Möglichkeit eines atheistischen Glaubens, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022,

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Hartmut von Sass, Atheistisch glauben, Ein theologischer Essay, Matthes und Seitz, Berlin 2022, ISBN: 978-3-7518-0541-4, 150 Seiten, Klappenbroschur, Preis: 14,00 Euro

Da es im Essay/Büchlein von Hartmut von Sass darum geht, „atheistisch“ an Gott zu glauben, wird man zu Recht mit einer Auseinandersetzung mit Formen des Atheismus zu rechnen haben. Dies wird aber hier kaum geleistet, wozu sich der Autor allerdings auch äußert.

Stattdessen begibt er sich auf den Denkweg der theologischen Kritik des Theismus. Er katalogisiert etliche Varianten des (post-)modernen Umgangs mit theistischen Formen, um dann im zweiten Teil neu anzusetzen. Der Aufbau des zweiten Teils liest sich wie eine Kurzfassung der systematischen Theologie. Insofern kommt er hier auf das Ziel des Buchs zu sprechen. Im ersten Teil fällt mir auf, dass er eines der berühmtesten Zitate Dietrich Bonhoeffers ohne Nennung des Autors aufgreift: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ (Zitat DBG, der Rezensent). Auch das Zitat von Gerhard Ebeling weist eine Nähe zu Bonhoeffer auf (S. 35): „… Glauben ist das Bestimmtsein der Existenz…“.

Ähnliches gilt auch für andere Autorinnen wie Dorothee Sölle und ihre Vor- oder Mitdenkerinnen. Aber die Frage der Referenz mag ja letztlich für einen Essay egal sein, der schlicht einen neuen Ansatz ausdrückt.

Sein Aufsatz ist philosophisch stringent formuliert. Er stellte Bezüge zu traditionellen und aktuellen Denkwegen auf. Diese Denkwege werden übersichtlich strukturiert und zumindest ansatzweise auf ihre Konsequenzen hin überprüft (obwohl mir diese Schlüsse manchmal etwas schnell erscheinen).

Im folgenden Zitat scheint mir die wahre Intention des Autors aufzuleuchten, die dann doch m. E. zum Panentheismus in einer gewissen Affinität steht: „Kein ontologisch autarkes Wesen wird nun theologisch charakterisiert, sondern die Theologie expliziert den glaubend vollzogenen Bezug auf diese eine Welt. Der atheistischen Revision religiösen Glaubens geht es folglich nicht um einen zur Welt addierten Referenten, sondern um eine irreduzible Referenz auf die uns umgebende Welt.“ (S. 38). Damit die Welt nicht direkt mit Gott gleichgesetzt wird, heißt es auch, es gehe um die Beziehung zum „Ganzen“.

An einem Bild, das sowohl als Hase als auch als Ente beschrieben werden kann, wird gezeigt, dass der Glaube nicht die Erfahrung der Welt ändert, sondern einen Perspektivenwechsel beschreibt. Das erinnert dann tatsächlich schon an einen philosophischen Gedankengang, wobei die Frage offen bleibt, ob von Sass das auch bis zum Ende des Buche durchhalten kann. Der Glaube kann also auf keinen Fall als „Hinterwelt“ gesehen werden, sondern allenfalls als neues Denken.

Im nächsten Abschnitt wechselt Hartmut von Sass ungeachtet aller Begrifflichkeit in eine positive Theologie, indem er feststellt: „Gottes Wirklichkeit ist sein liebendes Wirken am Menschen.“ (S. 62). Diese Bestimmung bewirkt nun eine Art existentiale Interpretation, die Hartmut von Sass gleich auf die Grundfrage anwendet. Glaube an Gott ist keine Einstellung zu etwas oder Glaube an jemanden, sondern eine Art Grundverständnis des Lebens: „Nicht an Gott wird geglaubt, sondern in Gottes Wirklichkeit wird gelebt. Gott ist die Wirklichkeit des Glaubens.“ (S. 65)

Da ich gerade noch sehr interessiert der religionsphilosophischen Spur des Autors gefolgt bin, reibe ich mir die Augen. Wo ist die ontologische Grundfrage geblieben, das Interesse an atheistischer Theologie? Atheismus bedeutet hier also nur, von einer abstrakten Gotteslehre abzusehen und eine Theologie der Existenz zu formulieren. Doch ist das noch Atheismus?

Eine Zwischenbesinnung fragt nach Aporien quasi postmoderner Gottesbegriffe, die meist auf eine Definition des Gottesbegriffs hinauslaufen und demnach konstruiert sind. Dazu gehört auch die bekannte Tautologie, Gott könne nur durch Gott selbst erkannt werden. Hierbei nimmt von Sass das bekannte Modell auf, verknüpft es dabei zugleich mit seiner Rezeption: „Wie niemals betrachtete Bilder kaum Kunst sein können, weil ihr Publikum zwar nicht Ursache, aber doch Medium ist, in dem Werke zu Kunst werden, so zeigt sich Gott in seiner Offenbarung, die er selbst ist, wenn sie von jemandem vernommen wird.“ (S. 69f)

Das Thema „Anfechtung“ bringt es auf den Punkt. Schon nach Luther und Calvin ist Glaube selbst ein unverfügbares Geschenk, kein Koffer von Sicherheiten. Hier spricht von Sass zu Recht von Dekonstruktion: „Im spätmodernen Vokabular könnte man auch von einer Dekonstruktion sprechen, die den Glauben auf seine Brüche und inneren Spannungen hin befragt, ohne ihn zu verabschieden.“ (S. 74)

Glaube ist ohne Anfechtung, ja Unglaube nicht denkbar, wäre eine sture Wahrheitsbehauptung. Anfechtung im Inneren des Christseins ist das, was gesellschaftlich der Atheismus ist. Dass an dieser Stelle jeder Fundamentalismus scheitern muss, weil er den Zweifel ausblendet und den Glauben damit dem Scheitern aussetzt, wird hier (noch) nicht angedeutet.

Nun folgt das zweite große Kapitel des Buches.

Die folgenden theologischen Skizzen machen nun tatsächlich ernst mit einer Dekonstruktion der religiösen Wirklichkeit. So ist die Schöpfung in der Tat nicht im Ansatz eine religiöse Theorie der Weltentstehung, sondern beschreibt schlicht das Entstehen des Glaubens.

Das gleiche Methodenspiel wird nun auf die Frage nach dem Bösen, also schlicht die Theodizee angewandt. Es ist sehr oft von Hiob die Rede. Am Ende kommt von Sass auf Jürgen Habermas zu sprechen und das „Bewusstsein von dem, was fehlt“. Hiob, so heißt es zuvor, ist kein Antwortgeber auf die Frage nach dem Leid, sondern illustriert hingegen, dass diese Frage nicht nur glaubende Menschen lebenslang begleitet.

Sünde und Schuld, die dann zur Sprache kommen, dürfen nicht verwechselt werden. Die Rede von der Sünde gilt nur innerhalb des Glaubens und bezeichnet eine Krise in der Beziehung zu Gott.

Hierzu ein Zitat: „Der Glaube an Gott schafft das Problem, das er selbst bekämpft, so ließe sich die zirkuläre Lage zuspitzen. Das spricht nicht gegen diesen Glauben, sondern entfaltet seine innere Dynamik. Wie mit dem Fußball die Abseitsfalle in die Welt kommt, die ohne ihren sportlichen Kontext selbst ins Abseits geriete, so haben die Sprachspiele des Glaubens nur innerhalb der Glaubenspraxis ihren Ort und Sinn.“ (S.110).

In diesem Abschnitt gesteht von Sass der Theologie tatsächlich einen Zirkelschluss zu, was m. E. philosophisch zu einer Aporie führt. Besser hingegen ist am Ende des Abschnitts die säkulare Deutung der Auferstehung, die m. E. schon von der Theologie des Paulus beispielsweise belegen lässt: „Die Verkündigung der Auferstehung von den Toten muss daher nicht als mirakelhafte Revision eines eigentlich unwiderruflichen Todes aufgefasst werden, auch nicht als martialische Opferung des Sohnes durch den auf Satisfaktion bestehenden Vater (…). Vielmehr kann Jesu Auferstehung als Artikulation eines Glaubens daran verstanden werden, dass sein Heilen und Predigen ein Geschehen sei, welches mit diesem Tod am Kreuz gerade nicht endet;“ (S. 116).

Als praktischer Aspekt des Glaubens ist nun das Beten zu besprechen. Hierbei geht es insbesondere um die Anrede bzw. den Adressaten des Gebets: „Wenn sogar für das Gebet als Bitte gezeigt werden kann, dass es keinen Gott als Quasi-Person reaktivieren muss, sind dem Theismus in all seinen Schattierungen die besten Gründe genommen.“ (S. 120) Gebete bekommen so etwas Unerhörtes. Die Wirklichkeit der Adresse bleibt unverfügbar und ist doch gerade deshalb gewünscht.

Dazu schiebt von Sass nun einen „Exkurs“ ein. Wieder wird die Beziehung zu Gott zu einer Beziehung in Gott. Dass religiöse Traktate nicht nur schon früher mit einem Gebet begannen, sondern auch schlicht als Gebet formuliert waren, wäre als bekannt vorauszusetzen, um nur an Karl Barths Anselmzitat zu denken. Ist also der von Sass entwickelte theologische Atheismus nichts anderes als dialektische Theologie? (d. Rezensent)

Im letzten Abschnitt geht es um Hoffnungsaspekte des Glaubens. Von Sass warnt davor, in den Ereignissen des Hoffnungsglaubens „die Haltepunkte eines geschichtstheologischen Fahrplans in Richtung Zukunft zu sehen“ (S. 139). Vom atheistischen Glauben her, ist nicht Gott, sondern der Glaube selbst der Dreh- und Angelpunkt, was zu einer präsentischen Eschatologie führt: „Man steht von den ›Toten‹ auf, indem man (wieder) zum Glauben findet; und wem dies widerfährt, der hat bereits das »ewige Leben« (so Joh 3,36);…“ (S. 139) Glaube ist demnach nun doch nichts anderes als das Leben für eine bessere Zukunft.

Darauf folgt ein Nachwort bzw. ein Epilog. Er findet einen Ort für die nichtreligiöse Interpretation des Glaubens (ohne diesen Ausdruck zu gebrauchen) in einer Reflexion des Karsamstags.

Obwohl der Essay reichlich Anmerkungen enthält, finde ich doch wenig inhaltliche Referenzen, von dem sinntragenden Ebeling-Zitat am Anfang mal abgesehen. Dorothee Sölle, die den Ausdruck „atheistisch an Gott glauben“ als erste geprägte hat kommt genauso wenig zu Wort (außer in der ersten Anmerkung), wie Jürgen Moltmann, Dietrich Bonhoeffer und andere. Vielleicht ist das auch gut, dass es dem Autor nicht in erster Linie um Referenzen geht, sondern darum, einen eigenen Gedankengang zu entfalten und an einige Beispielen auszuführen. Dafür sollten wir ihm dankbar sein, weil sich von diesen Abschnitten auch neue Gedanken entwickeln lassen. Es ist jedenfalls deutlich geworden, dass dieser atheistische Glaube den Neuen Testament keinesfalls fremd ist, sondern sich von einigen Bibelstellen her direkt entfalten lässt.

Richard Wagner und seine Einflüsse, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

Zu: Wolfgang W. Müller, Der Bayreuther Kreis und sein Umfeld, Religion – Macht – Musik, Schwabe Verlage, Basel, 2022, gebunden, 386 Seiten, 70,00 CHF

Wolfgang W. Müller ist emeritierter Professor für Dogmatik und war bis 2021 Leiter des Ökumenischen Instituts an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. (Verlagsprospekt).

Es ist ausgesprochen nützlich, den Komponisten und Autor Richard Wagner in seinen zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen. In diesem Buch kommt zusätzlich der Bayreuther Kreis um Houston Stewart Chamberlin (1855-1927) zu Wort. Das umfassende Konzept des Buches konzentriert die Wirkung beider nicht nur auf die Frage des Antisemitismus, sondern kommt zu einer differenzierten Würdigung. Gegen Ende des Buches geht es gleichwohl auch um die Wirkung Richard Wagners und seines Umfeld auf den Nationalsozialismus und dessen Antisemitismus.

Ich habe mich bei der Lektüre auf die Darstellung Richard Wagners konzentriert und war doch wirklich erstaunt über seinen nicht zu unterschätzenden Einfluss allein schon durch die Musik. Will man Wagner mit der heutigen Musik vergleichen, kann man ihn nur als prominenten Musiker und Starkomponist bezeichnen.

Die Nähe zur Religion ist gleichwohl ausgeprägter als das der bekannte Opernzyklus andeutet. Wagner hat sich nicht nur theoretisch mit religiösen Fragen befasst, sondern auch in Opern und Opernfragmenten ausgeführt wie in „Das Liebesmahl der Apostel“.

So wie er politisch der Demokratiebewegung um die Paulskirche nahesteht, so entzieht er gleichwohl die Inhalte des neuen Testaments der kirchlichen Einbettung und deutet sie stattdessen selbständig. Religion, sowie sie auch in der Kunst dargestellt werden kann, ist für ihn die Erkenntnis der Einheit alles Lebendigen und die Täuschung sowie die Idee der Aufopferung. Allgemeine Ideale wie „Glaube, Liebe, Hoffnung“ sollen den „jüdischen Gottesbegriff“ ersetzen (vgl. S. 64).

So problematisch es ist, den christlichen Glauben seinem jüdischen und biblischen Kontext zu entziehen, so verständlich ist der Versuch, die religiösen Inhalte zu säkularisieren. Wagner soll sich gegen Ende seines Lebens vom Antisemitismus abgewandt haben, was seinen derartigen Einfluss auch durch den Bayreuther Kreis nicht ungeschehen gemacht hat.

So ist dieses umfangreiche Buch ein wertvolles Werk zur Einordnung der deutschen Geistesgeschichte auf dem Weg zum Nationalsozialismus, wobei Wagners Einfluss darauf nicht eingeengt werden kann, was schließlich auch die andauernde Wagner-Euphorie im Blick auf die Bayreuther Festspiele erklären mag.

Predigt Römer 6,3+4, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2022

 über Römer 6,3+4, Die kostbare Perle,  6. Sonntag nach Trinitatis

3 Ihr wisst doch: Bei unserer Taufe wurden wir förmlich in Christus Jesus hineingetaucht. So wurden wir bei der Taufe in seinen Tod mit hineingenommen. 4 Und weil wir bei der Taufe mit ihm gestorben sind, wurden wir auch mit ihm begraben. Aber Christus ist durch die Herrlichkeit des Vaters vom Tod auferweckt worden. Und genauso sollen auch wir jetzt ein neues Leben führen. (Basis Bibel, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2010, Römer 6,3+4)

 

Liebe Gemeinde,

heute möchte ich Sie mitnehmen zu einem Besuch der documenta fifeteen in Kassel. Wir besuchen gemeinsam die katholische Kirche St. Elisabeth. Die Gemeinde hat die Künstlerin Birthe Blauth aus München beauftragt, die Kirche zu gestalten. Es geht mir nicht um das Konzept der Künstlerin, sondern ich lade Sie ein zu einer Art Phantasiereise in den von der Künstlerin gestalteten Kirchraum. Später wird das Geschaute mit den Paulusworten zur Taufe in Beziehung gesetzt. Wenn Sie mögen und es Ihnen hilft, schließen Sie bei unserer Reise die Augen und stellen Sie sich vor, Sie sind mit dabei.

Sie stehen mit einer überschaubaren Gruppe auf dem großen Vorplatz, einer der weiten öffentlichen Plätze der documenta mitten in Kassel. Der große Platz ist leer, es scheint die Sonne und es weht ein leichter Wind. Sie gehen mit der kleinen Gruppe in Richtung Elisabethkirche. Von weitem sehen sie den Kirchturm. Er ist nicht geschlossen, sondern offen. Auf dem Kirchturm ist ein Kreuz zu sehen.

Wir kommen näher und überqueren eine Straße, die nicht viel befahren ist. Rechts von der Kirche liegt eine Straße auf der der Verkehr nur so braust. Autos fahren an und fahren weiter in die Stadt hinein. Menschen gehen über die Fußgängerampel. Von rechts drängt der Lärm der Stadt in die Ohren.

Vor uns baut sich die schlichte, moderne Kirche auf. Wir gehen drei Stufen hoch, um auf den Vorplatz der Kirche zu gelangen. Unsere Augen suchen die Eingangstür. Sie bewegen sich auf die dunkle Tür zu. Sie gehen den anderen hinterher durch die Tür. Hinter der Tür ist es dunkel. Ihre Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Vor einem Tisch stehen drei Menschen. Einer flüstert, bitte ziehen sie ihre Schuhe aus, bevor sie in den Kirchraum gehen. An der Rückseite des dunklen Raums erkennen Sie ein Schuhregal. Sie ziehen ihre Schuhe aus, verstauen sie in einem Fach des Regals. Bevor sie in den Kirchraum eintreten, bekommen sie von einer weiteren Person einen kleinen Zettel. Der schwere schwarze Vorhang wird für Sie bei Seite geschoben. Sie gehen in den Kirchraum und während sie den ersten Schritt auf ein weiches Grün machen, lesen Sie auf dem kleinen Zettel. Bitte schweigen Sie an diesem Ort. Sie dürfen sich, bevor sie die Kirche verlassen, eine Perle aus der Schale mitnehmen.

Sie gehen tiefer in den Kirchraum hinein. Der ganze Kirchraum ist vollkommen leer, nur mit Rasen ausgelegt. Sie spüren das Gras unter ihren Füßen. Von den beiden Außenseiten mit großen Glasflächen fällt Licht in die Kirche. Sie sehen Menschen. Manche gehen langsam über die Wiese, anderen haben sich hingesetzt oder hingelegt. Sie schauen nach einem Platz, wo sie sich hinsetzen können. Sie setzen sich aufs Grün und lassen den Kirchraum auf sich wirken. Es ist still. Der Lärm der Straße ist nicht mehr zu hören. Sie atmen ein und aus und fühlen sich geborgen. Die Ruhe tut gut. Sie schließen die Augen und sind eine Zeit lang ganz für sich. Dann nehmen Sie wieder den Raum und die Menschen um sich herum wahr. In der Mitte des Kirchraums steht eine große Schale. Aus der Schale leuchtet es weiß. Ein Mensch kniet vor der Schale und fährt mit seinen Händen durch das Weiß. Dass werden Perlen sein, denken sie. Wie kommt es, dass sie so leuchten? Sie nähern sich langsam der Schale. Die Perlen leuchten wunderschön. Es sind tausende von weißen Perlen. Sie knien sich nieder und fahren mit der Hand durch die weiße Pracht. Dann tauchen Sie mit der Hand noch einmal in das Weiß ein, lassen die Perlen langsam in die Schale rieseln und von den letzten vier, fünf Perlen auf ihrer Handfläche suchen Sie eine für sich aus. Sie halten sie zwischen Daumen und Zeigefinger und freuen sich. Mit der Perle verlassen Sie langsam den Kirchraum – und öffnen jetzt wieder die Augen und kommen hier in unseren Kirchraum/Gottesdienstraum wieder an.

 

Du bist getauft. Du bist mit Christus durch das Dunkel hindurchgegangen. Du hast die Dunkelheit hinter dich gelassen und in dir ist ein Raum der Stille und Begegnung mit Gott. Zu diesem Schatz hast du jederzeit Zugang. Mit der Taufe grünt ein unvergängliches Leben in dir. Du bist geschützt, geborgen, gerettet. Christus hat dich mit seinem Tod teuer erkauft. Das Leben leuchtet weiß. Christus ist deine Perle. Dieser Schatz lebt und leuchtet in dir. Vor diesem Licht kann nichts bestehen, was dieses Licht verdunkelt. Kein Leid, kein Schmerz und kein Tod. Wie ein Sandkorn in einer Muschel mit Schichten ummantelt wird und zu einer kostbaren Perle heranreift, so hat Christus für dich das schlechthin Fremde – den Tod – umschlossen und in Leben verwandelt. Seine Auferstehung lebt seit deiner Taufe als kostbares Gut in dir. Du bist mit Christus in der Taufe den Weg vom Tod ins Leben gegangen.

Wir verlieren den Zugang zu der Perle in uns immer wieder. Aber wir können uns immer wieder, zu jeder Zeit und an jedem Ort, diesem Schatz in uns zuwenden. Diese Reise zu Christus in uns nennen wir glauben: Ein großes Vertrauen in den Gott unseres Lebens. Daraus wächst die Kraft das Leben und die Welt zu gestalten.

Hinabsteigen, Zeiten der Dunkelheit durchschreiten, um ins Licht zu kommen, um beschenkt zu werden: das ist Glauben. Das Neue, das Kostbare, das Schöne lebt in uns, daher lasst uns das Falsche, das Niederträchtige, das Unechte ablegen.

Amen

Joachim Leberecht

Link:

www.bblauth.de

www.st-elisabeth-kassel.de

Vaterkomplex und Fußballgott, Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2022

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Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, Rowohlt-Verlag, Hamburg, 4. Auflage 2021

Geschickt webt Friedrich C. Delius an einem Sonntagsbild in einem kleinen hessischen Dorf an der Grenze zur DDR im Jahr 1954. Der Titel mag leicht in die Irre führen, da der Tag an dem Deutschland Weltmeister wurde zwar eine emotionale Zäsur für Deutschland darstellt und bis heute im kollektiven Gedächtnis eingeschrieben ist, jedoch im Mittelpunkt der Erzählung steht der junge Ich-Erzähler und sein Vaterkonflikt. Das Trauma seiner Kindheit bildete sich durch die Rückkehr seines Vaters aus der Kriegsgefangenschaft. Der Sohn musste den Platz an seiner Mutter verlassen und an den Vater abgeben. Dass der wortmächtige Vater zudem noch evangelischer Pfarrer war und die Familie im kleinen Dorf ein vorbildlich christliches Leben führen musste, verschlägt dem Sohn die Sprache. Das vorpubertäre Kind von 11 Jahren stottert, spricht nur, wenn er angesprochen wird, schämt sich seines Sprachmakels und flüchtet sich kindgerecht in Tagträume. Friedrich C. Delius gelingt es, dass der Leser sich mit dem Ich-Erzähler identifiziert und durch seine Augen einen Sonntag auf dem Land in den 50er Jahren in der BRD nacherlebt. Den restaurativen Ton der BRD fängt der Autor mit seinem Sonntag-Sittengemälde gut ein. Das steigert den alles beherrschenden Vaterkonflikt, der sich noch potenziert wird durch den allmächtigen göttlichen Vater, der dreifältig (Vater, Großvater, Vater-Gott) im Pfarrhaus gegenwärtig ist. Dem Vater-Gott ist alles zu verdanken, er sieht alles, ihm gilt es unbedingt Gehorsam zu leisten. Im Kapitel „Ich war Isaak“(S.78f) treibt der Autor seinen Vaterkonflikt auf die Spitze. Den Vaterkonflikt verbindet er mit der Erzählung von der Opferung Isaaks durch Abraham. Der Zugang zu dieser biblischen Erzählung ist das Entscheidende. Die drei Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam) haben eine je eigene Sicht auf die biblische Erzählung, Friedrich C. Delius jedoch fragt nicht nach dem Glaubensgehorsam Abrahams, sondern schlüpft mit seinem Protagonisten ganz ich die kindliche Perspektive des potentiellen Opfers. Diese Identifikation ist äußerst wichtig, da sich Friedrich C. Delius mit der Erzählung von seinem Übervater befreit. Dieses biblische Narrativ verleiht ihm Sprache und ein entschiedenes Nein gegen einen übergriffigen Vater-(Gott). Ob ein elfjähriges Kind dazu kognitiv in der Lage ist, wage ich zu bezweifeln. Man merkt der stark biographischen Erzählung an, dass der gut fünfzigjährige Autor sich intensiv mit seinem eigenen Vaterkonflikt auseinandergesetzt hat., Er hat Tilmann Mosers Gottesvergiftung gelesen und schlägt in dieselbe Kerbe. Dennoch sollten wir die Erzählung nicht als biographisches Tagebuch eines Sonntags verstehen, sondern als kunstvolle Fiktion wahrnehmen. Denn darin liegt die Stärke von Friedrich C. Delius, sein unverwechselbarer Erzählstil. Aus meiner Sicht flacht die Spannung bei der Fussballreportage Ungarn – Deutschlands ab, wenngleich der Fußballgott einen echten Exodus für das Kind eröffnet, da dieser Gott ihm eine Welt außerhalb der Vaterwelt verheißt.

Cover zum Taschenbuch:

Predigt Bist du mein Freund? Joh 21,15-17 – Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2022

„Als sie nun Mahl gehalten, sagt zu Simon Petrus Jesus: Simon, Sohn des Johannes (1,42), liebst du mich mehr als diese? Sagt er ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dir Freund bin. Sagt er ihm: Hüte meine Lämmer. Sagt er ihm wiederum zum zweiten Mal: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Sagt er ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dir Freund bin. Sagt er ihm: Weide meine Schafe (1. Petr 5,2). Sagt er ihm zum dritten Mal: Simon, Sohn des Johannes, bist du mir Freund? Betrübt ward Petrus, dass er so gesagt hat, zu ihm, zum dritten Mal: Bist du mir Freund? Und er sagte ihm: Herr, alles weißt du, du erkennst, dass ich dir Freund bin (16,30). Sagt zu ihm Jesus: Hüte meine Schafe (10,1-18).

Übersetzung von Dr. Eugen Drewermann

 

Predigt Bist du mein Freund? Joh 21,15-17

Liebe Gemeinde,

was für einem intimen Gespräch zwischen Jesus und Simon Petrus dürfen wir hier belauschen? Intimeres als über die Liebe von Person zu Person gibt es nicht. In der Frage: „Liebst du mich?“ wird das Entscheidende angesprochen, was eine Liebesbeziehung ausmacht. Der Fragende legt seine ganze Person hinein und wagt diese Frage an sein Gegenüber. An der Antwort hängt Glück und Enttäuschung, hängt die Zukunft. Diese Frage wird in der Regel erst gestellt, wenn der Fragende im Herzen überzeugt ist, die Antwort kann nur Ja sein.

Der Philosoph Roland Barthes hat einmal gesagt, dass der Satz: „Ich liebe dich!“, ein unmöglicher Satz ist. Wenn er ausgesprochen ist, stimmt er schon nicht mehr, da er nicht einzulösen ist, da er gewissermaßen nur in der Schwebe wahr ist und nur glaubend erahnt werden kann. Ausgesprochen jedoch verliert er seine Gültigkeit. Es ist als sei diese ungeheure Aussage „Ich liebe Dich!“ ein Ding, das der Mensch haben kann und über das er verfügt. Der Satz: „Ich liebe Dich!“ ist unverfügbar und entzieht sich in dem Moment, wo er ausgesprochen wird.HerzeH Wer von uns kennt nicht die Schwierigkeit und manchmal auch Schalheit, wenn wir diesen Satz aussprechen? Und dennoch ist es so wichtig, dass wir zueinander sagen: „Ich liebe Dich!“, weil der Glaube – auch an die Liebe – über das Hören kommt, über die Versprachlichung unserer existentiellen Gefühle und Einstellungen.

Jesus fragt Simon Petrus nach der höchsten Form der Liebe, nach der Agape, der selbstlosen (göttlichen) Liebe. Die Frage ist schlechtweg nicht zu beantworten und Simon Petrus zieht sich mit seiner Antwort geschickt aus der Verlegenheit, erstens indem er sich nicht auf den unmöglichen Vergleich, dass er Jesus mehr liebe als andere einlässt und zweitens, indem er sagt: „Wer, wenn nicht du, weißt es schon längst, dass ich dein Freund bin? Simon Petrus spricht nicht von Agape sondern von Phileo, der freunschaftlichen Liebe. Das ist eine Selbstbescheidung, gewachsen auch aus der bitteren Erkenntnis, dass seine Hingabe an Jesus, dass seine Beziehung zu ihm seinem unsteten Ego unterworfen ist, seiner Launenhaftigkeit, seinen Zweifeln und auch seiner Selbstüberschätzung.

Freundschaft ist nach dem römischen Philosophen Sallust: „Dasselbe wollen, dasselbe nicht wollen.“ (1) In diesem Sinn liebt Simon Petrus Jesus. Darauf antwortet Jesus: „Hüte meine Lämmer!“ (Vers 15).

Ich muss hier an meinen Enkel denken, ein Jahr ist er jetzt alt. Seine Eltern hüten ihn, beschützen ihn, ernähren ihn, tragen um ihn Sorge. Sie nehmen sich selbst zurück und stillen seine Bedürfnisse. So ist es, wenn uns ein neues Leben anvertraut wird. Das ganze Leben ändert sich, wird umgestellt und eingestellt auf das kleine Kind. Ganz natürlich sind wir Menschen ausgestattet, dass Neugeborene zu beschützen und zu bewahren so gut es uns möglich ist. Das neue Leben braucht verantwortungsvolle und verlässliche Zuwendung.

Das traut Jesus Simon Petrus zu. Durch Vertrauen wachsen wir an unseren Aufgaben. Ohne Vertrauen wächst der Selbstzweifel, wachsen Angst und Furcht in uns.

Ein zweites Mal fragt Jesus Simon Petrus: „Liebst du mich?“ Und Simon Petrus antwortet wiederum: „Du weißt es, ich bin dein Freund.“

„Weide meine Schafe!“ antwortet Jesus. Der Verantwortungsbereich für Simon Petrus wird ausgeweitet. Jetzt geht es nicht mehr nur ums Hüten, es geht ums Weiden. Das muss vorrausschauend geschehen. Wo gibt es Nahrung? Wie können die Tiere am besten durch das Leben gehen? Wie können Sie begleitet werden? Wie sind sie zu schützen? Wohin sind sie zu führen?

Alles Fragen, die uns selbst intensiv beschäftigen, besonders heute, da vor unseren Augen Grenzen überschritten werden, ein Land in das andere einfällt und es beherrschen will. Wie kann dem Unrecht gewehrt werden und das Recht wieder hergestellt werden, dass die Menschen selbstbestimmt ihr Leben führen können? Was sind die richtigen Mittel, um dieses Ziel zu erreichen? Wann ist Gewalt mit Gegenwehr und ebenso mit Gewalt zu begegnen, damit gerechter Friede werde? Was ist verhältnismäßig? Was aber steigert nur die Gewalt und die Anzahl der Opfer?

Jesus selbst ist den Weg der Gewaltlosigkeit gegangen und hat damit der Menschheit einen Weg gezeigt, Gewalt zu überwinden. Wir haben aber auch gelernt und wissen, dass in unserer Welt staatliche Gewalt den Auftrag hat – auch in Gemeinschaft der Völker – Völkerrecht und Menschenrechte durchzusetzen. Es gibt einen schier undurchdringlichen Knäul von Interessen, Motivationen und durch Medien vermittelte Haltungen. Aus meinem kleinen Blickwinkel heraus handeln wir in diesem Konflikt nicht mit Besonnenheit, wir liefern lieber schwere Waffen als mit voller Überzeugung auf ein Ende des Krieges hinzudrängen. Für mich ist der Weg, den wir beschritten haben, ein Irrweg – auch wenn er demokratisch legitimiert ist. Es ist gar nicht so einfach mit der Verantwortung, im Großen, aber auch im Kleinen.

Vielleicht fragt Jesus Simon Petrus Jesus deshalb ein zweites Mal: „Hast du mich lieb?“ Nur in der Liebe haben wie die Kraft auch schwere Wege zu gehen, Schuld einzugestehen, hinzufallen, wieder aufzustehen, weiterzugehen, es wieder und wieder zu versuchen in Beziehung zu leben, einander in Güte zu begegnen und die Angst voreinander zu überwinden.

Als Jesus Simon Petrus zum dritten Mal fragt: „Hast du mich lieb?“, wird dieser traurig. Es gibt Lebensthemen, die gehören zu uns und sie brechen immer wieder auf. Die Frage nach der Liebe und unsere Antwort darauf gehört dazu. Es gibt auch verschiedene Phasen im Leben. Wir können die drei Fragen auch als wiederkehrende Fragen in einer Biographie wahrnehmen. Der junge Mensch liebt leidenschaftlich, der Mensch in der Mitte seines Lebens bekommt die Einsicht, dass Liebe nicht nur ein Gefühl ist, sondern sich konkret in der Hingabe und Annahme eines Du bewähren muss. Es stimmt, jede und jeder ist für das verantwortlich, was er sich vertraut gemacht hat, wie es im Kleinen Prinzen heißt. Liebe ist nicht allgemein, sie ist immer konkret und auf ein Du bezogen. Eine Gruppe können wir nicht lieben.  Einen Menschen aber wirklich lieben ist das einfachste und schwierigste zugleich. Das zu erkennen braucht Zeit, oft ein ganzes Leben. Von daher ist die dritte Frage Jesu so etwas wie eine gesteigerte Wiederholung. Diese Frage stellt sich uns immer wieder und eindeutig ist sie aus uns selbst nicht zu beantworten, hinter der dritten Antwort Simon Petrus´ steckt viel Selbsterkenntnis. Sein Betrübt-Sein zeigt eine Reife, fremden und eigenen Ansprüchen nicht zu genügen, sondern immer wieder selbst der Empfangende zu sein.

Auch wir sollten uns in unseren aufrichtigen Bemühungen zu lieben immer wieder unterbrechen lassen, dass es letztlich nicht unser Wille ist, auch nicht die ehrliche Absicht ein besserer Liebender oder Liebende zu werden, sondern das Liebe ein Widerfahrnis, ein Geschenk ist – das es zu ergreifen gilt, das uns gewährt wird von dem, der selbst die Liebe ist. Es braucht viel Leben um das zu spüren, um dem nahe zu kommen, um diese unserem Willen so paradoxe Erkenntnis in unser Leben zu integrieren. Die Trauer darüber ist ein erster Weg, aber dabei bleibt es nicht. Der Weg hat eine Richtung. Der Weg hat ein Ziel: „Folge mir nach!“ (Vers 18) sagt Christus oder ganz einfach und schlicht: Liebe und lasse dich lieben. Das ist die schönste Aufgabe des Lebens.

Amen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur:

1 Zitiert aus Eugen Drewermann: Das Johannesevangelium. Bilder einer neuen Welt. Zweiter Teil, Seite 372

2 Die Predigt ist teilweise inspiriert durch: Eugen Drewermann: Das Johannesevangelium. Bilder einer neuen Welt. Zweiter Teil, Patmos Verlag, Düsseldorf, 2003, S. 367-379