Möglichkeit eines atheistischen Glaubens, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022,

zu:

Hartmut von Sass, Atheistisch glauben, Ein theologischer Essay, Matthes und Seitz, Berlin 2022, ISBN: 978-3-7518-0541-4, 150 Seiten, Klappenbroschur, Preis: 14,00 Euro

Da es im Essay/Büchlein von Hartmut von Sass darum geht, „atheistisch“ an Gott zu glauben, wird man zu Recht mit einer Auseinandersetzung mit Formen des Atheismus zu rechnen haben. Dies wird aber hier kaum geleistet, wozu sich der Autor allerdings auch äußert.

Stattdessen begibt er sich auf den Denkweg der theologischen Kritik des Theismus. Er katalogisiert etliche Varianten des (post-)modernen Umgangs mit theistischen Formen, um dann im zweiten Teil neu anzusetzen. Der Aufbau des zweiten Teils liest sich wie eine Kurzfassung der systematischen Theologie. Insofern kommt er hier auf das Ziel des Buchs zu sprechen. Im ersten Teil fällt mir auf, dass er eines der berühmtesten Zitate Dietrich Bonhoeffers ohne Nennung des Autors aufgreift: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ (Zitat DBG, der Rezensent). Auch das Zitat von Gerhard Ebeling weist eine Nähe zu Bonhoeffer auf (S. 35): „… Glauben ist das Bestimmtsein der Existenz…“.

Ähnliches gilt auch für andere Autorinnen wie Dorothee Sölle und ihre Vor- oder Mitdenkerinnen. Aber die Frage der Referenz mag ja letztlich für einen Essay egal sein, der schlicht einen neuen Ansatz ausdrückt.

Sein Aufsatz ist philosophisch stringent formuliert. Er stellte Bezüge zu traditionellen und aktuellen Denkwegen auf. Diese Denkwege werden übersichtlich strukturiert und zumindest ansatzweise auf ihre Konsequenzen hin überprüft (obwohl mir diese Schlüsse manchmal etwas schnell erscheinen).

Im folgenden Zitat scheint mir die wahre Intention des Autors aufzuleuchten, die dann doch m. E. zum Panentheismus in einer gewissen Affinität steht: „Kein ontologisch autarkes Wesen wird nun theologisch charakterisiert, sondern die Theologie expliziert den glaubend vollzogenen Bezug auf diese eine Welt. Der atheistischen Revision religiösen Glaubens geht es folglich nicht um einen zur Welt addierten Referenten, sondern um eine irreduzible Referenz auf die uns umgebende Welt.“ (S. 38). Damit die Welt nicht direkt mit Gott gleichgesetzt wird, heißt es auch, es gehe um die Beziehung zum „Ganzen“.

An einem Bild, das sowohl als Hase als auch als Ente beschrieben werden kann, wird gezeigt, dass der Glaube nicht die Erfahrung der Welt ändert, sondern einen Perspektivenwechsel beschreibt. Das erinnert dann tatsächlich schon an einen philosophischen Gedankengang, wobei die Frage offen bleibt, ob von Sass das auch bis zum Ende des Buche durchhalten kann. Der Glaube kann also auf keinen Fall als „Hinterwelt“ gesehen werden, sondern allenfalls als neues Denken.

Im nächsten Abschnitt wechselt Hartmut von Sass ungeachtet aller Begrifflichkeit in eine positive Theologie, indem er feststellt: „Gottes Wirklichkeit ist sein liebendes Wirken am Menschen.“ (S. 62). Diese Bestimmung bewirkt nun eine Art existentiale Interpretation, die Hartmut von Sass gleich auf die Grundfrage anwendet. Glaube an Gott ist keine Einstellung zu etwas oder Glaube an jemanden, sondern eine Art Grundverständnis des Lebens: „Nicht an Gott wird geglaubt, sondern in Gottes Wirklichkeit wird gelebt. Gott ist die Wirklichkeit des Glaubens.“ (S. 65)

Da ich gerade noch sehr interessiert der religionsphilosophischen Spur des Autors gefolgt bin, reibe ich mir die Augen. Wo ist die ontologische Grundfrage geblieben, das Interesse an atheistischer Theologie? Atheismus bedeutet hier also nur, von einer abstrakten Gotteslehre abzusehen und eine Theologie der Existenz zu formulieren. Doch ist das noch Atheismus?

Eine Zwischenbesinnung fragt nach Aporien quasi postmoderner Gottesbegriffe, die meist auf eine Definition des Gottesbegriffs hinauslaufen und demnach konstruiert sind. Dazu gehört auch die bekannte Tautologie, Gott könne nur durch Gott selbst erkannt werden. Hierbei nimmt von Sass das bekannte Modell auf, verknüpft es dabei zugleich mit seiner Rezeption: „Wie niemals betrachtete Bilder kaum Kunst sein können, weil ihr Publikum zwar nicht Ursache, aber doch Medium ist, in dem Werke zu Kunst werden, so zeigt sich Gott in seiner Offenbarung, die er selbst ist, wenn sie von jemandem vernommen wird.“ (S. 69f)

Das Thema „Anfechtung“ bringt es auf den Punkt. Schon nach Luther und Calvin ist Glaube selbst ein unverfügbares Geschenk, kein Koffer von Sicherheiten. Hier spricht von Sass zu Recht von Dekonstruktion: „Im spätmodernen Vokabular könnte man auch von einer Dekonstruktion sprechen, die den Glauben auf seine Brüche und inneren Spannungen hin befragt, ohne ihn zu verabschieden.“ (S. 74)

Glaube ist ohne Anfechtung, ja Unglaube nicht denkbar, wäre eine sture Wahrheitsbehauptung. Anfechtung im Inneren des Christseins ist das, was gesellschaftlich der Atheismus ist. Dass an dieser Stelle jeder Fundamentalismus scheitern muss, weil er den Zweifel ausblendet und den Glauben damit dem Scheitern aussetzt, wird hier (noch) nicht angedeutet.

Nun folgt das zweite große Kapitel des Buches.

Die folgenden theologischen Skizzen machen nun tatsächlich ernst mit einer Dekonstruktion der religiösen Wirklichkeit. So ist die Schöpfung in der Tat nicht im Ansatz eine religiöse Theorie der Weltentstehung, sondern beschreibt schlicht das Entstehen des Glaubens.

Das gleiche Methodenspiel wird nun auf die Frage nach dem Bösen, also schlicht die Theodizee angewandt. Es ist sehr oft von Hiob die Rede. Am Ende kommt von Sass auf Jürgen Habermas zu sprechen und das „Bewusstsein von dem, was fehlt“. Hiob, so heißt es zuvor, ist kein Antwortgeber auf die Frage nach dem Leid, sondern illustriert hingegen, dass diese Frage nicht nur glaubende Menschen lebenslang begleitet.

Sünde und Schuld, die dann zur Sprache kommen, dürfen nicht verwechselt werden. Die Rede von der Sünde gilt nur innerhalb des Glaubens und bezeichnet eine Krise in der Beziehung zu Gott.

Hierzu ein Zitat: „Der Glaube an Gott schafft das Problem, das er selbst bekämpft, so ließe sich die zirkuläre Lage zuspitzen. Das spricht nicht gegen diesen Glauben, sondern entfaltet seine innere Dynamik. Wie mit dem Fußball die Abseitsfalle in die Welt kommt, die ohne ihren sportlichen Kontext selbst ins Abseits geriete, so haben die Sprachspiele des Glaubens nur innerhalb der Glaubenspraxis ihren Ort und Sinn.“ (S.110).

In diesem Abschnitt gesteht von Sass der Theologie tatsächlich einen Zirkelschluss zu, was m. E. philosophisch zu einer Aporie führt. Besser hingegen ist am Ende des Abschnitts die säkulare Deutung der Auferstehung, die m. E. schon von der Theologie des Paulus beispielsweise belegen lässt: „Die Verkündigung der Auferstehung von den Toten muss daher nicht als mirakelhafte Revision eines eigentlich unwiderruflichen Todes aufgefasst werden, auch nicht als martialische Opferung des Sohnes durch den auf Satisfaktion bestehenden Vater (…). Vielmehr kann Jesu Auferstehung als Artikulation eines Glaubens daran verstanden werden, dass sein Heilen und Predigen ein Geschehen sei, welches mit diesem Tod am Kreuz gerade nicht endet;“ (S. 116).

Als praktischer Aspekt des Glaubens ist nun das Beten zu besprechen. Hierbei geht es insbesondere um die Anrede bzw. den Adressaten des Gebets: „Wenn sogar für das Gebet als Bitte gezeigt werden kann, dass es keinen Gott als Quasi-Person reaktivieren muss, sind dem Theismus in all seinen Schattierungen die besten Gründe genommen.“ (S. 120) Gebete bekommen so etwas Unerhörtes. Die Wirklichkeit der Adresse bleibt unverfügbar und ist doch gerade deshalb gewünscht.

Dazu schiebt von Sass nun einen „Exkurs“ ein. Wieder wird die Beziehung zu Gott zu einer Beziehung in Gott. Dass religiöse Traktate nicht nur schon früher mit einem Gebet begannen, sondern auch schlicht als Gebet formuliert waren, wäre als bekannt vorauszusetzen, um nur an Karl Barths Anselmzitat zu denken. Ist also der von Sass entwickelte theologische Atheismus nichts anderes als dialektische Theologie? (d. Rezensent)

Im letzten Abschnitt geht es um Hoffnungsaspekte des Glaubens. Von Sass warnt davor, in den Ereignissen des Hoffnungsglaubens „die Haltepunkte eines geschichtstheologischen Fahrplans in Richtung Zukunft zu sehen“ (S. 139). Vom atheistischen Glauben her, ist nicht Gott, sondern der Glaube selbst der Dreh- und Angelpunkt, was zu einer präsentischen Eschatologie führt: „Man steht von den ›Toten‹ auf, indem man (wieder) zum Glauben findet; und wem dies widerfährt, der hat bereits das »ewige Leben« (so Joh 3,36);…“ (S. 139) Glaube ist demnach nun doch nichts anderes als das Leben für eine bessere Zukunft.

Darauf folgt ein Nachwort bzw. ein Epilog. Er findet einen Ort für die nichtreligiöse Interpretation des Glaubens (ohne diesen Ausdruck zu gebrauchen) in einer Reflexion des Karsamstags.

Obwohl der Essay reichlich Anmerkungen enthält, finde ich doch wenig inhaltliche Referenzen, von dem sinntragenden Ebeling-Zitat am Anfang mal abgesehen. Dorothee Sölle, die den Ausdruck „atheistisch an Gott glauben“ als erste geprägte hat kommt genauso wenig zu Wort (außer in der ersten Anmerkung), wie Jürgen Moltmann, Dietrich Bonhoeffer und andere. Vielleicht ist das auch gut, dass es dem Autor nicht in erster Linie um Referenzen geht, sondern darum, einen eigenen Gedankengang zu entfalten und an einige Beispielen auszuführen. Dafür sollten wir ihm dankbar sein, weil sich von diesen Abschnitten auch neue Gedanken entwickeln lassen. Es ist jedenfalls deutlich geworden, dass dieser atheistische Glaube den Neuen Testament keinesfalls fremd ist, sondern sich von einigen Bibelstellen her direkt entfalten lässt.

Richard Wagner und seine Einflüsse, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

Zu: Wolfgang W. Müller, Der Bayreuther Kreis und sein Umfeld, Religion – Macht – Musik, Schwabe Verlage, Basel, 2022, gebunden, 386 Seiten, 70,00 CHF

Wolfgang W. Müller ist emeritierter Professor für Dogmatik und war bis 2021 Leiter des Ökumenischen Instituts an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. (Verlagsprospekt).

Es ist ausgesprochen nützlich, den Komponisten und Autor Richard Wagner in seinen zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen. In diesem Buch kommt zusätzlich der Bayreuther Kreis um Houston Stewart Chamberlin (1855-1927) zu Wort. Das umfassende Konzept des Buches konzentriert die Wirkung beider nicht nur auf die Frage des Antisemitismus, sondern kommt zu einer differenzierten Würdigung. Gegen Ende des Buches geht es gleichwohl auch um die Wirkung Richard Wagners und seines Umfeld auf den Nationalsozialismus und dessen Antisemitismus.

Ich habe mich bei der Lektüre auf die Darstellung Richard Wagners konzentriert und war doch wirklich erstaunt über seinen nicht zu unterschätzenden Einfluss allein schon durch die Musik. Will man Wagner mit der heutigen Musik vergleichen, kann man ihn nur als prominenten Musiker und Starkomponist bezeichnen.

Die Nähe zur Religion ist gleichwohl ausgeprägter als das der bekannte Opernzyklus andeutet. Wagner hat sich nicht nur theoretisch mit religiösen Fragen befasst, sondern auch in Opern und Opernfragmenten ausgeführt wie in „Das Liebesmahl der Apostel“.

So wie er politisch der Demokratiebewegung um die Paulskirche nahesteht, so entzieht er gleichwohl die Inhalte des neuen Testaments der kirchlichen Einbettung und deutet sie stattdessen selbständig. Religion, sowie sie auch in der Kunst dargestellt werden kann, ist für ihn die Erkenntnis der Einheit alles Lebendigen und die Täuschung sowie die Idee der Aufopferung. Allgemeine Ideale wie „Glaube, Liebe, Hoffnung“ sollen den „jüdischen Gottesbegriff“ ersetzen (vgl. S. 64).

So problematisch es ist, den christlichen Glauben seinem jüdischen und biblischen Kontext zu entziehen, so verständlich ist der Versuch, die religiösen Inhalte zu säkularisieren. Wagner soll sich gegen Ende seines Lebens vom Antisemitismus abgewandt haben, was seinen derartigen Einfluss auch durch den Bayreuther Kreis nicht ungeschehen gemacht hat.

So ist dieses umfangreiche Buch ein wertvolles Werk zur Einordnung der deutschen Geistesgeschichte auf dem Weg zum Nationalsozialismus, wobei Wagners Einfluss darauf nicht eingeengt werden kann, was schließlich auch die andauernde Wagner-Euphorie im Blick auf die Bayreuther Festspiele erklären mag.

Was geht, was könnte gehen und wohin geht die Reise? Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

 

Zu:

Thomas Dreier: COPYRIGHT, erschienen in der Reihe: Digitale Bildkulturen, Verlag Wagenbach, Berlin 2022, Paperback, 80 Seiten, Gedruckt auf Schleipen, ISBN: 978-3-8031-3717-3, Preis: 10,00 Euro (print)

 

Link: https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1325-copyright.html

Hinweis zur Ausgabe

Das Format des Büchleins ähnelt dem der Reclam Hefte. Der Druck auf Schleipen ist dazu ein Gegensatz, denn das Papier ist etwas schwerer und dadurch griffiger. Auch schwarz-weiß-Fotos sind recht gut zu erkennen. Nur die Übersichtstabelle am Anfang („Verfahren bei Uploads“) ist kaum zu erkennen.

Warum „Copyright“?

Ich verzichte auf eine Inhaltsangabe, da der Titel in diesem Fall genügend aussagt. Das Copyright ist in der letzten Zeit immer stärker in der Diskussion, es wird aber auch immer stärker beachtet. Aber ich gehe hier nicht auf die Diskussion ein, sondern greife vier Aspekte heraus.

 

Das Privileg der „Künstler“ und warum es nicht für alle gilt.

Was ist „Fair use“, d. h. wie können Bilder und Texte kopiert und zitiert werden, ohne die Rechte eines/r anderen zu beschädigen? „Zeigt sich der EuGH mit der Berücksichtigung gegenläufiger Grundrechte ohnehin schon recht zurückhaltend, können sich Durchschnittsnutzer nicht einmal auf die Kunstfreiheit berufen. Denn sie privilegiert allein Künstler.“ (S. 51) Das von Joseph Beuys propagierte Postulat, jeder Mensch sei ein Künstler, besteht also in der Realität nicht. Klar, dass die Intention des Autors hier deutlich wird, der eine Weiterentwicklung anmahnt.

Das Bild als Zitat, die Ausnahme

Geschützt ist nun tatsächlich eine Ausnahme vom Zitatverbot von Bildern, das „zitatweise Zeigen ganzer Bilder“ (S. 53) „Beim Zitat darf das Bild allerdings nicht zu lediglich illustrativen Zwecken verwendet werden, sondern muss Beleg oder Erläuterung des aufnehmenden Textes sein.“ (S. 53f)

Doch warum sind hier eigentlich nur immer Bilder im Blick? Diese Frage zeigt, dass es gar nicht so klar ist, dass hier zwar das Zitieren von Bildern behandelt wird, dass aber auch andere Produkte mitgemeint sein können.

 

Leider nicht frei von Juristendeutsch

An einigen Stellen geht der Autor explizit auf juristische Entscheidungen ein, die offensichtlich vorrangig die Gesetzeslage bestimmen. Hierbei verfällt er selbst in Formulierungen, die dem Juristendeutsch sehr ähnlich sind und den Textfluss eher bremsen. Dazu zitiere ich ein Beispiel:

„Letztlich geht es um die grundsätzliche Frage, was zuerst erfolgen soll: Sollen Inhalte, die die Nutzer hochladen wollen, zunächst hochgeladen und erst nachfolgend gesperrt beziehungsweise entfernt werden, wenn sich die Rechteinhaber dagegen zur Wehr setzen, oder vielleicht sogar erst, nachdem ihnen im Beschwerdeverfahren oder von den Gerichten Recht gegeben worden ist.“ (S. 64f)

 

Was die Diskussion verändert hat.

Was das Copyrightverfahren vor einiger Zeit so virulent machte, das P2P-Filesharing ist hingegen inzwischen auf dem Rückmarsch, da die Streaming-Angebote am Markt gut angenommen werden. Da die Rechteinhaber hierbei im Voraus abgegolten werden, ist im Moment die Diskussion um das Copyright im Medienbereich nicht mehr so interessant. Auch die bekannten Tricks der Abmahnanwälte haben spürbar nachgelassen. Dies hat zu einer Beruhigung und Versachlichung beigetragen, die jedoch zeigt, dass die Frage selbst im Hintergrund immer präsent ist. Das Urheberrechtsverfahren wird dann nicht mehr zum Streitfall, wenn die Klärung etwaiger Ansprüche nicht erst im Streit, sondern vorab beim Erwerb der Werke mitverhandelt wird. Doch wäre dann nicht zu fragen, ob die Vereinheitlichung eines Verfahrens die Sachfrage selbst überflüssig macht?

Ist das schon der Friedensvertrag oder erst der Waffenstillstand, um das Bild des militärischen Konfliktes zu gebrauchen?

 

 

Passion und Ostern mit Kindern nachspielen, Rezension und Hinweis von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

Der Text, der sich mit Bildern hier auf der Seite der Ev. Kirchengemeinde Gütersloh findet, ist von Pfarrer i. R. Christoph von Stieglitz verfasst und mehrfach überarbeitet und erweitert worden. Ich behandle diesen Text auf meiner Homepage, um zu zeigen, dass es durchaus sinnvoll ist, kürzere anschauliche Texte online zu veröffentlichen.

Inhalt der Arbeitshilfe.

Elemente der Passion Jesu werden veranschaulicht, indem sie auf einer Passionslandschaft nachgestellt und erzählt werden. Der dazu gegebene Text dieser Auswahl biblischer Geschichten könnte dazu auch vorgelesen werden. Er orientiert sich am Matthäusevangelium.

Der Text ist nicht frei von theologischen Fachbegriffen (Messias, Evangelisten, Deutung, usw./ d. Rez.) und müsste dann ohnehin den Gegebenheiten angepasst werden. Es ist sinnvoll, sich an den Text eines Evangeliums anzulehnen, um so eine stringentere Erzählstruktur zu erreichen. Hierzu sei an den Film „Das erste Evangelium“ von Pasolini erinnert. (D. Rez.). Auch hier ist es das Matthäusevangelium, dass den leitenden Bibeltext bietet.

Ob der häusliche Kontext wirklich ideal ist, sei dahingestellt. Es geht ja vordergründig auch nur darum, in der Zeit der Pandemie ein häusliches Programm zur Osterfeier anzubieten. Ich denke andererseits, dass hierzu eher religionspädagogische Erlebnisfelder in Frage kämen, wie die Kontaktstunde, der Kindergottesdienst oder der Religionsunterricht allgemein. Vielleicht wäre es auch sinnvoll, den Text exemplarisch zu spielen und auf Video aufzunehmen. Auch ein solches Video kann in der Pandemiezeit und darüber hinaus eine Gelegenheit sein, die biblische Geschichte zu Hause zu vermitteln.

Aufgefallen sind mir zwei Details. Zum einen die Kreuzigung, über die im Überblick nur wenig berichtet wird, weil wohl deren Brutalität wohl kaum kindgerecht dargestellt werden kann. Leider wird die Passion dadurch um ihre Pointe gebracht. Sowohl die sozialtheologische Deutung, die Jesu Tod als Martyrium für die Armen sieht, als auch die heilsgeschichtlich- theologische, die hier den Sohn Gottes stellvertretend leiden sieht, sieht die Kreuzigung als Erzählhöhepunkt.

Welche Deutung bietet die Auferstehungsgeschichte wirklich?

Die zweite Frage richte ich an die Auferstehungsgeschichte, deren symbolische Pointe durch die realistische Darstellung undeutlich wird. Mal ist Jesus weg wie im leeren Grab, dann ist er wieder da, und erscheint den Jüngerinnen und Jüngern. Wieso etwa haben die Jüngerinnen und Jünger Jesus beerdigt und gehen zum Grab, wo sie doch zuvor vom Jerusalem geflohen sind? Und warum gehen sie erst am frühen Morgen zum Grab, obwohl der Sabbat schon am Abend zuvor beendet ist?

Insgesamt ist eine Veranschaulichung unabdingbar, und dafür steht diese Arbeitshilfe. Anderseits besteht die Gefahr, dass die symbolische Pointe der Bibel durch Erzähldetails verdeckt oder verschoben wird.

Am meisten verspricht mir der Gedanke, das gegebene Konzept als Plot eines Videoprojekts anzusehen, um die Passionsgeschichte als Trickfilm zu erarbeiten. Auch die anschauliche Darstellung im Stil eines Bibelgartens ist möglich. Ein Ausflug in das Freilichtmuseum des Heiligen Landes in den Niederlanden wäre zu erwägen.

Heideggers Vermächtnis, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

zu: Martin Heidegger: Vorläufiges I – IV (Schwarze Hefte1963 – 1970), Gesamtausgabe Band 102, Herausgegeben von Peter Trawny, Vittorio Klostermann Frankfurt/Main 2022, kartonierte Ausgabe,  441 Seiten, ISBN 978-3-465-02687-7, Preis: 48,00 Euro

 

 

Problematik der „Schwarzen Hefte“

 

Die zu recht problematischen „Schwarzen Hefte“ während der Nazi-Zeit werden hiermit fortgesetzt. Von antisemitischen Äußerungen distanziert er sich nicht, so weit ich das gelesen habe, aber er zeigt auf, dass sein Rücktritt vom Rektorat 1934 auch als Distanzierung gemeint war. Er habe Entscheidungen getroffen, die nicht auf der Linie des damaligen Mainstream lagen.

Doch was haben diese schwarzen Hefte (1963 – 1970) sonst für eine Funktion?

Vertiefung und Bestätigung

 

Es geht um eine Dokumentation von Notizen, die im Zusammenhang stehen mit den Schwerpunkten seines Denkens. Dabei bezeichnet er seine Philosophie mit seinem Nachnamen, spricht von sich als „Heidegger“ und nicht in der ersten Person.

Er geht dabei immer wieder auf sein Hauptwerk „Sein und Zeit“ ein. Es gibt keine Abkehr von diesem Denken, sondern allenfalls eine Vertiefung und Bestätigung.

Vergessenheit des Seins

Immer wieder kommt er auf die Seinsvergessenheit zurück, die er der neuzeitlichen Philosophie vorwirft, auch in den gewohnten Heideggerschen Sprachspielen wie:

„Die Vergessenheit des Seins und seiner Wahrheit

            wandelt sich in die Enteignis

            das Aussagen in das Entsagen

            der Satz in das Bringen

            das Gespräch in das Erschweigen.“ (Vorläufiges I, Abschnitt b, S. 11)

(Korrigenda: S. 17, 1. Zeile muss es heißen: „Instrumentale“)

Unablässiges Fragen

 

Was ich an Heidegger sympathisch finde, ist die Aufforderung zum „unablässigen Fragen“ (S. 20).

Die Schüler Jaspers und Löwith werden positiv gewürdigt. Hier betont Heidegger die Kontinuität seines Denkens.

Mit „Fernsehkultur“ und „Illustrierten“ setzt er sich kritisch auseinander. „Horkheimer und Konsorten“ scheinen im Begriff der Dialektik der Metaphysik verhaftet.

Aus dem Fragen folgt das „verdankende Denken“ (S. 39), einen Gedanken, den ich ebenfalls sympathisch finde.

Den Impuls von Habermas „mit Heidegger und gegen Heidegger“ greift er auf und dreht ihn kritisch um: „gegen Heidegger – zu Heidegger“ (S. 53).

lyrische Versuche und Aphorismen

 

Zwischendurch finde ich lyrische Versuche, die nicht als Gedichte gezeichnet sind, vielleicht Aphorismen, so zum Dank:

„Wohne, ihn hütend, im Dank“ (S. 74).

Jeder Teil wird von einem Stichwortverzeichnis abgerundet, das Heidegger selbst erstellt hat. Dadurch wird deutlich, dass die Sentenzen keine Tagebuchnotizen sind, sondern bewusste Reflexionen.

(z. B. Industriegesellschaft, S. 139).

 

wenig Biografie, mehr Reflexion

Es gibt keine Datierung. Nur im dritten Teil werden leere Seiten notiert, die den erfahrenen Schlaganfall (1970) als Zäsur deutlich machen. Der Rest des Dritten Teils und der vierte sind sicher nicht nur im Jahr 1970 entstanden. Anspielungen auf die Besuche von Paul Celan, Hannah Arendt und Martin Buber habe ich nicht gefunden. Ein Tagebuch wollen die Schwarzen Hefte ohnehin nicht sein.

Im zweiten Teil kommen bekannte Themen wieder vor. Die Frage nach dem Denken tritt immer mehr in den Vordergrund. Was hier der Abschied der Metaphysik bedeutet, scheint etwa in folgendem Aphorismus auf:

„Es handelt sich nicht mehr um Grundlegungen, Prinzipien, Rückgang in den Grund und um Selbstbegründung, was alles in der Philosophie als die radikalste Aufgabe gilt, es handelt sich ebenso wenig um Sicherung und Gewissheit und Strenge und Beweisbarkeit – sondern nur noch darum: die Sache des Denkens zu finden und in ihr das Denken selbst.“ (S. 196)

Von dort her kritisiert Heidegger auf die gegenwärtige Wissenschaft, die im Grunde Bildung nur noch funktional als Ausbildung definiert. Das Denken der Industriegesellschaft dringt in alle Bereiche des Lebens ein.

Das dichtende Denken

Davon ausgenommen sieht er die Bedeutung der Dichtung, „das Unterwegs zum Eigentümlichen der Sprache“ (S. 204). (Könnte das auch eine Anspielung auf Paul Celan sein? der Rez.)

Kurz vor der Zäsur 1970 finden sich schon im dritten Teil zwei Gedichte, Der „Glockenturm“ und „der Tod“ (S. 247). Später ein Aphorismus als Aufzählung, den ich kurz zitieren möchte:

„Das Gesetz des Sanften.

            Der Sieg des Zarten.

            Die Macht des Geringen.

            Die Pracht des Schlichten.

            Der Glanz des Unscheinbaren.

            Die Stille des Ungedachten.

            Die Ruhe des Einfachen.“ (S. 255)

Das dichtende Denken, das hier immer wieder auch zum Gedicht findet, scheint das Grundthema des dritten Teils. Bei der flüchtigen Durchsicht habe ich eine Erwähnung Pauls Celans nicht gefunden, aber er wird mitgemeint sein.

Der vierte Teil hat keine 20 Seiten und greift noch einmal Grundgedanken von „Sein und Zeit“ und seiner Wirkungsgeschichte auf.

Peter Trawny fügt als Anhang noch ein weiteres Heft hinzu, das nicht zu den schwarzen Heften gehört und auch etwas früher datiert werden muss, überschrieben mit „Furchen“ (S. 369 – 431, einschließlich einiger Beilagen auf eingelegten Zetteln und einem Stichwortverzeichnis).

Diese Rezension ist nicht als wissenschaftliche Zusammenfassung gedacht, sondern als das Aufgreifen von Eindrücken. Die Denkwege Martin Heideggers sind meines Erachtens nicht hinfällig, vielleicht besonders, weil er sich der Instrumentalisierung und Funktionalisierung der philosophischen Debatte und des wissenschaftlichen Denkens entgegenstellt.