„Der Rest ist Rauschen“, Rezension von Markus Chmielorz, Dortmund 2021

Rezension zu: Raabe, M., (2021), Die letzten Stunden Walter Benjamins, Eine Rekonstruktion und eine Wanderung, Leipzig: Trottoir Noir, URL: http://www.trottoirnoir.de/?page_id=472, [2021-07-31]

Zeitgleich wird die Rezension auch hier veröffentlicht: http://frei-und-gleich.de/2021/08/01/der-rest-ist-rauschen/

 

334 Seiten, 323 Fußnoten, drei Teile, eine Vorbemerkung und ein Anhang, dazwischen eine Zeitspanne von kaum zwei Tagen, in denen dieser kleine Band mich in seinen Bann gezogen hat. Marcel Raabe ist Literaturwissenschaftler, Soziologe und Historiker, und nur aus diesem Dreiklang konnte dieser kleine Band so entstehen, wie er vor uns Leser*innen liegt.

 

Marcel Raabe macht es dem Rezensenten leicht, seine Rezension mit nur einem Wort zu beginnen und abzuschließen: Lesen!

 

Akribisch hat der Autor Quellen gesichtet und zusammengetragen, die das einlösen, was der Titel verspricht, in „Die letzten Stunden“ Walter Benjamins einzutauchen. Was so rational, mit einem scheinbaren Übergewicht an Kognition daherkommt: links, gerade Seiten, der Text des Buches und rechts, ungerade Seiten der „Fußnoten-„apparat, das entwickelt mit dem Verstreichen der erzählten Zeit und dem Verstreichen der Zeit, die die Lesenden brauchen, einen quasi mimetischen Sog. Kursiv gedruckt: Die erzählte Zeit der (abgebrochenen) Wanderung des Autors auf der Fluchtroute Walter Benjamins in umgekehrter Richtung, zurück vom katalanischen Portbou über die Ausläufer der Pyrenäen ins französische Banyuls-sur-Mer.

Foto: Markus Chmielorz

Der Autor ruft auf die Bühne: Walter Benjamin und Freund*innen, Fluchthelfer*innen, Weggefährt*innen, zufällig Beteiligte, Täter*innen und den langen Schatten des Faschismus, der sich todbringend über Europa und die Welt gelegt hatte. Und so spinnt er aus den Fäden der vielen Erzählungen einen Strang vom Morgen des 24. September 1940 bis zum Freitag, dem 27. oder Samstag, dem 28. September 1940, was mit der Grablegung endet (vorerst, denn danach beginnt die Geschichte davon, wie Benjamins Tod in die Welt kommt), beginnt mit Begegnung Walter Benjamins und seiner Fluchthelferin Lisa Fittko. Marcel Raabe macht Geschichte anhand seines akribischen Quellenstudiums plausibel: der Tod Walter Benjamins kein Mord, sondern eine Entscheidung für Suizid angesichts der für ihn ausweglosen Lage im katalanischen Grenzort (mehr soll an dieser Stelle nicht nacherzählt werden, um den Leser*innen die eigene geradezu kriminalistische

[Nach-]Arbeit zu ermöglichen); unterschiedliche Angaben über den Todeszeitpunkt verschiedenen bekannten und unerkannt gebliebenen Erzähler*innen geschuldet; Archive ziehen um, Spuren verlieren sich; aus Walter Benjamin wird Benjamin VValter (Abnm.: ein deutsches W gibt es im Spanischen nicht, d. Redakteur).

 

Auf Walter Benjamins Grabstein in Portbou, zu dem es gar kein Erdgrab gibt, auch nicht gab, steht: „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.“ Ein Zitat Walter Benjamins, Über den Begriff der Geschichte. Benjamin zeigt sich darin als ein früher Vertreter des systemischen Denkens, der begriffen hat, dass diejenigen, die so gekonnt Kultur von Barbarei zu unterscheiden gewohnt sind, das eine nicht ohne das andere haben können. Was also gepflegt, bebaut und vereehrt werden will (die lateinischen Bedeutungen des Wortes „colere, von dem sich unser Wort „Kultur“ ableitet), schlägt um in Unmenschliches, Rohes, Grausames. Von dieser Grenze spricht Walter Benjamin, der seine letzte Grenze am Coll de Rumpisó in den Pyrenäen fliehend, mühsam, auf- und absteigend überschreitet. Hatte er da die (angebliche) Manuskriptaktentasche dabei, das Geschriebene, dessen Rettung ihm fast wichtiger war als seine eigene?

 

Hören wir zum Abschluss erst Marcel Raabe, dann Benjamin selbst und einen Nachruf von Berthold Brecht:

 

„Das Fragmentarische als Form ist eigentlich ein Resultat der Unterbrechung wie der Tod Benjamins einen Abschluss des Passagenwerks unterbrach.“ (S. 312)

 

„Aber die Lumpen, den Abfall: die will ich nicht inventarisieren, sondern sie auf die einzig mögliche Weise zu ihrem Rechte kommen lassen: sie verwenden.“ (Walter Benjamin, Das Passagen-Werk I, 576)

 

„WB

selbst der wechsel der

jahreszeiten

rechtzeitig erinnert

hätte ihn zurückhalten

müssen

 

der anblick neuer gesichter

und alter auch

 

neuer gedanken heraufkunft

und neuer schwierigkeiten“ (Berthold Brecht)

 

 

Marcel Raabe

http://www.marcelraabe.de

 

Meine Wanderung von Banyuls-sur-Mer nach Portbou im Februar 2015 auf der sogenannten Ruta Walter Benjamin

http://frei-und-gleich.de/2015/03/13/1473/ und

http://www.der-schwache-glaube.de/2015/02/19/walter-benjamin-biografische-notiz-markus-chmielorz-dortmund-2015/

 

Weitere Texte von Christoph Fleischer und mir zu Walter Benjamin

http://frei-und-gleich.de/2019/10/01/kafka-benjamin-brecht-1934/

http://frei-und-gleich.de/2019/08/11/mit-walter-benjamin-unterwegs-rezension/

 

Beide Texte auch hier

Die eingeschriebenen Spuren des Faschismus – Kafka, Benjamin und Brecht 1934, Markus Chmielorz, Dortmund 2019

Mit Walter Benjamin unterwegs, Rezension von Markus Chmielorz, Dortmund und Christoph Fleischer, Welver 2019

 

 

Ausstellung in Hamburg: Raffael (1483-1520), Hinweis 1, Christoph Fleischer, Welver 2021

Julius II. in der Werkstatt Raffaels / ‚Le pape Jules II venant voir les cartons des fresques destinées à la ‚Stanza della Segnatura‘ (Vatican) – 1508′, 1910

Hiermit möchte ich auf eine andere interessante Ausstellung hinweisen, die nur noch bis zum 3. Oktober in der Hamburger Kunsthalle gezeigt wird: „Raffael, Wirkungen eines Genies“. In der Zeitschrift „Magazin , Freunde der Kunsthalle“ (Frühjahr 2021) wird auf einer Doppelseite ein Bild des bekannten Gemäldes Raffaels gezeigt „Schule von Athen“. Doch das ist kein Foto, sondern die Abbildung einer Gouache von Louis Jacoby (1828 – 1918), der das Wandgemälde des Vatikans auf 64,5 bis 91,5 cm malerisch kopiert hat. Eine Fotografie könnte kaum genauer sein als dieses Bild. Dieses Bild ist jedoch lediglich die Vorlage für einen Kupferstich, der dann allerdings wohl in schwarz-weiß veröffentlicht worden ist.

Kupferstich 1882

Wer ein bisschen im Internet stöbert, findet eine Fotografie des Originals aus dem Vatikan auf zeno.org, das hier ergänzt werden kann, da es gemeinfrei ist:

 

http://www.zeno.org/Kunstwerke/B/Raffael%3A+Stanza+della+Segnatura%3A+Die+Schule+von+Athen

Ein kleiner Einblick in das Leben Raffaels ist das Reclam-Büchlein: Georgio Vasari: Das Leben des Raffael von Urbino.

Vasari, Giorgio: Das Leben des Raffael von Urbino, Hrsg.: Kanz, Roland, Reclam Verlag, Stuttgart 2020, 144 S. 22 Farbabb., ISBN: 978-3-15-019653-3, Preis: 7,00 Euro

Dieser Text stammt aus einer regelrechten Sammlung von Biografien, die Georgio Vasari im Jahr 1568 herausgegeben hat. Dieses Werk wurde im 19. Jahrhundert von Adeline Seebeck (1799 – 1874) anonym übersetzt und in sechs Bänden herausgegeben. Der Text des Reclam-Buches ist mit zahlreichen farbigen Abbildungen der Werke Raffaels illustriert, mit der Angabe des Aufbewahrungsortes der jeweiligen Werke. Über die berühmte sixtinische Madonna aus der Gemäldegalerie Dresden, auch hier abgebildet, verliert Vasari nur einen Satz, während er die Ausgestaltung der Stanza im Vatikan ausführlich kommentiert, nicht nur die oben gezeigte „Schule von Athen“ sondern derer genau gegenüber das ebenso monumentale Werk „Disput über das Sakrament“.

Interessant ist im Fortgang der Darstellung zu lesen, wie Raffael nicht nur immer bekannter und angesehener, sondern auch schlicht reicher wurde. Leider starb er mit nur 37 Jahren vermutlich an Syphilis, Vasari meinte jedenfalls, er hätte sich bei einer seiner zahlreichen Geliebten angesteckt. Ich würde mich mal fragen, ob Raffael Bildnisse seiner Geliebten auch in den zahlreichen Gemälden untergebracht hat, auch da, wo es sich eigentlich nur um Männer handeln kann, wie bei der „Schule von Athen“. Zur Hochzeit kam es jedenfalls nicht mehr, obwohl er inzwischen verlobt war. Seine Verlobte wurde, wie es bei Vasari heißt, reichlich abgefunden.

 

Die Aktuelität von Joseph Beuys, Rezension, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

zu:

Philip Ursprung: Joseph Beuys, Kunst Kapital Revolution, Verlag C.H.Beck, München 2021, gebunden, 336 Seiten, mit 116 Abbildungen ISBN 978-3-406-75633-7

Philipp Ursprung legt zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys eine geschichtlich orientierte Schau von Beuys Werken vor. Dabei begrenzt er sich auf 24 Schauplätze und stellt überzeugend die Entwicklung von Beuys´ Kunst anhand der gesellschaftlichen Fragen und Themen der sechziger bis achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts dar. Beuys wird hier als ein Künstler gezeichnet, der intuitiv mit seinen Werken den Finger in die gesellschaftlichen Wunden legt. Dabei geht es Beuys nicht um die Deutung seiner Werke, sondern sie sollen irritieren, provozieren, Fragen, Nachdenken und Handeln anstoßen. In 24 Tableaus – anlehnend an die 24 Stationen der Beuys-Ausstellung im Jahr 1979 im Guggenheim-Museum in New-York, die Beuys Weltruhm begründete – entfaltet Ursprung seinen Kunstführer. Methodisch geht Ursprung anders als die meisten Veröffentlichungen über Beuys vor. Nicht von Beuys Biographie her, sondern aus einer rückblickend größeren geschichtlichen Perspektive, stellt er das Gesamtwerk von Beuys dar. Sein zeitlicher Abstand zu Beuys Blütezeit führt zu äußerst interessanten Fragestellungen und Thesen, die die Rezeption von Beuys weiter beschäftigen wird. Ursprung versucht nachzuweisen, dass Beuys´ Ausgangspunkt seiner Kunst eine starke europäische Konnotation hat, was die Wurzeln und das Ziel eines europäisch versöhnten Miteinanders betrifft. Rückblickend wird erkennbar, wie hellsichtig Beuys mit vielen seiner Projekte war. Beuys sprach schon von einer Kommunikation der Pflanzenwelt untereinander, als diese heute wissenschaftlich belegte These noch als rein esoterisch galt. Seine „Stadtverwaldungskunst“, 7000 Eichen mit Basaltstelen in Kassel aufzustellen, ist nicht als grüner Aktionismus zu sehen, um moralisch gut dazu stehen, sondern eine genuine Weiterentwicklung der Beschäftigung von Beuys mit der Frage, wie Kunst unter die Menschen kommt und sich im wahrsten Sinn des Wortes ausbreitet und wächst. Welche Energie ist nötig und wie geraten Menschen in Energiefelder, damit Transformation geschieht? An einem „Spinatökologismus“, wie Beuys es treffend sagt, hatte er kein Interesse (S.289). In einer Zeit, wo die Kunst wieder in den Kunsthallen verschwand oder in großen monumentalen Objekten sichtbar wurde, wählte Beuys mit der Pflanzung der 7000 Eichen mit Basaltsteinen einen ganz anderen Weg. Kunst ist Menschwerdung in Raum und Zeit. Sie hat keinen Selbstzweck. Sie will etwas (Politisches) Hervorrufen. (23. Tableau: Feldarbeit, << Notfalls komme ich als Baum.>> (S.279-289)

Ähnlich intensiv wie auf Beuys´ Kunstbegriff geht Ursprung auf seine Kritik an der kapitalistischen Ökonomie ein, so im 18. Tableau: (Inflation und Arbeitslosigkeit) und im 21. Tableau: (Preis und Wert). Auch weist Ursprung nach, dass Beuys beiden Systemen, Kapitalismus und Sozialismus, kritisch gegenübersteht, Gewalt in jeder Form ablehnt und dennoch an Transformation der Gesellschaft glaubt und dafür arbeitet. (Siehe 11. Tableau: Das Gespenst der Revolution; 13. Tableau: Massenuniversität; 20. Tableau: Europäisches Parlament.)

Mir gefällt es, dass Ursprung im ersten Kapitel seine Vorgehensweise erklärt und sich auch eindeutig positioniert, ob Beuys nun ein verkappter Rechter war oder nicht. Weiter beeindruckt mich, dass Ursprung den Geniekult um Beuys entmythologisiert, gleichzeitig aber sein Gesamtwerk für die zeitgenössische Kunst und die Bedeutung von Kunst in der Gesellschaft würdigt. Der Visionär Beuys wird hier geerdet. Ferner geht Ursprung sehr persönlich an das Buchprojekt heran. Er schreibt von seinen Eindrücken und Beobachtungen, manchmal recht assoziativ. Das macht das Buch sehr lesefreundlich, da hier kein wissenschaftlicher Jargon gepflegt wird, sondern der Autor erkennbar bleibt. Natürlich belegt Ursprung seine Quellen, und seine Auseinandersetzung mit anderen Meinungen wird deutlich. Ich fühle mich von Ursprung im besten Sinn des Wortes an die Hand genommen und zur eigenen Auseinandersetzung mit Beuys angeregt. Im Dschungel der Beuys-Rezeption schlägt Ursprung eine hilfreiche Schneise. Das Buch hat das Zeug zu einem Standardwerk. Zahlreiche Schwarz-weiß-Fotos und die Ästhetik des Buches werden vermutlich zu einer weiten Verbreitung beitragen. C.H. Beck hat ein hochwertiges Buch zum 100. von Joseph Beuys auf den Markt gebracht. Alle Bibliophilen werden ihre Freude daran haben.

Mehr als ein Blumenstrauß, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2021ö

Zu: Toon Horsten: Der Pater und der Philosoph, Die abenteuerliche Rettung von Husserls Vermächtnis, Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas, Verlag Galiani (Kiepenheuer und Witsch), Berlin 2021, gebunden, 288 Seiten, Namensregister und Bibliographie, ISBN: 978-3-86971-211-6, Preis: 24,00 Euro

Auf einem Familienfoto, und zwar dem der Profess seiner Tante, findet der Autor Toon Horsten das Bild des Paters Herman Leo van Breda (1911 – 1974). Aus der Spurensuche nach der Bedeutung dieses Franziskaners wurde das Buch, das in Belgien als Bestseller bekannt wurde und nun in deutscher Übersetzung erschienen ist. Der Philosoph, um den es im Titel geht, ist Edmund Husserl aus Freiburg, über dessen Werk der genannte Pater ab 1936 in Leuven (Löwen, die flämische Schreibweise wird im Buch durchgehalten, d. Rez.) promoviert.

Rettung eines philosophischen  Nachlasses

1935 war Husserl aufgrund der sog. Rassegesetze der NS-Diktatur zwangsemeritiert worden und erhielt zum Abschied aus der Universität von der Familie Heidegger einen Blumenstrauß als Zeichen der Dankbarkeit. Ein öffentlicher Dank war dem Schüler Husserls und Nachfolger auf dessen Lehrstuhl nicht möglich.

Husserl selbst starb schon kurz nach dieser Verabschiedung im Jahr 1938. Van Breda war inzwischen nach Freiburg gereist, um im Archiv Husserls zu forschen und erhielt diese Nachricht. Was ihm übrig blieb, war die Kenntnisnahme des umfangreichen Nachlasses, den es nun aus Furcht vor der Zerstörungswut der Nazis zu retten galt. Diese Rettung ist in der Tat abenteuerlich. Hier soll die Rezension der Lektüre nicht vorgreifen.

Das Buch von Toon Horsten geht in diesem Zusammenhang auch inhaltlich auf die Methode der Phänomenologie und ihre Bedeutung ein und macht Leserinnen und Leser mit dem international wirkenden Kreis der Schüler und Schülerinnen Husserls bekannt.

Das daraus entstehende Husserls-Archiv hat dementsprechend auch verschiedene Standorte: Köln, Freiburg, Prag, Leuven und Paris in Europa und weitere in den USA.

Trotz der Bemühungen um das Verstecken des Nachlasses und später auch der Bibliothek Husserls, mussten gleichzeitig die Manuskripte ausgewertet und entziffert werden. Hierbei wurde van Breda zur Schlüsselfigur, da er als einziger das Versteck kannte. Es blieb tatsächlich über die gesamte Kriegszeit hin unentdeckt.

Biographie als wissenschaftliche Erzählung

Das Buch von Toon Horsten ist eine wissenschaftliche Erzählung aus einer durch Rassenhass und Krieg bedrohten Zeit. Vor dem Hintergrund dieser antijüdischen Hetze und Verfolgung nimmt die Rettung der Papiere und die Gründung des Husserls Archivs die Gestalt einer Betonung der Freiheit des Denkens in der Philosophie an. Und dies geschah unter der Ägide eines katholischen Ordensgeistlichen, der auch den Rückhalt seines Bischofs besaß.

Er wird zum Motor dieser Bemühungen. Es gelang ihm auch, die Witwe Husserls zum Umzug nach Leuven zu bewegen. Sie war inzwischen zum katholischen Glauben konvertiert. Sie wohnte mit Ihrer Haushaltshilfe in einem Trakt eines Frauenklosters. Eine Weiterfahrt in die USA, wo die Kinder zwischenzeitlich lebten, war nicht mehr möglich.

Es ist ein wenig eine Geschichte nach dem Muster von Anne Frank und Schindlers Liste, genauso aber auch eine Erzählung über die Bedeutung und Wertschätzung der Methode Husserls, die sich später bis in die Kreise der französischen Existenzialisten verfolgen lässt.

Rettung jüdischen Kulturguts

Die Rolle der Kirche als Retterin des Kulturguts der Philosophie sollte nicht unerwähnt bleiben. Übrigens wurde in diesem Zusammenhang auch das Archiv der inzwischen in einen katholischen Orden eingetretenen Edith Stein gerettet und wird seitdem auch vom Husserls Archiv herausgegeben. Der Versuch, die Ordensfrau und Lehrerin selbst zu retten misslang allerdings, wohl weil sie den Weg in die Vernichtung bewusst auf sich genommen hat, auch um ihre Schwester zu begleiten. Sie starb am 9. August 1942 in Auschwitz.

Das Buch endet streng biografisch mit dem recht frühen Tod des Protagonisten im Jahr 1974. In einem Nachwort wird die weitere Geschichte von Husserls Archivs kurz skizziert. Es ist ein spannendes Buch, wie es nur das Leben selbst schreiben kann.

Religiöse Quellen erschließen und auf Gemeinsamkeiten stoßen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2021

 

Zu: Georg Weidinger: Welt-Yoga, Der Weg des wahren Selbst, OGTCM Verlag, Forchtenstein, Österreich 2020, gebunden, drei Lesebändchen, 512 Seiten, ISBN 9783966986724, Preis: 25,90 Euro (print)

 

Link: http://ogtcm.at/ogtcm-verlag/

Der Autor dieses Buches Georg Weidinger (geb. 1968) ist praktizierender Allgemeinmediziner, dazu praktizierender Yoga-Lehrer und Autor. Er lebt und arbeitet in Wien.

Das Buch bietet nicht nur eine gründliche Einführung in die Basistexte des hinduistischen Yoga, sondern auch eine Sicht auf parallele Traditionen anderer Religionen und Philosophien. Das Buch lebt von seinen Grafiken, die vermutlich im Rahmen der Erwachsenenbildung entstanden sind. Sie wirken nicht durch Ihre künstlerische Ausgestaltung, sondern wegen ihrer inhaltlichen Klarheit. Daher biete ich in dieser Rezension eine Kostprobe aus der illustrierten Religionsgeschichte.

Die Grafik „Der Weg des Buches“ zeigt nicht nur Entwicklungslinien verschiedener Quellen auf, sondern bietet damit zugleich eine Begründung für den Aufbau des Buches. Von den Urpanischaden (1500 v. Chr.) geht der Weg zur Baghavad-Gita (1000 v. Chr.). Darauf folgt ein Blick auf die Zeit, in der weltweit neue Denkformen verbreitet wurden. Buddha ist noch als Entwicklung aus den hinduistischen Ursprüngen zu deuten. Doch unabhängig davon ist die Rede vom Daodejing, von Laotse und Platon. Dann folgt die Zeit Jesu und des Christentums, mit seinen mystischen Strömungen. Zwischen dem Sufismus des Islams und dem Zenbuddhismus in Japan stehen Formen des Tantra und des Sivasutra in Indien. Wobei der Autor wieder nach Europa überleitet und Franz von Assisi, Meister Eckhart und Strömungen der Moderne berührt, in denen das Yoga eine regelrechte Wiedergeburt erlebt.

Was das Buch reizvoll aber zugleich schwierig macht, sind die eng am Sanskrit angelegten Übersetzungen der religiösen Urtexte. Wollte man streng sein, so hätte man sich vielleicht sogar eine Zweiteilung gewünscht in einen kürzeren Teil der Darstellung und einen ausführlichen Materialteil. Niemand muss sich im Materialteil verzetteln, um die Grundgedanken des Yoga zu verstehen.

Nach der ausführlichen Einleitung in die Baghavad-Gita zeigt Georg Weidinger an vier einfachen Zeichnungen den Inhalt des inneren Teil dieses religiösen Hauptwerks, das sich nun tatsächlich dem Yoga widmet.

Hier zuerst das Inana Yoga, das Yoga des wahren Wissens. Darauf folgt das Bhakti-Yoga, als des Weges der Hingabe die darin bestaht, das eigene Selbst aufzugeben.

Hierauf folgt das Karma-Yoga, als dessen Vertreter exemplarisch Mahatma Ghandi genannt wird. Es ist das Yoga, dass darum bestrebt ist, die Anhaftung an den Besitz loszulassen.

Die vierte Form ist das Raja-Yoga, das Yoga der Meditation.

Ein wahrer Yogi ist somit ein Spezialist für Meditation, ein Meister sozusagen.

Hierzu als Beispiel ein Zitat der Bhagavad-Gita: Krsna sagt: „Für Strebende, den den Berg spirituellen Gewahrseins erklimmen wollen, ist der Pfad selbstloses Wirken; für jene, die zum Yoga aufgestiegen sind, ist das Pfad Stille und Frieden.“ (Zitat siehe S. 99)

Zugleich wird hierbei auch mitgeteilt, dass die verschiedenen Wege einander nicht im Weg stehen oder gegeneinander konkurrieren. Der eine kann das eine besser, die andere das andere.

Das der Weg zum Buddhismus hier nicht weit ist, dürfte Kundigen klar sein. Hierzu wird nun kurz die Gründungslegende des Buddha-Wesens erzählt, die Siddharta selbst überliefert hat. Da er eigentlich ein indischer Prinz war, ist hiermit zugleich der Weg zum Ursprung gelegt. Doch die Religion ist eine andere. Während der Hinduismus verschiedene Götter kennt, sogar sehr viele, kommt der Buddhismus ganz ohne Gott aus. Es ist die erste atheistische Religion.

Auf dem langen Weg, den der ehemalige Prinz Siddharta nachYoga seiner Umkehr zurückgelegt hat, setzt er sich bekanntlich unter einen Baum, um dann dort die Erleuchtung zu erfahren. Buddha ist es allein durch Meditation gelungen, das Nirvana zu finden, das Reich, „in dem es keinen Verfall und keinen Tod gab“ (S. 115).

So wird aus Gautama der Buddha, der Erleuchtete. Sein Weg ist so also exemplarisch. Jeder und jede kann zum Buddha werden.

Nun noch zwei kurze Ausblicke in je eine Gedankenwelt, die nicht direkt vom Hinduismus abstammt, dem Daoismus und dem Christentum.

Anhand zweier Zeichnungen wird gezeigt, wird die Polarität von Yin und Yang in der Altchinesischen Philosophie verstanden wird:

Als Bild steht dafür die Vorstellung eines sonnenbeschienenen Hügels, bei dem die sonnige, helle Seite das Yang ist, die dunkle Seite das Yin.

Die Jesustradition bezieht Weidinger aus dem Thomasevangelium und greift damit schon Gedanken der ganz frühen Mystik auf, die aber wahrscheinlich von Jesus selbst inspiriert sind. Anhand einer Skizze kann man sich das System dieses Denkens erklären.

Wenn es sich dabei auch um einen spirituellen Weg handelt, der dem Geist Anteil an Gott und der Ewigkeit gibt, so liegt die Parallele zum Yoga auf der Hand.

Jesus ist also nach dem Thomasevangelium der exemplarische Lichtmensch. Er zeigt den Weg auf, den aber nun auch jeder und jede gehen kann.