Gottes Spuren in Israels Urgeschichte, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020,

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Martin Buber: Moses, Unveränderter Nachdruck der 4. Auflage Copyright 1948 Gregor Müller Verlag, Verlag Lambert Schneider, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1994, Taschenbuch, 296 Seiten, ISBN (print): 978-3-579-02575-9, Preis: 34,99 Euro

Link: https://www.randomhouse.de/Paperback/Moses/Martin-Buber/Guetersloher-Verlagshaus/e204930.rhd

 

Aus dem Impressum geht hervor, dass das Buch von Martin Buber, das vom Gütersloher Verlagshaus verlegt wird, von „Books on Demand“, Norderstedt, hergestellt wird. Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite eine fotomechanische Wiedergabe des gebundenen Buches aus dem Lambert Schneider Verlag, mit dem auch von der Buber-Rosenzweig-Bibelübersetzung bekannten Druckbild. Solche Bücher nennt man Reprints, was in diesem Fall auch durch das Impressum klargestellt wird.

Das Buch „Moses“ von Martin Buber ist auch nach über 70 Jahren noch aktuell. Es diskutiert die Ergebnisse der Exegese der fünf Bücher Mose* auch aus theologischer Sicht und distanziert sich vom damals dominanten Modell der Quellenscheidung in die bekannten Quellen E, J und P. Stattdessen favorisiert Buber eine Art Bearbeitungshypothese, die meines Wissens nach auch heute den Stand der Forschung darstellt. Diese Bearbeitung bezieht sich auf einen historischen Kern, der sich in der Bibel in oft nur sehr kurzen Textfragmenten zu erkennen gibt.

Bubers sachliche Untersuchung dieser Textabschnitte basiert auf seiner eigenen Übersetzungsarbeit in Gemeinschaft mit Franz Rosenzweig, so dass er zumeist Argumente der Analyse des hebräischen Urtextes und seiner Textgeschichte entnimmt.

Die Hauptfrage Martin Bubers ist dabei die Wahrheit der biblischen Überlieferung. Diese historische Arbeit ist sozusagen im Sinn der modernen Geschichtswissenschaft eine Quellenforschung, die auch noch nach der hinter dem Text liegenden mündlichen Tradition fragt.

Die ursprüngliche Gottesüberlieferung ist in der heute lesbaren Form in die Gattung einer Sage gestaltet, so dass die erzählte Geschichte als Fiktion erscheint.

Das Buch „Moses“ von Martin Buber folgt dem Erzählfaden des Pentateuchs in der vorliegenden Form und konzentriert sich dabei auf historisch bedeutsame Textelemente, die sich am Inhaltsverzeichnis ablesen lassen. Ich möchte diesen inhaltlichen Aufriss nun nicht noch einmal zusammenfassen, sondern den Erzählfaden der fünf Bücher Mose einfach als bekannt voraussetzen. Die Überschriften der einzelnen Abschnitte, aufgezählt im Inhaltsverzeichnis, zeigen die Grundelemente der von Buber dargestellten Moseerzählung, die so gesehen auch als eine Grunderzählung der israelitischen Religion lesbar sind wie beispielsweise „Israel in Ägypten“, „der brennende Dornbusch“, „Passah“, „Sabbat“, „der Bundesschluss“, „die Worte auf den Tafeln“ usw..

Der Titel „Moses“ sagt dabei schon alles: Die Interpretation der Erzählung wird in die Perspektive des Mose eingezeichnet. Die Gestalt des Mose ist zwar die eines politischen Anführers und Befreiers, der zuletzt dem Volk der geeinten Stämme eine Verfassung gibt. Er ist dies aber zugleich als Prophet, da er mit Gott in Verbindung steht, und da das Volk Israel zugleich das Bundesvolk Gottes ist.

Diese besondere Kennzeichnung Moses als einen Propheten oder einer prophetischen Person soll im Folgenden durch einige Zusammenfassungen und Zitate verdeutlicht werden. Ich entnehme diese Texte durchaus dem konkreten Zusammenhang, so dass sie vor dem Hintergrund dieser allgemeinen Geschichte der Bibel als des Wortes Gottes gesehen werden.

Buber stellt den Stoff der Bibel als Sage dar, die aber nur vom der Beziehung zu Gott verdeutlicht wird: „Das Werk der Sage ist groß und reißt heute wie je unser Herz hin; das darf uns aber nicht hindern, mit unserem nach Wirklichkeit verlangendem Blick, wo wir können, durch ihren Schleier zu dringen und, so gut wir können, die reine Gestalt zu schauen.“ (S. 167/8)

Das Bild, das der Text zeichnet, ist wie ein Gemälde einer historischen Erzählung. Das heißt aber nicht, dass der Bibeltext eine reine Phantasieproduktion ist. Diesen Gedanken verdeutlicht Buber immer wieder in Bezug auf die Gottesoffenbarung des Moses.

So heißt es bei Buber im Zusammenhang der Gesetzestafeln: „Mit seinem Wort ‚Ich werde da sein, als der ich da sein werde‘ bezeichnet er (Gott) sich als den, der nicht auf eine bestimmte Erscheinungsweise festgelegt ist, sondern sich jeweils den von ihm Geführten, um sie zu führen, so zu sehen gibt, wie es ihm beliebt.“ (S. 172)

Hier ist also durchaus noch offen, ob der Pentateuch eine Gründungsgeschichte des Volkes Israel ist oder eine Offenbarungsgeschichte Gottes darüber hinaus für die ganze Welt. Faktisch ist, dass die Beziehung zwischen Gott und Mensch bzw. zwischen Gott und Volk immer wieder zu scheitern droht. Für meinen Begriff ist diese realistische bis ins Negative zeichnende Sicht nur darin zu sehen, dass der Pentateuch ein erzähltes Rechtsbuch ist. Dazu schreibt Buber: „Die durch die Schuld gestörte Ordnung zwischen Himmel und Erde wird durch die Sühne wiederhergestellt.“ (S. 193). Das heißt auf das Volk bezogen, dass die religiöse und soziale Geschichte immer miteinander verknüpft ist.

Mose gelingt es immer wieder in der Perspektive Martin Bubers, Gottes Wort zu vernehmen und zu verkündigen und die Gegenwart Gottes im Verweis auf geschichtliche Ereignisse zu vergegenwärtigen. Aus der Gestalt des Hirtengottes der nomadischen Väterzeit wird im Lauf der Wüstenwanderung ein Gott der priesterlichen Religion und der Bundesgott des Volkes Israel. Moses ist der Erfinder eines Bundesgesetzes, das ein Volk zusammenführt und bildet.

Das Motiv der Wüstenwanderung zeigt die Geschichte der späteren Religion schon im Vorhinein auf. Im Kapitel „Der Widerspruch“ wird dazu der Korachspruch interpretiert (4. Mose 16,3), der als abtrünnig bestraften Rotte Korach. Während für Mose Gott immer unsichtbar ist und sich im Ereignis zeigt, behauptet das Volk, dass Gott in seiner Mitte sei und dadurch alle heiligt. Buber: „Göttliche Gegenwart heißt dem Volk als Volk: den Gott besitzen, mit andren Worten: den eigenen Willen zu Gottes Willen machen können.“ (S. 253)

Wenn in der Geschichte des Volkes die Gottesbeziehung immer wieder auch zu scheitern droht, ist das kein endgültiger Misserfolg, sondern ein schmerzhafter Lernprozess. Gerade Bubers penetrante Fragen nach der Wirklichkeit und Verbindung mit dem Glauben an die Wahrheit des Wortes Gottes macht die Spannung des Textes im Mosebuch aus.

Für mich als evangelischem Theologen ist es interessant, dass Buber seine Arbeiten als Religionsphilosoph vorlegt, nicht als jüdischer Theologe. Seine Interpretation des Mose ist christlich genauso anschlussfähig wie für das Judentum. Deshalb stehen in Deutschland die Namen Buber und Rosenzweig als Sinnbild für den interreligiösen Dialog.

 

  • Der Name „Moses“ ist eine übersetzerische Entscheidung von Martin Buber. Wo ich das Buch der Bibel meine, schreibe ich „Mose“, wie es von der Lutherbibel her gebräuchlich ist. Diese Schreibweise ist im Übrigen im Text durchaus häufig. Warum die Überschrift “Moses” lautet, ist mir nicht klar. In der Bibelübersetzung wird der Name in der Umschrift hebräisch wiedergegeben: Mosche.