Frei ist, wer in Ketten tanzen kann (F.Nietzsche), Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Zu: Tore tanzt, Tore tanzt, Deutschland 2012/2013 Spielfilm, FSK ab 16 freigegeben, Erscheinungstermin: 18.7.2014, Drama, 107 Min., Regie: Katrin Gebbe, Darsteller: Julius Feldmeier,  Sascha Gersak,  Annika Kuhl,  Swantje Kohlhof, Specials: Interviews; Audiokommentar

Tore tanzt bis er umfällt. Immer, wenn Tore sehr erregt ist, schlägt seine Epilepsie zu und es reißt ihn zu Boden. Für Tore ist es der Heilige Geist, der ihn schachmatt setzt. Als Jesus-Freak deutet Tore alles, was ihm widerfährt, als Botschaft Gottes. Auf der Suche nach seiner Berufung gerät er mit Benno und seiner Familie zusammen. Sie leben in einer Bruchbude im einem Schrebergartenrevier. Benno ist von Tore fasziniert und gleichzeitig angeekelt, sodass von Minute zu Minute seine sadistischen Züge hervortreten.

Filmisch ist das gut gemacht, von Kapitel zu Kapitel -Glaube (1.Kapitel)- Liebe (2.Kapitel) – Hoffnung (3.Kapitel) steigert sich seine Gewalt- und seine Demütigungseskapaden gegen Tore. Auch seine Partnerin Astrid und später ein befreundetes Pärchen werden in die Gewaltspirale gegen Tore hineingezogen. Für Tore ist klar, Benno ist meine Mission, Jesus will, dass ich Benno bedingungslos liebe und in Liebe zu ihm alle Schmerzen und Demütigungen ertrage. Seine Duldungshaltung ist für den Zuschauer schwer zu ertragen.

Tores zweite Mission ist es, Sanny, die 15jährige Tochter, die von Benno, mit dem Wissen ihrer Mutter Astrid, missbraucht wird, zu retten. Zwischen Tore und Sanny entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte. Diese macht den dunklen Film, der die Abgründe menschlichen Lebens schonungslos offenbart, zeitweise hell. Tore gibt sein Leben für Sanny. Sein Glaube macht ihn fähig, unendlich zu leiden: „Was können mir Menschen schon tun“, sagt er und ist selbst im Sterben der Liebe Gottes gewiss.

Sein Tod ist der Auslöser, dass Sanny mit ihrem kleineren Bruder Dennis fluchtartig Reißaus nimmt und ein neues Leben beginnt. Katrin Gebbe hat das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Die Auswahl der Darsteller ist gelungen. In ihrem Erstlingswerk zeigt sie, dass sie zielgerichtet eine Geschichte so erzählen kann, dass der Zuschauer verwirrt, gebannt und fragend zurück bleibt. Sie verdichtet den Stoff, versteht es Nuancen einzufangen und Stimmungen zu erzeugen. Folie für Tores Tanz in den Tod ist die Passionsgeschichte Jesu. Die großen menschlichen Fragen nach Leiden, Gewalt und Liebe durchziehen diesen Film.

Der Film gibt keine Antworten, er stellt in Frage, auch die Wirkmächtigkeit der Passionsgeschichte Jesu in unserer Kultur. Wer noch Fragen aushalten will, der wird diesen Film nicht vergessen. Der Film ist ein kleines Wunder in unserer ach so harten, technokratisch-vernünftigen Welt. Die unterlegte Musik ist spitze und steigert das sich langsam entwickelnde Drama. Katrin Gebbe ist ein kleines Meisterwerk gelungen. Ich bin gespannt, wie ihr filmischer Weg weiter geht.

Erzählte Philosophiegeschichte, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu: 

Richard David Precht, SEI DU SELBST, eine Geschichte der Philosophie, Band 3, Von der Philosophie nach Hegel bis zur Philosophie der Jahrhundertwende, Wilhelm Goldmann Verlag, München 2019, gebunden, 608 Seiten, ISBN: 978-3-442-31402-7, 24,00 Euro (print)

Link: https://www.randomhouse.de/Buch/Sei-du-selbst/Richard-David-Precht/Goldmann/e475933.rhd

Vorbemerkung: Ich wurde durch ein Kurzabo von Audible auf die Reihe der Philosophiegeschichte aufmerksam, die Richard David Precht seit einigen Jahren herausgibt. Ich habe während meiner dienstlichen Autofahrten innerhalb von zwei Jahren einige Zeit lang den ersten Band gehört und fand die erzählte Philosophiegeschichte außerordentlich spannend. Precht gelingt es, die Lektüre der bekannten griechischen Klassiker der Philosophie nicht nur mit Geographie und Geschichte zu verbinden, sondern auch mit der sozialen Situation der damaligen Zeit. Als der dritte Band im letzten Jahr erschien, hatte ich gerade wieder etwas zu Friedrich Nietzsche gelesen, so dass diese Auswahl, die sich weitestgehend dem 19. Jahrhundert widmet, mir gerade recht kam. 

Und so nahm ich mir zuerst den Abschnitt zu Friedrich Nietzsche vor, hier unter der Überschrift „Der Sinn des Lebens“ (S. 331 – 371). 

Wie bekannt, führt Richard David Precht in die Philosophie ein, indem er die Lebensgeschichte desjenigen Philosophen verknüpft mit dessen Werkbiografie nacherzählt. Als Einstieg wählt er das Jahr 1870, in dem Nietzsche als Kriegsfreiwilliger im Sanitätsdienst für Preußen auf der deutschen Seite kämpft. Zum Dienst an der Waffe taugte er nicht, da er als inzwischen staatenloser Professor aus Basel der Neutralität verpflichtet war. 

Precht schildert die Heimkehr Nietzsches mit den Begriffen „geschwächt und traumatisiert“ (S. 332). Dieser hat ein Schlachtfeld mit 20.000 Toten gesehen und Verletzte versorgt. Ist dieses Erlebnis etwa der Einschnitt in Nietzsches Biografie, die eine Zäsur zwischen dem frühen und dem späten Philosophen nachzeichnen lässt?

Der Autor lässt den Einstieg so stehen und folgt mit der üblichen Kurzbiografie. Precht stellt Beziehungen her und zieht Verbindungslinien. An Wagner, den Friedrich Nietzsche zunächst fast hörig verehrte, arbeitete er sich ab. Erstaunlich ist trotzdem, wie eigenständig der junge Philologe, der zudem Griechisch an einem Gymnasium unterrichten musste, inhaltlich zur Philosophie wechselte, um dann in seiner Frühpensionierungszeit zum Schriftsteller zu werden.

Die Biografie Nietzsches gestaltet Richard David Precht zu einer kleinen Werkgeschichte. Dabei will Precht den Nachlass nicht ausblenden und auch den späten Nietzsche nicht dem jungen vorziehen. Zwar gesteht er zu, dass die Schwester Elisabeth Förster Nietzsche das „eigenwillig zusammengebastelte Nachlasswerk Der Wille zur Macht (1901)“ (S. 365) erst nach Nietzsches Tod herausgegeben hat, aber geht zugleich aber davon aus, dass auch diese Notizen dessen eigene Gedanken waren. Dass hier ein Weg zu Hitler führt, wird nicht verschwiegen, so bleibt der Philosoph schillernd und ist nicht nur positiv zu würdigen. Im gleichen Atemzug jedoch ist er mit Sigmund Freud zu nennen und zu konstatieren: „Der Mensch, hilflos zwischen dem Abgrund einer sinnlosen Welt und dem Abgrund einer dunklen, sich nach Sinn sehnenden Seele – nicht anders ist die Ausgangs Konstellation bei Freud.“ (S. 370) 

Der nächste Philosoph, den ich mir aussuche, ist zeitlich und inhaltlich ein Schritt zurück: Sören Kierkegaard: „Der Spion“ (S. 56 – 71). 

Auch hier gibt es ein erzählerischen Einstieg, die Kindheit des Philosophen. Sören lebte als Kind ausschließlich beim Vater, der ihn nicht nur zu Hause unterrichtete, sondern hier auch Spaziergänge durch die Stadt Kopenhagen simulierte und so eine Scheinwelt erschuf, um das Kind Sören vor der Realität zu bewahren. Kierkegaard studierte erst Theologie, um nach dem Examen zur Philosophie zu wechseln und innerhalb eines Jahres zu promovieren. Nach einem kurzen Aufenthalt in Berlin, wo er noch Schelling und Hegel hört, kehrt er nach Kopenhagen zurück und zieht sich an den Schreibtisch zurück. So Precht: „Die Schriften folgen Schlag auf Schlag“ (S.60).

Und nachdem der Erzähler die Schriften auflistet und über Kierkegaard referiert, fasst er seinen Impetus in einem Satz zusammen: „Und nicht: ‚Erkenne dich selbst!‘ heißt die Devise, sondern ‚Sei du selbst!‘“. (S. 61) 

Stop – wo habe ich das schon einmal gelesen? – richtig: Es ist der Buchtitel. 

Kierkegaard wird als der Erfinder der modernen Subjektivität zum Stichwortgeber des 19. Jahrhunderts und zum ersten Vertreter der Existenzphilosophie, die im 20. Jahrhundert neu geboren wird.

Ich lese weiter („Die Erforschung der Seele“, ab S. 72) und erfahre etwas über Johann Friedrich Herbart, Fakten die ich eigentlich mal im Studium hätte wissen sollen, wo ich Herbart ausschließlich als Pädagogen ansah. Eingeflochten wird in die Darstellung der Philosophie Herbarts nun der Grundzug der neuen Psychologie, die später noch die Pädagogik und parallel die Soziologie hervorbrachte. 

Ich breche ab, denn ich wollte das Buch nur vorstellen und neugierig machen. Mir persönlich wird auf einmal klar, wieso Friedrich Nietzsche so viel von der Seelenlehre wusste und in die Welt der Philosophie einführen wollte, ja zuletzt als Psychologe entlarvt wurde. Und wieso Karl Marx nicht nur mit Begründer der Soziologie und der Ökonomie war, sondern vom Ansatz her Philosoph.

Die erzählte Philosophiegeschichte von Richard David Precht zeigt doch gerade darin, dass sie auch die in verschiedene Richtung auseinander strebende Philosophie zeigt und die Prägung durch philosophierende Schriftsteller wie Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche, dass in diesem Start der modernen Philosophie ein ganzer Wissenschaftsbetrieb der heutigen Zeit angelegt war. 

Er selbst lehrt nicht Philosophie, sondern erzählt sie. Damit wird klar, dass das Motto Sören Kierkegaards auch ein wichtiger Anstoß für die Gegenwart ist: 

Finde Deinen eigenen Weg und „Sei du selbst!“

Religiöse Aspekte im Philosophie Magazin 2/2020, notiert von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu: Philosophie Magazin 2/2020, Philosophie Magazin Verlag, Berlin, Preis: 7,90 Euro

Bei Platon taucht in den Dialogen, die er von Sokrates berichtet, hin und wieder das Wort daimonion auf, was mit „Gottheit“ übersetzt werden muss, zugleich aber als innere Stimme angesehen wird. In einem Kurzartikel des hier behandelten Heftes des Philosophie Magazins („Maschinengeflüster“, S. 9) wird eine Art Headset vorgestellt, das vorgeblich in der Lage ist, die Gedanken unserer inneren Stimme zu lesen und auch dieser Stimme zu antworten.

Obwohl das Instrument dabei eher an die Quelle der Sprache denkt, finde ich bezeichnend, dass der Autor die innere Stimme mit Gott identifiziert. Ich denke, dass es eine interessante Vorgabe wäre, die biblischen Texte einmal von dieser Vorgabe her zu interpretieren. Besonders wäre dabei an den beispielhaften Dialog Moses’ mit Gott zu denken, der sehr oft in den fünf Büchern Mose angesprochen wird.

 

Ein Artikel, der mehr auf eine gesellschaftliche Realität eingeht, ist ein Text über den steigenden Drogenkonsum in den USA von Jack Fereday, einem Redakteur des französischen Philosophiemagazins (S. 16 – 23).

Todesfälle durch Medikamente, eine auffällig hohe Selbstmordrate, aber auch Opiate als Einstiegsdroge zur Flucht aus der Realität – diesen Themen liegen Fragen zugrunde, die sich dieser Situation stellen.

Schon Emile Durkheim stellte in seinem Buch „Der Selbstmord“ (1897) als eine Hauptursache dafür die „schwache Verbundenheit“ heraus. Charles Taylor beobachtet die Auslöschung des Dialogs mit anderen. 

Ein Ort, in dem der Autor recherchierte ist Huntington, Hauptstadt der Drogenabhängigkeit in den USA. Was hilft, ist, „etwas zu finden, was größer ist als man selbst“, eine Formel, die auch an die 12 Schritte der AA erinnert. 

In diesem Zusammenhang wird die prekäre soziale Situation auch mit industrieller Umstrukturierung in Verbindung gebracht. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass eine Kirche ohne Gemeinde dasteht, dann aber als „Café für Einsame“ neu eröffnet wird.

 

Ein kurzer Artikel weist auf die Verbindung zwischen Religion und Kapitalismus hin. (Lea Wintterlin, S. 33). Die Rede ist von einem sündhaft teuren Turnschuh, genannt „jesus shoe“, in dessen Sohle sich „geweihtes Wasser aus dem Jordan“ befindet. Man läuft also quasi auf dem Wasser. Nach Giorgio Agamben gibt es vergleichbare Strukturen zwischen Religion und Kapitalismus.

 

Ein wichtiger und recht umfangreicher Teil ist das Dossier, auf dem auch das Cover hinweist: „Warum ist es so schwer sich zu ändern?“ (S. 46 – 65). In der Einleitung von Svenja Flaßpöhler wird in einem Nebengedanken auf das Konzept der Postmoderne namens „Performativität“ hingewiesen. Identität ist demnach einer Theateraufführung vergleichbar; von einem existentiellen Kern ist nicht mehr die Rede.

So ist der Wunsch sich zu ändern in diesem Lebenskonzept immer angelegt. Peter Sloterdijk, der den Leitgedanken dafür geliefert hat, zeigt hierbei die Nähe zur Religion auf, die nicht nur im Christentum das Konzept der Askese verfolgt.

Noch einmal am Ende des Heftes in der Rubrik der Buchbesprechungen finde ich eine Erinnerung an eine östliche Religion, den Daoismus. Eines der Grundbücher dieser chinesischen Religion ist das Buch „Zhuangzi“, als Neuübersetzung erschienen, hier vorgestellt von Gerd Scobel. Das Stichwort des Buches „Gelassenheit“ hat in der Philosophie eine Rolle gespielt. Hier ist auch kurz von Martin Heidegger u. a. als Leser dieses Buches die Rede (damals hatte es noch den Titel: „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“).

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Hier ist das Promo-Video der Redaktion, spannend, weil man auch die Gesichter sieht, die hinter der Ausgabe stehen: https://youtu.be/WjcOGgk-NN8

 

Zukunft ist möglich, aber wie? Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu: 

Lars Jaeger: Mehr Zukunft wagen! Wie wir alle vom Fortschritt profitieren, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2019, gebunden, 288 Seiten, ISBN: 978-3-579-01480-7, Preis: 22,00 Euro (print)

Link: https://www.randomhouse.de/Buch/Mehr-Zukunft-wagen/Lars-Jaeger/Guetersloher-Verlagshaus/e558875.rhd

Meine Frage an das Buch von Lars Jaeger über die Zukunftsperspektive ist, ob der Untertitel wirklich den „roten Faden“ formuliert und nicht nur ein Anstoß eines sicherlich wichtigen Aspekts liefert, dass eben alle vom Fortschritt profitieren, egal auf welcher Seite sie etwa in der Klimadebatte stehen.

Zum einen lese ich: Die Zukunftsangst ist berechtigt. 

Aber trotzdem wird der Umgang mit der Zukunftsfrage gerade in der Form der Prognose kritisiert. So lassen sich gerade auf die letzten 50 Jahre bezogen auch signifikante Veränderungen konstatieren. Einmal ist etwa die wissenschaftliche Basis eines Berichts vom Club of Rome von 1968 von heute aus zu hinterfragen. Natürlich ist der Wald bedroht, aber heute nicht mehr durch den sauren Regen, sondern von den Folgen der Klimaveränderung.

Sogar die Überbevölkerung sei nicht zwangsläufig eine Katastrophe, die zum Kollaps der Erde führt. Schon seit dem 18. Jahrhundert wurde das moderne Bevölkerungswachstum prognostiziert und auf die Folgen umgerechnet. 

Was bei beiden Prognosen fehlt, worin Lars Jaeger recht gegeben werden muss, ist die Flexibilität der menschlichen Reaktionsfähigkeit, zu der nicht zuletzt die Forschung beiträgt. 

An dieser Stelle der Argumentation bricht das Buch aber eigenartigerweise ab und ignoriert weitere Folgen weltweiter Ressourcenverschwendung. Der global wirkenden Kapitalismus ist auch sicher nicht nur ein Segen. Könnte nicht doch die weltweite Verknappung des Wassers und die zusätzlich steigende Trockenheit der menschlichen Kreativität schlicht die Zeit nehmen?

Ich empfinde es hier nun schon fast als Themenwechsel, dass sich das Buch im zweiten Hauptteil den neuen Schlüsseltechnologien widmet. Und hier knüpft meine Frage an, ob zwischen diesen Buchdeckeln nicht wirklich zwei Bücher schlummern, die kunstvoll miteinander verknüpft worden sind. Sicherlich ist dem Autor darin Recht zu geben, dass auch ökologisch argumentierende Wissenschaftler und Politiker die Fortschritte der Technologie nicht ausblenden, sondern gerade zu eigen machen. Die Vision vernetzter Stromnetze etwa lässt sich ohne den technologischen Fortschritt kaum denken. Die Technologien selbst stellen ja auch die Zukunft nicht in Frage, sondern das menschliche Verhalten.

Insofern ist der letzte Teil des Buches eine gute Anknüpfung an die Frage des ersten Teils und kommt quasi damit auf das Zukunftsthema wieder zurück. Hier wird die Zukunftsfrage nun philosophisch ausgewertet. Es wird einerseits eine neue Aufklärung geben müssen und, so Lars Jaeger, auch von einer neuen Ethik die Rede sein, die den menschlichen Egoismus zugunsten einer Philosophie des Teilens überwindet. Schade, dass dieses Thema nicht schon am Anfang des Buches steht.

Am Ende dieser Rezension möchte ich auf eine Rezensentin hinweisen, die ausschließlich mit kurzen Videos auf youtube arbeitet, genannt Bücherliebe. Sie hat das Buch von Lars Jaeger ebenfalls besprochen: 

https://youtu.be/bc1U53Cb2yQ

Sünde coachen? Rezension von Joachim Wehrenbrecht, Herzogenrath 2019

Zu:

Klaas Huizing: Schluss mit Sünde! (Gebundene Ausgabe), Warum wir eine neue Reformation brauchen, Kreuz Verlag, Freiburg 2017, Gebunden, 128 Seiten, ISBN: 978-3-946905-08-0, Preis: 15,00 Euro

Link: https://www.herder.de/religion-spiritualitaet-shop/schluss-mit-suende!-gebundene-ausgabe/c-38/p-15310/

Im Büchlein „Schluss mit Sünde“ will Klaas Huizing endlich mit der „Sündenverbiesterung“ im Christentum brechen. Seiner Meinung nach hemmt das alte christliche Menschenbild jegliche Emanzipation und Entwicklung. Luther hat mit seiner Elitenkritik und kraft der Freiheit seines Gewissens, gebunden an das Wort Gottes, die Tür zu Freiheit und Partizipation (Priestertum aller Gläubigen) weit geöffnet, gleichzeitig aber unkritisch – so Huizing – die Erbsündenlehre Augustins weiter tradiert. Ferner: Mit seinem Simul-Justus-et-Peccator-Konzept bürstet Luther viele alttestamentliche und neutestamentliche Texte gegen den Strich. Er wird ihnen nicht gerecht.

In Folge von Luther, Calvin und anderen Reformatoren bleibt der Protestantismus trotz Aufklärung und Postmoderne einem negativen Menschenbild verhaftet. Das ist heute nicht mehr vermittelbar. Der „literaturfromme“ Klaas Huizing wählt eine andere Lesart der biblischen Geschichten. Anhand der Kain- und Abel-Geschichte zeigt er überzeugend, wie Scham sich in Schuld verschiebt.

Es geht gerade nicht um die Aussage, dass wir Menschen der Sünde verfallen sind und den Tod verdienen, sondern das Kainsmal schützt Kain. Die Geschichte evoziert ein Nachdenken, Scham nicht in Schuld umkippen zu lassen.

Huizing liest die Bibel als Weisheitsbuch. Sie ist für ihn kulturgeschichtlich gesehen ein großer Bildungsroman, Gott ein Weisheitslehrer und Jesus von Nazareth der größte Weisheitscoach aller Zeiten.

„Schluss mit Sünde“ enthält viele nachdenkenswerte Passagen und Anstöße, insgesamt ist es mir jedoch zu eklektisch und zu dünn in der Argumentation. Auf Augustins Erbsündenlehre wird rumgehackt, jedoch fehlt eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit paulinischer Schluss-mit-Sünde-Theologie, wo bekanntlich mit Christus endlich Schluss mit Sünde ist und ein Leben aus dem Geist die Sünde überwindet.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Autor und Verlag zum 500. Reformationsjubiläum schnell noch etwas Reißerisches auf den Markt bringen wollten. Einige durchaus lesenswerte Kapitel scheinen ungeschickt als Füllmaterial ins eh schon dünne Büchlein gerutscht zu sein.

Fazit: In „Schluss mit Sünde“ bleibt Huizing ironischerweise seiner calvinistischen Herkunft – die er als Kulturprotestant hinter sich lassen will – treu. Er ersetzt den Überwachungscalvinismus, der zum Ziel hatte, dass in der christlichen Gemeinde endlich Schluss mit Sünde sei, durch einen Bildungscalvinismus, der nicht mehr vom Sünder reden, sondern Sünde nur noch coachen will.
Vielleicht brauchen wir eine neue Reformation, wie es im Untertitel des Buches „Schluss mit Sünde“ heißt, aber das schmale Bändchen ist nicht annähernd eine Reformationsstreitschrift im Kaliber der Schriften Luthers 1517. Es darf bitte etwas mehr begründete Theologie sein.

Anmerkung: Die Rezension ist erschienen im Deutschen Pfarrerblatt 1/2020