Das Geheimnis von frühmittelalterlichen Glaubenszeugnissen in Religion, Kunst und Literatur, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2025

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Tobias Daniel Wabbel: Jesus und der heilige Gral, Auf der Suche nach dem Abendmahlskelch, Bassermann Verlag im Penguin Random House Verlag, München 2025, gebunden, 256 Seiten, ISBN 978-3-8094-5123-5,

Preis: 9,99 Euro (print), eBook (Amazon), 6,99 Euro

Während es bei anderen Büchern Tobias Daniel Wabbels (Der Templerschatz, 2020 und Die Templerkathedrale 2023) um die verlorenen Schätze des Templerordens geht, spürt er hier die Ursprünge historischer und religiöser Erzählungen auf und unterzieht sie einem Wahrheitscheck.

Wie präsent kann Jesus heute sein?

In einer Zeit, in der das Leben und Wirken Jesu und der frühen Gemeinden schon über 1000 Jahre zurücklag, kam eine ungeheure Nachfrage nach Gegenständen auf, die die Erzählungen der Bibel vergegenwärtigen konnten und auf eher primitive Art beweisen sollten. Wie viele Nägel des Kreuzes Jesu und dessen Holzsplitter, wie viele Blutstropfen, Lanzen und Tücher konnten die Wahrheit der biblischen Botschaft verdeutlichen?

War etwa der schlichte Kelch des Ludgerus, der heute in der Schatzkammer in Essen-Werden ist, schon in der Hand Jesu beim Abendmahl (Bild 1 des Rezensenten)?

Um die Umstände des Abendmahls und ihre glaubwürdige Überlieferung besser bewerten und verdeutlichen zu können, orientiert sich der Autor am Ablauf der jüdischen Festmahlzeit, gleichwohl wissend, dass diese im Talmud erst später schriftlich notiert worden ist. Wie viele Theologinnen und Theologen nimmt er einfach an, dass dieser Ablauf schon eine längere Tradition besaß und daher auch für die begleitende Mahlzeit vor Jesu Kreuzigung vorausgesetzt werden kann. Vielleicht war der Kelch ja dann auch schon früh aufgefunden worden und in Jerusalem, dem Ort der späteren Grabeskirche sicher verschlossen bewahrt worden. Aber, stopp, Tobias Daniel Wabbel betont damit auch zu Recht, dass mit sogenannten Sedermahl vier verschiedene Kelche eine Rolle spielen, wobei über dreien der Segen gesprochen wird und der vierte der neuen Mahlzeit nach der Vollendung des Reiches Gottes vorbehalten bleibt.

Dann hätten es also mindestens drei verschiedene Kelche gegeben, die Jesus in der Hand hatte. Hierzu findet sich ein liturgischer Kamm, der sehr detailliert aus Elfenbein geschnitzt ist in der Domschatzkammer des Essener Münsters. (Foto des Rezensenten). Dort ist sind auf der Darstellung des Abendmahltisches 12 Jünger mit Jesus versammelt und zur Mahlzeit kommen auf den Tischen verteilt insgesamt vier Kelche zum Einsatz.

Wer oder was ist der Heilige Gral?

Warum ist dann aber trotzdem von dem einen heiligen Gral die Rede? Nach den Nachforschungen des Wissenschaftsjournalisten Wabbels war dieser Kelch, bzw. diese Schale überdies keineswegs aus Metall geformt, sondern aus einem Edelstein geschnitzt worden. Was die Sache dann noch kompliziert macht, ist, dass die Leserinnen und Leser nun einen Gegenstand suchen, mit dem bei der Kreuzigung Jesu das Blut Jesu aufgefangen worden sein soll. Dazu findet Tobies Daniel Wabbel viele noch erhaltene Kirchenausmalungen von Schottland bis Dänemark, wozu damals auch noch die Insel Rügen gehörte. Dorthin führte zuletzt die Erkundungsreise, in die der Autor die Lesenden führt. Hier findet er auch den Namen Graal/Gral, meist mit zwei „a“ geschrieben in diversen Ortsnamen wie Graal-Müritz und anderen.

Um mehr über den heiligen Gral zu erfahren, werden dazu im Mittelteil des Buches die Gralslegenden und Gralsbücher über König Artus von Chretién de Troyes und Wolfram von Eschenbach und dessen Hauptgestalt Parceval oder eingedeutscht Parsival angeführt.

Die Frage ist, ob es bei so vielen unterschiedlichen Hinweisen und Bezügen eine einheitliche Antwort geben kann und ob das Ergebnis des Buches gerade darin liegt, dieses Dilemma festzustellen. Der Volksmund sagt ja zu Recht, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. Ein Weg wäre es vielleicht, die ganze Thematik der christlichen Traditionsgeschichte zuzuordnen und dann festzustellen, dass es den einen Kelch gar nicht mehr geben kann. Doch dieses Fazit lässt der Autor offen, sondern weist lediglich darauf hin, dass wir durch unsere Suche selbst der Gestalt des Gekreuzigten näher gekommen sind, um dann zugleich festzustellen, dass sich eben nicht mehr alles in eine andere Zeit übertragen lässt.

Die Spannung zwischen Wort und Erfahrung.

Hier käme m. E. die Religion in Spiel, die anhand der biblischen Überlieferung Inhalt und Erzählung vergegenwärtigt, ohne damit zugleich zu behaupten, dass man genau weiß, wie es damals wirklich war. Dann wird die Wahrheit in der Gegenwart erfahrbar, ohne beweisen zu wollen, was damals geschah. Ich gebe Tobias Daniel Wabbel darin recht, dass sich schon vergangene Generationen an der Tradition abgemüht haben und sie in ihren jeweilig eigenen Kontext gestellt haben. Diese Vorgänge aufzuspüren in Literatur, Kunst und Religion ist wahrlich spannend. Und ist nicht eben genau dieses die Wahrheit der Auferstehung Christi, die uns fassungslos am leeren Grab stehen lässt, mit nichts anderem als der Zusage, dass Jesus immer da ist, wo wir an ihn denken, mit und ohne Kelch.

Ein anderer Papst-Nachruf, Eine Predigt, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Foto: Annett Klingner (C)

Predigt über 1. Petrus 1,1 am Sonntag nach Ostern, Quasimodogeneti 2025

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“

 

Liebe Gemeinde,

die Kirche und die Welt gedenken des Todes von Papst Franziskus und nehmen von ihm Abschied. Es geht mir heute nicht darum, die große Aufmerksamkeit, die Papst Franziskus zurecht bekommt zu ergänzen oder gar mir anzumaßen, sein Pontifikat zu beurteilen. Mir geht dieser Papst nicht aus dem Sinn, wenn ich den Wochenspruch von Quasimodogeneti lese (siehe Predigttext), komme ich auf sein zeichenhaftes Wirken und die damit verbundene Hoffnung für die Verlorenen dieser Welt zurück. Ja, Papst Franziskus hat mich beeindruckt, weil er ein Protestmensch gegen die Mächte des Todes war. Laut und deutlich hat er seine Stimme erhoben, zuletzt sicherlich eine gebrochene Stimme, von Krankheit gezeichnet, als er zwei Tage vor seinem Tod J.D. Vance, dem katholischen Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, die Leviten las in Hinblick auf die menschenverachtende Trump-Praxis der Abschiebung von Migranten und Illegalen. Eine verlogene Praxis, da diese Menschen mit ihrer Arbeitskraft einen Teil des Wohlstands der Amerikaner produzieren.

Unsere Welt braucht nichts so sehr wie Menschen, die sich gegen die Todesenergien der Zerstörung von (sozialen) Werten stellen. Der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten ist und bleibt ein Widerstandshort gegen Ideologien, einem Kapitalismus und einer Politik, die alle sozialen Werte auffrisst und den Menschen zur Sache degradiert. Wenn wir eine lebendige Hoffnung haben, dann lassen wir uns unseren Glauben nicht nehmen, dann treten wir für das Leben ein.

Entkirchlichung

Wir spüren deutlich als Gemeinde, dass wir in entkirchlichten Zeiten leben. Ein Beispiel:

Wenn jüngst von allen angeschriebenen Eltern zur Anmeldung ihrer Kinder zum Konfirmandenunterricht nur ein drittel der Eltern ihre Kinder anmeldet, erleben wir den Abbruch von einer noch vor 25 – 30 Jahren stabilen evangelischen Tradition. Es war selbstverständlich, dass evangelische Kinder zum Konfiunterricht geschickt wurden. Heute werden die Jugendlichen selbst gefragt, ob sie konfirmiert werden wollen. Das muss nicht schlecht sein, aber es braucht doch eine positive Haltung der Eltern zur Konfirmation und dem Kennenlernen von Gemeinde.  Diese Haltung ist weitgehend verschwunden. Dem größten Teil der Eltern ist es scheinbar egal, obgleich sie bei der Taufe versprochen haben, ihr Kind christlich zu erziehen. Aber das ist lange her. Alles, was mit Glauben zu tun hat, ist für die meisten unserer Mitmenschen völlig bedeutungslos geworden. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch hat in unseren drei Predigtstätten ebenfalls im letzten Jahrzehnt stark nachgelassen. Längst nicht mehr lassen sich alle Evangelischen kirchlich bestatten. Es ist ihnen und ihren Familien nicht mehr wichtig. Sie sehen darin keinen Mehrwert. Auch einer Kirche anzugehören gilt für immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft als obsolet. Das soll keine Bewertung sein, einfach eine nüchterne Beschreibung, was wir als Lydia-Gemeinde erleben.

Glaubens- und Nachfrageschwund

Der schwindende Glaube und die Nachfrage nach unseren Angeboten sind die eigentlichen Probleme, die wir als Kirche haben, nicht wie wir unsere Gebäude und anderen Aufgaben bezahlen können. Das ist sekundär. Der Abbau, Rückbau und Umnutzung von Gebäuden werden uns als Lydia-Gemeinde noch lange beschäftigen. Die Kirche ist aber mehr als eine Ansammlung von Gebäuden und Veranstaltungen. Sie ist eine Hoffnungsgemeinschaft, eine Erzählgemeinschaft, welche Sinn stiftet und einen Schatz hat, den die Welt nicht bieten kann. Von daher stellt sich die Frage, wie wir Hoffnung vermitteln, verkündigen und leben. Wie kommen wir aus einer zunehmend depressiven und erstarrten Haltung heraus?

Zeichenhaftes Wirken von Franziskus

Hier hat der Papst zeichenhaft für alle christliche Kirchen gewirkt. Trotz seines Eingehegt-Seins in einer Weltkirche durch die katholische (Dogmen-)Tradition und gegensätzlichen Strömungen einer Weltkirche, in die Kurie und eine schwerfällige Verwaltung ist es ihm gelungen den wesentlichen Auftrag der Kirche in der Nachfolge Jesu Christi zu leben und die Kirche in Bewegung zu bringen: Barmherzigkeit und Solidarität

Barmherzigkeit ist Solidarität mit den Vergessenen

Wenn wir auch nur ein dunkler Spiegel der Barmherzigkeit Gottes sind, so strahlen wir doch, wenn Barmherzigkeit von Herzen kommt, Hoffnung in die Kirche und in die Welt aus. Wenige Tage vor seinem Tod ermutigte Papst Franziskus Missionare eines Ordens mit den Worten: „Barmherzigkeit ist die größte Umarmung Gottes.“  Das können wir wahrhaft von diesem Papst als Gemeinde lernen. Barmherzigkeit zu leben, nicht weil wir das so gut können, sondern weil wir Gottes Barmherzigkeit in unserem Leben in der Gemeinschaft erfahren und auch gegen den Augenschein glauben, auch, weil der Geist der Barmherzigkeit uns die Augen öffnet über die eigene Befindlichkeit hinaus, hin zu denen, die nicht gesehen werden.

Barmherzigkeit stiftet Hoffnung, investiert in Menschen trotz Enttäuschungen. Barmherzigkeit sucht den Frieden, weil töten unbarmherzig ist. Barmherzigkeit sucht das Lebensrecht aller Kreatur, damit Unterdrückung, Ausbeutung und Zerstörung ein Ende haben.

Lebendige Hoffnung

Wir brauchen eine neue Geburt, eine Wieder-Geburt des Geistes Jesu in uns, dass die Hoffnung wieder in uns lebt und neu entfacht wird. Das ist Auferstehung. Die Auferstehung Jesu von den Toten ist unser Hoffnungskern gegen Verzweiflung, Alternativlosigkeit, Einsamkeit, Gewalt und Krieg, und gegen einen totalitären Kapitalismus, der keine Freiheit bringt, sondern am laufenden Band Verlierer produziert. Wir aber sind Gewinner, weil wir zu Jesus gehören. Wir sind wie neugeborene Kinder, neugierig auf eine Welt, die Gott uns verheißt: sein Reich. Wir sind verliebt in gelingendes Leben. Das gilt auch für uns als Gemeinde. Mag vieles sterben. Mag vieles nicht mehr funktionieren. Mag vieles sich verändern. Mögen wir darunter leiden, aber das ist nicht das Ende. Gott ist verliebt in Neuanfänge. Auch mit uns oder mit denen, die nach uns kommen.

Jesus neu zu hören, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2021

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Gerhard Marcel Martin: Das Thomas-Evangelium, Ein spiritueller Kommentar, Radius Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-87173-160-9, Preis: antiquarisch

Ich habe das Buch, das im Jahr 1998 erschienen ist, antiquarisch erworben, weil ich einen wissenschaftlichen, aber zugleich verständlichen Kommentar zum Thomasevangelium gesucht habe. In einer kurzen Rezension möchte ich das Ergebnis meiner Lektüre zusammenfassen.

Die Schriftfunde von Nag Hammadi in Ägypten, zu denen auch das Thomasevangelium gehört, standen lange im Schatten derer von Qumran und sie lassen sich klar dem Christentum zuordnen, gehören aber eher zur koptischen Tradition. Auch die Einordnung in die Gnosis wurde immer wieder versucht, aber auch der jüdische Kontext ist zu berücksichtigen.

Erst Klaus Berger und Christiane Nord haben die Schriften in den Zyklus des Neuen Testaments und ihrer Umgebung eingeordnet. (siehe Hinweis unten, Anmerkung des Rez.).

Nach einer kurzen Einleitung werden hier alle Sprüche des Thomasevangeliums interpretiert. Gerhard Marcel Martin (geb. 1942) ist em. Professor für Praktische Theologie. Er ist unabhängig von einer Deutung vor dem Hintergrund der Gnostik, orientiert sich eher am Kontext innerhalb der Spruchsammlung und berücksichtigt die inhaltlichen Parallelen in den Evangelien. Dadurch wird deutlich, dass die Sprüche des Thomasevangeliums dem biblischen Befund nicht fremd sind.

Das Thomas Evangelium steht den Evangelien des NT sehr nahe, aber ohne wie diese in einem Erzählzusammenhang zu stehen. Mir persönlich wird hier bewusst, dass ich religiöse Worte als reine Spruchsammlung nicht so leicht erinnere wie die Sprüche des Neuen Testaments, die in einem Erzählzusammenhang stehen.

Die Sprüche des Thomasevangeliums sind von besonderer Prägnanz. Die Beziehung zum Judentum ist klar lesbar, drängt sich aber nicht auf. Antijüdisch sind die Texte nicht, deuten aber die Tradition dennoch von einem selbstständigen Denken her.

Die Interpretation Martins ist daher nicht immer definitiv und abgeschlossen, sondern oft einfach nur reflektierend und offen. Das Einzige, was mich etwas wundert, ist, dass Gerhard Marcel Martin feststellt, das Thema der Sprüche Jesu im Thomasevangelium sei Religion. Die religiösen Bezüge zur israelitischen Tradition sind eher selten. Ich finde hier den Jesus, den ich schon in den biblischen Evangelien geschätzt habe. Er zieht den Glauben in die Welt hinein und verknüpft diese damit.

Ein Beispiel ist das Gleichnis von der Perle (Spruch 76): “Jesus sprach: Das Reich des Vaters gleicht einem Kaufmann, der eine Warenladung hatte (und) eine Perle fand. Der kluge Kaufmann verkaufte die Warenladung; er kaufte sich einzig die Perle.

Sucht auch für euch nach dem Schatz, der nicht vergeht, der bleibt, dem Ort, in den keine Motten eindringen um zu fressen und (in dem) kein Wurm zerstört.“ (S. 241)

Die Bilder des Gleichnisses scheinen nach Martin eher gegen Altruismus zu sprechen. Egoismus im Sinn der Religion Jesu findet bedeutungsvolle Symbole und Bilder für das Selbst, für den Sinn des Lebens. Religion deutet Leben. Die Gestalt der Perle (des Lebens) ist jeweils verschieden, ihr innerer Leib aber wiedererkennbar.

Im Neuen Testament wird Jesu Botschaft auf sein Leben bezogen, im Evangelium des Thomas geht es allein um die Botschaft Jesu, deren Bedeutung für jeden Lebensalltag verständlich ist.

Hinweis: Eine knappe Einleitung in das Thomasevangeliums geben auch Klaus Berger und Christiane Nord in dem Buch: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Insel Verlag, Frankfurt/Main und Leipzig 1999, S.644. Sie ordnen die Entstehungszeit in die Zeitspanne 70 bis 80 n.Chr. ein.

Glosse zum Dortmunder Kirchentag 2019, Niklas Fleischer, Dortmund 2019

Als Teilnehmer des Kirchentages 2019 in Dortmund habe ich ein großartiges und buntes Fest erlebt.

Der öffentliche Nahverkehr war mit der Dezentralität der Veranstaltungsorte zwar etwas überfordert, im Großen und Ganzen hat die Organisationsarbeit für mich aber gut funktioniert. Vom Mittwoch den 19.07. bis zum Sonntag den 23.07. war es somit rund 100000 Besuchern möglich, ein friedliches Fest zu feiern.

Dennoch habe ich nach dem Kirchentag im Rückblick einige Zweifel an Themen, die sich für mich wie ein roter Faden durch den Kirchentag gezogen haben (inklusive Eröffnungs- und Abschlussgottesdienst).

Ich formuliere Punkte bewusst ironisch überspitzt:

„Wir verdammen AfD-Politiker und -Wähler und möchten uns nicht näher mit ihnen auseinandersetzen.“

„Wir möchten uns nur in unserer eigenen Meinung bestärken, alles andere soll bitte vor der Tür bleiben!“

Auch Wirtschaftsmigration und Flucht war ein großes Thema, auf das ich im folgenden Text aber nicht weiter eingehen möchte, da dies den Rahmen dieser kurzen Glosse sprengen würde. „Glosse zum Dortmunder Kirchentag 2019, Niklas Fleischer, Dortmund 2019“ weiterlesen

Ostern, wie es gewesen sein könnte, Leserbrief, Christoph Fleischer, Welver 2019

Der folgende Leserbrief bezieht sich auf einen Artikel im Deutschen Pfarrerblatt 4/2019, ist aber m. E. auch ohne Kenntnis dieses Artikels lesbar.  Wer Ergänzungen oder Korrekturen dazu einbringen möchte, ist herzlich zur Kommentierung auf dem Blog eingeladen.

Leserbrief zum Artikel „Ostern – Jesus in neuem Licht“ von Ernst Vielhaber, Deutsches Pfarrerblatt Heft 4/2019 (Christoph Fleischer):

Die Kreuzigung des Messias ist das Ereignis, die Auferstehung seine weitergehende Deutung und, wie es der sog. Missionsbefehl ja auch zeigt, Impuls zur Nachfolge und Bildung von Gemeinschaften. Die Deutung der Auferstehung von 1. Korinther 15 als eines geistlichen Leibes, keiner Wiederbelebung des Körpers ist nicht nur sachgemäß, sondern historisch auch eine ältere Tradition als die der Evangelien.

Meine Gedanken gehen nach der Lektüre einiger jüdischer und judaistischer Schriften noch etwas weiter. Ich verzichte hier auf die entsprechenden Stellennachweise.

Als Indiz dient für mich die sogenannte Auffindung des Kreuzes im dritten bzw. vierten Jahrhundert durch Helena, der Mutter des Kaiser Konstantin. Da über der heiligen Stätte ein römisches Heiligtum errichtet worden ist, war das Areal überbaut und konnte 300 Jahre unberührt bleiben. Dort steht heute die Grabeskirche in Jerusalem. Der Ort des Grabes und des Kreuzes befinden sich beide im Bereich dieser Kirche und sind so sehr nahe beieinander.

Auch jüdische Zeugnisse bezeugen die Richtigkeit dieser räumlichen Nähe. Damals lag der Kreuzigungshügel direkt an einem Gräberfeld außerhalb der Altstadt. Berichte, dass Gekreuzigte am Tag vor dem Sabbat vorübergehend in Privatgräbern untergebracht wurden, sind plausibel und werden durch die Kreuzigungsgeschichte Jesu bestätigt. Jedenfalls wurde streng darauf geachtet, dass Gekreuzigte nicht über den Ruhetag am Galgen verblieben.

Hinzu sollte die Beobachtung kommen, die in den Evangelien möglich, wenn auch in der späteren Tradition verdrängt worden ist: Jesus war kein Superstar, sondern am Tag der Kreuzigung einer von vielen bzw. mehreren. Massenhinrichtungen in Form von Kreuzigungen erscheinen mir eher bei politischen Konflikten oder Unruhen plausibel, d.h. wenn die Bestrafung besonders sichtbar sein sollte. Ich frage mich schon länger, wieso bislang niemand (?) den bei Josephus erwähnten Pilgeraufstand mit der Kreuzigung Jesu in Verbindung bringt.

Da die Kreuze in einer Reihe standen, waren jeweils zwei Hingerichtete neben ihm. Wer aber sagt, dass diese die einzigen waren, wie es die meisten Kreuzigungsgemälde darstellen?

Am Abend des Sabbattages war der Feiertag ja schon vorüber, bei uns Samstagabend. Erst nach dem Sabbat wurden die Leichname der Hingerichteten in das für Hingerichtete vorgesehene Massengrab gebracht, das sich in der Nähe des Kreuzigungshügels befand. (Die Identifizierung des sog. Gartengrabes mit dem Grab Jesu ist also hinfällig). Nur die Freunde und Verwandten Jesu wussten das nicht und haben einen Leichenraub vermutet. Dass das Grab in der morgendlichen Frühe des ersten Tages der Woche bereits geräumt war, war den aus Galiläa stammenden Frauen (bzw. den Evangelisten) nicht bekannt, die noch zum jüdischen Privatgrab gingen, um den Leichnam Jesu zu salben.

Diese Skizze beruht auf einer Kombination der aus den Evangelien bekannten Überlieferungen mit historischen Zeugnissen und Überlieferungen, wie z. B. bei Josephus.

Was ansonsten über die Auferstehung zu sagen ist, hat Ernst Vielhaber plausibel zusammengefasst. Ergänzend sollte man sich vielleicht fragen, welche Märtyrerverehrung die judaistischen Christinnen und Christen mit der Hinrichtung Jesu verbanden. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und mich fragen, ob sich die Osterverkündigung der Evangelien nicht sogar mit der judenchristlichen Deutung verbinden lässt, in der der Tod Jesus mit dem Untergang des Volkes Israel im Jahr 70/71 parallel zu deuten ist.

Das Bekenntnis zum Auferstandenen wäre dann die subversive Deutung der Auferstehung des Gekreuzigten als Vorstellung für die Auferstehung des Judentums, wie sie ja später dann auch erfolgt ist.

Die mehr individualistische Deutung, die das Christentum geprägt hat, wäre parallel dazu im Bereich des „heidenchristlichen“ Judentums erfolgt, das man besser das hellenistische Judenchristentum nennen sollte. Man sollte einmal vor dem Hintergrund dieser zugegeben konstruktiven Deutung die Schriften der apostolischen Väter lesen, wie z. B. die Abendmahlsworte der Didache, wo es um die Sammlung der ausgestreuten Früchte geht, also um die Heimkehr der Diaspora.

Es geht also nicht nur darum, die antijudaistischen Spuren der christlichen Tradition in den biblischen Schriften aufzuspüren, sondern auch darum, ihre ursprüngliche Lesart zu rekonstruieren. Eine spannende Arbeit für die Theologinnen und Theologen der Zukunft.