Gründonnerstag 2020, Emanuel Behnert, Lippetal 2020

 

Brot und Wein. Nehmt und esst. Mein Leib… Nehmt und trinkt. Mein Blut im Kelch des neuen und ewigen Bundes. Zum Mahl geladen. Und doch ist die Mahlgemeinschaft so weiträumig geworden. Und jeder irgendwie für sich. Kaum einer hat sich schon daran gewöhnt, dass wir dennoch, oder vielleicht gerade deswegen alle miteinander auf vielfältige Weise verbunden sind.

So, wie es schon in einer sehr alten Erzählung überliefert ist. Schon lange, bevor sie die Geschichte erzählten, kannten die Menschen die Angst vor dem, was ihr Leben und ihre Familien bedrohen könnte. Manche sagen, es war die Angst davor, dass sie ihr Vieh verlieren könnten und damit ihre Lebensgrundlage. Manche sagen, sie fürchteten Dämonen. So saßen sie zusammen in den Familien, die sie schützen wollten, und versuchten sich zu wehren gegen die Angst mit dem puren Leben. Ein Tier wurde geschlachtet, sein Blut an die Pfosten der Behausung gestrichen gegen die Angst und gegen das Verderben.

So, wie es Haschem, der EWIGE gefordert hat, zur Rettung aller, die sich trotz allem und gegen alles, vielleicht ja sogar gerade wegen allem zu IHM bekannten und treu an IHM festhielten.

Als sie ganz verstreut lebten im Exil in Babylonien, erzählten sie zu ihrem Fest eine große Geschichte, eine der größten Geschichten Israels. Sie erzählten von Sklaverei in Ägypten und davon, wie Gott sie nach Hause führte. Sie erzählten von großer Angst und großer Hoffnung. Sie gaben mit dieser Geschichte ihrer eigenen Angst und ihrer eigenen Hoffnung im Exil ein Gesicht und eine Stimme. Wer mag, kann diese Geschichte gerne zuhause nachlesen. Im Internet, oder vielleicht in der Konfirmations – oder gar Familienbibel. Sie steht im 2. Buch Mose im 12. Kapitel.

„Nehmt und esst. Mein Leib… Nehmt und trinkt. Mein Blut im Kelch des neuen und ewigen Bundes.“ – Der Angst und der Hoffnung eine Stimme geben. Das Fest, auf das wir zugehen, mit allem, was dazu gehört macht es möglich. Das Dunkel wird nicht ausgeklammert und verschwiegen. Aber es wird auch vollkommen zurecht auf einen immer wiederkehrenden und dennoch einmaligen Sonnenaufgang hingewiesen.

Alle Jahre erzählten sie vom Pessach Gottes. Sie erzählen die Geschichte in kleinen Hütten und großen Villen, in Kibbuzim und Ghettos, in New York und Rom. Die traditionelle Frage: Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? (Ma nischtana haLajla hase mikol haLejlot?) klingt immer noch jedes Jahr an vielen Orten der Welt. Menschen denken an die große Angst und die große Hoffnung. Manchmal hören sie nur Worte, manchmal trifft es sie ins Herz, mitten in ihr eigenes Leben. Pessach. Das Fest der ungesäuerten Brote.

Brot, das etwa so schmeckt wie unsere Hostien beim Abendmahl. Immer und immer wieder nahmen sie sie zu sich. Und erinnerten sich. Sie waren in Häusern versammelt, Reiche und Arme, und mussten erst begreifen, dass sie hier eine Gemeinde waren, und Rücksicht aufeinander nehmen lernen. Sie standen in dunklen, kalten Kirchen und nahmen voller Angst vor Höllenqualen das ungesäuerte Brot zwischen die Zähne. Sie tanzten in bunten Kleidern unter freiem Himmel und tranken den Wein.

Sie waren zu dritt in brandenburgischen Dorfkirchen und zu Tausenden beim Kirchentag. Und heute sitzen sie mitunter allein, oder im Kreis weniger lieber Menschen isoliert in ihren Wohnungen, in ihren Gärten, auf ihren Balkons. Mitunter einsam. Aber dennoch nicht allein gelassen. Denn der Gedanke an die Nacht voller Angst und voller Hoffnung war und ist immer dabei. Manchmal war der Raum voll mit jahrhundertealten Ängsten und jahrhundertealten Hoffnungen. Manchmal hörten sie nur Worte, schmeckten nur Brot und Trauben. Eine gute Tradition. Manchmal war sie viel mehr. Da öffnete sich der Raum für ihr eigenes Leben. Und in diesem Leben, in und aus dieser Tradition heraus fanden plötzlich auch andere ihren Platz. Diejenigen, denen man sonst aus dem Weg ging. Diejenigen, die sich selbst zurückzogen, aus welchen Gründen auch immer. Diejenigen, die gerade in ihrem Leben auf besondere Weise mit Not und Angst zu kämpfen hatten, die das Gefühl der Stigmatisierung nicht loswurden.

Am Tisch, bei Brot und Wein rückten alle zusammen. Und jeder bekam – zumindest vorübergehend, aber immer mit einem nachhaltig positiven Eindruck das Gefühl, doch willkommen zu sein, doch dazu zu gehören. Liebe Schwestern und Brüder! Wie viele schöne Mahlfeiern habe ich in diesem Sinn vor allem in Bethel und im Bereich der LWL – Kliniken in Lippstadt gefeiert. Und wie ansteckend war mitunter die Freude derer, die plötzlich für sich annehmen konnten und durften: Ich gehöre auch mit dazu. Auch ich bin eingeladen. „Nehmt und esst. Mein Leib. Nehmt und trinkt. Mein Blut im Kelch des neuen Bundes.“

„Jeder unter uns darf kommen, dass er Teil an dir gewinnt. Alle sind wir angenommen, wie wir hier versammelt sind: froh und traurig, stark und schwach, matt im Glauben, oder wach. (Detlev Block; BG 600,2)

Und: „als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.“ (MK. 14,26) So heißt es in den heutigen Losungen der Herrenhuther Brüdergemeinde.

Mitten im Dunkel der Angst ein Hoffnungslied anstimmen. Bestimmt gehört da unendlich viel Kraft dazu. Und bestimmt werden die Klänge des Lobgesangs nicht die letzten in der Dunkelheit dieser Nacht sein. „HERR, lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“, heißt es wenig später auch. Aber auch: „Dein Wille geschehe. / Meinen Geist befehle ich in DEINE Hände.“ Der Lobgesang, angestimmt trotz allem und gegen alles mitten in dunkelster Nacht: er klingt nach. Auch wenn es scheinbar noch finsterer zu werden scheint.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, der bewahre und behüte Euch. Er sei mit Euch, in allem, was Euch widerfährt. Er stärke Euch, Euern Blick zu heben hin auf den Sonnenaufgang eines neuen Morgens, der niemand verborgen sein wird. Amen.

 

Anmerkungen: Bild: Hendrik Korthaus, Gehörlosenseelsorger EKvW, Dorsten, Kopiervorlage erteilt; Teilen der Gedanken liegen Textgedanken aus: „Platz am Tisch“, Claudia Neuguth, Pastoralblätter 4 / 2020 S. 279ff zugrunde.

Meditationen in der Karwoche von Emanuel Behnert, Lippetal 2020

Dienstag in der Karwoche 2020; Dienstag nach Palmarum

Ein Bild, das zum Nachdenken einlädt, um sich zu besinnen, zum ruhigwerden. Ein Bild, das eigentlich keiner weiteren Worte bedarf. Gottes Segen mit jedem Betrachter, mit jeder Betrachterin.

 

Danke Bishop Kerstin McNiesh; (altkatholische Kirche Amerika) eingestellt am  06.04.2020 auf Facebook. Kopierechte wurden mündlich erteilt.

Mittwoch in der Karwoche

Gnade sei mit uns und Friede, von GOTT unserem Vater und unserem HERRN Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

sie sind auf dem Weg nach Jerusalem. Sie sind auf dem Weg zu einem der höchsten Feste, die die Menschen in dieser Zeit, in dieser Region, in dieser religiösen Kultur kennen. Sie sind auf dem Weg zum Pessachfest. Aber sie sind auch auf dem Weg hin zum Kreuz. Auch wenn dies nur EINEM wirklich bewusst wird. Die Hälfte der Wegstrecke haben sie geschafft. Auch, wenn die Strecke des Lebens, die zu diesem Ziel geführt hat, viel länger gedauert hat. Wie viele Begegnungen. Wie viele Emotionen, die es anzunehmen und auszuhalten gab. Und immer wieder auch diese eine. Die Angst. Wievielmal aber auch die Dankbarkeit für Begegnungen und entspannende Momente, die aufgerichtet haben. Die dafür gesorgt haben, dass die Angst nicht dauerhaft der Sieger bleibt.

Eine Angst, die manch einen von uns in diesen Tagen sicher auch immer wieder gefangen nimmt. Weil der Weg nach Ostern hin so ganz anders ist, als wir das sonst gewohnt sind. Das Kreuz, von dem auch sonst öffentlich nur selten die Rede (gewesen) ist, ist in diesen Tagen auf ganz eigene Weise doch immer wieder greifbar. Und anders, als bislang bekannt, an allen Orten sichtbar. Überall dort, wo sich vermummte und behandschuhte Menschen aus dem Weg gehen und einen Riesenbogen umeinander machen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es in größeren Kaufhäusern, von denen ja nur noch die Wichtigsten geöffnet haben, so still gewesen ist. Eine greifbare Angst und ein Kreuz in ganz neuem Erscheinungsbild.

Mitten in diese alles lähmende Angst hinein ist mir ein Text von Paulo Coelho, einem brasilianischen Bestsellerautor begegnet, in dem er schreibt: „Ein Patient sagte zu seinem Arzt: „Angst beherrscht mein Leben, und sie hat mir alle Freude genommen.“

„Hier in meiner Praxis lebt eine Maus, die an meinen Büchern knabbert“, entgegnete der Arzt. „Mach ich zu viel Aufhebens von der Maus, wird sie sich vor mir verstecken, und ich werde nichts anderes mehr tun, als sie zu jagen.

Stattdessen habe ich meine wertvollsten Bücher an einen sicheren Platz gestellt und erlaube ihr, an den anderen zu knabbern. So bleibt sie eine einfache Maus und wird nicht zu einem Monster. Richten Sie Ihre Angst auf einige wenige Dinge, dann bleibt Ihnen Mut für das, was (wirklich) wichtig ist.“ (Paulo Coelho: „Der Wanderer“; Zürich 1998)

Vergessen wir also bei aller Schwere des Augenblicks, bei aller angstmachenden  Unverständlichkeit der Zeit, bei jedem Schicksalsschlag, den wir in diesen Tagen oft vermeintlich allein tragen müssen nicht, dass das Kreuz, egal, wie es aussehen mag, nicht die letzte Station auf dem Weg nach Jerusalem, auf dem Weg hin zu Ostern ist.

Und so lade ich Sie und Euch ein, wenn es Ihnen möglich ist einzustimmen in Verse des 71. Psalms, in dem es heißt: „HERR, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden werden. Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir! Sei mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen kann, / der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg. Denn du bist meine Zuversicht, HERR, mein Gott, meine Hoffnung von meiner Jugend an. Auf dich habe ich mich verlassen vom Mutterleib an; / du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen. Dich rühme ich immerdar. Mein Mund soll verkündigen deine Gerechtigkeit, täglich deine Wohltaten, die ich nicht zählen kann. Ich gehe einher in der Kraft Gottes des HERRN; ich preise deine Gerechtigkeit allein. Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Bleiben Sie Gott befohlen und gesund. Ihr Emanuel Behnert.

Predigten zu Passion und Ostern, Emanuel Behnert, Lippetal 2020

Dietrich Bonhoeffer im Hof von Tegel 1944, vierter von links (http://www.dietrich-bonhoeffer.net/leben/tegel/)

Palmarum 2020

 

„Gott hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist. Ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.“ (Psalm 69, 2.3)

 

Mit diesem Gebetsruf aus den Psalmen würden am Palmsonntag unsere Gottesdienste beginnen. Wie vielen Menschen heute geht es aus ganz unterschiedlichen Gründen genauso, wie es damals dem Beter aus alter Zeit gegangen ist?! „Das Wasser steht uns bis zum Hals.“ Angst hat sich breit gemacht. Die Frage nach dem „Was wird morgen sein?“ treibt viele um und bestimmt ihr Handeln. Purer Egoismus auf der einen Seite. Hamsterkäufe ohne Ende. Die Zahl der Mehlmotten in einigen Monaten in unserem Land mag ich mir gar nicht ausmalen.  Aber dann auf der anderen Seite eben auch Solidarität. Ich schaue nochmal nach, wo ich etwas von dem, was Du brauchst finde. Damit Du geschützt und hoffentlich wohl behütet zuhause bleiben kannst. Auch in der Gewissheit, wirklich keinen Mangel leiden zu müssen.

Ja, und dann sind da auch noch die Zyniker, zu denen ich mich zugegebenermaßen auch immer wieder einmal zählen muss mit meinem „schwarzen Humor“. Ihnen fallen dann Sprüche wieder ein wie dieser: „Wenn dir das Wasser schon bis zum Hals steht, solltest du nicht den Kopf hängen lassen.“ „Predigten zu Passion und Ostern, Emanuel Behnert, Lippetal 2020“ weiterlesen

Die Worte Jesu am Kreuz – Mich dürstet, Predigtreihe Herzogenrath 2020

Predigt zu Joh 18, 28 am 20.03.2020 in der Markuskirche, Pfarrer Jochen Remy*

Liebe Gemeinde,

„mich dürstet.“

über dieses kurze Wort aus dem Johannesevangelium möchte ich heute in diesen schwierigen Zeiten mit Ihnen nachdenken.

Schaut man sich Passionsbilder von Jesu Kreuzigung aus der Kunstgeschichte an, dann fallen einem direkt zwei Typen von Darstellungen auf.

Sehr viele Werke betonen die Göttlichkeit Jesu.

Ein strahlender Held mit makellosem Antlitz blickt uns vom Kreuz herab an. Dieser überhöhte Christus soll zeigen, dass am Ende Gott triumphiert.

Das Kreuz ist notwendige Durchgangsstation zur mitgedachten Auferstehung.

Karfreitag wird vom Ostermorgen aus gelesen. Ausgedeutet.

Jesus als glorreicher Held zeigt, dass nicht die selbsternannten Machthaber bestimmen, sondern dass Gott der eigentliche Herr des Geschehens ist.

Und in dieser Botschaft liegt durchaus etwas Tröstliches.

Es ist beruhigend, einen starken Partner an seiner Seite zu haben. Auf den man sich verlassen kann.

Der mit Macht einem beisteht.

Wer es schafft, sich das Bild eines allmächtigen Gottes zu bewahren, wird daraus Hoffnung und Kraft ziehen.

Aber ich will die beiden Nachteile, die sich aus diesem Gottesbild ergeben, nicht unterschlagen.

Für unseren menschlichen Geist ist die Diskrepanz zwischen einem allmächtigen und gütigen Gott und dem Elend der Welt nicht wirklich auflösbar. Daran kann man verzweifeln.

Und dieser mächtige Gott ist zudem so unnahbar, dass selbst für Gläubige es mitunter schwer ist, die spirituelle Mitte nicht zu verlieren.

Je mächtiger und stärker ich Gott denke, desto weiter ist er von meiner Lebenswirklichkeit entfernt, in der ich Erfahrungen von Schwachheit und Ohnmacht machen muss.

Der zweite Typus von Passionsbildern hat daher versucht, die menschliche Seite Jesu in den Vordergrund zu rücken.

Diese Gemälde zeigen einen gemarterten Jesus, mit schmerzverzerrtem Gesicht, sein Körper über und über mit Wunden bedeckt.

Dieser Jesus ist uns in seiner ganzen Verwundbarkeit näher.

Er hat seine himmlische Macht in irdische Ohnmacht getauscht.

Auch wenn er hoch am Kreuz hängt, bleibt mir immer nur die Perspektive, auf Jesus herabblicken zu müssen, denn in ihm und seinem Elend ist der Tiefpunkt menschlichen Leids verdichtet.

Ganz egal, was für Nöte ich in meinem Leben schon erfahren habe und noch durchleiden werde, Jesus kennt dieses Jammertal und zeigt mir dadurch, dass er mir nahe ist.

Viele von uns haben in diesen Tagen berechtigte Angst vor dem Coronavirus und seinen Folgen.

Corona kommt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt Krone.

Die Assoziation zur Dornenkrone Jesu mag zufällig sein und doch kann sie mich verblüffen.

Wenn es gut läuft, dann gibt mir der Blick auf den leidenden Jesus die Kraft, auch mein ganz privates Kreuz zu tragen.

Ich weiß mich mit Jesus geschwisterlich verbunden.

Wenn es schlecht läuft, dann hat dieses Jesusbild jedoch zwei gravierende Nachteile. Zum einem ist es wenig einladend, eine Nachfolge anzutreten, die mit so großem Leid verbunden ist. Mir macht gerade diese Betonung der Leidensbereitschaft Angst.

Und jemand, der freiwillig so viel Leid auf sich genommen hat, der kommt mir dadurch nicht zwingend näher, sondern der entfernt sich womöglich ebenso rasant von mir, weil ich selbst so viel Opferbereitschaft wahrscheinlich nicht aufbringen könnte. Die meisten Worte Jesu am Kreuz würde ich dem ersten Bildtypus zuordnen. Es ist bewundernswert, was und wen Jesus alles in seinem Todeskampf in den Blick nimmt. Der Ausruf „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ist dem zweiten Bildtypus zuzuordnen.

Aber die große Ausnahme wird durch unser schlichtet „Mich dürstet“ gebildet. Ich wüsste keine andere Stelle im Neuen Testament, an der Jesus so sehr auf sich selbst und seine eigene Bedürftigkeit schaut.

Mir geht diese bescheidene Bitte, man möge ihm seinen Durst stillen, zu Herzen.

Und ich fühle mich ihm dadurch verbunden.

Mir kommen Bilder von frisch Operierten in den Sinn, deren Lippen nur angefeuchtet werden konnten, weil sie zu dem Zeitpunkt nichts trinken durften.

Durst ist ein so existentielles Bedürfnis, dass die deutsche Sprache keinen Begriff für seine Stillung kennt.

Wenn ich keinen Hunger mehr habe, dann bin ich satt. Wenn ich keinen Durst mehr habe, dann bin ich.. .?

Durst kann eben nicht für einen längeren Zeitraum beseitigt werden.

Und Jesu Durst wird durch einen römischen Soldaten gestillt, der einen Schwamm auf seine Lanze spießt und diesen mit Essigwasser tränkt.

Meine Schüler wundem sich immer wieder über diese Szene, sind manchmal sogar empört, weil sie dahinter eine weitere Grausamkeit vermuten.

Aber mit Essig versetztes Wasser war ein normales Getränk römischer Soldaten, weil durch die Zugabe von Essig das Wasser haltbarer und bekömmlicher war als ohne.

Ob hier ein erstaunlicher Akt von Barmherzigkeit zu beobachten war oder ob durch die Gabe auf perfide Art und Weise derTodeskampf noch verlängert werden sollte, lässt sich heute nicht mehr sicher beurteilen.

„Mich dürstet.“

Gerade in Zeiten wie diesen macht es Sinn, einmal darüber nachzudenken, was mir existentiell wichtig ist.

Welcher Durst, welcher Hunger ist so bedeutend, dass ich ohne seine Stillung nicht auskommen kann?

Vermutlich gibt es keine Antwort, die über Essen, Trinken und einen sicheren Platz zum Schlafen für alle Menschen gleichermaßen zutreffen wird.

Die einen mögen gerade verzweifeln, weil sie ihrer Arbeit nicht nachgehen dürfen, während den anderen die Auszeit vielleicht sogar ganz gelegen kommt.

Die Schließung von Kinos, Theatern oder Konzerthallen ist manchem völlig egal, während für andere gerade eine Welt einbricht.

Und die Beschränkung auf die Familie in den eigenen vier Wänden genießt ein Teil, während andere sich lieber in Einzelhaft begeben würden.

Aber diese zwangsweise Infragestellung von Gewohnheiten bietet neben allem Beängstigendem auch die Chance, sich selbst und seine Verhaltensmuster zu hinterfragen.

Die Welt nach der Coronakrise wird nicht mehr so sein, wie sie vorher war. Das macht Angst, weil wir noch nicht abschätzen können, was oder wen wir aufgeben müssen. Aber dahinter verbirgt sich durchaus auch die Chance, noch einmal neu starten zu können.

Mir persönlich geht es nahe, dass diese unvorstellbare Seuche vermutlich hätte vermieden werden können, wenn alle Welt sich an die biblischen Speisegebote gehalten hätte.

Wir können, nein, wir müssen uns immer wieder neu in Gedächtnis rufen, dass Gott uns schon den längst den Maßstab für ein richtiges Verhalten an die Hand gegeben hat. Wir müssen aber wohl immer wieder neu lernen, diesen Maßstab auf unser eigenes Leben zu übertragen.

„Mich dürstet…“ – der Jesus, der zu seinen eigenen Bedürfnissen steht und sie umsetzt, ohne die Gemeinschaft der einzelnen Glieder dadurch zu gefährden, dieser Jesus ist mir nahe.

Näher als es die eingangs erwähnten Bilder vom triumphierenden Christus oder vom geschundenen Jesus sein könnten.

Für einen kleinen Augenblick kann ich die Person Jesu entdecken, bevor diese wieder hinter seine Mission zurücktritt.

Jesus ist eben nicht wahrer Gott oder wahrer Mensch, sondern wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich.

Erst die Symbiose aus beiden Vorstellungen rundet das Bild ab.

Die Stärke und Schwachheit zugleich geben mir Kraft in diesen schwierigen Zeiten mein Leben auf Gott und sein solidarisches Wort hin auszurichten.

Amen

Und bleiben Sie gesund!

 

*Pfarrer Jochen Remy ist Pfarrer an zwei Schulen in Aachen. Er unterrichtet Ev. Religion, und an der Viktoriaschule – ein evangelisches Gymnasium in der Trägerschaft der EkiR –  betreut er die Schulgemeinde. Pfarrer Jochen Remy lebt in Herzogenrath und gehört als ständiger Gast ohne Stimmrecht zu unserem Presbyterium.

Die Worte Jesu am Kreuz – Ich befehle meine Hände in deinen Geist, Predigtreihe Herzogenrath 2020

Predigt am 4.4.2020 in d. Markuskirche – Predigtreihe über Jesu Worte am Kreuz

Pfarrer Frank Ungerathen*

„Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ (Lk. 23,46)

Evangelien – Lesung: Lk. 23, 44-46

[44] Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, [45] und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. [46] Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch allen. Amen

Liebe Gemeinde,

und das Volk stand da und sah zu. Und es standen seine Bekannten von ferne und sahen das alles. Wir stehen von ferne und sehen das alles, seit sechs Wochen sehen wir dem Sterben Jesu zu und hören seine letzten Worte.  Diese ganze Geschichte ist uns vertraut und zugleich voller Abgründe. Geht sie uns an? Geht sie uns so an, dass sie in unser Leben trifft, die Seele berührt und uns verändert? Wir haben Jesu Leidensweg und seine Kreuzigung unzählige Male in Stein gemeißelt, auf Leinwand für unsere Altäre gemalt, in Oratorien besungen.  Wir hören die Geschichte, sehen ihre Darstellung. Berührt sie uns in der Tiefe oder ist sie für uns nur noch ein Bild unserer abendländischen Tradition? Bildungsgut, das man kennen muss, wenn man unsere Kulturgeschichte begreifen will und die Gemälde in den Museen verstehen. Wie nah lassen wir diese Geschichte an uns heran? Lukas hat diese Frage auch.

„Die Worte Jesu am Kreuz – Ich befehle meine Hände in deinen Geist, Predigtreihe Herzogenrath 2020“ weiterlesen