Dokumente zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

zu: Dietrich Bonhoeffer: Konspiration und Haft, 1940-1945, Herausgegeben von Jørgen Glenthøj (+), Ulrich Kabitz und Wolf Krötke, Dietrich Bonhoeffer Werke, 16. Band, Chr. Kaiser Verlag 1996 jetzt: Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 2. Auflage 2016, ISBN 978-3-579-01886-7, gebunden, 956 Seiten, Preis: 199,00 Euro (print)

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Der Preis des umfangreichen Buches überrascht zunächst. Sicherlich ist die sorgfältige Edition aufwändig, zumal das Buch den Forschenden ausführliche Register an die Hand gibt (über 200 Seiten).

Der Herausgeberkreis dokumentiert die Editionsgeschichte im Vorwort und bietet im Nachwort den Versuch einer historischen und theologischen Einordnung der Widerstandstätigkeit Dietrich Bonhoeffers, die hier ausführlich dokumentiert wird. Die im zweiten Teil abgedruckten theologischen Arbeiten sind allesamt unveröffentlicht, da Bonhoeffer zwischen 1940 und 1943 und erst recht während der Haft jede Veröffentlichung verboten war.

Es gibt einige Fragen, mit denen ich die Lektüre dieser Materialsammlung angehe, die nicht nur allein von Bonhoeffer selbst verfasste Schriften enthält, und zugleich Briefes an ihn wie z. B. von Eberhard Bethge, dem späteren Herausgeber seiner Gefängnisbriefe und Biograph, sondern auch Gerichts- und Prozessunterlagen.

Fragen

Eine meiner Fragen ist: Inwieweit war der Verfasser friedensethischer Schriften selbst Kriegsdienstgegner oder gar Verweigerer, was ihm ja nicht vorzuwerfen wäre? Als er 1939 erneut aus den USA zurückkehrte, musste ihm diese anstehende Entscheidung immer deutlicher werden. Er führte von Schlawe (Pommern) aus sogenannte Sammelvikariate und musste sich dort auch mustern lassen. Der Einberufung entging er durch die „uK-Stellung“ auf Antrag der Abwehr im Bereich der Reichswehr, zu der er nun offiziell gehörte. Hierzu hatte sein Schwager von Dohnanyi gesorgt.

Wie viele Auslandsreisen Bonhoeffer absolviert hat und wofür, ist wohl noch lange im Unklaren geblieben. So musste er während seines Aufenthalts im Kloster Ettal mehrere Monate auf das Visum für die Schweiz warten. Die Frage der indirekten Kriegsdienstverweigerung sollte in den Prozessakten einen breiten Raum einnehmen. Hierbei wird auch indirekt deutlich, dass die Abwehr selbst juristisch angreifbar schien. Leitende Beamte wir Wilhelm Canaris (1887 – 1945) und Hans von Dohnanyi (1902 – 1945) wurden ja ebenfalls von den Nationalsozialisten ermordet.

Die Frage, ist ob angesichts weitreichender Rede und Schreibverbote von herkömmlicher theologischer Arbeit überhaupt noch die Rede sein konnte. Trotzdem dokumentiert der Band, dass der Theologe Dietrich Bonhoeffer die Arbeit an theologischen Konzepten nicht aufgegeben hat.

Besonders der Briefwechsel mit Eberhard Bethge im ersten Teil erinnert in seiner Reflexion schon in weiten Zügen an die Gefängnisbriefe ( siehe: „Widerstand und Ergebung“, DBW Band 8). Zusätzlich wird immer wieder auf das Projekt der „Ethik“ (DBW, Band 6) Bezuggenommen, an der Bonhoeffer besonders in Ettal, aber letztlich bis zu seiner Verhaftung gearbeitet hat. Einzelne Themen der „Ethik“ sind von einem Situationsbezug her zu bewerten, der in den Dokumenten zwischenzeitlich angesprochen wird.

Eine weitere Frage ist, inwieweit Bonhoeffer schon in den politischen Widerstand involviert war. Hierzu wird es kaum schriftliche Quellen geben. Der Besuch in der Schweiz 1941 rechnet mit einer Möglichkeit des Kriegsendes durch eine Art Regierungswechsel. Wie dieser Umsturz geplant war, bleibt offen. War das Attentat vom 20.07.1944 als Auslöser eines Militärputsches gedacht oder sollte es so schnell es geht zurück zur Demokratie kommen?

Meine letzte Frage ist die nach Befremdlichem. Wie verhält sich die pazifistische Position, mit der Bonhoeffer den waffenlosen Dienst als Agent der Abwehr dem Kriegseinsatz vorzieht zu anderen Arten des Widerstandes gegen Hitler? Warum bezieht sich Dietrich Bonhoeffer in seinem Brief gegen den Vorwurf „volkszersetzender Tätigkeit“ nicht in erster Linie auf die Religion, sondern seine adlige und zum Teil untadelige bürgerliche Herkunft (S. 62)? Und gibt es gar in den Rundbriefen im Gedenken an die Gefallenen eine Art „Kriegstheologie“, wenn es z. B. heißt: „Braucht Gott etwa unsere Brüder zu irgend einem verborgenen Dienst für uns in der himmlischen Welt?“ (S. 193) Warum bezieht er sich in dem Bericht über die Deportationen nicht auf den Verdacht, es könne sich um Ermordungen handeln (vgl. S. 213 „nach Polen“)? Und: Warum gibt es in der kritischen Ausgabe Stellen, die als nicht zitierfähig bezeichnet werden? Worum geht es dabei, um private Beziehungen etwa?

Was typisch ist

Wie schon in „Widerstand und Ergebung“ werden zahlreichen theologische Fragen reflektiert. Erstaunlich sind dabei Bonhoeffers Formulierungen, die seinen Veröffentlichungen eine besondere Tiefe geben. Dazu am Ende der fragmentarischen Rezension ein Beispiel: „Die Unverantwortlichkeit der Zukunft gegenüber ist Nihilismus, die Unverantwortlichkeit der Gegenwart gegenüber ist Schwärmerei. Beides müssen wir überwinden und in dieser Aufgabe, die auch eine höchst persönliche ist – werden wir uns einmal vereinigen müssen und können…“ (Brief an Christoph Bethge, hier S. 223).

Würdigung

Der hier skizzenhaft rezensierte Band 16 der Dietrich Bonhoeffer Werke zeigt dass, wie schon bei der Neubearbeitung der Gefängnisbriefe unter der Überschrift „Widerstand und Ergebung“, überlieferte Dokumente und auch Briefe an und über Dietrich Bonhoeffer zum Verständnis seines Wirkens hinzugehören.

Hierbei wird zudem auch die historische Perspektive zu würdigen sein, in der Bonhoeffers Rolle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu bedenken ist. Letztlich ist ihm in der Funktion als Agent der Abwehr eine politische Funktion zugewachsen, die es neben der theologischen auch in Zukunft stärker zu würdigen ist. Dadurch wäre Bonhoeffers Theologie nun erst recht eine politische Theologie geworden.

Fotos einer interessanten Krippe

http://www.christoph-fleischer.de

 

Am Heiligenschein gekratzt, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

Zu: Ralf Frisch: Widerstand und Versuchung, Als Bonhoeffers Theologie die Fassung verlor, Theologischer Verlag Zürich 2022, Softcover, 172 Seiten, ISBN 978-3-290-18478-0 (Print), Preis: 19,90 Euro (25,00 Schweizer Franken)

 

Vorwort zur Rezension: Der Freund, Herausgeber seiner Briefe und Biograph Dietrich Bonhoeffers, Eberhard Bethge sieht die religionskritischen Einlassungen Bonhoeffers in der Kontinuität seines Schaffens und zeigt beispielsweise in der Biographie oftmals Querverbindungen auf. Daher kann der Text der Gefängnisbriefe („Widerstand und Ergebung“) keine einmalige Versuchung sein. Möglicherweise sind Bonhoeffers Ausschläge von ökumenisch über politisch bis theologisch modern nicht einlinig zu werten. Mag sein, dass man diese letzte Lebensphase als Gefährdung einstufen kann, aber bitte nicht als Versuchung.

Dass dieser Mensch, der 1945 als evangelischer Pfarrer und Theologe und als Mitwirkender einer Verschwörung und somit als Staatsfeind hingerichtet wurde als Opfer des Nationalsozialismus, nach seinem Tod ein fragmentarisches Werk hinterlässt, wird niemand in Abrede stellen. Besonders die „Ethik“, eine Sammlung nicht vom Autor autorisierter Manuskripte, sind ein Beispiel dafür. Das gilt erst recht für die Gefängnisbriefe („Widerstand und Ergebung“).

Trotzdem ist die Beobachtung bemerkenswert, dass Bonhoeffers Ausführungen oft ins Grundsätzliche formuliert sind. Doch als persönliche Anmerkungen im Briefwechsel mit Eberhard Bethge gemeinte Ansätze atheistischer Theologie dürfen m.E. nicht überbewertet werden. Dass diese neben den Gedichten gleichwohl die Perlen dieser Schrift sind, macht es Ralf Frisch möglich, hier am Heiligenschein eines Märtyrers zu kratzen.

Rezension: Aus der vorangestellten Bemerkung ergibt sich der Verzicht auf einen inhaltlichen Abriss des Essays von Ralf Frisch, dem ich eine gründliche Beschäftigung mit dem Werk Bonhoeffers nicht absprechen möchte. Sein Gedankengang ist nachvollziehbar und stützt sich auf die selektive Wiedergabe fragmentarischer Texte. Sein Begriff der Versuchung könnte man auch als eine Entgleisung deuten. Leider bleibt die Wirkungsgeschichte der Texte Bonhoeffers weitgehend außen vor.

Die Pointe der Arbeit von Ralf Frisch sei dennoch verraten: Ralf Frisch, Theologieprofessor aus Nürnberg, findet in den Texten der Gefängnisbriefe nicht nur eine Kirchen- bzw. Religionskritik oder eine Glaubenskrise, sondern vielmehr eine auffallende Nähe zu einer der letzten Schriften Friedrich Nietzsches, des „Antichrists“, erschienen 1888. Da Bonhoeffer Nietzsche nicht im Gefängnis gelesen hat, muss er auf eine frühere Lektüre zurückgreifen, vielleicht sogar in seiner Schulzeit. Ralf Frisch ignoriert hier wiederum die Biografie Eberhard Bethges, in der Nietzsche ausdrücklich im Stichwortverzeichnis vorkommt.

Sympathisch an der Untersuchung von Ralf Frisch finde ich hingegen, dass er Friedrich Nietzsche keinesfalls als Atheist versteht, sondern in der Schrift vom Antichristen eine Hommage an den Gekreuzigten liest. Im Sinn der liberalen Theologie wird hier also Jesus gegen die Kirche ausgespielt. Der „Tod Gottes“ zielte dann auf das Ende der Konstruktion eines religiösen Heilssystems, in dem Gott instrumentalisiert wird.

Die Aussage, Bonhoeffer soll zuletzt ein religöses amor fati (Liebe zum Schicksal, d. Rez.) nach dem Muster Nietzsches gefunden haben, ist unwahrscheinlich, da er noch 1943.  „nach 10 Jahren“ ausdrücklich dagegen argumentiert. Im Gedicht „Von guten Mächten“ ist von Gott die Rede als einem Du, nicht vom Schicksal („Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittren, des Leids…“).

Das in der „Höhle des Lockdowns“ entstandene Buch schließt mit dem Satz: „Wir sollten wissen, dass Gott allein weiss, ob es Gott wirklich gibt.“ (S. 172). Das klingt nach den oft sehr bestimmend auftretenden Argumenten des Buches nun doch zu vage. Besser würde hier ein Zitat Bonhoeffers passen als seiner Habilitation „Akt und Sein“: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ (aus: Dietrich Bonhoeffer: Akt und Sein, erschienen 1931, DBW“, S. 114)

Bericht über die Frankfurter Buchmesse 2022, Niklas Fleischer, Dortmund 2022

Agora, mit Blick auf den Messeturm

Ein verregneter Oktobertag, was gibt es da schöneres als 200km über die A45 und Umleitungen im Sauerland zur Frankfurter Buchmesse nach Frankfurt zu fahren?

Tatsächlich ist die Frankfurter Buchmesse auch im Jahr 2022 ein lohnenswertes Ziel, auch wenn sich die Anfahrt durch die Teilsperrung der A45 – wie auch schon in 2021 – mehr als nervenaufreibend gestaltet.

Zur Verteilung der Stände gibt in diesem Jahr – zu mindestens im Vergleich zum Vorjahr – gar nicht so viel zu berichten, da sich diese bis auf kleinere Ausnahmen weitestgehend wie 2021 gestaltete (Bericht vom Vorjahr hier im Blog). Der große Unterschied im Vergleich zum Vorjahr bestand für mich eher in der Besucherzahl, die sich scheinbar wieder normalisiert hat und die Messe wieder deutlich belebt hat. Trotz des Fachbesuchertages waren eigentlich alle Hallen ziemlich gefüllt, jedoch noch nicht in einem unangenehmen Maße, dies mag sich an den Publikumstagen sicherlich ändern.

Langenscheidt-Verlag in Halle 3.1

Auch für die Stände gab es in diesem Jahr trotz der anhaltenden Energie- und Wirtschaftskrise offenbar wieder mehr Budgets, die teilweise gebraucht oder improvisiert wirkenden Stände des Vorjahres waren jedenfalls nicht mehr zu finden. Witzig war zum Beispiel ein großer Grüffelo, mit dem man sich in Halle 3.0 beim BELTZ & Gelberg-Verlag fotografieren lassen konnte.

Grüffelo bei BELTZ & Gelbert

Beim Katapult-Verlag in Halle 3.1 konnten wir um 14 Uhr an der Autoren-Vorstellung des Buches „100 Karten über China“ teilnehmen. Der Vortrag war zwar informativ und ganz gut gemacht, hinterließ bei mir jedoch ein paar Fragezeigen, da zwar zuerst Chinas Qualitäten als Vielvölker- und multireligiöser Staat angepriesen wurden, jedoch kritische Punkte erst später benannt wurden – z.B. die Frage, welche dieser Religionen denn überhaupt ohne politische Verfolgung ausgeübt werden kann. Eine Diskussion mit den Autoren über diese und andere Themen wäre zwar lohnend gewesen, zeitliche Zwänge und die große Menge an weiteren Ständen zwangen jedoch nach einer halben Stunde zum Aufbruch.

Postkarten beim Katapult-Verlag

In Halle 3.0 fiel mir auf dem Rückweg aus Halle 3.1 noch der zwar nicht besonders große, jedoch besonders prominent platzierte Stand des Karl-May-Verlages auf. Die Frage, ob dies mit der anhaltenden Diskussion darüber – ob die angebotenen Werke Mays angesichts laufender Wokeness-Debatten noch zeitgemäß sind – zu tun hat, liegt zwar auf der Hand. Der Andrang am Stand schien sich jedenfalls in Grenzen zu halten, vielleicht auch weil von Karl May derzeit keine Neuvorstellungen mehr zu erwarten sind. Leider kann man bei einem Ein Tages-Besuch mit längerer Anfahrt nicht jede interessante Diskussion führen, die sich vielleicht angeboten hätte.

„Durchs Wilde Kurdistan“

Meine persönlichen Highlights waren in diesem Jahr sicherlich wieder die beiden Etagen der Halle 3 und die generellen Eindrücke, die auf der Messe gewonnen werden konnten. Der Stand der „Stiftung Buchdruckkunst“ war wie auch schon in den Vorjahren auch wieder ein besonderes Highlight.

Nachdenklich hat mich hingegen der Neubau (oder die Renovierung) der Halle 5 gemacht – ob man diesen Platz jemals wieder sinnvoll für die Buchmesse brauchen kann, oder ob auch hier die Grenzen des Wachstums erreicht sind, müssen die nächsten Jahre zeigen. Derzeit bin ich jedenfalls skeptisch.

Weiterhin: Corona stand für mich wie ein Elefant im Raum. Trotz hoher Inzidenzen bestand keine Maskenpflicht, auch bestand bei gefühlt 80-90% der Besucher keine Motivation, freiwillig eine Maske zu tragen. Angesichts aktueller Warnungen vor neuen Herbstwellen fand ich dies schon etwas komisch, und der ein oder andere Besucher wird sicherlich mit Omikron nach Hause gehen. Dies wird sich an den Besuchertagen der Messe sicherlich noch verschlimmern. Auch die Beheizung der Hallen war für meinen persönlichen Geschmack deutlich zu warm, da sich ein Besuch der Agora um zwischendurch „durchzulüften“ und risikofrei die Maske absetzen zu können geradezu angeboten hat. Um die Jacke bei jedem Wechsel der Halle auszuziehen hatte ich jedoch nach Mitnahme des ein oder anderen Kataloges schlichtweg keinen Platz in den Taschen mehr. Vielleicht hätte man auch hier angesichts aktueller Aufrufe zum Energiesparen anders vorgehen können.

Aber: Unterm Strich hat sich die Buchmesse, wie in den Vorjahren, erneut sehr gelohnt. Es wird sicherlich spannend in 2023 zu erleben, ob die Erholung der Messekultur weiter geht, oder ob wir 2019 die Frankfurter Buchmesse im größten Umfang der Messegeschichte erlebt haben.

Buchcover-Installation am GU Stand

Die Heilung eines Kindes – eine Vater-Sohn Geschichte, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2022

Predigt über Markus 9,17-27 

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ (1. Joh 5,4)

Liebe Gemeinde,

„Wenn es noch eine Chance gibt für meinen Sohn, dann jetzt“, denke ich spontan und schleife meinen widerwilligen Sohn vom Streitgespräch weg hin zu Jesus: „Lehrer, mein Sohn ist von einem bösen Geist besessen. Er hat ihn stumm gemacht und manchmal wirft er ihn zu Boden, dann hat er Schaum vor´m Mund und krampft.“

Meine eigene Stimme hört sich blechern an, zu oft schon habe ich diese Sätze gesagt, musste mich erklären vor anderen, schämte mich in Grund und Boden für meinen Sohn. Wie ohnmächtig bin ich, wie ich gar nichts ändern kann, wenn eine fremde Macht meinen Sohn hin- und herwirft; das Tuscheln der Nachbarn, die mich voller Mitleid ansehen, klingt mir noch in den Ohren, wie habe ich das alles satt. Wie um alles in der Welt bin ich gestraft mit diesem Sohn, gestraft mit meinem Leben. Wie anders habe ich mir alles vorgestellt. Auf den ersten Blick ist alles normal mit meinem Sohn, manchmal ist er etwas abwesend und in sich versunken, aber „normal“. –  Doch von Normalität – was ist das schon: von „normal sein“ – kann keine Rede sein.

Mein Sohn kann nicht sprechen, er kann nicht hören…und ich kann es nicht mehr hören wie er zum Gerede wird!

Jetzt schon wieder. Die Schüler von Jesus konnten ihn nicht heilen und streiten heftig mit den jüdischen Gesetzeslehrern. Jeder ist „besessen“ von seiner Ansicht. Überall dieser Streit, wo ich mit ihm auftauche, ich kann´s nicht mehr ertragen. Ich mag mein Leben nicht mehr, da ist so viel Unruhe und tiefer Groll in mir…Ich hasse meinen Sohn – o nein, das darf ich nicht denken…

Die Tränen meiner Frau versiegen nicht und ich komme mir bloßgestellt vor, habe meine Ehre, habe meinen Glauben verloren an das Gute im Menschen. Ausgesondert sind wir durch ihn. Er darf nicht mit in die Synagoge, weil er „besessen“ ist, sagen sie. Ja, eine Macht ergreift ihn, vor der wir machtlos sind – aber er ist unser Kind, mein Sohn. Nur noch aus Sorge besteht unser Leben. Ich bin auch wie gelähmt, funktioniere nur noch.

Hey, und dieser Rabbi, warum schimpft er jetzt? Meint er mich? Meint er seine Schüler? Meint er uns alle? Was sagt er: Wir hätten keinen Glauben? Wie meint er das? Ja, mein Glaube ist am Boden, das stimmt, ich habe keinen Glauben mehr. Soll ich mich jetzt auch noch schuldig fühlen, dass mein Glaube mir abhandengekommen ist? Nein, nein, nein. Das muss erst mal einer durchgemacht haben, was ich durchgemacht habe.

Was denke ich da?

Kann ich das nicht auch anders hören, was Jesus sagt? Hat dieser Rabbi nicht recht, dass wir uns alle schwer tun mit Glauben und Vertrauen? Heißt das nicht, dass wir uns selbst nicht mehr vertrauen, nicht den anderen, nicht dem Gott unserer Väter und Mütter?

Ja, mein Vertrauen hat ganz schön gelitten. Mein Selbstvertrauen ist weg, Argwohn hat sich in mir eingenistet. Hinter allem vermute ich eine böse Absicht. Ich bin genau wie die Pharisäer, die hinter allem nur das Böse am Werk sehen und ich bin auch wie die Jünger, die es nicht hinkriegen, deren Glauben, wenn ihr Meister nicht in der Nähe ist, schmählich versagt.

Ich sehe meine Frau kritisch: hinter allem, was sie tut und sagt, sehe ich, dass sie sich von mir distanziert, mehr noch, dass sie mir die Schuld gibt an unserem missratenen Sohn. Anstelle von Liebe nur noch Angst.

In ihrer Familie sei so etwas noch nicht vorgekommen… Verdammte Schuld, verdammtes Misstrauen…

Ganz schön einsam bin ich geworden und traurig, fühle mich nicht mehr mit meiner Frau verbunden, auch nicht mit meinem Sohn. Ich lehne ihn unbewusst ab. Ich traue ihm nichts zu, ich vertraue ihm nicht. Ständig kontrolliere ich ihn, ständig mache ich mir Sorgen und bringe Unruhe in die Familie.

„Was ist das jetzt?“ Da nimmt mir jemand meinen Sohn weg und stellt ihn näher zu Jesus.

O, und jetzt kriegt er wieder einen Anfall. Vor allen Leuten. Warum nur jetzt?

 „Von klein auf“, höre ich mich sagen. Die Frage holt mich wieder in die Gegenwart zurück, ich spüre wie sich meine Zunge löst, ich einen festen Stand bekomme, mich innerlich mit einem Atemzug aufrichte und klar und deutlich sage: „Es ist als wenn meinen Sohn eine fremde Macht ergreift, er ist dann fremd gesteuert, wird ins Feuer geworfen oder ins Wasser getrieben, dann geht es um Leben und Tod…“, und leise mit gesenkter Stimme:

„Wenn du kannst, dann hilf uns doch! Hab Erbarmen mit uns!“

„Was heißt hier, wenn du kannst“, sagt Jesus. „Wer glaubt, kann alles!“

Stille – Wie, was meint der Rabbi? Was meint er mit: „Wer glaubt, kann alles.“ Warum dreht er das Ganze um? Liegt es etwa an meinem Glauben, das kann doch nicht sein! Ich dachte immer, ich müsste den anderen zutrauen, dass sie die Macht haben zu helfen. Daran habe ich geglaubt und bin so oft enttäuscht worden. Kann es denn wirklich sein, dass auch mein mangelndes Vertrauen meinen Sohn hin- und herwirft, dass mein Misstrauen mich von allen abschneidet? Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Das kann ich nicht zulassen. Alle meine Mühen, alle meine Sorgen haben ihm nicht geholfen?

Wie schön wäre es, mein Leben mit meinem Sohn wieder anders zu sehen, wie schön wäre es zu glauben, dass alles einen Sinn hat, wie schön wäre es, das Gefühl zu haben, ich muss mich nicht ständig mühen und überfordern, ich darf einfach glauben… und doch, ich kann es nicht. Die Realität sieht doch anders aus. Das ist doch meine leidvolle Erfahrung. Von diesem Glauben wird doch mein Sohn nicht gesund – oder?

Was ist das, es kommt aus mir von ganz unten, plötzlich schreie ich es aus mir heraus:

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

Stille

Das ist die Wahrheit. Nie war ich ehrlicher als jetzt – es fühlt sich gut an, ganz richtig. Vielleicht ist das mein Glaube wie ich ihn ausdrücke für mich und meinem Sohn. Ja, ich will vertrauen. Ich will ihn ganz Gott überlassen und ich merke wie gut es tut, loszulassen, Gott zu vertrauen – wie der Rabbi Jesus das in mir bewirkt hat ist schon allein ein Wunder und etwas ganz Besonderes: Wie Jesus das verschüttete Vertrauen in mir freigelegt hat, wie ich nicht länger Opfer von fremden Mächten bin, wie ich selbst ohnmächtig immer noch glauben darf – und auch menschlich zweifeln darf.

„Ja, Herr, hilf meinem Unglauben auf, dass der Glaube überhandnimmt, dass ich vertraue trotz allem.“

Dann stehe ich da wie in Trance, es ist so als hätte Gott mich berührt und hätte eine Art Blockade in mir gelöst. Was dann geschieht, nehme ich nur noch schemenhaft wahr.

Jesus treibt die fremde Macht aus meinem Sohn aus. Danach liegt er wie tot auf dem Boden, mich aber erschreckt das nicht, es ist, als würde ich in diesem Moment alles wissen, und egal wie es ausgeht, es ist gut. Ich fühle mich von der Welt empfangen und Gott sehr nah.

Dann sehe ich, wie Jesus meinen Sohn bei der Hand nimmt und ihn aufrichtet.

Mein Sohn darf leben und ich auch. Ich habe mein Vertrauen wieder gefunden – wie wunderbar.

Amen