Als ehemaliger Bürger und gebürtigem Iserlohn interessiert mich manche Meldung, die ich durch den Pressedienst erhalte. So auch die Einladung zur heutigen (7.11.2021) Ausstellungseröffnung im Stadtmuseum Iserlohn.
Wie die Kuratorin zu recht deutlich machte, liegt das Museum so nah am Kirchenensemble der Bauernkirche und der Obersten Stadtkirche, dass es nahe liegt, dazu eine Ausstellung zu machen.
Iserlohner Künstler malen Ihre Kirchen
In der Ausstellung am Ende, aber im Raum doch dominant, zeigen sich die zahlreichen Gemälde bekannter Iserlohner Künstler. Die Obersten Stadtkirche taucht dort immer wieder als das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt auf.
Dr. Sandra Hertel (im bild rechts), die durch die Ausstellung führte, sagte, dass sie im Stadtmuseum die Coronazeit genutzt hätten, den große Bestand an Gemälden zeitgenössischer und kürzlich verstorbener Künstler des 20. Jahrhunderts zu sichten und dass ihnen dabei die vorherrschende Rolle besonders der obersten Stadtkirche aufgefallen sei.
Stadt- und Kirchengeschichte verzahnt
Während die Stadt Iserlohn zunächst im Baarbachtal nahe der jetzigen Bauernkirche entstanden sei, war die Oberste Stadtkirche als etwas spätere alte Kirche auf dem Fels des Bilstein gebaut worden, von wo ausgehend eine Festung entstehen sollte, die jedoch danach zur befestigten Stadt gedieht.
Marientafeln und Reformationsgeschichte
Anhand der Marientafeln wurde klar, dass die Iserlohner Bürgerschaft über genügend Mitteln verfügte, um für die Kirche in Flandern einen Flügelaltar anfertigen zu lassen. Als man sich entschied, der Gemeinde die geschnitzte Seite permanent zu zeigen, wurden die sogenannten Marientafeln abgenommen und über dem Chorgestühl montiert.
Zwei Tafeln, die mit einem gekrönten König und mit Maria sind an das Ladnesmuseum in Münster gegangen.
Bürgertum und Kirchenbestand
Immer wieder wurde die feste Verbindung zwischen dem Bürgertum und der Kirche deutlich, im Kirchenbuch, im Visitationsbericht, in vorzeigbaren Kirchengegenständen wie dem Abendmahlsgeschirr. Die Stadt Iserlohn gibt es nicht ohne die Oberste Stadtkirche.
Immer wieder wurden so auch aktuelle Zeitströmungen im Bereich des Kircheninventars und seiner Veränderung deutlich. Wie zum Beispiel an der Veränderung des Orgelprospekts gezeigt werden konnte. Interessant war auch der Werdegang der Namensschilder im Kirchengestühl, die früher sogar das Wappen der jeweiligen Familien enthielt. Die Interessante Ausstellung zur Geschichte der Obersten Stadtkirche ist noch bis zm 27. Februar 2022 im Stadtmuseum Iserlohn zu besichtigen.
Die Räume sind bordeauxrot, dunkelgrün und dunkelblaugrau gestrichen. Es herrscht geschäftiges Treiben. Überall sind Handwerker, die der Ausstellung den letzten Schliff geben. Die Beleuchtung jedes Bildes wird digital ausgemessen, für die letzten Bilder, die noch aufgehängt werden müssen, werden Striche an die Wand gemalt. „Erst gestern Abend ist der berühmte Hieronymus (1521) von Albrecht Dürer aus Lissabon eingetroffen. In letzter Sekunde. Corona hätte uns beinahe einen Strich durch die Rechnung gemacht, doch der Direktor des Museum Nacional de Arte Antiga aus Lissabon durfte durch diplomatisches Geschick persönlich als Kurier das Bild nach Aachen bringen“, erzählt Peter van den Brink, Direktor und einer der Kuratoren der Ausstellung des Suermondt-Ludwig-Museums in Aachen. Über sieben Jahre lang hat er mit seinem Team die große Dürer-Ausstellung über Dürers niederländische Reise 1520/1521, die ihn auch anlässlich der Krönung Kaiser Karls des V. für drei Wochen nach Aachen führte, vorbereitet. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Neben 20 Kupferstichen Dürers aus dem eigenen Haus werden 170 Leihgaben aus aller Welt, von namhaften Museen ebenso wie aus privaten Sammlungen, ausgestellt.
Bildnis der zwanzigjährigen Katharina
Gefragt nach seinem persönlichen Lieblingsbild, führt Peter van den Brink eine kleine Schar Interessierter zu einer auf den ersten Blick eher unscheinbaren Zeichnung Dürers. Es ist ein Porträt der zwanzigjährigen Katharina, eine zarte, rötlichbraun schimmernde Silberstiftzeichnung. Van den Brink ist ganz in seinem Element, er erklärt die Technik der Silberstiftzeichnung, bezeichnet Dürer als großen Künstler – wenn nicht den größten überhaupt –, der es versteht, die Gefühle der Porträtierten durch genaue Wiedergabe der Augen und der Mundpartie darzustellen. Ihn selbst berühre der leicht verschämte und zurückhaltende Ausdruck Katharinas. Darüber hinaus haben wir es hier mit dem ersten Gesichtsporträt einer jungen schwarzen Frau in Europa zu tun. Dürer lernte die junge Frau in Antwerpen kennen, wo er während seiner Reise mit seiner Frau Agnes wohnte. In die Kunstgeschichte ist das Bild unter dem Titel: „Die Mohrin“ eingegangen.
Foto: Bildnis Katharina
Das „schreib püchle“
Foto: schreib püchle
Grundlage für die Ausstellungskonzeption ist das „schreib püchle“, das der geschäftstüchtige Albrecht Dürer während seiner Reise in die Niederlande und ins Rheinland mit sich führte. Glücklicherweise sind neben akribisch aufgeführten Ausgaben und Einnahmen durch den Verkauf von Zeichnungen auch Treffen mit anderen Künstlern und Auftraggebern, Freunden und Personen des öffentlichen Lebens verzeichnet. Es ist im eigentlichen Sinn kein Reisetagebuch – die Ausstellungsmacher sprechen lieber von einem Rechnungsbuch – aber es ist bis heute eine Fundgrube für die Dürerforschung. Das Original ist bis auf eine Seite verloren gegangen, doch gibt es zwei Abschriften aus dem 16. Jahrhundert, die erhalten geblieben sind. Eine Abschrift aus dem Jahr 1550 befindet sich im Nürnberger Dürer-Archiv. Einige Seiten dieser Abschrift sind als digitale Version mit Übersetzung ins heutige Deutsch und Englisch in der Ausstellung aufbereitet worden. Insgesamt wäre eine stärkere multimediale Aufarbeitung und Vermittlung der Exponate wünschenswert: Besonders fehlt ein Audioguide als „Sehhilfe“, da doch vielen Besucherinnen und Besuchern die Bildsprache des 16. Jahrhunderts fremd sein dürfte. Peter van den Brink als ausgewiesener Kenner der Kunst des 16. Jahrhunderts hätte hier mit seinem Team noch mehr „Übersetzungsarbeit“ leisten können. Das Begleitheft zur Ausstellung enthält zwar detaillierte Einführungen zu allen Bildern, umfasst jedoch 170. Seiten und ist damit schlicht eine Überforderung für den Museumsgast.
Dürer und Erasmus von Rotterdam
Während seiner Reise traf Dürer den humanistischen Theologen Erasmus von Rotterdam und porträtierte ihn. Erasmus soll auf das Porträt erpicht gewesen sein – so van den Brink – doch zu seinem Unwillen hat er es nie ausgearbeitet aus Dürers´-Werkstatt zurückerhalten. Der Einfluss Erasmus und der sich ausbreitende Humanismus auf Dürer wird in der Ausstellung gut in Szene gesetzt. Dürers bekanntem Kupferstich Hieronymus im Gehäus (1514) hängt sein epochales Bild Derhl. Hieronymus im Studierzimmer (1521) gegenüber. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung weitere Hieronymus-Bilder von niederländischen Künstlern, die sich von Dürers´ Hieronymusdarstellung inspirieren ließen. Dürers Bild, während seiner Reise in Antwerpen gemalt, zeigt Hieronymus im Halbporträt mit der Konzentration auf Gesicht und eine auf einen Totenschädel weisende linke Hand. Dieses biblisch-humanistische Memento-Mori (Ps 90,12) ist auf den Eintrittskarten und den Ausstellungsplakaten in Ausschnitten zu sehen.
Foto: dürer karl V. aachen
Dürer und Luther
Peter van den Brink weist darauf hin, dass in Dürers Rechnungsbuch die „Lutherklage“ enthalten war, wohl als Interpolation von Jacobus Probst, Präses eines kleinen Augustinerkonvents in Antwerpen, wie es Jeroen Stumpel in seinem Essay „Luther in Dürers Tagebuch“ nachzuweisen versucht (Ausstellungskatalog: Dürer war hier S. 121ff).
Albrecht Dürer wollte Luther persönlich aufsuchen, um einen Kupferstich von ihm zu machen. Dazu ist es vor seiner Abreise in die Niederlande 1520 nicht gekommen. In einem Brief an Spalatin schrieb Dürer über seine Wertschätzung Luthers: „Vnd hilf mir got, das jch zw doctor martinus luther kum, …., der mir aws grossen engsten geholfen hat.“ (nach Stumpel a.a.O. S. 125)
Dürer hat sich sehr für Luther und die Reformation interessiert. Er selbst war im Besitz mehrerer Schriften Luthers. Luthers Haltung zur Passion und sein „Sermon von der Betrachtung der heiligen Leiden Christi“(1519) waren ihm vertraut. (Siehe auch Dana E. Cowen in: Ausstellungskatalog, S.371ff)
Wie schon das Heironymusbild (1521) zeigt, führt der geistige Einfluss der Reformbewegungen zu einer neuen künstlerischen Produktivität mit traditionellen Bildmotiven. Da lässt sich besonders eindrucksvoll an den ausgestellten Zeichnungen Die Kreuzigung Christi 1521 und der „Querformatigen Passion“ ablesen.
Foto: Auschnitt aus Die Kreuzigung Christi (1521)
Der dicke Dürer
Die Kuratorinnen und Kuratoren nennen den Ausstellungskatalog liebevoll den „dicken Dürer“. Bei 680 Seiten und einem Gewicht von 4,5 kg wird da niemand widersprechen. Ursprünglich sollte der Katalog auf 500 Seiten begrenzt sein, doch Dank der Verschiebung der Ausstellung wegen der Pandemie und der daraus folgenden intensiven Homeoffice Arbeit – wie Peter van den Brink als Herausgeber humorvoll zum Besten gibt – wurde umso gründlicher am Ausstellungskatalog gearbeitet. 26 Essays namhafter Dürerkennerrinnen und -kenner führen in das Werk Dürers ein und machen dem in ausgezeichneter Bildqualität im Michael Imhof Verlag erschienenen Werk: „Dürer war hier“ und besonders dem Untertitel: „Eine Reise wird Legende“ alle Ehre.
Foto: Ausstellungskatalog
Joachim Leberecht (Text und Fotos)
Anmerkungen:
1 Jeroen Stumpel: Luther in Dürers Tagebuch,
in: Dürer war hier. Eine Reise wird Legende, Ausstellungskatalog, (Hg) Peter van den Brink, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2021, S.121ff
Rezension und Ausstellungshinweis zu: Marlies Blauth: UNTERWEGS, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung hrsg. von Hagenring e. V. (www.hagenring.de) und Brühler Kunstverein e. V. (www.bruehler-kunstverein.de) Hagen und Brühl 2012.
Die Ausstellung „Unterwegs“ von Marlies Blauth, die im Jahr 2012 in Brühl und Hagen im Rahmen einer kulturellen Kooperation gezeigt wurde, ist nun erneut in Wuppertal zu sehen, in der Immanuelskirche vom 13.01. bis 07.04.2013.
Die Immanuelskirche Sternstraße/von Eynernstraße in Wuppertal Barmen ist seit der Achtziger Jahre ein Kulturzentrum (www.immanuelskirche.de). In der Kirchengemeinde in Barmen-Gemarke fand 1934 die Barmer-Bekenntnissynode statt, die die Barmer Theologische Erklärung verfasste, Grundlage der Bekennenden Kirche und bis heute Teil der Grundlagen der Evangelischen Kirche in Westfalen und im Rheinland.
Die Ausstellung von Marlies Blauth stellt „Menschenbilder“ in diesen historischen und religiösen Kontext. Die Kirche ist durch Menschenbilder herausgefordert, weil sie sich damit fragen sollte, inwieweit sie der Institution oder den Menschen dient.
Die folgendes Präsentation bedarf einer weiterer Ausarbeitung als Aufsatz. Zur Biografie von Wilhelm Morgner verweise ich darüber hinaus auf die Seite von Walter Weihs: http://www.wilhelm-morgner-archiv.de/index_2.html. Die Fotos, die ich ursprünglich live gezeigt habe, sind auch auf dieser Seite. Die Bilder Morgners sind gemeinfrei unter www.zeno.org veröffentlicht. Sollten sich Einwände gegen eine Veröffentlichung erheben, werde ich sie sofort stornieren. Die Bilder des Kreuzigungsaltars sind von Groenling auf flickr.com veröffentlicht und zur gemeinnützigen und nicht kommerziellen Verbreitung genehmigt.
Grundlage dieser Betrachtung ist das Buch von Lucja Nerowski-Fisch: Wilhelm Morgner 1891-1917 Ein Beitrag zum deutschen Expressionismus. Soester Beiträge Heft 46, Dissertation München 1984 (Seitenzahlen in Klammern). In zwei Ergänzungen werden jeweils andere Schriften herangezogen, die dort genannt werden. Die Bilder, die hier gezeigt werden, sind zugänglich unter der Quelle: http://www.zeno.org – Zenodot Verlagsgesellschaft mbH. „Wilhelm Morgners Expressionismus und seine Wirkungsgeschichte, Christoph Fleischer, Werl 2010“ weiterlesen
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