Köln im Klartext, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

 

Zu: Carl Dietmar, Werner Jung: Köln, Die große Stadtgeschichte, Klartext Verlag, Essen 2015, ISBN 978-3-8375-1487-2, Hardcover, Hochglanz, farbig bebildert, 496 Seite, Preis: 24,95 Euro

Umschlag_Druck.indd

Köln, Colonia Agrippina oder besser gesagt Colonia Claudia Ara Agrippinensium, ist die viertgrößte Stadt Deutschlands und die größte Stadt NRWs. Diese Stadt ist mit der Geschichte des deutschen Reiches im Mittelalter unmittelbar verbunden, da dem Kölner Erzbischof, zugleich Landesherr und Kurfürst, das Amt des Reichskanzlers zukam.

Die ausführliche Schilderung der Geschichte Kölns rührt daher nicht selten an Vorkommnisse im ganzen Land. Ich sammle hier in dieser Rezension einige für mich interessante Notizen aus der Lektüre.

Die Geschichte Kölns ist wirklich im „Klartext“ geschrieben. Sowohl die fast 100 km lange Wasserleitung aus der Eifel in der Antike wird erwähnt, wie auch die Tatsache, dass die vorbildliche Hygiene der Römerzeit verkam und die Stadt zu einer bekannten Kloake wurde, in der sogar die Schweine in den Gassen herumlagen.

Obwohl als römische Wohnsiedlung und Festung gegründet und daher mit der rechtsrheinischen Garnison Deutz verbunden, waren die Einwohner mehrheitlich Germanen, freiwillig umgesiedelt aus den Stämmen der Ubier und Eburonen. Von einer etwaigen Herleitung des Karnevals und seiner Hauptfiguren aus dem Isis-Kult, wie zurzeit anderweitig beschrieben, wissen die Autoren nichts Vgl. Vera Zingsem: Die Kölsche Göttin und ihr Karneval, Über die Ursprünge des Rheinischen Karnevals, Pomaska-Brand Verlag Schalksmühle 2015, d. Rez.). Eher als anschauliche Zeugen der Römerzeit, werden die Gebäude und archäologische Funde beschrieben, die bis heute vollständig oder als Ruinen erhalten sind, wie sie z. B: im Römisch-Germanischen-Museum gezeigt werden. Die Darstellung der Geschichte hingegen wird eher traditionell von der Frage der Machtpolitik her bestimmt, wobei immer wieder auch das Amt des Erzbischofs eine Rolle spielt und so aufgezeigt wird, wie die Kirche in die Machtpolitik eingebunden ist.

Im Mittelalter sind es die Erzbischöfe, die die Geschichte der Stadt markieren.

Auch die Baugeschichte des Kölner Doms kann in dieser Stadtchronik nachvollzogen werden. Der Dom, der auf ein um 795 n. Chr. unter Karl dem Großen errichtetes Bauwerk zurückgeht, war zuerst eine fünfschiffige Basilika, schon damals einer der größten Kirchen des Landes. Das romanische Mittelschiff dieser Kirche hatte bis ins 19. Jahrhundert hin Bestand. Der größte Schatz dieser Kirche ist der goldene Schrein mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige, die als Reliquien der Weisen aus dem Morgenland im 12. Jahrhundert von Reinald von Dassel, Erzbischof und Reichskanzler von Mailand, nach Köln überführt wurden. In Mailand fand man einen Sarg mit drei Leibern, die als Gebeine der drei „Magi“ aus der Weihnachtsgeschichte bezeichnet wurden. Schon die Anzahl der Weisen wird im Matthäusevangelium nicht überliefert, nichts über ihre Herkunft gesagt und auch nichts darüber, zu welchem Ort sie nach dem Besuch in Bethlehem zurückgekehrt sind. Diese Gebeine kann es daher nicht wirklich geben, so bedeutungsvoll der Schrein im Kölner Dom auch ist.

Immerhin war der Erzbischof eine der wichtigsten Figuren der Stadt Köln, doch nicht nur in positiver Hinsicht. Die Bürger der Stadt Köln und Mitglieder des Rates waren überwiegend derart mit dem Erzbischof verkracht, wiesen ihn aus und duldeten ihn täglich nur einige Stunden in der Stadt. Der Wohnsitz des Erzbischofs, der auch Landesherr war, wurde in die Provinz verlegt (Brühl, Lechenich, Poppelsdorf, Godesberg) und später in die Residenzstadt Bonn.

In der Reformationszeit gab es immer mal wieder Versuche, die Reformation in Köln durchzusetzen, was jedoch nicht gelang. Einmal wurden in Köln Calvinisten aus den Niederlanden als Flüchtlinge aufgenommen, die aber aufgrund des Drucks der Bürgerschaft 1583 in die zur Grafschaft Berg gehörenden Stadt Mühlheim fliehen mussten.

Von Katastrophen und Kriegen blieb die Stadt Köln nicht verschont. Besonders die Juden traf es hart. Sie lebten in einem Getto und waren unter Auflagen von Geldzahlungen geduldet. Zu Beginn der Kreuzzüge gab es größere Judenmorde, auch später um 1348 nach einer Pestepidemie. Der  Hexenwahn traf die Stadt  Köln ebenfalls. Die größte Katastrophe war allerdings das stärkste der immer wieder auftretenden Hochwasser im Winter 1784. Der Eisgang führte zum Stau, der Rhein verlegte sein Bett, und beim Tauwetter gab es mehrere Flutwellen mit über 20 Toten in Mülheim und Köln.

Die Schilderung der Geschichte der Stadt Köln liest sich flüssig und spannend, geht dabei nicht episch in die Breite. Der Band ist reich und passend bebildert. Der Plan der antiken und der mittelalterlichen Stadt und ihrer Erweiterungen kam für mich als Nichtkölner zu spät (S. 144), da viele Stichworte doch eine gewisse Ortskenntnis voraussetzen. Gut ist, dass das Bild vom Weiterbau des Doms um 1842 nicht fehlt, da hier neben dem gotischen Chor noch das romanische Mittelschiff der ehemaligen Basilika zu sehen ist. Das Buch endet mit einem doppelseitigen Foto des Einsturzes des „Historischen Archivs der Stadt Köln“ am 3. März 2009. Ich füge der Rezension eine Karte des mittelalterlichen Kölns hinzu, die im Internet frei kopiert werden kann, im Buch jedoch fehlt.

http://www.zeno.org/nid/2000418503X gemeinfrei
http://www.zeno.org/nid/2000418503X gemeinfrei

Mir ist bei der Lektüre deutlich geworden, dass in einer solchen vom Christentum geprägten Stadt und ihrer Geschichte plastisch vor Augen geführt wird, dass die Geschichte mehr oder weniger von Krieg und Gewalt geprägt ist, bis weit in die Reihen des Klerus hinein. Deutlich wird auch, dass für das Zusammenleben bei einer Vielfalt von Religionen ein Minimum an Toleranz nötig ist. Religion und Toleranz müssen kein Widerspruch sein, wenn sich alle Beteiligten darum bemühen, miteinander auszukommen. In Köln ist dieser Frieden erstaunlicherweise erst von der Religionspolitik der französischen Besatzung unter Napoleon eingeführt worden, der mit der Einführung der Religionsfreiheit und der Entmachtung der Kirche einherging. Kirche und die Anmaßung weltlicher Macht vertragen sich nicht. Die Zusammenarbeit mit der weltlichen Regierung dagegen ist möglich, ja manchmal sogar gefordert: Der Bau des Kölner Doms, des weithin sichtbaren Wahrzeichens der Stadt, wurde vom preußischen König vollendet und er war einige Jahre das höchste Bauwerk der Welt. Insgesamt ist dem Buch auch zu entnehmen, dass die Geschichte Stadt Köln ohne den kirchlichen Einfluss nicht vorzustellen ist.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Kommentar verfassen