsituation erfährt, was Glaube bewirkt und welche Kraft aus ihm kommt. Das ist ermutigend. Robert Rother ist im Knast kein religiöser Spinner, sondern ein Liebhaber Gottes und der Menschen geworden. Seine unermessliche Wut auf das Unrecht und auf die sadistische Haltung vieler Wärter hat sich gewandelt, von Rachegelüsten hin zu Vergebungsbereitschaft:

Fazit
Die Drachenjahre von Robert Rother lohnen sich zu lesen. Sie erzählen von der Unverfügbarkeit des Lebens, von Erfolg und Scheitern, von Familie und Kameradschaft, von Schuld und Vergebung, von Liebe und Weisheit.

„Status Confessionis“, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2024

Zu: Dietrich Bonhoeffer, Berlin 1932 – 1933, Dietrich Bonhoeffer Werke, hrsg. Von Eberhard Bethge (+) u. a., Zwölfter Band, hrsg. Von Carsten Nicolaisen und Ernst-Albert Scharfenroth, Chr. Kaiser Verlag 1997, 2. Auflage 2016, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1997, ISBN 978-3-579-01882-9, gebunden, 630 Seiten, 128,00 Euro (print)

https://www.penguin.de/Buch/Berlin-1932-1933/Carsten-Nicolaisen/Guetersloher-Verlagshaus/e204686.rhd

Mit dem Titel dieser Rezension steige ich mittendrin ein: In einem Brief an Karl Barth vom 9.9.33, also schon gegen Ende des Berichtszeitraums, heißt es: „Daß der status confessionis da ist, daran kann ja nicht gezweifelt werden, aber worin sich die confessio heute am sachgemäßesten ausdrückt, darüber sind wir uns nicht im klaren.“ (S. 125, Tippfehler „im klaren“ steht so im Text). Laut Anmerkung ist hiermit kein „Bekenntnisfall“ wie etwa im Sinn einer Lehrbeanstandung gemeint, sondern eine „Bekenntnissituation“.

Der Berichtszeitraum wurde ursprünglich mit „1933“ angegeben (siehe Buchumschlag), umfasste aber schlicht zwei Semester der Lehrtätigkeit Dietrich Bonhoeffers, die er als Privatdozent neben seiner Anstellung als Pfarrer in Berlin ausübte. Der gemeinte Zeitraum beginnt im November 1932 und endet mit dem September 1933. Dietrich Bonhoeffer wechselte in ein Auslandspfarramt in London. Inhaltlich gesehen umfasst der Zeitraum umfasst also die Monate der Machtergreifung Hitlers mit den entsprechenden Konsequenzen wie der Entmachtung des Reichstages und ersten Verfolgungsmaßnahmen gegen Juden. Dass sich Bonhoeffer klar auf die Seite der Juden gestellt hat, lässt sich z. B. deutlich am Aufsatz „Die Kirche vor der Judenfrage“ ablesen (S. 349-358).

Der Beginn von Bonhoeffers Tätigkeit als Pfarrer in Berlin 1931 fiel zusammen mit der Aufgabe als Dozent an der Humboldt Universität. Im Jahr 1933 war Bonhoeffer, der nun wieder in seiner Heimatstadt lebte, 27 Jahre alt. Er war zudem eingebunden in die Arbeit des Weltbundes der Kirchen. Sein Arbeitspensum muss immens gewesen sein, da er akademische Lehrveranstaltungen und zugleich Gottesdienste und Predigten vorbereitet und durchführte. Politisch engagiert im Sinn einer Partei war er jedoch nicht.

Der Berichtsband „Dietrich Bonhoeffer, Berlin 1932 – 1933“ lädt dazu ein, Texte Bonhoeffers im historischen Kontext zu lesen und dabei seine biografischen Grundentscheidungen kennenzulernen. Das Angebot des Auslandspfarramts nahm er 1933 gerne an, da ihm hin und wieder schon Repressalien des NS-Staates angedroht wurden wie der Entzug der Lehrerlaubnis an der staatlichen Universität.

Die Briefe und Dokumente des ersten Teils (S. 13 – 150) lassen sich sicherlich gut ergänzend zu einer bekannten Bonhoeffer-Biografie lesen.

Der Zweite Teil enthält Dokumente zu „Lehrveranstaltungen“ und wissenschaftliche Texte, die zum Teil auch schon an anderer Stelle veröffentlicht worden sind. Das „Betheler Bekenntnis“, das unter Mitarbeit Bonhoeffers entstand, liegt in einer Synopse der Hauptentwürfe vor. Das endgültig edierte Papier bleibt unberücksichtigt, da Bonhoeffer selbst daran nicht mehr mitgearbeitet hat. Dieser Text gehört sicher in eine biografische Quellensammlung, jedoch war Bonhoeffer hierbei nur Mitautor.

In diesen Texten begegnet uns ein noch sehr junger Theologe, der angesichts der Herausforderungen der Zeit klare Positionen bezieht. Sein späteres Martyrium ist in diesem Berichtszeitraum bereits vorgezeichnet. Man lese nur den folgenden Satz vor dem Hintergrund des späten Gefängnisgedichts „Von guten Mächten“, mit dem Dietrich Bonhoeffer seinen Angehörigen Weihnachtsgrüße übermittelt: „Und dann ist es eben gut, dass es, auch wenn es einem noch so widersinnig erscheinen will, wieder Weihnachten wird und man von neuem dazu aufgerufen wird nun nicht an dem Dunklen und dem Hoffnungslosen hängen zu bleiben, sondern von neuem die Botschaft von dem Licht, das im Finstern scheint,  ernstzunehmen und von hier aus neu zu leben.“ (S. 34).

Die Texte Dietrich Bonhoeffers aus dem Jahr 1933 sind beileibe nicht nur von biografischem Wert. Hier sind Gedanken und theologische Konzepte angedacht, die bis heute bedacht werden können. Man lese nur den Vortrag „Christus und der Friede“ (S. 232 ff) und denke dabei an die heutigen Schwierigkeiten damit. Hier gilt beides: „Solange die Welt Gott los ist werden Kriege sein.“ (S. 233), Aber auch: „In der „Nachfolge Jesu stehen“ heißt „Zeuge des Friedens zu sein“ (ebd.)

Wer sich mit Dietrich Bonhoeffer beschäftigt, wird immer auf eine glaubwürdige und zugleich zeitgemäße Auslegung des Evangeliums stoßen.

Hinweis: Link zu „Das Betheler Bekenntnis“

„Das Kapital“ von Karl Marx verstehen. Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2023

 

 

Zu: Karl Marx: Das Kapital, Kritik der politischen Oekonomie, Erster Band, Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals, Originaltext und -paginierung nach der Erstauflage von 1867, Mit einer Konkordanz zur MEGA, Herausgegeben vom Institut für Sozialkritik, ça ira-Verlag, Freiburg/Wien 2022, gebunden, Faksimile, 786 Seiten mit Nachwort zur Neuausgabe. ISBN 978-3-86259-149-7, 34,00 Euro (print) (Marx)

und: Aljoscha Bijlsma: Schwierigkeiten bei der Lektüre der Erstauflage des Kapitals. in: Sans Phrase, Zeitschrift für Ideologiekritik, Heft 21, Winter 2023, ça ira-Verlag, Freiburg 2023, ISBN 978-3-86259-921-9, Preis: 20.00 Euro, im Abo 15,00 Euro, S.237 – 258 (Bijlsma)

Warum die Erstauflage des „Kapitals“ lesen?

Die kommentierende Rezension von Aljoscha Bijlsma in der Zeitschrift Sans Phrase weicht ein wenig vom Nachwort des Herausgeberkreises in der Faksimileausgabe des „Kapital“ ab. Während dieser die Lektüre der historischen Erstauflage geradezu empfiehlt und gegenüber jeder Sekundärliteratur vorziehen will, betont jener die Schwierigkeiten der Lektüre.

Einleitende Bemerkungen.

Ein Faksimile kann eine fortlaufende Kommentierung nicht bieten. Stattdessen lädt es m. E. dazu ein, das Kapital von Karl Marx als historische Quelle zu lesen. Über die Wirkungsgeschichte kann man dabei auch ein wenig hinwegsehen, da diese schlicht nicht Thema sein kann.

Karl Marx ist am 5.5.1818 geboren und hat demnach erst mit knapp 50 Jahren die Arbeit an seinem Hauptwerk begonnen. Außer diesem hier vorliegenden Band wurden die anderen Bände von Friedrich Engels (1820 – 1895) nach einer letzten Bearbeitung herausgegeben.

Aljoscha Bijlsmas Aufsatz ist mehr als eine Rezension, bietet vielmehr die im Faksimile fehlende Einleitung über die Bedeutung dieser Marx-Ausgabe als Quelle und Denkanstoß. Er fragt die Leserinnen und Leser damit: Sollte man nicht doch die Denkbewegungen der ersten Schritte des Marxismus wieder aufgreifen und an die inhaltlichen Grundschritte marxistischen Denkens neu heranführen? Hierbei wird auch auf die Entwicklungen des philosophischen Denkens im 19. Jahrhundert hinzuweisen sein.

Als die erste Ausgabe des Kapitals erschien, war der Hegel-Schüler Kierkegaard schon fast 20 Jahre tot und Friedrich Nietzsches Bücher noch nicht geschrieben. (d. Rez.)

Worauf Karl Marx aufbaut.

Die Frage muss sein: Was hat Friedrich Hegel und mit ihm der gesamte Idealismus geleistet, dass man darauf die Kritik einer politischen Ökonomie aufbauen konnte. Aljoscha Bijlsma stellt fest: „Hegel nimmt das Opfer des Einzelnen nicht nur hin, sondern affirmiert es als seine höchste Pflicht:  Der Einzelne soll im Opfer noch sein Selbstbewusstsein gewinnen; (…)“ (Bijlsma, S. 252). Die Anknüpfung daran muss bei Marx nun zur wissenschaftlich zu begründenden Gegenbewegung werden, die im Grunde noch einem ähnlichen Denken verbunden bleibt. „Dass der Tausch von Arbeitskraft gegen Geld (Lohn) zwar dem Äquivalenzprinzip entspricht, ihm zugleich aber auch nicht entspricht und denjenigen, der nur seine Arbeitskraft feilbieten kann, eben um den Mehrwert ‚betrügt‘ ist für Max an dieser Stelle der Gegenstand des ersten Bandes.“ (S. 255).

Wertformanalyse, was ist das eigentlich?

Doch zuletzt lässt dieser Kommentar sogar offen, ob die Lektüre der Erstauflage des ersten Bands des Kapitels von Karl Marx wirklich die erste Wahl ist (s. S. 258), wie es noch emphatisch im Nachwort des Faksimiles behauptet wird. Leserinnen und Leser müssen sich dort nämlich durch die ersten Schritte hindurcharbeiten, die Marx Wertformanalyse nennt. Die Begründungen zum Mehrwert sind nämlich erst dann möglich, wenn verstanden wird, was Wert in der Wirtschaft überhaupt ist.

Kein „Mehrwert“ ohne „Arbeit“!

Die Bedeutung der Arbeit schwingt allerdings schon von Anfang an mit: Waren sind „materialisierte Arbeit“ (Marx, S. 4). Der Maßstab dafür ist die Produktivkraft (Marx, S. 5).

Ohne stofflichen Reichtum keine Arbeit, ohne Arbeit kein stofflicher Reichtum. (vgl. Marx, S. 9). Man spürt förmlich, wie Marx noch um die Erfassung der Begrifflichkeit ringt, dabei wird doch nur in Theorie gefasst, was in der Praxis längst vorliegt (man lese nur z.B. Marx/Engels: Das Manifest… erschienen 1848) (der Rez.)

Beispiele der Lektüre

Im Verlauf dieser „Wertformanalyse“ werden die Begriffe dazu ausdifferenziert: Die einzelnen Gewerke z. B. von Handwerk und Industrie werden als „Verwirklichungsform menschlicher Arbeit“ betrachtet. Daher erhielt darin die Arbeit ihre Funktion für die Gestalten des Wertes.“ (vgl. Marx, S. 27).

Hier ist auch bereits von Arbeitsteilung die Rede. „Hier entsteht der Waarencharakter der Arbeit.“ (Schreibweise im Original, Marx, S. 32). Sobald die Menschen in irgendeiner Art und Weise füreinander arbeiten, erhält die Arbeit auch eine gesellschaftliche Form (vgl. Marx, S. 36). Dass dafür auch die Religion sinnstiftend ist, kommt in einer Nebenbemerkung vor: Das Christentum ist die Religion, die, namentlich im Protestantismus, „mit seinem Kultus des abstrakten Menschen“, die passende Religion zur Vergegenständlichung der Arbeit ist. (vgl. Marx, S. 40).

Doch das bleibt eine Nebenbemerkung. Marx wird im weiteren Ablauf dieser ersten Studie darauf eingehen, dass die menschliche Arbeit die Gewinnung von Kapital erst ermöglicht, da sie die Entwicklung des Wertes ermöglicht, der im Warenhandel zum Preis wird.

Diese kurze Skizze sollte zeigen, dass die Lektüre des Kapitals in der Urfassung auch als philosophische oder theologischer Fragestellung lohnt, gerade weil in dieser ersten Auflage noch die Grundlagen der Gedanken und Referenzen dargestellt werden, die vielleicht in späteren Auflagen weggekürzt worden sind.

Fazit:

Wäre nicht in der aktuellen Diskussion mancher Aspekt dieser Ökonomie noch einmal aufzuarbeiten? In der Wirtschaftsdebatte heißt es oft: Das sollten wir nicht den Chinesen überlassen. Der alte Gruß der Arbeiterklasse ist in China noch präsent, dass konnte ich der Fernsehübertragung des Volkskongresses entnehmen.

Die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation ist laut Marx ein „naturgeschichtlicher Prozess“ (Einleitung, S. XI). Ist es nicht gerade in der Zeit der „letzten Generation“ eine lohende Frage, die Zerstörungsgeschichte der Erde und ihre mögliche Rettung auch danach zu befragen? Die Kapitalisierung der menschlichen Arbeit ist demnach der Anfang dieser Zerstörung. Das besser zu verstehen, dazu sollten wir auch heute noch Marx in seinen Grundaussagen zur Kenntnis nehmen.

Der schwache Glaube, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2023

Zu: John D. Caputo: Die Torheit Gottes, Eine radikale Theologie des Unbedingten, Matthias Grünewald Verlag, Ostfildern 2022, Softcover, 167 Seiten, ISBN 978-3-7867-3298-3, Preis: 19,00 Euro,

Mit einer aktuellen Einleitung des Autors und einem Nachwort von Helena Rimmele, Herbert Rochlitz und Michael Schüßler

Aus dem Englischen von Helena Rimmele und Herbert Rochlitz

Link: https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/die-torheit-gottes-303298.html

Zuvor:

Über meine Lektüre von Jacques Derrida und Gianni Vattimo und deren „schwaches Denken“ kam ich vor ca. 20 Jahren auf den Begriff vom „schwachen Glauben“, nach dem auch diese Homepage benannt ist. Erst später entdeckte ich Schriften von John D. Caputo, dessen Religionsphilosophie eine ähnliche Begrifflichkeit erforscht. Ich muss gestehen, dass ich kaum in der Lаge gewesen wäre, ein Buch von Caputo im Original zu lesen, obwohl ich es immer wieder versuche, da sie in einem anspruchsvollen Englisch formuliert sind. Umso mehr freut es mich, dass jetzt mit diesem Band eine deutsche Übersetzung vorliegt. Das Buch „The Folly of God“ greift in der Tat die Fragestellung des schwachen Glaubens in besonders Maß auf. Leider warten noch mehrere weitere Werke Caputos auf deutschsprachige Übersetzungen, die ich sehr begrüßen würde

Die Torheit Gottes.

Obwohl der Titel etwas schroff oder rätselhaft klingt, ist er ganz passend und bietet zugleich eine Chiffre, die sowohl zur Philosophie als auch zur Theologie passt. Sie greift ein Bibelzitat aus dem 1. Korintherbrief auf, das vielleicht gar nicht so wörtlich gemeint ist, wie es hier klingt, heißt es nämlich: „Das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen.“ (1. Korinther 1, 25). Da fragt sich ja kaum jemand, was die Torheit Gottes eigentlich ist. Aber das sollte man.

Möglichkeit und Grenze der Ontologie.

John D. Caputo greift zuerst auf Paul Tillich zurück, um sich aber an späterer Stelle wiederum von diesem deutsch-amerikanischen Theologen abzugrenzen. Für Tillich ist Gott das Unbedingte, das Sein selbst. Derrida, ein weiterer für Caputo wichtiger Philosoph, trennt zusätzlich das Unbedingte von jedem Machtanspruch, spricht von einer Macht ohne Allmacht. Diese Eigenschaft kann auf Gott übertragen werden.

Was meint Dekonstruktion?

Hierbei ist mit Derrida häufiger von Dekonstruktion die Rede. Das Unbedingte ist etwas, das nicht dekonstruierbar ist. Das heißt, das Unbedingte ist nicht mehr auf menschliche, gedankliche Konstruktion zurückzuführen. Dekonstruktion ist somit eine ideologiekritische Analyse.

Im weiteren Ablauf der Argumentation wird hier deutlich, dass auch die Ontologie z. B. bei Tillich oder Heidegger als Konstruktion entlarvt wird. Deren Gottesbegriffe klingen vielleicht schwach, sind es aber nicht. Mit dem schwachen Denken wird der Atheismus genauso entlarvt wie der Theismus. Caputo schreibt: „Die Religion des höchsten Wesens … ist eine spirituelle Kindheit, die in der Angst vor ewigen Strafen durchlebt wird.“ (S. 97).

Wer nun meint, Caputo wiederhole lange Bekanntes sollte weiterlesen. Denn die zentrale Aussage Caputos besteht darin, die Existenz Gottes zu bestreiten. Damit wird aber die Rede von Gott nicht sinnlos, sondern nur anders. In eigenen Worten würde ich (d. Rez.) das Gelesene so zusammenfassen: Gott ist nicht, Gott geschieht, Gott ereignet sich, Gott insistiert. Gott lässt sich auch als Name beschreiben: „Der Name ‚Gott (-es)‘ ist symbolisch, aber er umschreibt das ganze Bedeutungsfeld.“ (Caputo, S. 107)

Hierbei zeigt der von Hause aus katholische Religionsphilosoph, dass die Theologie oft mehr auf Aristoteles aufbaut als auf die Bibel. Dagegen hatte, so bemerkt der Katholik Caputo, schon Martin Luther protestiert.

„Theopoesie“ statt religiöses Wissen.

Schon auf den ersten Seiten des Buches begegnet der Begriff der „Theopoesie“. Später wird dann deutlich, dass dieser Hinweis die theologische oder religionsphilosophische Beschreibung des Gottesbegriffs ersetzt. (Das geht schon auf das schwache Denken von Vattimo und Derrida zurück. Diese meinen, Wissen sei Interpretation. D. Rez.)

Wer meint, Gott genau zu kennen, verbaut das mögliche Ereignis seines/ihres Geschehens. „Theopoetische Sprache,“ wie es Caputo nennt, „ist auf das Unbedingte zugeschnitten und passt genau zu dem Ereignis“ (des Namens Gottes, d. Rez., S. 118f.).

Arbeit mit der christlichen Sprache in der Gegenwart.

Ich fasse es für mich zusammen in den Worten Caputos: „Das Reich Gottes wächst mitten aus der Welt, es kommt nicht auf uns von oben herab.“ (S.137) Diese Erfahrung beinhaltet gleichzeitig auch eine Abgrenzung gegen eine starke Systematisierung: „Das Reich Gottes braucht keine königlichen Bevollmächtigten, es braucht, ja es erträgt keine Absicherung, keinen Grund, keine Ursache, kein Ziel.“ (S. 139f). Dabei solle man aber auch nicht auf eine zu starke negative Theologie im Sinn der Mystik hereinfallen, die lediglich eine alternative Ontologie bietet.

Fazit

Ich denke (d. Rez.), dass der Begriff „Torheit Gottes“ nicht zuletzt geklärt werden kann. Ist es mehr als der Teil eines Sprachspiels? Ist die Schwäche Gottes seine wahre Stärke, dann wäre eben genau dies eine Metaphysik durch die Hintertür (wie oben an der Mystik gezeigt). Was jedoch auf jeden Fall deutlich wird, wenn auch meiner Meinung nach zu wenig, dass die Bibel in weiten Zügen Beispiele für eine schwache Theologie enthält, z. B. die Kreuzestheologie. Dass aber auch andere Machtvorstellungen in Bezug auf Gott vorkommen, dürfte nicht überraschen. Caputo zeigt die Am Beispiel von Matthäus 25, dem Gleichnis vom Weltgericht.

Die Provokationen der „radikalen Theologie“ Caputos, in denen m. E. die frühe Dorothee Sölle nachklingt, sind aktuell. Die Verbindung zur Dekonstruktion lässt sich auch mit Husserls Phänomenologie und den Untersuchungen von Emanuel Levinas verbinden. Dass hier kein religiöser Subjektivismus gemeint ist, zeigen die biblischen Zitate und Anspielungen, die m. E. noch verstärkt werden könnten. Der Machtverzicht Gottes ist in vielen Texten der Bibel im Alten und Neuen Testament mit Händen zu greifen. Hier meine ich auch Spuren Jürgen Moltmanns politischer Theologe zu entdecken. Die Machtlosigkeit der Kirche und ihrer Verkündigung kann somit nicht als Verlust, sondern als Chance begriffen werden.

Dokumente zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

zu: Dietrich Bonhoeffer: Konspiration und Haft, 1940-1945, Herausgegeben von Jørgen Glenthøj (+), Ulrich Kabitz und Wolf Krötke, Dietrich Bonhoeffer Werke, 16. Band, Chr. Kaiser Verlag 1996 jetzt: Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 2. Auflage 2016, ISBN 978-3-579-01886-7, gebunden, 956 Seiten, Preis: 199,00 Euro (print)

Zum Einstieg

Der Preis des umfangreichen Buches überrascht zunächst. Sicherlich ist die sorgfältige Edition aufwändig, zumal das Buch den Forschenden ausführliche Register an die Hand gibt (über 200 Seiten).

Der Herausgeberkreis dokumentiert die Editionsgeschichte im Vorwort und bietet im Nachwort den Versuch einer historischen und theologischen Einordnung der Widerstandstätigkeit Dietrich Bonhoeffers, die hier ausführlich dokumentiert wird. Die im zweiten Teil abgedruckten theologischen Arbeiten sind allesamt unveröffentlicht, da Bonhoeffer zwischen 1940 und 1943 und erst recht während der Haft jede Veröffentlichung verboten war.

Es gibt einige Fragen, mit denen ich die Lektüre dieser Materialsammlung angehe, die nicht nur allein von Bonhoeffer selbst verfasste Schriften enthält, und zugleich Briefes an ihn wie z. B. von Eberhard Bethge, dem späteren Herausgeber seiner Gefängnisbriefe und Biograph, sondern auch Gerichts- und Prozessunterlagen.

Fragen

Eine meiner Fragen ist: Inwieweit war der Verfasser friedensethischer Schriften selbst Kriegsdienstgegner oder gar Verweigerer, was ihm ja nicht vorzuwerfen wäre? Als er 1939 erneut aus den USA zurückkehrte, musste ihm diese anstehende Entscheidung immer deutlicher werden. Er führte von Schlawe (Pommern) aus sogenannte Sammelvikariate und musste sich dort auch mustern lassen. Der Einberufung entging er durch die „uK-Stellung“ auf Antrag der Abwehr im Bereich der Reichswehr, zu der er nun offiziell gehörte. Hierzu hatte sein Schwager von Dohnanyi gesorgt.

Wie viele Auslandsreisen Bonhoeffer absolviert hat und wofür, ist wohl noch lange im Unklaren geblieben. So musste er während seines Aufenthalts im Kloster Ettal mehrere Monate auf das Visum für die Schweiz warten. Die Frage der indirekten Kriegsdienstverweigerung sollte in den Prozessakten einen breiten Raum einnehmen. Hierbei wird auch indirekt deutlich, dass die Abwehr selbst juristisch angreifbar schien. Leitende Beamte wir Wilhelm Canaris (1887 – 1945) und Hans von Dohnanyi (1902 – 1945) wurden ja ebenfalls von den Nationalsozialisten ermordet.

Die Frage, ist ob angesichts weitreichender Rede und Schreibverbote von herkömmlicher theologischer Arbeit überhaupt noch die Rede sein konnte. Trotzdem dokumentiert der Band, dass der Theologe Dietrich Bonhoeffer die Arbeit an theologischen Konzepten nicht aufgegeben hat.

Besonders der Briefwechsel mit Eberhard Bethge im ersten Teil erinnert in seiner Reflexion schon in weiten Zügen an die Gefängnisbriefe ( siehe: „Widerstand und Ergebung“, DBW Band 8). Zusätzlich wird immer wieder auf das Projekt der „Ethik“ (DBW, Band 6) Bezuggenommen, an der Bonhoeffer besonders in Ettal, aber letztlich bis zu seiner Verhaftung gearbeitet hat. Einzelne Themen der „Ethik“ sind von einem Situationsbezug her zu bewerten, der in den Dokumenten zwischenzeitlich angesprochen wird.

Eine weitere Frage ist, inwieweit Bonhoeffer schon in den politischen Widerstand involviert war. Hierzu wird es kaum schriftliche Quellen geben. Der Besuch in der Schweiz 1941 rechnet mit einer Möglichkeit des Kriegsendes durch eine Art Regierungswechsel. Wie dieser Umsturz geplant war, bleibt offen. War das Attentat vom 20.07.1944 als Auslöser eines Militärputsches gedacht oder sollte es so schnell es geht zurück zur Demokratie kommen?

Meine letzte Frage ist die nach Befremdlichem. Wie verhält sich die pazifistische Position, mit der Bonhoeffer den waffenlosen Dienst als Agent der Abwehr dem Kriegseinsatz vorzieht zu anderen Arten des Widerstandes gegen Hitler? Warum bezieht sich Dietrich Bonhoeffer in seinem Brief gegen den Vorwurf „volkszersetzender Tätigkeit“ nicht in erster Linie auf die Religion, sondern seine adlige und zum Teil untadelige bürgerliche Herkunft (S. 62)? Und gibt es gar in den Rundbriefen im Gedenken an die Gefallenen eine Art „Kriegstheologie“, wenn es z. B. heißt: „Braucht Gott etwa unsere Brüder zu irgend einem verborgenen Dienst für uns in der himmlischen Welt?“ (S. 193) Warum bezieht er sich in dem Bericht über die Deportationen nicht auf den Verdacht, es könne sich um Ermordungen handeln (vgl. S. 213 „nach Polen“)? Und: Warum gibt es in der kritischen Ausgabe Stellen, die als nicht zitierfähig bezeichnet werden? Worum geht es dabei, um private Beziehungen etwa?

Was typisch ist

Wie schon in „Widerstand und Ergebung“ werden zahlreichen theologische Fragen reflektiert. Erstaunlich sind dabei Bonhoeffers Formulierungen, die seinen Veröffentlichungen eine besondere Tiefe geben. Dazu am Ende der fragmentarischen Rezension ein Beispiel: „Die Unverantwortlichkeit der Zukunft gegenüber ist Nihilismus, die Unverantwortlichkeit der Gegenwart gegenüber ist Schwärmerei. Beides müssen wir überwinden und in dieser Aufgabe, die auch eine höchst persönliche ist – werden wir uns einmal vereinigen müssen und können…“ (Brief an Christoph Bethge, hier S. 223).

Würdigung

Der hier skizzenhaft rezensierte Band 16 der Dietrich Bonhoeffer Werke zeigt dass, wie schon bei der Neubearbeitung der Gefängnisbriefe unter der Überschrift „Widerstand und Ergebung“, überlieferte Dokumente und auch Briefe an und über Dietrich Bonhoeffer zum Verständnis seines Wirkens hinzugehören.

Hierbei wird zudem auch die historische Perspektive zu würdigen sein, in der Bonhoeffers Rolle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu bedenken ist. Letztlich ist ihm in der Funktion als Agent der Abwehr eine politische Funktion zugewachsen, die es neben der theologischen auch in Zukunft stärker zu würdigen ist. Dadurch wäre Bonhoeffers Theologie nun erst recht eine politische Theologie geworden.