Religiöse Quellen erschließen und auf Gemeinsamkeiten stoßen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2021

 

Zu: Georg Weidinger: Welt-Yoga, Der Weg des wahren Selbst, OGTCM Verlag, Forchtenstein, Österreich 2020, gebunden, drei Lesebändchen, 512 Seiten, ISBN 9783966986724, Preis: 25,90 Euro (print)

 

Link: http://ogtcm.at/ogtcm-verlag/

Der Autor dieses Buches Georg Weidinger (geb. 1968) ist praktizierender Allgemeinmediziner, dazu praktizierender Yoga-Lehrer und Autor. Er lebt und arbeitet in Wien.

Das Buch bietet nicht nur eine gründliche Einführung in die Basistexte des hinduistischen Yoga, sondern auch eine Sicht auf parallele Traditionen anderer Religionen und Philosophien. Das Buch lebt von seinen Grafiken, die vermutlich im Rahmen der Erwachsenenbildung entstanden sind. Sie wirken nicht durch Ihre künstlerische Ausgestaltung, sondern wegen ihrer inhaltlichen Klarheit. Daher biete ich in dieser Rezension eine Kostprobe aus der illustrierten Religionsgeschichte.

Die Grafik „Der Weg des Buches“ zeigt nicht nur Entwicklungslinien verschiedener Quellen auf, sondern bietet damit zugleich eine Begründung für den Aufbau des Buches. Von den Urpanischaden (1500 v. Chr.) geht der Weg zur Baghavad-Gita (1000 v. Chr.). Darauf folgt ein Blick auf die Zeit, in der weltweit neue Denkformen verbreitet wurden. Buddha ist noch als Entwicklung aus den hinduistischen Ursprüngen zu deuten. Doch unabhängig davon ist die Rede vom Daodejing, von Laotse und Platon. Dann folgt die Zeit Jesu und des Christentums, mit seinen mystischen Strömungen. Zwischen dem Sufismus des Islams und dem Zenbuddhismus in Japan stehen Formen des Tantra und des Sivasutra in Indien. Wobei der Autor wieder nach Europa überleitet und Franz von Assisi, Meister Eckhart und Strömungen der Moderne berührt, in denen das Yoga eine regelrechte Wiedergeburt erlebt.

Was das Buch reizvoll aber zugleich schwierig macht, sind die eng am Sanskrit angelegten Übersetzungen der religiösen Urtexte. Wollte man streng sein, so hätte man sich vielleicht sogar eine Zweiteilung gewünscht in einen kürzeren Teil der Darstellung und einen ausführlichen Materialteil. Niemand muss sich im Materialteil verzetteln, um die Grundgedanken des Yoga zu verstehen.

Nach der ausführlichen Einleitung in die Baghavad-Gita zeigt Georg Weidinger an vier einfachen Zeichnungen den Inhalt des inneren Teil dieses religiösen Hauptwerks, das sich nun tatsächlich dem Yoga widmet.

Hier zuerst das Inana Yoga, das Yoga des wahren Wissens. Darauf folgt das Bhakti-Yoga, als des Weges der Hingabe die darin bestaht, das eigene Selbst aufzugeben.

Hierauf folgt das Karma-Yoga, als dessen Vertreter exemplarisch Mahatma Ghandi genannt wird. Es ist das Yoga, dass darum bestrebt ist, die Anhaftung an den Besitz loszulassen.

Die vierte Form ist das Raja-Yoga, das Yoga der Meditation.

Ein wahrer Yogi ist somit ein Spezialist für Meditation, ein Meister sozusagen.

Hierzu als Beispiel ein Zitat der Bhagavad-Gita: Krsna sagt: „Für Strebende, den den Berg spirituellen Gewahrseins erklimmen wollen, ist der Pfad selbstloses Wirken; für jene, die zum Yoga aufgestiegen sind, ist das Pfad Stille und Frieden.“ (Zitat siehe S. 99)

Zugleich wird hierbei auch mitgeteilt, dass die verschiedenen Wege einander nicht im Weg stehen oder gegeneinander konkurrieren. Der eine kann das eine besser, die andere das andere.

Das der Weg zum Buddhismus hier nicht weit ist, dürfte Kundigen klar sein. Hierzu wird nun kurz die Gründungslegende des Buddha-Wesens erzählt, die Siddharta selbst überliefert hat. Da er eigentlich ein indischer Prinz war, ist hiermit zugleich der Weg zum Ursprung gelegt. Doch die Religion ist eine andere. Während der Hinduismus verschiedene Götter kennt, sogar sehr viele, kommt der Buddhismus ganz ohne Gott aus. Es ist die erste atheistische Religion.

Auf dem langen Weg, den der ehemalige Prinz Siddharta nachYoga seiner Umkehr zurückgelegt hat, setzt er sich bekanntlich unter einen Baum, um dann dort die Erleuchtung zu erfahren. Buddha ist es allein durch Meditation gelungen, das Nirvana zu finden, das Reich, „in dem es keinen Verfall und keinen Tod gab“ (S. 115).

So wird aus Gautama der Buddha, der Erleuchtete. Sein Weg ist so also exemplarisch. Jeder und jede kann zum Buddha werden.

Nun noch zwei kurze Ausblicke in je eine Gedankenwelt, die nicht direkt vom Hinduismus abstammt, dem Daoismus und dem Christentum.

Anhand zweier Zeichnungen wird gezeigt, wird die Polarität von Yin und Yang in der Altchinesischen Philosophie verstanden wird:

Als Bild steht dafür die Vorstellung eines sonnenbeschienenen Hügels, bei dem die sonnige, helle Seite das Yang ist, die dunkle Seite das Yin.

Die Jesustradition bezieht Weidinger aus dem Thomasevangelium und greift damit schon Gedanken der ganz frühen Mystik auf, die aber wahrscheinlich von Jesus selbst inspiriert sind. Anhand einer Skizze kann man sich das System dieses Denkens erklären.

Wenn es sich dabei auch um einen spirituellen Weg handelt, der dem Geist Anteil an Gott und der Ewigkeit gibt, so liegt die Parallele zum Yoga auf der Hand.

Jesus ist also nach dem Thomasevangelium der exemplarische Lichtmensch. Er zeigt den Weg auf, den aber nun auch jeder und jede gehen kann.

 

Jesu Predigt vom Reich Gottes gilt heute, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2021

Zu:

Claus Petersen: 21 Entdeckungen, Was Jesus wirklich lehrte, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2020, gebunden, 224 Seiten, ISBN 978-3-579-06616-5, Preis: 20,00 Euro (print)

Claus Petersen (geb. 1952) hat trotz (oder wegen?) seiner freikirchlichen Prägung schon zur Schulzeit sein Interesse für die Theologie entdeckt und war daher auch an einem altsprachlichen Gymnasium. Er studierte in Erlangen und Heidelberg und war eine Zeitlang Assistent für Altes Testament.

Als evangelischer Pfarrer verfolgte er einen eindeutigen, streitbaren Kurs. Er hat sich in seiner Predigt und Gotteslehre allein nach der Botschaft Jesu gerichtet, der Gegenwart des Reiches Gottes. Er war Mitgründer der ökumenischen Initiative „Heaven on Earth“ und veröffentlichte in Publik Forum 2007 den Aufruf „Wie Jesus an das Reich Gottes glauben.“

Während die persönliche Ebene des Themas im ersten Kapitel entfaltet wird, wird das Thema des Buches im zweiten Kapitel exegetisch näher erläutert.

21 Spruchtexte Jesu

Die 21 Spruchtexte Jesu, die im weiteren Verlauf des Buches einzeln erläutert werden, sind eine Auswahl aus der Überlieferung der Evangelien, die der Autor aus exegetischen Gründen dem historischen Jesus zuschreiben möchte. (Diese Methode hält man allerdings in der Theologie für problematisch, da es kaum Kriterien gibt, die eine solche Rückfrage nach der originalen Jesusüberlieferung rechtfertigen kann. d. Rez.)

Dass Claus Petersen vor allem die Reich Gottes Verkündigung für authentisch hält, dürfte in der Theologie Unterstützung finden. Was die Stärke des Buches ist, sich auf die „wahre“ Lehre Jesu zurückzugehen ist allerdings auch befremdlich. Der selektierende Umgang mit den biblischen Texten am Beispiel des Vater Unsers und der Seligpreisungen im Detail ist nicht leicht einzusehen.

Reich Gottes gegenwärtig

Die besondere Ausprägung, von der Petersen ausgeht, ist die Aussage, dass das Reich Gottes gegenwärtig ist. Es geht Jesus darum, „im Reich Gottes zu existieren, und zwar im hier und jetzt…“ (S. 44).

Die Mitte seiner Botschaft ist das „Genug“. Es ist eine Botschaft, die sich gegen den Reichtum richtet, gegen das „Zuviel“. Unserem heutigen System des Kapitalismus widerspricht die Politik Jesu.

Der Hauptteil des Buchs besteht darin, die vom Autor als authentisch gelesenen Jesustexte zu interpretieren. Allerdings bin ich von diesem Hauptteil enttäuscht. Es handelt sich nämlich bei diesen Texten eher um predigtartigen Meditationen. Die exegetischen Begründungen, die ich erwartet hätte, werden hier einfach vorausgesetzt. Diese hätte man aber nach der durchaus aufregenden Einleitung anders erwartet.

Das Buch ist im Hauptteil wie ein Lied mit 21 Strophen, die alle nach der gleichen Melodie gesungen werden. Schade um den aufregenden Ansatz von der revolutionären Botschaft Jesu, der nun vom Mittelteil her in der Luft hängt.

Ostern – Fest der Auferstehung, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2021

Zu:

Jürgen Moltmann: Auferstanden in das ewige Leben, Über das Sterben und Erwachen einer lebendigen Seele, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2020, gebunden, 110 Seiten, ISBN: 987-3-579-06602-8, Preis: 12,00 Euro (print)

 

Jürgen Moltmann (geb. 1926!) hat seiner „Theologie der Hoffnung“ mit diesem Essay über Tod und Auferstehung einen neuen Aspekt hinzugefügt: das Leben nach dem Tod. Der Tod seiner Frau Elisabeth Moltmann-Wendel hat den Professor em. für systematische Theologie bewegt, den Aspekt der Todeserfahrung neu zu bedenken.

Tod als Ereignis ist uns Menschen eigentlich immer der Tod anderer. Für Jürgen Moltmann reichen die beiden Glaubensaussagen des „ewigen Lebens“ und der „Auferstehung der Toten“ nah aneinander. Sie deuten sich gegenseitig. Die Ewigkeit wird dabei nicht zeitlich gedacht. Sie ist die „Fülle des Lebens“. Schon in der Mystik ist von gegenwärtiger Ewigkeit die Rede gewesen.

Auferstehung Jesu

Der Begriff Auferstehung ist zunächst wie schon bei Paulus (1. Korinther 15) von der Auferstehung Jesu her zu klären.

Hierbei ist die Deutung des Todes Jesu, der Kreuzigung, von dem Verschwinden seines Leichnams ausgegangen. Wichtig ist aber dabei nach Moltmann, bei dem leeren Grab nicht stehen zu bleiben, sondern eher so etwas wie das Pfingstwunder als Auferstehungserfahrung Jesu zu deuten: Die „Einzigartigkeit der neuen Wirklichkeit“ (S. 23) zeigt sich in Jesu Erscheinungen.

„Sieg“ über den Tod

Da damit zugleich „die Hölle“ überwunden ist, wird die Auferstehung als „Sieg“ über den Tod gedeutet, Jürgen Moltmann bringt dies sogar mit der Hölle der Vernichtung jüdischer Menschen (Majdanek) in Verbindung: „Die auferstandenen jüdischen Kinder, die dort ermordet wurden, kamen im Nebel auf mich zu.“ (S. 29) (Es ist schon berechtigt zu fragen, ob Moltmann hier nicht Kategorien verwechselt. Die Ermordung steht einfach im Raum und kann nicht ungeschehen gemacht werden. Das gilt auch für die Kreuzigung. Im Buch „Der gekreuzigte Gott“ verbindet Moltmann die Auferstehung stärker mit der Kreuzigung als hier. D. Rez.)

So gesehen, werden also die mit symbolischen Begriffen aufgeladenen Kreuzigungsüberlieferungen verständlich. Die Deutungen der Kreuzigung Jesu z. B. als Leiden des „Gottesknechts“ sind von der Auferstehung Jesu her motiviert. Jesus ist lebendig, aber ohne, dass dadurch sein Tod ungeschehen gemacht wird.

In der Anwendung des Auferstehungsbegriffs auf die menschlich allgemeine Ebene greift Jürgen Moltmann m. E. auf die Vorstellung der katholischen Kirche zurück von der Unsterblichkeit der Seele und der unmittelbaren Auferstehung. Es ist schon die Frage, ob man protestantisch gedacht nicht besser mit der dogmatischen Überlieferung zurechtkommt, wenn man die Glaubensartikel nicht so stark aneinander bezieht, wie Moltmann das hier macht und wie es wohl auch in der Trinitätslehre vorgeprägt ist, die aber nicht urchristlich ist.

 

Erfahrung des Todes fordert eine Antwort

Ich denke allerdings, dass es auch eine allgemeine Todesvorstellung ist, dass der verstorbene Mensch doch noch irgendwo da ist (d. Rez.).

Die Erfahrung des Todes fordert eine Antwort auf die Frage, ob die Verstorbenen jetzt direkt nach dem Tod auferstanden sind und in einer etwas anderen Wirklichkeit weiterleben.

Der Essay des hochbetagten Theologen Jürgen Moltmann ist von persönlichen Erfahrungen und theologischen Reflexionen geprägt. Dabei wagt er es immer wieder auch, wie von ihm gewohnt, theologische Wege zu verlassen, um sich auf eigene Denkwege zu begeben.

Die vielen Bibeltexte und Gesangbuchverse lassen mich dieses Buch fast ein wenig zu einer Erbauungsliteratur rechnen, wobei sich eben dies auch als gelungen zeigt. Glaubensaussagen und theologisches Denken sind miteinander im Dialog.

Wie im Himmel, so auf Erden, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2021

Zu:

Jan-A. Bühner: Jesus und die himmlische Welt, Das Motiv der kultischen Mittlung zwischen Himmel und Erde im frühen Judentum und in der von Jesus ausgehenden Christologie, Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2020, Softcover, 488 Seiten, ISBN: 978-3-7720-8725-7, Preis: 98,00 Euro (print)

Dr. Jan-A. Bühner war bis zu seinem Ruhestand Pfarrer, Dekan und Generalsekretär der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart. Das vorliegende Buch entstand bereits im Jahr 1983 als Vorlage für eine Habilitation, wurde aber erst 2020 veröffentlicht. Klaus Berger, Prof. em. aus Heidelberg, schreibt in seinem Geleitwort, dass diese Arbeit heute gebraucht wird, um die Ergebnisse der Qumranforschung inhaltlich klarer einordnen zu können. Klaus Berger schreibt: Vor allem sollte der jüdischen Himmelssymbolik Gerechtigkeit widerfahren …. Und Jesus redet schließlich vom „Himmelreich“. (S.14)

Um einen kleinen Eindruck dieser Arbeit zu vermitteln, gebe ich einige Beobachtungen aus dem Anfangsteil wieder, der die Thematik in der Erforschung des Neuen Testaments verortet.

Jesus: dem Himmel zugehörig

Theologiegeschichtlich ist der Himmel seit der Aufklärung unwichtig bzw. rational rein zeitlich gedeutet worden. Es gilt aber als sicher, dass sich Jesus nach dem neutestamentlichen Zeugnis als dem Himmel zugehörig versteht.

Diese Beobachtung des Autors wird in der Übersicht über die Konzepte der Eschatologie in der neutestamentlichen Exegese um und seit 1900 gegeben. Darin wird der Himmel entweder temporal verschoben oder rational erklärt (z. B. nach Bousset, Schweitzer, Bultmann u. a. ).

Der Gott der Mystik wohne nicht im Tempel, sondern im Herzen.

Die durch die neuere Exegese abgelöste religionsgeschichtliche Schule sei wieder neu zu würdigen, da hier die Gegensätze zwischen Eschatologie (Zukunft) und Mystik (Gegenwart) aufgehoben zu sei scheinen. Er schreibt z. B.: „Der Gott der Mystik wohne nicht im Tempel, sondern im Herzen.“ (S. 40)

Auch der bekannte Neutestamentler Ernst Lohmeyer habe auf die Bedeutung der „Zukunftstheologie des 2. Tempels“ für die Jesustradition hingewiesen (vgl.S.45).

Jedenfalls geht die Ausdrucksweise, die Jesus als Erhöhten ansieht, auf Formulierungen der jüdischen Mystik zurück. Hier heißt es, die Aufgabe des Tempels sei die Vermittlung zwischen Himmel und Erde, eine Aufgabe, die später auf Jesus bezogen wird.

Im zweiten Teil des Buches wird die jüdische Literatur der Spätantike herangezogen. Der dritte Teil widmet sich der frühchristlichen Literatur im Neuen Testament und auch darüber hinaus.

„Sohn“ aus dem „Haus des Vaters“

Die Ausdrucksweise vom „Sohn“ aus dem „Haus des Vaters“ wird als jüdische Formulierung vor allem in den Texten von Jesu Taufe herausgestellt. Die Ausdrucksweise vom „Menschensohn als himmlischer Hoherpriester“ zeigt inhaltlich die Verbindung zum jüdischen Kultgeschehen, aber auch schon die Abstraktion und Umwandlung.

Die Eschatologie hat nach Bühner schon in der Person Jesu „präsentifizierende Züge“, da seine Verbindung zum Himmel bzw. zum Vater in den Evangelien seine Wort- und Handlungsmacht verdeutlicht.

An dieser Stelle taucht eine Bemerkung zu Jakobus auf, die die Familie Jesu in den Blick nimmt und in der dieser auch als Zeuge die Bedeutung Jesu ernst nimmt. Jan-A. Bühner schreibt hier: „Das christologische Zeugnis des Jakobus weist ausdrücklich auf den Menschensohn. Der Menschensohn, der zur Rechten der Großen Kraft thront, also zur unmittelbaren Sphäre der Heiligkeit Gottes gehört, überhöht offenbar die Verbindungskraft des Tempels bzw. begründet sie neu, und schafft ein neues ungenealogisches Priestertum.“ (S. 440).

Ein kurzes Nachwort aus dem Jahr 2020 greift einige aktuelle Veröffentlichungen auf, die einzelne Beobachtungen Bühners verstärken, z. B. indem sie auf einen frühjüdischen Baptismus hinweisen. Das Nachwort ist aber m. E. zu kurz. Denn da der Bearbeitungszustand des Buches auf dem Stand von 1983 ist, hätte hier eine ausführlichere Bearbeitung erfolgen sollen, die z. B. auch die Arbeiten von Peter Schäfer einbezieht, dessen frühe Veröffentlichungen schon in der Literaturliste genannt sind. Auch die von Klaus Berger genannte gründlichere Kommentierung einzelner Stellen aus Qumran oder anderer Texte wäre interessant. Die Verbindung und der Dialog zwischen Judentum und Christentum steht immer wieder auf der Tagesordnung und kann gewiss nicht mit den Prädikaten „alt“ und „neu“ passend beschrieben werden.

Vielleicht ist das Zeugnis des Urchristentums „älter“ als man in der Redeweise vom alten und neuen Bund vorspiegelt. Bezeichnend wäre vor diesem Hintergrund die Frage, warum damals diese doch interessante und ausführliche wie wissenschaftlich gründliche Habilitation abgelehnt worden ist. Wurde in der Politik der theologischen Fakultäten dieses Thema bewusst unterdrückt? (Wenn ich zu dieser Frage einen Kommentar erhalte, ergänze ich die Rezension entsprechend. d. Rez.) Ich selbst habe in den späten siebziger Jahren in Münster die Auseinandersetzungen in der Fachbereichspolitik an der Uni Münster miterlebt. Jan-A. Bühner und dem Verlag sind zu danken, dass diese Arbeit nun doch noch veröffentlicht worden ist. Die Debatte um den jüdischen Jesus ist damit wieder neu eröffnet.

Jesus neu zu hören, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2021

Zu:

Gerhard Marcel Martin: Das Thomas-Evangelium, Ein spiritueller Kommentar, Radius Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-87173-160-9, Preis: antiquarisch

Ich habe das Buch, das im Jahr 1998 erschienen ist, antiquarisch erworben, weil ich einen wissenschaftlichen, aber zugleich verständlichen Kommentar zum Thomasevangelium gesucht habe. In einer kurzen Rezension möchte ich das Ergebnis meiner Lektüre zusammenfassen.

Die Schriftfunde von Nag Hammadi in Ägypten, zu denen auch das Thomasevangelium gehört, standen lange im Schatten derer von Qumran und sie lassen sich klar dem Christentum zuordnen, gehören aber eher zur koptischen Tradition. Auch die Einordnung in die Gnosis wurde immer wieder versucht, aber auch der jüdische Kontext ist zu berücksichtigen.

Erst Klaus Berger und Christiane Nord haben die Schriften in den Zyklus des Neuen Testaments und ihrer Umgebung eingeordnet. (siehe Hinweis unten, Anmerkung des Rez.).

Nach einer kurzen Einleitung werden hier alle Sprüche des Thomasevangeliums interpretiert. Gerhard Marcel Martin (geb. 1942) ist em. Professor für Praktische Theologie. Er ist unabhängig von einer Deutung vor dem Hintergrund der Gnostik, orientiert sich eher am Kontext innerhalb der Spruchsammlung und berücksichtigt die inhaltlichen Parallelen in den Evangelien. Dadurch wird deutlich, dass die Sprüche des Thomasevangeliums dem biblischen Befund nicht fremd sind.

Das Thomas Evangelium steht den Evangelien des NT sehr nahe, aber ohne wie diese in einem Erzählzusammenhang zu stehen. Mir persönlich wird hier bewusst, dass ich religiöse Worte als reine Spruchsammlung nicht so leicht erinnere wie die Sprüche des Neuen Testaments, die in einem Erzählzusammenhang stehen.

Die Sprüche des Thomasevangeliums sind von besonderer Prägnanz. Die Beziehung zum Judentum ist klar lesbar, drängt sich aber nicht auf. Antijüdisch sind die Texte nicht, deuten aber die Tradition dennoch von einem selbstständigen Denken her.

Die Interpretation Martins ist daher nicht immer definitiv und abgeschlossen, sondern oft einfach nur reflektierend und offen. Das Einzige, was mich etwas wundert, ist, dass Gerhard Marcel Martin feststellt, das Thema der Sprüche Jesu im Thomasevangelium sei Religion. Die religiösen Bezüge zur israelitischen Tradition sind eher selten. Ich finde hier den Jesus, den ich schon in den biblischen Evangelien geschätzt habe. Er zieht den Glauben in die Welt hinein und verknüpft diese damit.

Ein Beispiel ist das Gleichnis von der Perle (Spruch 76): “Jesus sprach: Das Reich des Vaters gleicht einem Kaufmann, der eine Warenladung hatte (und) eine Perle fand. Der kluge Kaufmann verkaufte die Warenladung; er kaufte sich einzig die Perle.

Sucht auch für euch nach dem Schatz, der nicht vergeht, der bleibt, dem Ort, in den keine Motten eindringen um zu fressen und (in dem) kein Wurm zerstört.“ (S. 241)

Die Bilder des Gleichnisses scheinen nach Martin eher gegen Altruismus zu sprechen. Egoismus im Sinn der Religion Jesu findet bedeutungsvolle Symbole und Bilder für das Selbst, für den Sinn des Lebens. Religion deutet Leben. Die Gestalt der Perle (des Lebens) ist jeweils verschieden, ihr innerer Leib aber wiedererkennbar.

Im Neuen Testament wird Jesu Botschaft auf sein Leben bezogen, im Evangelium des Thomas geht es allein um die Botschaft Jesu, deren Bedeutung für jeden Lebensalltag verständlich ist.

Hinweis: Eine knappe Einleitung in das Thomasevangeliums geben auch Klaus Berger und Christiane Nord in dem Buch: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Insel Verlag, Frankfurt/Main und Leipzig 1999, S.644. Sie ordnen die Entstehungszeit in die Zeitspanne 70 bis 80 n.Chr. ein.