Hoffnung auf ein besseres Verstehen, Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

 

Rezension zu: 

Fjodor Dostojewskij: DER IDIOT. In der Neuübersetzung von Swetlana Geier, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.M., 11. Auflage 2018 (Erstveröffentlichung 1868)

 

Einleitung

In meiner kurzen Einführung zum Roman „DER IDIOT“ (1868) von Fjodor Dostojewskij beziehe ich mich im Wesentlichen auf die Figur des Idioten, Fürst Myschkin. Mein Augenmerk gilt dabei der Frage, wie Dostojewskij diese Figur entwickelt, in welche Konflikte sie hineingerät und welche Motive sie leiten. Im Anschluss daran stelle ich die Figur des Idioten in den Kontext religiöser Wahrnehmungen und Deutungen.

Von Anfang an nehmen alle Personen, die dem Fürsten im Laufe der Geschichte begegnen, diesen als Sonderling wahr, der in einer Mischung aus Ehrlichkeit und Naivität sein Herz auf der Zunge trägt, der sich emphatisch seinem Gegenüber zuwendet, der eine ungeheure Freiheit ausstrahlt, da sein Wesen nicht an Geld oder Besitz hängt, der alle mit Augen der Güte anschaut, gerade auch die, die er durchschaut, und der, was ein durchgehender Wesenszug ist, wirklich zuhören kann. Die Menschen kommen bei ihm mit dem, was sie wirklich bewegt zur Sprache und oft auch zur Ruhe. Es scheint, als besäße der Fürst die Gabe, andere Menschen in ihrem Wesen, in ihrer Sehnsucht, in ihrem Getrieben-Sein und vor allem mit ihren seelischen Verwerfungen, Wunden und Leiden zu erkennen und zu lieben.

 

Handlung

Der Roman beginnt mit einem Gespräch des jungen Fürsten mit einem neureichen Russen, namens Rogoschin. Beide sitzen im Zug nach St.Petersburg. Rogoschin selbst ergeht es bei der Erstbegegnung im Zug mit dem Fürsten nicht anders als allen anderen, sodass er dem Fürsten freimütig von seiner Obsession für Natassja Filippowna erzählt. Sie will er zur Frau, auf diese Eroberung ist er um jeden Preis aus. Noch weiß der Leser nicht, dass sich eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung zwischen Fürst Myschkin, Rogoschin und Natassja  entwickeln wird. Der Roman beginnt und endet mit dem Aufeinandertreffen Myschkins mit Rogoschin. Letzterer tötet am Ende im hitzigen Fieberwahn Natassja Filippowna und besiegelt damit den tragischen Ausgang der Dreiecksbeziehung.

Der Fürst wurde schon als Kind als Idiot bezeichnet, weil er geistig zurückgeblieben war, kein Anschluss unter Gleichaltrigen hatte und unter epileptischen Anfällen litt. Von einem Gönner wird er mit Anfang zwanzig in ein Sanatorium in die Schweiz geschickt. Von dort kommt er sich noch auf dem Weg der Heilung befindend nach vierjährigem Aufenthalt in seine Heimat Russland zurück, blüht auf, verstrickt und verliert sich in der Liebe, im Mitgefühl und in altruistischer Selbstaufgabe. Seine Naivität und Güte stoßen bei seinen Gegenübern immer wieder auf Hass und Unverständnis. Der Alle-Versteher kann sich selbst nicht erklären, findet keine Sprache und kein Gehör für seine Gefühle. Nur sein Körper drückt seine inneren Spannungen aus. Erregung und Angst führen nach und nach wieder zu epileptischen Anfällen und letztlich in die geistige Umnachtung mit der Endstation Schweizer Sanatorium. Seine russischen Wochen sind voller Dramatik, enttäuschter Hoffnungen, zaghaften Verliebtseins, der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft – und Scheitern an moralischen Gesetzen und Gepflogenheiten des Adels.

Von vornherein ist der Fürst verloren, ein Einsamer, ein Fremder, einer, der nicht in die Gesellschaft passt, der in jedes Fettnäpfchen tritt, der den Erwartungen nicht entspricht, der messianisch begrüßt und fallen gelassen wird wie eine heiße Kartoffel. Dostojewskij gelingt es überzeugend den Fürsten als Projektionsfläche der Sehnsüchte seines Umfelds zu stilisieren: dauernd fließen Tränen der Selbsterkenntnis, Verschüttetes der eigenen Seele, Unterdrücktes kommt durch Begegnung mit ihm – besonders bei den Frauenfiguren – zu Tage. Das alles wühlt die Menschen derart auf, dass das Zulassen von Gefühlen und das Aufblitzen von Selbsterkenntnis umschlägt in Abwehr, Hass und auch Gewalt. Fast alle laufen von ihm davon, ob es Natassja Filippowna ist oder später Aglaja Jepantschin. Sie können seine Gegenwart nicht ertragen und werden von seiner Herzensgüte und seinem Anderssein doch immer wieder magisch angezogen.

Der Fürst aber selbst leidet darunter, dabei wartet er passiv und sehnsüchtig, dass er Resonanz erfährt. Trotz der gegenteiligen Erfahrung glaubt er an die Liebe. Besonders hofft er auf sein Liebesglück mit Aglaja und erträgt eine Kränkung nach der anderen durch sie und ihre Familie. Den Höhepunkt seiner Liebesqual – für mich der modernste und aufregendste Gedanke Dostojewskijs – ist die Kulmination seiner in sich streitenden Gefühle, die in der Aussage mündet, dass er zwei Frauen liebt (843). Dabei geht Myschkin ganz von seinem Wesen aus, von dem, was ihn ausmacht und innerlich bindet. Er liebt beide, aber das ist wichtig, auf verschiedene Weise. Natassja Filippowna liebt er aus Mitgefühl. Sie nennt er eine Gepeinigte und „Geisteskranke“ (843). Er fühlt sich gedrängt, sie aus Liebe zu erlösen, und wie es ihr plötzlicher Wunsch ist, sie zu heiraten, da „in seinen Augen, eine verlorene Frau sogar um einiges höher stehe als eine nicht verlorene“ (831).  Die andere, Aglaja, ist nicht verloren. Als er vorher im Kreise ihrer Familie offiziell um ihre Hand anhält, brüskiert Aglaja ihn, was für ein Idiot er sei. Gleichzeitig spürt Aglaja, dass der Fürst, den sie intuitiv unendlich liebt und begehrt, noch an Natassja gebunden ist. Das kann Aglaja nicht ertragen. Als sie ihre Rivalin zur Rede stellt, tritt Natassja Filippowna wieder in das Leben des Fürsten und zerreißt den noch „morschen Faden“ seines Lebens (815/816).

 

Hingabe

Für die Erkenntnis, dass es für ihn nicht nur eine Liebe gibt, muss der Fürst alles erleben, durchleben und erleiden, und der Leser mit ihm. In den wenigen Monaten macht der Fürst eine Entwicklung durch. Seine zwei Lieben lassen ihn reifen. Auch wenn er beide loslassen muss, hat er doch bis zuletzt geliebt und ist sich treu geblieben. Im Grunde liebt er nicht nur die zwei Frauen, sondern alle Menschen, sogar Rogoschin, der ihn einmal mit einem Messer hinterrücks umbringen wollte. Mit diesem Messer hat Rogoschin dann Natassja Filippowna – kurz nachdem er dem Fürsten die geschmückte Braut auf dem Weg zur Kirche entreißt – mit einem Stich ins Herz getötet. Dennoch hält der Fürst in einer gemeinsam verbrachten Nacht, nach dem Mord Rogoschins an seiner Braut, den Kopf des fiebernden Rogoschin, liebkost und streichelt ihn durchs Haar und Gesicht. Handelt so ein Idiot?

Der Fürst ist alles andere als ein Idiot, er ist seiner Seele verhaftet. Deshalb erkennt er andere leidende Seelen. Deshalb sieht er neben der Schönheit Natassja Filippownas gleichzeitig ihren Schmerz. Er ist von ihr gebannt und ihr Schmerz ist wie ein Bann. Ein Freund stellt ihm die entscheidende Frage: „Wie weit darf demnach das Mitleid gehen?“ (840)

Wer verloren ist, muss gerettet werden, auch um den Preis der Selbstverleugnung, das ist die Überzeugung des Fürsten. Diesen Schritt geht er bewusst. Es ist eine Form der Selbstaufgabe durch Hingabe.

Der Fürst ist eine kranke Seele, ja, eine verletzte – eine traumatisierte würden wir heute sagen. Seine Seele ist geprägt von der unheimlichen Erfahrung epileptischer Anfälle, dem Verlust des Bewusstseins, dem Kontrollverlust über den eigenen Körper. Kurz vor den Anfällen kommt es fast immer zu einem gesteigerten Bewusstsein, einer unio communio mit der ganzen Lebenswelt (800/801). Danach folgen Zusammenbruch, Zuckungen und Spastiken, die verstörend sind. Der Treuherzige löst Ekel aus.

Ein solcher Held ist unser Idiot. Ein Schwacher, ein Verletzter, ein Kranker, der durch Güte und Zuwendung irritiert und Menschen mit sich und ihren Ängsten und Sehnsüchten in Berührung bringt. Er gibt jeder und jedem immer noch eine Chance und sieht wider besseren Wissens das Gute in allen.

 

Religiöse Wahrnehmungen und Deutungen

Über das Thema der religiösen Deutung der Figur Myschkin im Idioten ist viel geschrieben worden. Ist Myschkin nun ein Christussymbol (Romano Guardini: Religiöse Gestalten in Dostojewskijs Werk, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz, 7. Auflage 1989, S.265ff) oder eher ein Christusbild, wie Eugen Drewermann meint (Eugen Drewermann, Daß auch der Allerniedrigste mein Bruder sein, Walter Verlag, Zürich/Düsseldorf, 1998, S.133ff)? Oder lesen christliche Theologinnen und Theologen Dostojewskij falsch und voreingenommen, setzen sie ihre hermeneutische Brille auf und finden, was sie suchen? Ist nicht vielmehr Dostojewskij ein am Glauben Verzweifelnder, ein Suchender, der schreibt und schreibt, weil er gerade nicht mehr „orthodox“ glauben kann? Ist Dostojewskij damit nicht ein moderner Schriftsteller, ein Humanist und Aufklärer par excellence, wie es zum Beispiel Manès Sperber in einem Aufsatz zum hundertjährigen Todestag von Dostojewskij 1981 schreibt? (siehe Drewermann, S. 136)

Ich glaube es ist bei Dostojewskij wie bei jeder guten Kunst. Sie evoziert eigene Gefühle, ein Betroffensein, ein Erkannt-Werden, ein Angesprochen-Sein, ein Nachdenken und auch einen Kummer, wenn die Kunst wieder aus den Blick gerät, wenn wie bei Literatur die Aufmerksamkeit für einen Roman wieder in den Alltag versinkt und nach und nach dem Vergessen anheimfällt. Aber wieso geht es nicht nur mir so, dass mich Dostojewskijs Romane packen, aufrütteln und trotz des zeitlichen Abstands existentiell berühren, wie der Idiot? Was kam da nicht alles wieder an Erlebtem in mir selbst hoch und wollte bedacht werden? Ich glaube, dass es vielen Menschen mit Dostojewskijs Romanen ähnlich ergeht. Es gibt immer wieder Wellen und Zeiten, wo ein Werk besonders spricht und aufgegriffen wird.

Christusbild

Ich zum Beispiel kann den Idioten nicht anders als religiös verstehen, weil ich mich als spiritueller Mensch besonders für Kultur und deren religiösen Bezug  interessiere. Die Gefahr besteht natürlich darin, den Idioten zu dogmatisieren, wenn Fürst Myschkin eine Christologie übergestülpt wird. Aber die Gefahr der Dogmatisierung gilt nicht nur für eine religiöse Sicht auf Myschkin, sie gilt genauso für eine areligiöse Sicht. Der Idiot ist für mich große Kunst, weil es Dostojewskij gelingt, Menschen, ob religiös oder nicht, in den Bann zu ziehen und zu einem eigenen „In-der-Welt-Sein“ bewegt. Es ist geradezu ein Zeichen von großer Kunst, wenn sie vielfältig gedeutet werden kann. Das liegt daran, dass sich gute Kunst immer auch jeglicher Vereinfachung entzieht. Ich glaube, es ist deutlich geworden, dass für mich Myschkin nicht eins zu eins auf Christus – aber auch nicht auf Jesus von Nazareth – übertragen lässt.

Aber Myschkin ist für mich dennoch eine durch und durch religiöse Gestalt, und Dostojewskij gelingt es mit der Figur Myschkin, das Menschsein zu transzendieren. Ausgangspunkt ist und bleibt das Leiden. Zunächst das Erleiden einer Krankheit, die den Fürsten zum Außenseiter macht. Seine besondere Nähe zu Kindern betont Dostojewskij (98ff), als bewege sich der Fürst noch immer im Stadium der Unschuld. Die Erwachsenenwelt wird als die Welt der Gefährdung beschrieben. Hier nimmst alle Welt Anstoß, ja Ärgernis an Myschkin. Die Parallelen zu Jesus und die Ablehnung durch die religiösen und politischen Eliten bis hin zur Kreuzigung brauche ich nicht extra erwähnen. Auch der Fürst scheitert mit seiner menschlichen Herzensgüte und bezahlt dafür mit seiner eigenen Gesundheit. Er hat die Liebe gelebt, aber sie hat nur kurzfristig Erlösung und viel Verwirrung für seine Nächsten gebracht. Die große Veränderung bleibt aus, einzig vielleicht Kolja trägt den Keim der Güte in sich weiter.

 

Conditio Humana

Der Idiot ist Dostojewskijs zweiter großer Roman nach „Verbrechen und Strafe“ (1866/1867), dazwischen liegt nur noch der kleinere Roman „Der Spieler“, der als einziger in Buchform und nicht als Feuilletonbeilage erschien. Dostojewskij hat geschrieben, weil er schreiben musste. Sein eigenes Leiden an Epilepsie, aber auch seine Erlebnisse als zum Tode Verurteilter (88ff) und besonders seine in der sibirischen Verbannung geschärfte Menschenwahrnehmung kommen im Idioten zur Sprache. Der Fürst trägt das alles in sich. Er trägt aber auch prophetisches in sich und wie die meisten (biblischen) Propheten wird er abgelehnt, nicht gehört und verworfen.

Ich glaube, dass Dostojewskij im Idioten die Conditio Humana würdigt und den Kranken – wenn er wirklich „arm ist im Geist“ – als den eigentlich Gesunden beschreibt. Es bleibt die Hoffnung, dass das eine Gesellschaft das erkennt, würdigt und die Kranken, Schwachen und Armen nicht ausgrenzt, sondern mit ihnen lebt und sich durch sie bereichern lässt. Im leidenden Individuum liegt eine Wahrheit verborgen, die wir nicht aufgeben dürfen, wenn wir Menschen bleiben wollen. Dieser Wahrheit verleiht Dostojewskij in Fürst Myschkin eine Stimme. Er wird zum Zeichen der Menschlichkeit.

Fazit

Es gibt im Judentum die Rede davon, dass der Messias daran zu erkennen ist, dass er selbst verwundet ist. Hier wird auf Jesaja 53, 12b („und durch seine Wunden sind wir geheilt“) Bezug genommen. Dostojewskij greift diesen Gedanken auf und überträgt ihn auf den Menschen, hier auf den Fürsten. Nicht zuletzt ist auch Dosotojewskij ein Teil der Figur. Wenn also der Mensch mit seinen Verletzungen die Chance in sich birgt, andere Menschen als bedürftig zu erkennen und ihnen mit echtem Mitgefühl zu begegnen – wer immer sie sind und was immer sie getan haben – dann gäbe es Hoffnung auf ein besseres Verstehen und Miteinander aller. Das wäre Erlösung.

 

Kränkung und Liebe, Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

Zu:

Fjodor Dostojewski: Verbrechen und Strafe. In der Neuübersetzung von Swetlana Geier, Fischer TB-Verlag, Frankfurt am Main, 16. Auflage Juli 2014

Link: https://www.fischerverlage.de/buch/fjodor-dostojewskij-verbrechen-und-strafe-9783596900107

Ölgemälde auf der Seite www.zeno.org

 

Immer wieder begeistert mich die Lektüre Dostojewskijs. Woran das liegt? Ich kenne kaum einen anderen Autor, der es versteht, seinen Romanfiguren derart Leben einzuhauchen wie Dostojewskij.

In Verbrechen und Strafe gelingt es Dostojewskij, seinen unsympathischen Protagonisten Rodion Raskolnikow dem Leser ohne Ekel näher zu bringen. Alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Charakteren werden ohne Beschönigung ihrer Irrungen und Wirrungen liebevoll nachgezeichnet. Der Blick für das Elend und die Elenden hängen zusammen. Das Elend wird gehasst, aber nicht die, die daraus hervorgehen.

Irrungen und Wirrungen

Rodion, ein verarmter mittelloser Student, der in einer schrankähnlichen Dachkammer sein Leben mehr tot als lebendig fristet, ist voller Scham. Er steigert sich in Gedankengänge hinein, dass er, der doch zu Höherem berufen ist, die alte Wucherin in seiner Straße ermorden darf. Die eiserne Pfandleiherin handelt sowieso nur nach dem unmoralischen Gesetz der Halsabschneiderei.

Als Jurastudent hat er einen Aufsatz verfasst, der den Eliten das Recht zugesteht, dem niederen gemeinen Volk Opfer abzuverlangen, damit die Gesellschaft sich entwickelt. Die wahrhaft Berufenen dürfen auf ihrem Weg zur Macht nicht zimperlich sein, ganz nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel.

Rodion, der seine Armut und seine Nichtbeachtung als Kränkung empfindet, zimmert sich ein juristisches Gebilde, um seinen Mord vor sich selbst zu rechtfertigen und als Befreiung zu erleben. Er will groß rauskommen, verehrt werden und seine Würde wieder herstellen. Seine Kränkung, ein Nichts zu sein, trennt ihn von seiner wahren Bestimmung, ein Großer zu werden. Er tötet die verwitwete Beamten-Wucherin Aljona Iwanowna mit einem Beil und auch ihre liebenswerte Halbschwester Lisaweta, die ihn bei dem Mord überrascht.

Der Roman erzählt die Geschichte der großen Krise Rodion Raskolnikows vor und nach der Überschreitung dieser Grenze. Die Übersetzerin Svetlana Geier weist darauf hin, dass die wörtliche Übersetzung des russischen Romantitels Übertretung und Zurechtweisung statt Verbrechen und Strafe oder Schuld und Sühne heißt.

Übertretung und Zurechtweisung statt Verbrechen und Strafe oder Schuld und Sühne

Was geschieht, wenn ein Mensch die Grenze überschreitet? Das erzählt Dostojewskij in seinem Roman. Rodion wird heimgesucht von Krankheit und Verwirrung. Der reine Geist hilft nicht weiter. Es beginnt ein Versteck- und Offenbarungsspiel der besonderen Art. Rodion stößt alle seine Liebsten von sich weg, zuletzt auch Sonja, der er sich sehr nah fühlt, da sie sich für ihre Familie opfert.

Rodion hat Mitleid mit den Ärmsten der Armen und ist ihnen gegenüber großzügig. Er spürt aber auch, dass seine Tat ihn nicht zum Retter macht. Klassisch ist er ein hilfloser Helfer. Er gibt sich selbst die Schuld für seine Schwäche, dass er seiner reinen Vernunft nicht skrupelloser hat folgen können. Zuletzt bekennt er sich zur Tat, ohne sie zu bereuen.

Eine unerwartete Wendung geschieht auf den letzten Seiten im Epilog. Sonja, die Rodion Raskolnikow ohne Berechnung liebt, ist ihm ins sibirische Gefangenenlager gefolgt. Sie erträgt seine emotionale Kälte und leidet an seiner Selbstzerfleischung. Als Rodion aus dem Schweigen heraus und nach einer schweren Krankheitsphase endlich zu seiner Liebe zu Sonja durchbricht und ihr diese gleich einer Konversion unter Tränen beteuert, findet seine Seele Frieden. Er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. Der Zugang zu seiner abgespaltenen Liebe bringt seiner gekränkten Seele Heilung.

Für Dostojewskij ist es aus meiner Sicht entscheidend, dass die Liebe zu Sonja und zu den Menschen mit der Liebe zu Gott aufs engste zusammen hängt.

Die Liebe Gottes erkennt Raskolnikow in Christus. Das Evangelium des auferstandenen Christus – für den reinen Verstand nur Kindereien und Blendwerk – schenkt ihm eine neue Sicht auf sich, auf die Welt und auf Gott. Der Mensch überschreitet Grenzen und wird schuldig, doch nur die Liebe deckt die Schuld zu und schenkt einen Neuanfang.

Typischer Drewermann-Ton, Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

 Zu: Eugen Drewermann: An der Quelle des Lebens, Worte mit Herz und Verstand, (Hg) Heribert Körlings, Patmos Verlag, Ostfildern 2020

 

Link: https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/an-der-quelle-des-lebens-011247.html

„An der Quelle des Lebens“ heißt diese Textsammlung aus Werken von Eugen Drewermann. Das handliche und schöne Büchlein – mit Lesebändchen – ist beim Patmos Verlag zum 80. Geburtstag von Eugen Drewermann erschienen und eignet sich gleichermaßen für Theologinnen und Theologen und für Menschen, die an Spiritualität und einem Kennenlernen von Drewermanns Werk interessiert sind. Bei mir lag es auf dem Nachttisch und immer, wenn ich Lust hatte, habe ich eines der neun Kapitel gelesen. Zusammengestellt und herausgegeben hat die Textsammlung Heribert Körlings. Heribert Körlings war Studiendirektor und Lehrer für Deutsch und Katholische Religion am Kaiser-Karls-Gymnasium in Aachen. In der Veröffentlichung von Drewermanntexten ist er kein Unbekannter. Körlings gelingt es aus der unendlichen Fülle des literarischen Schaffens Drewermanns mit einem guten Gespür und einer theologisch hermeneutischen Treffsicherheit relevante Texte Drewermanns in „An der Quelle des Lebens“ zu versammeln und thematisch zu gliedern. Auch wenn manche Aussagen Drewermanns inzwischen etwas altbacken wirken, ist es doch erstaunlich, wie sehr sie inhaltlich in unsere Zeit passen.

Im letzten Kapitel heißt es, wenn der Mensch „dem Strom des Lebens gegen die Strömung bis zur Quelle folgt und sich buchstäblich <<den Kopf waschen lässt>> in dem reinigenden Wasser – unbezahlt und unbezahlbar“, dann wird er selbst die Erfahrung machen, dass man „Geld und Gold nicht essen“ kann (135).

„An der Quelle des Lebens“ zu verweilen, dazu laden die ausgewählten Textpassagen ein. Wer mag, schlägt einfach irgendwo auf und beginnt zu lesen und gleicht das Gelesene mit den eigenen Erfahrungen und Denkbemühungen ab. Heribert Körlings hat versucht, die Flut des Materials in ein Textbett zu legen, beginnend mit dem Kapitel Begegnung und Gespräch: „DAS EINZIGE was wir tun sollten, ist, den anderen zu begleiten, dahin, wohin er selbst gehen möchte, um nach Hause zu kommen.“(15)

Es folgt das Kapitel: Die Natur und die Liebe. Nach der Begegnung und der Ichwerdung über das Du, der sozialen Erfahrung des Menschseins, kreisen diese Texte um den unendlichen Kosmos und die Winzigkeit des Menschen, um Weite und Einsamkeit, um Glauben und Freiheit: „Einzig die Liebe vermag einen anderen Menschen in seiner Winzigkeit als unendlich groß, unendlich wichtig, für alle Ewigkeit bedeutend zu entdecken.“(34)

Wie kann es gelingen bei mir selbst zu sein und mich auszuhalten? Unter dieser Fragestellung sind Texte in Kapitel drei zusammen gestellt: „SICH SELBER FINDEN – das heißt als erstes, all die verinnerlichten Formen von Zwang und Außenlenkung abzustreifen, die bislang aus dem Erbe von Tradition und Institution dem Leben Halt zu geben schienen.“(56)

Im Kapitel vier mit dem Titel: Niemand ist freiwillig böse spricht der psychoanalytisch ausgebildete Theologe und wirbt dafür, andere nicht zu richten, bevor wir nicht ihre Geschichte kennen. „DER EINZIGE, der über Menschen urteilen darf ist Gott, und er – das war die ganze Botschaft Jesu – will die Vergebung und nicht die Verurteilung des Menschen.“(65)

Im Kapitel fünf versammelt Heribert Körlings Texte über den notwendig Anderen. Dieser notwendig Andere ist Gott selbst, da er die Not des Menschen wenden kann: „Es wäre ganz gewiss eine Illusion, in einem anderen Menschen etwas Absolutes sehen zu wollen, aber die Sehnsucht, es müsse etwas Absolutes an Halt und Geborgenheit geben, muss deshalb in sich selbst noch lange keine Illusion sein.“(89)

In der Tradition der katholischen Dogmatik stehend, die von der Gotteserkenntnis aus der Schöpfung über die Erkenntnis des Schöpfers zur Erkenntnis des Sohnes Gottes kommt, heißt das sechste Kapitel bei Körlings: Jesus, die Brücke zu Gott und zu den Menschen: SEIT DEM AUFTRETEN JESU gibt es Gott als eine <<väterliche>> Macht – <<für uns>>.“(95)

Der Vollzug des Glaubens und Vertrauens ist geistgewirkt. Bei Drewermann fällt der Geist auffallend unter dem Tisch, jedenfalls was diese Sammlung angeht. Körlings hat sich aber nach den Kapiteln über Gott und Jesus folgerichtig für das Thema: Vertrauen wagen entschieden. „Es gibt keine Wahrheit über Gott zu wissen außer der Wahrheit des eigenen Herzens. Solange wir wagen, diese Wahrheit durch Vertrauen zu finden, sind wir nah bei Gott.“

Diese Wahrheit hat sich zu bewähren und bewährt sich in einem Leben vor und nach dem Tod, wie das achte Kapitel heißt. Das ewige Leben ist nicht die ewige Fortsetzung des irdischen Lebens, sondern eine Qualität der Gottesnähe, die schon hier und jetzt in der Liebe erfahren wird: „NICHTS, WAS WIR WIRKLICH LIEBEN; WIRD ZERSTÖRBAR SEIN.“(114)

Das neunte und letzte Kapitel verhandelt dann ethische Fragen unter der Überschrift: miteinander unterwegs. Es kommt mir wie ein Appendix vor und hätte einen eigenen Leseband verdient.

„An der Quelle des Lebens“ ist ein Buch „mit Herz und Verstand“, wie es auch der Untertitel sagt. Wer sich geistig und spirituell erfrischen lassen will, findet hier Nachdenkliches und viel Anregungen zum Meditieren – im typischen Drewermann-Ton.

 

Offenbarung als Ausgang der Theologie? Notizen zu Franz Rosenzweig „Atheistische Theologie“, Christoph Fleischer, Welver 2021

Literatur: Franz Rosenzweig: Atheistische Theologie, in: Kleinere Schriften, Schocken Verlag, Jüdischer Buchverlag 1937, später auch als Band III, Franz Rosenzweig, gesammelte Werke.

Durch diesen Aufsatz wird Franz Rosenzweig im Jahr 1914 persönlich mit Martin Buber bekannt. Allerdings hat Buber den Aufsatz unveröffentlicht zurückgeschickt.

Auch die spätere Schriftensammlung „Zweistromland. Kleinere Schriften aus Religion und Philosophie“ (Philo Verlag 1926, jetzt als Reprint bei Amazon), die vollständig in die o. g. Ausgabe aufgeht, enthält den Aufsatz „Atheistische Theologie“ nicht.

Das Wort „Atheistische Theologie“ war bis dahin kaum bekannt, Franz Rosenzweig zeigt jedoch, was damit gemeint ist. Zunächst war mir selbst nicht klar, ob der Autor selbst eine solche „Theologie“ befürwortet oder sich davon abgrenzt, was wohl eher der Fall ist.

In den letzten vier Sätzen des Aufsatzes zeigt Franz Rosenzweig, dass die Zukunft weder im Christentum noch im Judentum in einer „atheistischen Theologie“ liegen kann, ohne damit allerdings die Ergebnisse der philosophischen Religionskritik in Frage zu stellen. Ausweg ist nun der Begriff „Offenbarung“ als „geschichtliche Tat“, die die „Geschichtlichkeit der Geschichte“ in Kraft setzt. (Ich habe das absichtlich so zitiert, um aufzuzeigen, dass diese positive Theologie immer von ihrer Definition abhängig ist.)

Später wird er bis zu seinem Tod im Jahr 1929 die hebräische Bibel ins Deutsche übersetzen. Im Grunde wird es also wie auch bei Rudolf Bultmann zu einem hermeneutischen Ansatz der Bibelauslegung führen, bei dem sich die Schrift mit Blick auf den historischen Kontext selbst auslegt.

Formal gesehen ist eine „atheistische Theologie“ nötig geworden, seitdem in der Theologie wissenschaftliche Voraussetzungen definiert wurden, was seit der Aufklärung der Fall ist. Schlicht gesagt geht es dabei einerseits um die Geschichte der historisch orientierten Exegese (z. B. Leben-Jesu-Forschung), die mit Albert Schweitzer als gescheitert gilt, zumindest soweit sie meinte, ein authentisches Leben Jesu rekonstruieren zu können.

Franz Rosenzweig wechselt in seinem Aufsatz immer wieder von der christlichen Exegese hin zum jüdischen Selbstverständnis, indem er hierbei gemeinsame Tendenzen entdeckt.

Dies soll kurz am Beispiel des Mythos aufgezeigt werden: „… die rationalistische Vermenschlichung der Christusgestalt zum Jesus der Leben-Jesu-Theologie …, wurde in der Judenvolks-Theologie zum Hebel der rationalistischen Vergötterung des Volks“ (S. 284) (Dieser Satz richtet sich vermutlich an Martin Buber, der in seinen Reden über das Judentum betont, das Judentum sei in erster Linie als Religion zu verstehen und nicht als Volk, Staat oder Land, das dieser Vollendung entgegensieht. Die Vision einer Neuansiedlung in Palästina nahm am Ende des 19. Jahrhunderts immer konkretere Formen an.)

So wie einerseits Christus zum Gottesbild wird, wird im Judentum der Gottesbund, religiös gefeiert und zum Glaubensinhalt erklärt (d. meint, dass die religiöse Feier sich selbst erklärt bzw. selbstreflexiv definiert).

Die „Offenbarung“ wird sich als „Mythologie“ erweisen. Der Mythos ist ein Bild der Geschichte und wird benötigt, um die Bedeutung der religiösen Inhalte zu untermauern.

Die „atheistische Theologie“, so Rosenzweig, zeigt, was unter Verzicht auf den Mythos übrigbleibt. Franz Rosenzweig betont aber auch zu Recht, dass das „Über“ – Menschliche (Gottes) dem Menschen gegenüber wie ein Spiegel funktioniert. Vermutlich werden hier wie dort Projektionsinhalte auf Judentum oder Christentum angewandt.

Erst ganz gegen Ende des Aufsatzes erscheint die Mystik als Alternative, wobei Rosenzweig vermutlich auch hier wieder an Martin Buber selbst gedacht hat, der die Mystik der Chassidim erforscht und Beispiele veröffentlicht hat. Rosenzweig zeigt, dass in der Mystik zwar Gott auch an die Menschengestalt gekoppelt wird, dennoch aber unverfügbar und göttlich bleibt und zitiert ein Beispiel der jüdischen Mystik: „Gott spricht: wenn ihr mich nicht bezeugt, so bin ich nicht.“ (S. 289)

Der am Anfang zitierte Schlussabschnitt wird hier mit einem ausführlichen Schachtelsatz eingeleitet, der an die von Sören Kierkegaard bekannte Rede von einer Kluft erinnert, die das religiöse Erleben erst möglich macht. Analogien auf christlicher Seite lassen sich in der dialektischen Theologie Karl Barths finden.

Doch anstelle zwischen Gott und Mensch liegt die Kluft hier zwischen rationalem Glaubensverständnis einschließlich der Differenz zwischen Mystik und Rationalismus und dem Verständnis des Menschen als Empfänger der Offenbarung.

Meines Erachtens hat Martin Buber den Aufsatz zu Recht zurückgewiesen, weil der Schluss letztendlich argumentativ nicht genügend ausgearbeitet worden ist. Mystik lässt sich nicht vorschnell mit dem Gegenteil von Rationalismus gleichsetzen. Andererseits ist der Begriff der Offenbarung doch bei Rosenzweig zu sehr an der Geschichtlichkeit orientiert, sie offenbart also hauptsächlich die Differenz zwischen Gott und Mensch. Die positiven Inhalte der „Offenbarung“ bleiben unter Projektionsverdacht, was Rosenzweig hier nicht erkennt. Hierzu sei einmal auf das Buch „Moses“ von Martin Buber verwiesen, mit der er die Übersetzungsarbeit am Pentateuch quasi auswertet, und einen politischen Anführer entdeckt, dem die religiöse Verbindung wichtig ist. Mose ist für Buber der Erfinder eines Bundesgesetzes, das mit dem Kult ein Volk zusammenführt und bildet.

Es folgt nun die Dokumentation des Textes von Franz Rosenzweig als PDF, entnommen der Ausgabe von 1937 (s.o.).

Predigt zum Menschen „Pilatus“ in der Markuskirche am 27.02.2021, Erhard Lay, Herzogenrath 2021

Liebe Schwestern und Brüder!

Ein Pfarrer in unserer Gegend erzählte mir vor längerer Zeit von der Frage eines seiner Konfirmanden: „Jesus ist doch an einer Krankheit gestorben?“ Gegenfrage des Pfarrers: „Wie kommst Du denn darauf?“ Der Konfirmand: „Jeden Sonntag wird doch gesprochen: ‚Gelitten unter Pontius Pilatus‘“.

Eine Krankheit ist für Betroffene nichts Positives. Gilt das auch für den Menschen Pontius Pilatus, der Jesus zum Tod am Kreuz verurteilt hat? Blutrichter oder Werkzeug Gottes in dessen Heilsplan mit uns Menschen? Immerhin hat er es als einziger Mensch außer Maria in unser Glaubensbekenntnis geschafft.

Alle vier Evangelisten berichten über ihn, wobei diesen teils unterschiedliche Aspekte wichtig sind. Da die Texte sehr lang sind, hören wir Auszüge aus Lukas, Kapitel 22, Verse 66 – 71 u. Kap. 23, 1 – 25 aus der Luther-Bibel:

66 Und als es Tag wurde, versammelte sich der Rat der Ältesten des Volkes – Hohepriester und Schriftgelehrte -, und sie führten ihn vor den Hohen Rat.  

70 Da sprachen sie alle: Bist du der Sohn Gottes?  Er sprach zu ihnen: Ihr sagt es, ich bin es. 23,1 Sie führten ihn vor Pilatus 2 und fingen an, ihn zu verklagen. Wir haben gefunden, dass dieser unser Volk aufhetzt und verbietet, dem Kaiser Steuern zu geben, und spricht, er sei Christus, ein König.

3 Pilatus aber fragte ihn: Bist du der Juden König? Er antwortete ihm: Du sagst es. 4 Pilatus sprach zu den Hohepriestern und zum Volk: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen. 5 Sie aber beharrten darauf: Er wiegelt das Volk auf damit, dass er lehrt im ganzen jüdischen Land, angefangen von Galiläa bis hierher. 6Pilatus fragte, ob der Mensch aus Galiläa wäre, 7 und dass er unter die Herrschaft es Herodes gehörte, sandte er ihn zu Herodes, der in diesen Tagen auch in Jerusalem war. 8 Als aber Herodes Jesus sah, freute er sich sehr, denn er hätte ihn längst gerne gesehen. 9 Und er fragte ihn mancherlei. Er antwortete ihm aber nichts. 10 Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten verklagten ihn hart. 11 Aber Herodes und seine Soldaten verachtete und verspottete ihn, legte ihm ein weißes Gewand an und sandte ihn zurück zu Pilatus. 13Pilatus aber rief die Hohenpriester und die Oberen und das Volk zusammen und sprach: 14 Ich habe an diesem Menschen keine Schuld gefunden; 15 Herodes auch nicht, denn er hat ihn zurückgesandt. Er hat nichts getan, was den Tod verdient. 18 Da schrien sie alle miteinander: Hinweg mit diesem. Gib uns Barabbas los! 19 Der war wegen eines Aufruhrs und wegen eines Mordes ins Gefängnis geworfen worden.

20 Da redete Pilatus abermals auf sie ein, weil er Jesus losgeben wollte. 21 Sie riefen aber: Kreuzige, kreuzige ihn! 22 Er sprach zum dritten Mal zu ihnen: Was hat denn dieser Böses getan? Ich habe keine Schuld an ihm gefunden, die den Tod verdient; darum will ich ihn züchtigen lassen und losgeben.

 23 Aber sie setzten ihm zu mit großem Geschrei und forderten, dass er gekreuzigt würde. Und ihr Geschrei nahm überhand. 24Und Pilatus urteilte, dass ihre Bitte erfüllt würde 25 und ließ den los, der wegen Aufruhr und Mord ins Gefängnis geworfen war, um welchen sie baten; aber Jesus übergab er ihrem Willen.

Soweit das Evangelium des Lukas. Weitere Aspekte aus den anderen Evangelien werden noch ergänzend angesprochen.

Wer war nun dieser Mensch, von dem uns in den Evangelien, aber auch von nichtchristlichen Geschichtsschreibern, wie Philo von Alexandrien, Flavius Josephus und Tacitus berichtet wird?

Seine geschichtliche Rolle mit Bedeutung für die Christenheit spielt er als Präfekt, bei Luther Statthalter genannt, für Judäa, aber auch für das nördlich gelegene Samaria und Idumäa im Süden von Judäa.

Er stammt aus Mittelitalien. Sein Vorname ist nicht bekannt. „Pontius“ ist der Familienname, weil er von den „Pontiern“ abstammte. Der Beiname „Pilatus“ könnte von „Pilum“, dem Speer der römischen Legionäre abgeleitet sein. Oder auch in Verbindung mit „Pileus“ stehen, der Filzkappe, die römischen Sklaven bei ihrer Freilassung aufgesetzt wurde.

Pontius Pilatus wurde römischer Soldat, Offizier und Kommandeur, bis er nach seinem Militärdienst im Jahr 26 n. Chr. zum Präfekten in Palästina ernannt wurde. Unterstellt war er dem Legaten von Syrien, der den Kaiser im Osten des römischen Reiches vertrat.

Hauptaufgabe des Statthalters war es, in seiner Provinz für Ruhe und Frieden zu sorgen und die „Kultur zu fördern“. Dies geschah nach dem sogenannten Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“. Das heißt: Entgegenkommen, was Kultur bzw. Religion und Lebensführung anbelangt, aber hartes Durchgreifen bei Unruhen und Aufständen.

Judäa war eine unruhige Provinz. Und doch hat Pilatus es geschafft, es auf eine relativ lange Amtszeit von ca. 10 Jahren zu bringen. Eine Hilfe dazu war das gute Einvernehmen mit dem obersten Repräsentanten der Juden, dem Hohepriester Kaiphas.

Bekannt ist z. B. der Bau einer Wasserleitung nach Jerusalem, was auch durch notwendige Viadukte sehr kostspielig war. Deshalb griff Pilatus in die Tempelkasse, was die Bevölkerung in Aufruhr versetzte. Etwas differenziert betrachtet, war diese gleichzeitig eine Art Staatskasse, weil der Tempel auch Wirtschafts- und Finanzzentrum des Judentums war. Außerdem kann der Hohenpriester schlecht übergangen worden sein. Es kam aber dadurch zu einer Rebellion, bei der Verletzte und Tote aus der Bevölkerung zu beklagen waren. Es sind eine Reihe von Bluttaten bezeugt, aber auch ein Einlenken, wie beim erfolgreichen Protest gegen das Hereintragen von Standarten mit dem Kopf des Kaisers durch römische Truppen nach Jerusalem, was dem Bilderverbot des Gesetzes des Mose widersprach.

Der Hohe Rat nahm nicht alles hin, sondern beschwerte sich mehrfach beim römischen Kaiser, wenn die Maßnahmen der Statthalter zu weit gingen. Die Geschichtsschreiber berichten über Pilatus von Gewalttätigkeit, Räuberei, Bestechlichkeit, Misshandlungen und Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren. Kaiser Tiberius beließ ihn dennoch auf seinem Posten. Offensichtlich führte er die Unruheprovinz doch zur Zufriedenheit der Staatsführung. Letztlich kam es auch durch eine Intrige zu seinem Sturz.

Auslöser war ein Vorfall im Jahr 36, als ein sogenannter „falscher Prophet“ die Samaritaner aufwiegelte, mit ihm auf den heiligen Berg Garizim zu steigen. Die Menge erschien mit Waffen, offenbar gerüstet für den „Endkampf“. Pilatus schickte schwerbewaffnete Soldaten, es kam zu einer Schlacht mit vielen Toten und anschließenden Hinrichtungen.

Der Hohe Rat der Samaritaner beschwerte sich beim Legaten von Syrien, Vitellius, und behauptete, sie hätten keinen Aufstand geplant, sondern sich lediglich zur Flucht vor dem gewalttätigen Pilatus versammelt.

Vitellius schickte Pilatus nach Rom zur Rechtfertigung vor dem Kaiser. Gleichzeitig setzte er seinen Freund Marcellus zunächst kommissarisch auf Pilatus Stelle und enthob den jüdischen Hohepriester Kaiphas seines Postens, weil dieser angeblich mit Pilatus gemeinsame Sache gemacht habe.  Als Pilatus in Rom ankam, war Kaiser Tiberius bereits verstorben und die Spur von Pontius Pilatus verliert sich in der Geschichte.

Zurück ins Jahr 30, als Pontius Pilatus noch auf dem Höhepunkt seiner Macht war und mit dem Fall Jesus befasst wurde. Der Statthalter residierte normalerweise in Cäsarea am Mittelmeer, kam aber wegen des jüdischen Passahfestes in seinen Palast nach Jerusalem. Natürlich nicht um mitzufeiern, sondern um bei einem möglichen Aufruhr vor Ort zu sein.

Der Hohe Rat hatte Jesus von Nazareth durch die jüdische Tempelwache festnehmen lassen mit dem Ziel ihn zu beseitigen.

Jesus war anstößig geworden. Er predigte das nahe Reich Gottes, sein Reich sei nicht von dieser Welt, er sei Gottes Sohn, setzte sich über Teile des Gesetzes Mose hinweg, setzte sich mit Armen und Ausgestoßenen an den Tisch und stellte wirtschaftliche und Machtstrukturen in Frage. Die Tempelaustreibung der Händler betraf die Einkommensquelle von Priestern einschließlich des Hohepriesters. Jesus hatte eine beträchtliche Anhängerschaft und er war als König in Jerusalem zum Passahfest empfangen worden. Wäre ein Aufruhr entstanden, hätte Pilatus wieder gewaltsam eingreifen müssen, was der Hohe Rat nicht heraufbeschwören wollte.

Jesus nach dem Gesetz des Mose zu steinigen, getrauten sie sich nicht, da der Statthalter anwesend war.

Nachdem Jesus beim Verhör vor den 71 Männern des Hohen Rates deren Frage nach seiner Gottessohnschaft und damit die Gotteslästerung aus ihrer Sicht bestätigt hatte, ging es gemeinsam zu Pilatus, der nach römischem Recht für die Todesstrafe zuständig war.

Ihnen war natürlich klar, dass der Präfekt sich nicht für innerjüdische Religionsstreitigkeiten interessierte. Deshalb brachten sie Anklagepunkte vor, die sie für römische Interessen hielten, nämlich: Volk aufhetzen, Steuern zahlen verbieten und sich König nennen. Dabei hatte Jesus nichts gegen das Zahlen von Steuern gesagt, sondern „gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“

Pilatus sah offensichtlich keine Gefahr in diesem Wanderprediger und lehnte einen Schuldspruch ab.

Als er aber hörte, dass Jesus aus Galiläa stammte, ergriff er die Chance, das Problem zuständigkeitshalber an Herodes Antipas – ein Sohn von Herodes dem Großen – los zu werden, denn Galiläa war dessen Herrschaftsbereich. Herodes war ebenfalls wegen des Passahfestes in seinem Palast in Jerusalem anwesend. Dieser wollte Jesus gerne kennenlernen, aber Jesus verweigerte die Aussage. Das löste den Spott von Herodes mit Gefolge aus und er wurde als sogenannter König mit dem weißen Königsgewand der Juden zu Pilatus zurückgeschickt.
Dieser Vorgang hat sich in unserer Sprache mit dem Ausspruch „Von Pontius zu Pilatus schicken“ bis heute gehalten. Hier wurde Jesus von Pontius Pilatus über Herodes zu Pontius Pilatus zurückgeschickt.

Pilatus teilte den Hohepriestern und dem anwesenden Volk mit, dass er und Herodes keine Schuld bei

Jesus gefunden hätten. Anmerkung: Wenn von Hohenpriestern in der Mehrzahl die Rede ist, denkt man, dass die Vorgänger oder zumindest der Vorgänger von Kaiphas, nämlich Hannas, dessen Schwiegervater, mitgemeint ist.

Was bei Lukas nur kurz geschildert wird, kommt bei den anderen Evangelisten ausführlicher zur Geltung. Es war üblich, dass der römische Statthalter einen politischen Gefangenen begnadigte und damit sein Wohlwollen gegenüber dem jüdischen Volk zeigte. Jetzt hatte Pilatus der Volksmenge Jesus und den Aufrührer und Mörder Barabbas zur Auswahl vorgeschlagen. Die Menge schrie: „Barabbas“. Pilatus versuchte es ein zweites und drittes Mal, Jesus durchzusetzen. Aber mit großem Geschrei wird die Kreuzigung gefordert. Bei Johannes wird noch zusätzlicher Druck aufgebaut, indem die Menge ruft: „Lässt du diesen frei, bist du des Kaisers Freund nicht.“ Pilatus wird die Drohung gespürt haben, ihn in Rom anzuschwärzen. Er gibt nach und ordnet die Kreuzigung an.

Matthäus schreibt außerdem, dass die Oberen der Juden aus Neid Jesu Tod wollten. Eine andere Person setzt sich nach Matthäus noch für Jesus ein; die Frau des Pilatus, deren Name wir nicht erfahren. Außerhalb des Neuen Testaments wird sie später Claudia genannt und sie wird in der koptischen und orthodoxen Kirche als Heilige verehrt. Warum? Während der Verhandlung schickte sie einen Boten zu ihrem Mann und ließ ausrichten: „Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.“ Dieser Einsatz hatte nichts bewirkt und wäre auch gegen Gottes Heilsplan gewesen. Er war aber ein Bekenntnis zu Jesus.

Bei Matthäus finden wir auch die Stelle, an der Pilatus seine Hände in Unschuld wäscht. Das ist ein Zeichen, das die Juden aus dem 5. Buch Mose kennen. Wenn die Ältesten eines Ortes, in dessen Nähe ein Ermordeter gefunden wurde, aber der Täter unbekannt war, wuschen sie sich symbolisch die Hände in Unschuld.

Die als INRI (Jesus Nazarenus Rex Judaeorum = Jesus von Nazareth König der Juden) bekannte Kreuzesaufschrift bei Johannes kommt in allen Evangelien ähnlich lautend vor. Pilatus ändert diese auch nach Protesten der Hohenpriester nicht dahingehend, dass Jesus gesagt habe, er sei der König der Juden.

Dann kommt Pilatus im Neuen Testament noch einmal vor, wo er dem Ratsherrn Joseph von Arimatäa genehmigt, den Leichnam Jesu abzunehmen und in dessen eigener Gruft zu bestatten; zunächst sogar mit einigen Soldaten als Wache. Die Hohenpriester befürchteten, dass die Jünger von Jesus den Leichnam stehlen könnten.

Somit bleibt das zwiespältige Bild von der Rolle des Pontius Pilatus bei der Kreuzigung Jesu. Einerseits ist er der Henker Jesu, der aus Eigeninteresse wegen Machterhaltung und politischem Kalkül, nämlich Gefälligkeit gegenüber dem Hohen Rat, so gehandelt hat. Andererseits ist er in die Heilsgeschichte eingebunden und kann somit als Gottes Werkzeug gesehen werden. Ohne Kreuzigung keine Sündenvergebung und ohne Auferstehung kein ewiges Leben. Ohne das Urteil des Pontius Pilatus wäre die Weltgeschichte anders verlaufen. In der äthiopisch-orthodoxen Kirche wird er sogar als Heiliger verehrt.

Soweit gehen die anderen christlichen Kirchen nicht. Aber bis zur Entstehung des apostolischen Glaubensbekenntnisses im 5. Jahrhundert tauchte Pontius Pilatus trotz aller Widersprüchlichkeit immer wieder in Bekenntnissen der frühen Kirche auf.

Die Schuldfrage bezüglich der beteiligten Juden hat in der Geschichte zu vielen furchtbaren Verbrechen geführt, sicher mitverursacht durch die bei Matthäus beschriebene Antwort des Volkes auf die Händewaschung des Pilatus in Unschuld: “Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ Dies gehört leider auch zur Wirkungsgeschichte der Verurteilung Jesu.

Wie geht es uns, wenn wir das Handeln des Pontius Pilatus bewerten? Kennen wir nicht auch Situationen, in denen wir vor die Wahl gestellt sind, nach unserer Überzeugung zu handeln oder sogenannten Sachzwängen zu folgen? Oder es stellt sich die Frage so: Welche Vor- oder Nachteile habe ich, wenn ich entgegen meiner Überzeugung handle?

Das ist dann auch oft die Frage nach der Wahrheit.

Nachdem Jesus bei Johannes zu Pilatus gesagt hatte, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, fügt er hinzu, dass er in die Welt gekommen sei, um die Wahrheit zu bezeugen. Pilatus fragt nur: „Was ist Wahrheit?“ Die Frage bleibt offen, weil sich der Statthalter dann wieder den Juden zuwendet.

Jesus beantwortet die Frage in Johannes 14, 6 so: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“

Für diese Wahrheit hat sich Pontius Pilatus nicht interessiert. Dennoch ist er in der Geschichte der christlichen Kirche milder betrachtet worden als im Judentum, wo er zwar teils für die jüdische Kultur zugänglicher, aber vor allem als grausamer Vertreter der unbeliebten Besatzungsmacht galt.

Er hat es in unser Apostolisches Glaubensbekenntnis geschafft; nicht als Krankheit, wie anfangs erwähnt, aber auch nicht als Heiliger. Sondern als ein Mensch, der in der Heilsgeschichte Gottes eine besondere und schuldbeladene Rolle gespielt hat.

Für uns gilt die Antwort Jesu auf die Frage des Pontius Pilatus nach der Wahrheit in besonderer Weise. Jesus ist der Weg zu Gott und damit die Verkörperung der Wahrheit. Und er gibt uns das Leben; ein echtes und erfülltes Leben hier und jetzt und über den Tod hinaus. – Amen