Dietrich Bonhoeffer: Das Gebetbuch der Bibel, Bad Salzuflen 1940

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Eine Einführung in die Psalmen, zuerst erschienen im MBK-Verlag Bad Salzuflen 1940, spätere Ausgaben im Hänssler-Verlag und in den Dietrich Bonhoeffer Werken, Band 5, inzwischen gemeinfrei.

In aktuelle Rechtschreibung gesetzt von Christoph Fleischer, Welver 2017

„Herr, lehre uns beten!“

So sprachen die Jünger zu Jesus. Sie bekannten damit, dass sie von sich aus nicht zu beten vermochten. Sie müssen es lernen. Beten-lernen, das klingt uns widerspruchsvoll.  Entweder ist das Herz so übervoll, dass es von selbst zu beten anfängt, sagen wir, oder es wird nie beten lernen. Das ist aber ein gefährlicher Irrtum, der heute freilich weit in der Christenheit verbreitet ist, als könne das Herz von Natur aus beten.  Wir verwechseln dann Wünschen, Hoffen, Seufzen, Klagen, Jubeln – das alles kann das Herz ja von sich aus – mit Beten. Damit aber verwechseln wir Erde und Himmel, Mensch und Gott. Beten heißt ja nicht einfach das Herz ausschütten, sondern es heißt, mit seinem erfüllten oder auch leeren Herzen den Weg zu Gott finden und mit ihm reden. Das kann kein Mensch von sich aus, dazu braucht er Jesus Christus.

Die Jünger wollen beten, aber sie wissen nicht, wie sie es tun sollen.  Das kann eine große Qual werden, mit Gott reden wollen und es nicht können, vor Gott stumm sein müssen, spüren, dass alles Rufen im eigenen Ich verhallt, dass Herz und Mund eine verkehrte Sprache sprechen, die Gott nicht hören will.  In solcher Not suchen wir Menschen, die uns helfen können, die etwas vom Beten wissen. Wenn uns einer, der beten kann, in sein Gebet mit hineinnähme, wenn wir sein Gebet mitbeten dürften, dann wäre uns geholfen! Gewiss können uns erfahrene Christen hier viel helfen, aber sie können es auch nur durch den, der ihnen selbst helfen muss und zu dem sie uns weisen, wenn sie rechte Lehrer im Beten sind, durch Jesus Christus. Wenn er uns mit in sein Gebet hineinnimmt, wenn wir sein Gebet mitbeten dürfen, wenn er uns auf seinem Wege zu Gott mit hinaufführt und uns beten lehrt, dann sind wir von der Qual der Gebetslosigkeit befreit. Das aber will Jesus Christus. Er will mit uns beten, wir beten sein Gebet mit und dürfen darum gewiss und froh sein, dass Gott uns hört. Wenn unser Wille, unser ganzes Herz eingeht in das Gebet Christi, dann beten wir recht. Nur in Jesus Christus können wir beten, mit ihm werden auch wir erhört.

So müssen wir also beten lernen. Das Kind lernt sprechen, weil der Vater zu ihm spricht. Es lernt die Sprache des Vaters. So lernen wir zu Gott sprechen, weil Gott zu uns gesprochen hat und spricht. An der Sprache des Vaters im Himmel lernen seine Kinder mit ihm reden. Gottes eigene Worte nachsprechend, fangen wir an zu ihm zu beten. Nicht in der falschen und verworrenen Sprache unseres Herzens, sondern in der klaren und reinen Sprache, die Gott in Jesus Christus zu uns gesprochen hat, sollen wir zu Gott reden und will er uns hören.

Gottes Sprache in Jesus Christus begegnet uns in der Heiligen Schrift. Wollen wir mit Gewissheit und Freude beten, so wird das Wort der Heiligen Schrift der feste Grund unseres Gebetes sein müssen. Hier wissen wir, dass Jesus Christus, das Wort Gottes, uns beten lehrt. Die Worte, die von Gott kommen, werden die Stufen sein, auf denen wir zu Gott finden.

Nun gibt es in der Heiligen Schrift ein Buch, das sich von allen anderen Büchern der Bibel dadurch unterscheidet, dass es nur Gebete enthält.  Das sind die Psalmen. Es ist zunächst etwas sehr Verwunderliches, dass es in der Bibel ein Gebetbuch gibt.  Die Heilige Schrift ist doch Gottes Wort an uns.  Gebete aber sind Menschenworte.  Wie kommen sie daher in die Bibel? Wir dürfen uns nicht irremachen lassen: die Bibel ist Gottes Wort, auch in den Psalmen.  So sind also die Gebete zu Gott – Gottes eigenes Wort? Das scheint uns schwer verständlich. Wir begreifen es nur, wenn wir daran denken, dass wir das rechte Beten allein von Jesus Christus lernen können, dass es also das Wort des Sohnes Gottes, der mit uns Menschen lebt, an Gott den Vater ist, der in der Ewigkeit lebt. Jesus Christus hat alle Not, alle Freude, allen Dank und alle Hoffnung der Menschen vor Gott gebracht.  In seinem Munde wird das Menschenwort zum Gotteswort, und wenn wir sein Gebet mitbeten, wird wiederum das Gotteswort zum Menschenwort.  So sind alle Gebete der Bibel solche Gebete, die wir mit Jesus Christus zusammen beten, in die er uns hineinnimmt und durch die er uns vor Gottes Angesicht trägt, oder es werden keine rechten Gebete; denn nur in und mit Jesus Christus können wir recht beten.

Wenn wir daher die Gebete der Bibel und besonders die Psalmen lesen und beten wollen, so müssen wir nicht zuerst danach fragen, was sie mit uns, sondern was sie mit Jesus Christus zu tun haben. Wir müssen fragen, wie wir die Psalmen als Gottes Wort verstehen können, und dann erst können wir sie mitbeten. Es kommt also nicht darauf an, ob die Psalmen gerade das ausdrücken, was wir gegenwärtig in unserem Herzen fühlen.  Vielleicht ist es gerade nötig, dass wir gegen unser eigenes Herz beten, um recht zu beten. Nicht was wir gerade beten wollen, ist wichtig, sondern worum Gott von uns gebeten sein will. Wenn wir auf uns allein gestellt wären, so würden wir wohl auch vom Vaterunser oft nur die vierte Bitte beten. Aber Gott will es anders. Nicht die Armut unseres Herzens, sondern der Reichtum des Wortes Gottes soll unser Gebet bestimmen.

Wenn also die Bibel auch ein Gebetbuch enthält, so lernen wir daraus, dass zum Worte Gottes nicht nur das Wort gehört, das er uns zu sagen hat, sondern auch das Wort, das er von uns hören will, weil es das Wort seines lieben Sohnes ist. Da ist eine große Gnade, dass Gott uns sagt, wie wir mit ihm sprechen und Gemeinschaft haben können. Wir können es, indem wir im Namen Jesu Christi beten. Dazu sind uns die Psalmen gegeben, dass wir sie im Namen Jesu Christi beten lernen.

Auf die Bitte der Jünger hat Jesus ihnen das Vaterunser gegeben. In ihm ist alles Beten enthalten. Was in die Bitten des Vaterunsers eingeht, ist recht gebetet, was in ihnen keinen Raum hat, ist kein Gebet. Alle Gebete der Heiligen Schrift sind im Vaterunser zusammengefasst. Sie werden in seine unermessliche Weite aufgenommen. Sie werden also durch das Vaterunser nicht überflüssig gemacht, sondern sie sind der unerschöpfliche Reichtum des Vaterunsers, wie das Vaterunser ihre Krönung und Einheit ist. Vom Psalter sagt Luther: „Er ist durchs Vaterunser und das Vaterunser durch ihn also gezogen, dass man eins aus dem andern sehr fein verstehen kann und lustig zusammenstimmen. “ So wird das Vaterunser zum Prüfstein dafür, ob wir im Namen Jesu Christi beten oder im eigenen Namen. Es hat darum guten Sinn, wenn der Psalter in unser Neues Testament meist mit hineingebunden wird. Er ist das Gebet der Gemeinde Jesu Christi, er gehört zum Vaterunser.

Die Beter der Psalmen

Von den 150 Psalmen werden 73 dem König David zugeschrieben, 12 dem von David angestellten Sangmeister Asaph, 12 der unter David wirkenden levitischen Sängerfamilie der Kinder Korah, 2 dem König Salomo, je einer den vermutlich unter David und Salomo tätigen Musikmeistern Heman und Ethan. So ist es verständlich, dass sich der Name Davids in besonderer Weise mit dem Psalter verbunden hat.

Von David wird berichtet, dass er nach seiner heimlichen Salbung zum König zu dem von Gott verworfenen und mit einem bösen Geist geplagten König Saul gerufen worden sei, um ihm auf der Harfe vorzuspielen. „Wenn nun der Geist Gottes über Saul kam, so nahm David die Harfe und spielte mit seiner Hand, so erquickte sich Saul, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm“ (1. Samuel 16,23). Das mag der Anfang der Psalmendichtung Davids gewesen sein. In der Kraft des Geistes Gottes, der mit der Salbung zum König über ihn gekommen war, vertreibt er den bösen Geist durch sein Lied. Kein Psalm aus der Zeit vor der Salbung ist uns überliefert. Erst der zum messianischen König Berufene, aus dem der verheißene König Jesus Christus entstammen sollte, betete die Lieder, die später in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen werden.

David ist nach dem Zeugnis der Bibel als der gesalbte König des erwählten Volkes Gottes ein Vorbild auf Jesus Christus. Was ihm widerfährt, geschieht ihm um deswillen, der in ihm ist und aus ihm hervorgehen soll, Jesus Christus; und das blieb ihm nicht unbewusst, sondern „da er nun ein Prophet war und wusste, dass ihm Gott verheißen hatte mit einem Eid, dass die Frucht seiner Lenden sollte auf seinem Stuhle sitzen, hat er’s zuvorgesehen und geredet von der Auferstehung Jesu Christi“ (Apgostelgeschichte 2,30 f.). David war ein Zeuge Christi in seinem Amt, seinem Leben, seinen Worten. Ja, mehr noch sagt das Neue Testament. In den Psalmen Davids spricht schon der verheißene Christus selbst (Hebräer 2,12; 10,5) oder, wie es auch heißen kann, der Heilige Geist (Hebräer 3,7). Dieselben Worte also, die David sprach, sprach in ihm der zukünftige Messias. Die Gebete Davids wurden von Christus mitgebetet oder vielmehr Christus selbst betete sie in seinem Vorläufer David.

Diese kurze Bemerkung des Neuen Testaments wirft ein bedeutsames Licht auf den ganzen Psalter. Sie bezieht ihn auf Christus. Wie das im einzelnen zu verstehen ist, werden wir noch zu überlegen haben. Wichtig ist für uns, dass auch David nicht nur aus dem persönlichen Überschwang seines Herzens, sondern aus dem in ihm wohnenden Christus heraus betete. Der Beter seiner Psalmen bleibt zwar er selbst, aber in ihm und mit ihm Christus. Die letzten Worte des alten David sprechen das in geheimnisvoller Weise selber aus: „Es spricht David, der Sohn Isais, es spricht der Mann, der hoch erhoben ist, der Gesalbte des Gottes Jakobs, der liebliche Psalmensänger Israels: der Geist des Herrn hat durch mich geredet und seine Rede ist auf meiner Zunge“, und nun folgt eine letzte Weissagung auf den künftigen König der Gerechtigkeit, Jesus Christus (2. Samuel 23,2 ff.).

Damit sind wir wiederum zu der Erkenntnis geführt, die wir früher gewonnen hatten. Gewiss sind nicht alle Psalmen von David, und es gibt kein Wort des Neuen Testamentes, das den ganzen Psalter Christus in den Mund legt. Immerhin müssen uns die genannten Andeutungen wichtig genug für den ganzen Psalter werden, der ja entscheidend mit dem Namen Davids verbunden ist, und von den Psalmen insgesamt sagt Jesus selbst, dass sie seinen Tod und seine Auferstehung und die Predigt des Evangeliums verkündigt haben (Lukas 24,44 ff.).

Wie ist es möglich, dass zugleich ein Mensch und Jesus Christus den Psalter beten? Es ist der menschgewordene Sohn Gottes, der alle menschliche Schwachheit an seinem eigenen Fleisch getragen hat, der hier das Herz der ganzen Menschheit vor Gott ausschüttet, der an unserer Stelle steht und für 1 uns betet. Er hat Qual und Schmerz, Schuld und Tod tief er gekannt als wir. Darum ist es das Gebet der von ihm angenommenen menschlichen Natur, das hier vor Gott kommt. Es ist wirklich unser Gebet, aber da er uns besser kennt als wir selbst, da er selbst wahrer Mensch war uns zugut, ist es auch wirklich sein Gebet, und es kann unser Gebet nur werden, weil es sein Gebet war.

Wer betet den Psalter? David (Salomo, Asaph usw.) betet, Christus betet, wir beten. Wir – das ist zunächst die ganze Gemeinde, in der allein der ganze Reichtum des Psalters gebetet werden kann, es ist schließlich aber auch jeder einzelne, sofern er an Christus und seiner Gemeinde teilhat und ihr Gebet mitbetet. David, Christus, die Gemeinde, ich selber – und wo wir dies alles miteinander bedenken, erkennen wir den wunderbaren Weg, den Gott geht, um uns beten zu lehren.

Namen, Musik, Versgestalt

Die hebräische Überschrift des Psalters heißt so viel wie „Hymnen“. Psalm 72,20 werden alle vorangegangenen Psalmen „Gebete Davids“ genannt. Beides ist überraschend und doch verständlich. Zwar enthält der Psalter auf den ersten Blick weder ausschließlich Hymnen noch ausschließlich Gebete. Trotzdem sind auch die Lehrgedichte oder die Klagelieder im Grunde Hymnen, denn sie dienen dem Lobpreis der Herrlichkeit Gottes, und selbst diejenigen Psalmen, die nicht einmal eine Anrede an Gott enthalten (z. B. 1. 2. 78), dürfen Gebete genannt werden, denn sie dienen der Versenkung in Gottes Gedanken und Willen. „Psalter“ ist ursprünglich ein Musikinstrument und erst in übertragener Weise von der Sammlung der Gebete gebraucht, die Gott als Lieder dargebracht werden.

Die Psalmen, wie sie uns beute überliefert sind, sind großenteils für den gottesdienstlichen Gebrauch in Musik gesetzt. Singstimmen und Instrumente aller Art wirken zusammen. Wiederum ist es David, auf den die eigentliche liturgische Musik zurückgeführt wird. Wie einst sein Harfenspiel den bösen Geist vertrieb, so ist die heilige, gottesdienstliche Musik eine wirksame Kraft, so dass gelegentlich für sie dasselbe Wort gebraucht werden kann wie für die prophetische Verkündigung (1. Chronik 25,2). Viele der schwer verständlichen Überschriften der Psalmen sind Anweisungen für den Musikmeister.  Ebenso das häufige „Sela“ mitten in einem Psalm, das vermutlich ein hier einsetzendes Zwischenspiel bezeichnet. „Das Sela zeigt an, dass man muss stille halten und dem Worte des Psalmes fleißig nachdenken; denn sie fordern eine ruhige und stillstehende Seele, die da begreifen und fassen könne, was ihr der Heilige Geist allda vorhält und einbildet“ (Luther).

Die Psalmen wurden wohl meist im Wechselchor gesungen. Dafür waren sie auch durch ihre Versform besonders geeignet, dergemäß je zwei Versglieder so miteinander verbunden sind, dass sie mit anderen Worten im wesentlichen denselben Gedanken aussprechen. Das ist der sogenannte Parallelismus der Glieder. Diese Form ist nicht zufällig, sondern sie ruft uns dazu auf, das Gebet nicht abbrechen zu lassen, und sie lädt dazu ein, miteinander zu beten. Was uns, die wir hastig zu beten gewöhnt sind, als unnötige Wiederholung erscheint, ist in Wahrheit die rechte Versenkung und Sammlung im Gebet, ist zugleich das Zeichen dafür, dass viele, ja dass alle Gläubigen mit verschiedenen Worten doch ein und dasselbe beten. So fordert uns die Versform noch besonders dazu auf, die Psalmen gemeinsam zu beten.

Der Gottesdienst und die Psalmen

In vielen Kirchen werden sonntäglich oder sogar täglich Psalmen im Wechsel gelesen oder gesungen. Diese Kirchen haben sich einen unermesslichen Reichtum bewahrt, denn nur im täglichen Gebrauch wächst man in jenes göttliche Gebetbuch hinein. Bei nur gelegentlichem Lesen sind uns diese Gebete zu übermächtig in Gedanken und Kraft, als dass wir uns nicht immer wieder zu leichterer Kost wendeten. Wer aber den Psalter ernstlich und regelmäßig zu beten angefangen hat, der wird den anderen, leichten, eigenen „andächtigen Gebetlein bald Urlaub geben und sagen: ach, es ist nicht der Saft, Kraft, Brunst und Feuer, die ich im Psalter finde, es schmeckt mir zu kalt und zu hart“ (Luther).

Wo wir also in unseren Kirchen die Psalmen nicht mehr beten, da müssen wir den Psalter umso mehr in unsere täglichen Morgen- und Abendandachten aufnehmen, jeden Tag mehrere Psalmen möglichst gemeinsam lesen und beten, damit wir mehrmals im Jahr durch dieses Buch hindurchkommen und immer tiefer eindringen. Wir dürfen dann auch keine Auswahl nach eigenem Gutdünken vornehmen, damit tun wir dem Gebetbuch der Bibel Unehre und meinen besser zu wissen, was wir beten sollen, als Gott selbst. In der alten Kirche war es nichts Ungewöhnliches, „den ganzen David“ auswendig zu können. In einer orientalischen Kirche war dies Voraussetzung für das kirchliche Amt. Der Kirchenvater Hieronymus erzählt, dass man zu seiner Zeit in Feldern und Gärten Psalmen singen hörte.  Der Psalter erfüllte das Leben der jungen Christenheit. Wichtiger als dies alles aber ist, dass Jesus mit Worten der Psalmen auf den Lippen am Kreuz gestorben ist. Mit dem Psalter geht einer christlichen Gemeinde ein unvergleichlicher Schatz verloren, und mit seiner Wiedergewinnung werden ungeahnte Kräfte in sie eingehen.

Einteilung

Die Gegenstände, um die es im Psalmengebet geht, wollen wir folgendermaßen einteilen: Die Schöpfung; das Gesetz; die Heilsgeschichte; der Messias; die Kirche; das Leben; das Leiden; die Schuld; die Feinde; das Ende. Es wäre nicht schwer, alle diese Stücke dem Vaterunser einzuordnen und so zu zeigen, wie der Psalter ganz in das Gebet Jesu aufgenommen ist. Um aber nicht dieses Ergebnis unserer Betrachtungen vorwegzunehmen, wollen wir bei der den Psalmen selbst entnommenen Einteilung bleiben.

Die Schöpfung

Die Schrift verkündigt Gott als den Schöpfer Himmels und der Erden. Ihm Ehre, Lob und Dank zu bringen, rufen uns viele Psalmen auf. Es gibt jedoch keinen einzigen Psalm, der nur von der Schöpfung spricht. Immer ist es der Gott, der sich seinem Volk in seinem Wort schon offenbart hat, der als der Schöpfer der Welt erkannt werden soll. Weil Gott zu uns gesprochen hat, weil uns Gottes Name offenbar geworden ist, können wir ihn als den Schöpfer glauben. Sonst könnten wir ihn nicht kennen. Die Schöpfung ist ein Bild der Macht und Treue Gottes, die er uns in seiner Offenbarung in Jesus Christus erwiesen bat. Den Schöpfer, der sich uns als Erlöser offenbart hat, beten wir an. Psalm 8 preist den Namen Gottes und sein gnädiges Tun am Menschen als – von der Schöpfung her unbegreifliche – Krönung seiner Werke. Psalm 19 kann von der Herrlichkeit des Laufes der Gestirne nicht sprechen, ohne sogleich in jähem, unvermitteltem neuem Einsatz der viel größeren Herrlichkeit der Offenbarung seines Gesetzes zu gedenken und zur Buße zu rufen. Psalm 29 lässt uns die furchtbare Gewalt Gottes im Gewitter bewundern, und doch liegt ihr Ziel in der Kraft, dem Segen und dem Frieden, den Gott seinem Volk schenkt. Ps. 104 fasst die Fülle der Werke Gottes ins Auge und sieht sie zugleich als ein Nichts vor ihm, dessen Ehre allein ewig bleibt und der zuletzt die Sünder vertilgen muss.

Die Schöpfungspsalmen sind nicht lyrische Gedichte, sondern die Anleitung für das Volk Gottes, in der erfahrenen Heilsgnade den Weltschöpfer zu finden und zu ehren. Die Schöpfung dient den Gläubigen, und alle Kreatur Gottes ist gut, wenn wir sie mit Danksagung empfangen (1. Timotheus 4,3 f.). Danken aber können wir nur für das, was mit der Offenbarung Gottes in Jesus Christus in Einklang steht. Um Jesu Christi willen ist die Schöpfung mit all ihren Gaben da. So danken wir Gott mit, in und durch Jesus Christus, dem wir gehören, für die Herrlichkeit seiner Schöpfung.

Das Gesetz

Die drei Psalmen (1. 19. 119), die in besonderer Weise das Gesetz Gottes zum Gegenstand des Dankens, Lobens und Bittens machen, wollen uns vor allem die Wohltat des Gesetzes vor Augen führen. Unter „Gesetz“ ist dann meist die ganze Erlösungstat Gottes und die Weisung für ein neues Leben im Gehorsam zu verstehen. Die Freude am Gesetz, an den Geboten Gottes erfüllt uns, wenn Gott unserem Leben durch Jesus Christus die große Wendung gegeben hat. Dass Gott mir sein Gebot einmal verbergen könnte (Psalm 119,19), dass er mich eines Tages seinen Willen nicht erkennen lassen könnte, ist die tiefste Angst des neuen Lebens.

Es ist Gnade, Gottes Befehle zu kennen. Sie befreien uns von den selbstgemachten Plänen und Konflikten. Sie machen unsere Schritte gewiss und unseren Weg fröhlich. Gott gibt seine Gebote, damit wir sie erfüllen, und „seine Gebote sind nicht schwer“ (1. Johannes 5,3) für den, der in Jesus Christus alles Heil gefunden hat. Jesus ist selbst unter dem Gesetz gewesen und hat es in völligem Gehorsam gegen den Vater erfüllt. Gottes Wille wird seine Freude, seine Speise.  So dankt er in uns für die Gnade des Gesetzes und schenkt uns die Freude in seiner Erfüllung. Nun bekennen wir unsere Liebe zum Gesetz, wir bekräftigen, dass wir es gern halten, und bitten, dass wir in ihm unsträflich bewahrt bleiben. Nicht in eigener Kraft tun wir das, sondern wir beten es im Namen Jesu Christi, der für uns und in uns ist.

Besonders schwer wird uns vielleicht der 119. Psalm um seiner Lange und Gleichmäßigkeit willen. Hier hilft uns ein ganz langsames, stilles, geduldiges Fortschreiten von Wort zu Wort, von Satz zu Satz. Dann erkennen wir, dass die scheinbaren Wiederholungen doch immer neue Wendungen der einen Sache sind, der Liebe zu Gottes Wort. Wie diese Liebe kein Ende nehmen kann, so auch die Worte nicht, die sie bekennen. Sie wollen uns durch ein ganzes Leben begleiten, und in ihrer Einfachheit werden sie zum Gebet des Kindes, des Mannes und des Greises.

Die Heilsgeschichte

Die Psalmen 78, 105, 106 erzählen uns von der Geschichte des Volkes Gottes auf Erden, von der erwählenden Gnade und Treue Gottes und von der Untreue und dem Undank seines Volkes. Psalm 78 hat überhaupt keine Gebetsanrede. Wie sollen wir diese Psalmen beten? Psalm 106 fordert uns zu Dank, Anbetung, Gelöbnis, Bitte, Sündenbekenntnis und Hilferuf angesichts der vergangenen Heilsgeschichte auf. Dank für die Güte Gottes, die über seinem Volk in Ewigkeit währt, die auch wir Heutigen erfahren wie unsere Väter; Anbetung für die Wunder, die Gott uns zugute tat, von der Erlösung seiner Gemeinde aus Ägypten bis zu Golgatha; Gelöbnis, das Gebot Gottes treuer zu halten als bisher; Bitte um die Gnade Gottes hierzu nach seiner Verheißung; Bekenntnis der eigenen Sünde, Untreue und Unwürdigkeit angesichts so großer Barmherzigkeit; Hilferuf um endliche Sammlung und Erlösung des Volkes Gottes.

Wir beten diese Psalmen, indem wir all das, was Gott einst an seinem Volk tat, als uns getan ansehen, indem wir unsere Schuld und Gottes Gnade bekennen, indem wir Gott auf Grund seiner vormaligen Wohltaten seine Verheißungen vorhalten und um ihre Erfüllung bitten, indem wir schließlich die ganze Geschichte Gottes mit seiner Gemeinde erfüllt sehen in Jesus Christus, durch den uns geholfen wurde und wird. Um Jesu Christi willen bringen wir Gott Dank, Bitte und Bekenntnis.

Der Messias

Gottes Heilsgeschichte kommt zur Vollendung in der Sendung des Messias. Von diesem Messias hat nach Jesu eigener Auslegung der Psalter geweissagt (Lukas 24,44). Die Psalmen 22 und 69 sind der Gemeinde als die Leidenspsalmen Christi bekannt. Den Anfang des 22.  Psalmes hat Jesus am Kreuz selbst gebetet und so ganz deutlich zu seinem Gebet gemacht. Den 23. Vers legt Hebräer 2, 12 Christus in den Mund. Die Verse 9 und 19 sind unmittelbare Weissagungen auf die Kreuzigung Jesu. Mag David selber einst diesen Psalm in seinem eigenen Leiden gebetet haben, so tat er es doch als der von Gott gesalbte und darum von den Menschen verfolgte Kˆnig, aus dem Christus kommen sollte. Er tat es als der, der Christus in sieb trug. Christus aber nahm sich dieses Gebetes an, und erst für ihn galt es in vollem Sinne. Wir aber können diesen Psalm nur beten in der Gemeinschaft Jesu Christi, als die, die an Christi Leiden teil bekommen haben. Nicht aus unserem zufälligen, persönlichen Leiden, sondern aus dem Christusleiden, das auch über uns gekommen ist, beten wir diesen Psalm. Immer aber hören wir Jesus Christus mit uns beten und durch ihn hindurch jenen alttestamentlichen König, und dieses Gebet nachsprechend, ohne es je in seiner ganzen Tiefe ermessen oder erfahren zu können, treten wir mit Christus betend vor den Thron Gottes. Im Psalm 69 pflegt der 6. Vers Schwierigkeiten zu bereiten, weil hier Christus Gott seine Torheit und Schulden klagt. Gewiss hat David hier von seiner persönlichen Schuld gesprochen. Christus aber spricht von der Schuld aller Menschen, auch der des David und meiner eigenen, die er auf sich genommen und getragen hat, und für die er nun den Zorn des Vaters erleidet. Der wahre Mensch Jesus Christus betet in diesem Psalm und nimmt uns in sein Gebet hinein.

Die Psalmen 2 und 110 bezeugen den Sieg Christi über seine Feinde, die Aufrichtung seines Reiches, die Anbetung durch das Volk Gottes. Auch hier knüpft die Weissagung an David und sein Königtum an. Wir aber erkennen in David schon den künftigen Christus. Luther nennt den 110. Psalm „den rechten hohen Hauptpsalm von unserem lieben Herrn Jesu Christo“. 12 Die Psalmen 20, 21 und 72 beziehen sich ursprünglich zweifellos auf das irdische Königtum Davids und Salomos. Psalm 20 bittet um den Sieg des messianischen Königs ¸über seine Feinde, um die Annahme seines Opfers durch Gott; Psalm 21 dankt für Sieg und Krönung des Königs, Psalm 72 bittet für Recht und Hilfe der Armen, um Frieden, beständige Herrschaft, ewigen Ruhm im Reiche des Königs. Wir beten in diesen Psalmen um den Sieg Jesu Christi in der Welt, wir danken für den gewonnenen Sieg und bitten um die Aufrichtung des Reiches der Gerechtigkeit und des Friedens unter dem König Jesus Christus. Dahin gehören auch die Psalmen 61,7ff.; 63,12.

Von der Liebe zu dem messianischen König spricht der viel umstrittene 45. Psalm, von seiner Schönheit, seinem Reichtum, seiner Macht. Bei der Hochzeit mit diesem König soll die Braut ihres Volkes und ihres Vaterhauses vergessen (V. 11) und dem König huldigen. Ihm allein soll sie sich schmücken und mit Freude bei ihm einziehen. Das ist das Lied und das Gebet von der Liebe zwischen Jesus, dem König, und seiner Gemeinde, die ihm zugehört.

Die Kirche

Von Jerusalem, der Stadt Gottes, von den großen Festen des Gottesvolkes, vom Tempel und den schönen Gottesdiensten singen die Psalmen 27, 42, 46, 48, 63, 81, 84, 87 u. a. Es ist die Gegenwart des Gottes des Heils in seiner Gemeinde, für die wir hier danken, über die wir uns freuen, nach der wir uns sehnen. Was für den Israeliten der Berg Zion und der Tempel, das ist für uns die Kirche Gottes in aller Welt, wo immer Gott in seinem Wort und Sakrament bei seiner Gemeinde Wohnung macht. Diese Kirche wird allen Feinden zum Trotz bleiben (Psalm 46), ihre Gefangenschaft unter die Mächte der gottlosen Welt wird ein Ende nehmen (126, 137). Der in Christus seiner Gemeinde gegenwärtige, gnädige Gott ist die Erfüllung alles Dankens, aller Freude und Sehnsucht der Psalmen. Wie Jesus, in dem doch Gott selbst wohnt, nach der Gemeinschaft Gottes Verlangen hatte, weil er ein Mensch wie wir gewesen war (Lukas 2,49), so betet er mit uns um die völlige Nähe und Gegenwart Gottes bei den Seinigen.

Gott hat verheißen, im Gottesdienst seiner Gemeinde gegenwärtig zu sein. So hält die Gemeinde nach Gottes Ordnung ihren Gottesdienst. Den vollkommenen Gottesdienst aber hat Jesus Christus selbst dargebracht, in dem er alle verordneten Opfer in seinem freiwilligen, sündlosen Opfer vollendete. Christus brachte das Opfer Gottes für uns und unser Opfer für Gott in sich selbst dar. Uns bleibt nur noch das Lob- und Dankopfer in Gebeten, Liedern und in einem Leben nach Gottes Geboten (Ps. 15, Ps. 50). So wird unser ganzes Leben zum Gottesdienst, zum Dankopfer. Zu solchem Dankopfer will sich Gott bekennen und dem Dankbaren sein Heil zeigen (Ps. 50,23). Gott um Christi willen dankbar zu werden und ihn in der Gemeinde mit Herzen, Mund und Händen zu loben, das wollen uns diese Psalmen lehren.

Das Leben

Es fällt vielen ernsten Christen beim Beten der Psalmen auf, wie häufig die Bitte um Leben und Glück begegnet. Aus dem Blick auf das Kreuz Christi erwächst manchem der ungesunde Gedanke, als seien das Leben und sichtbare irdische Segnungen Gottes an sich schon ein zweifelhaftes und jedenfalls nicht zu begehrendes Gut. Sie nennen dann die entsprechenden Gebete des Psalters eine unvollkommene Vorstufe alttestamentlicher Frömmigkeit, die im Neuen Testament überwunden sei. Damit aber wollen sie geistlicher sein als Gott selbst.

Wie die Bitte um das tägliche Brot das ganze Gebiet der Notdurft des leiblichen Lebens umfasst, so gehört die Bitte um Leben, Gesundheit und sichtbare Erweise der Freundlichkeit Gottes notwendig zu dem Gebet, das sich an Gott, den Schöpfer und Erhalter dieses Lebens richtet. Das leibliche Leben ist nicht Verächtlich, sondern dazu hat Gott uns seine Gemeinschaft in Jesus Christus geschenkt, dass wir in diesem – und dann freilich auch in jenem Leben vor ihm leben können. Dazu gibt er uns die irdischen Gebete, damit wir ihn desto besser erkennen, loben und lieben können. Gott will, dass es den Frommen auf Erden wohlergeht (Psalm 37). Dieser Wille wird auch durch das Kreuz Jesu Christi nicht außer Kraft gesetzt, sondern vielmehr bestätigt, und gerade dort, wo Menschen in der Nachfolge Jesu viele Entbehrungen auf sich nehmen müssen, wie die Jünger, werden sie auf die Frage Jesu: „Habt ihr auch je Mangel gehabt?“ antworten: „Niemals!“ (Lukas 22,35). Voraussetzung dafür ist die Erkenntnis des Psalmes: „Das Wenige, das ein Gerechter hat, ist besser als das große Gut vieler Gottloser“ (Psalm 37, 16).

Wir dürfen wirklich kein schlechtes Gewissen dabei haben, mit dem Psalter um Leben, Gesundheit, Friede, irdisches Gut zu beten, wenn wir nur wie der Psalm selbst dies alles als Erweise der gnädigen Gemeinschaft Gottes mit uns erkennen und dabei festhalten, dass Gottes Güte besser ist denn Leben (Psalmen 63,4; 73,25 f.).

Der 103. Psalm lehrt uns die ganze Fülle der Gaben Gottes von der Erhaltung des Lebens bis zur Vergebung der Sünden als eine große Einheit zu verstehen und für sie dankend und lobend vor Gott zu treten (vgl. auch Psalm 65). Um Jesu Christi willen gibt und erhält uns der Schöpfer das Leben. So will er uns bereitmachen, zuletzt durch den Verlust aller irdischen Güter im Tode das ewige Leben zu gewinnen. Allein um Jesu Christi willen und auf sein Geheiß dürfen wir um die Lebensgüter beten, und um seinetwillen sollen wir es auch mit Zuversicht tun. Wenn wir aber empfangen, was wir bedürfen, so sollen wir nicht aufhören, Gott von Herzen zu danken, dass er um Jesu Christi willen so freundlich ist.

Das Leiden

„Wo findest du kläglichere, jämmerlichere Worte an Traurigkeit, denn die Klagepsalmen haben? Da siehst du allen Heiligen ins Herz, wie in den Tod, ja wie in die Hölle. Wie finster und dunkel ist’s da an allerlei betrübtem Anblick des Zornes Gottes“ (Luther). In rechter Weise in den vielfachen Leiden, die die Welt über uns bringt, vor Gott zu kommen, lehrt uns der Psalter reichlich. Schwere Krankheit und tiefe Verlassenheit von Gott und Menschen, Bedrohung, Verfolgung, Gefangenschaft und was es an erdenklicher Not auf Erden gibt, die Psalmen kennen es (13, 31, 35, 41, 44, 54, 55, 56, 61, 74, 79, 86, 88, 102, 105 u . a.). Sie leugnen es nicht ab, sie täuschen sich nicht mit frommen Worten darüber hinweg, sie lassen es als harte Anfechtung des Glaubens stehen, ja sie sehen manchmal nicht mehr über das Leiden hinaus (Psalm 88), aber sie alle klagen es Gott. Kein einzelner Mensch kann aus eigener Erfahrung die Klagepsalmen nachbeten; es ist die Not der ganzen Gemeinde zu allen Zeiten, wie sie Jesus Christus nur allein ganz erfahren hat, die hier ausgebreitet ist. Weil sie mit Gottes Willen geschieht, ja weil Gott allein sie ganz weiß und besser weiß als wir selbst, darum kann auch nur Gott selbst helfen, aber darum müssen auch alle Fragen immer wieder gegen Gott selbst anstürmen.

Es gibt in den Psalmen keine allzu geschwinde Ergebung in das Leiden. Immer geht es durch Kampf, Angst, Zweifel hindurch. An Gottes Gerechtigkeit, die den Frommen vom Unglück getroffen werden, den Gottlosen aber frei ausgehen lässt, ja an Gottes gutem, gnädigem Willen wird gerüttelt (Psalmen 44, 35). Zu unbegreiflich ist sein Handeln. Aber selbst in der tiefsten Hoffnungslosigkeit bleibt Gott allein der Angeredete. Weder wird von Menschen Hilfe erwartet noch verliert der Geplagte in Selbstbemitleidung den Ursprung und das Ziel aller Not, Gott, aus den Augen. Er tritt zum Kampf gegen Gott für Gott an. Dem zornigen Gott wird seine Verheißung ungezählte Male vorgehalten, seine frühere Wohltat, die Ehre seines Namens unter den Menschen.

Bin ich schuldig, warum vergibt Gott nicht? Bin ich unschuldig, warum macht er der Qual kein Ende und erweist meine Unschuld vor meinen Feinden? (Psalmen 38, 79, 44). Eine theoretische Antwort auf alle diese Fragen gibt es nicht, so wenig wie im Neuen Testament. Die einzige wirkliche Antwort heißt: Jesus Christus. Diese Antwort aber wird in den Psalmen schon erbeten. Es ist ihnen ja allen gemeinsam, daß sie alle Not und Anfechtung auf Gott werfen: Wir können sie nicht mehr tragen, nimm du sie uns ab und trage sie selbst, du allein kannst mit dem Leiden fertig werden. Das ist das Ziel aller Klagepsalmen. Sie beten um den, der die Krankheit auf sich lud und alle unsere Gebrechen trug, Jesus Christus, sie predigen Jesus Christus als die einzige Hilfe in den Leiden; denn in ihm ist Gott bei uns.

Um die volle Gemeinschaft mit Gott, der die Gerechtigkeit und die Liebe ist, geht es in den Klagepsalmen. Aber nicht nur ist Jesus Christus das Ziel unseres Betens, sondern er ist auch in unserem Beten selbst mit dabei. Er, der alle Not getragen hat, hat sie vor Gott gebracht, um unsertwillen bat er in Gottes Namen gebetet: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Um unsertwillen hat er am Kreuz geschrien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Nun wissen wir, dass es kein Leiden auf Erden mehr gibt, in dem nicht Christus bei uns wäre, mit uns leidend, betend, der einzige Helfer.

Auf diesem Grunde wachsen die großen Vertrauenspsalmen. Ein Gottvertrauen ohne Christus ist leer und ohne Gewissheit, ja es kann nur eine andere Form des Selbstvertrauens sein. Wer aber weiß, dass Gott in Jesus Christus selbst in unser Leiden eingegangen ist, der darf mit großem Vertrauen sagen: „Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich“ (Psalmen 23, 37, 63,73, 91, 121).

Die Schuld

Seltener als wir erwarten, begegnet uns im Psalter das Gebet um Vergebung der Sünden. Die meisten Psalmen setzen die volle Gewissheit der Vergebung der Sünden voraus. Das mag uns überraschen. Aber auch im Neuen Testament verhält es sich nicht anders. Es ist eine Verkürzung und Gefährdung des christlichen Gebetes, wenn es ausschließlich um die Vergebung der Sünden kreist. Es gibt ein getrostes Hinter-sich-lassen der Sünde um Jesu Christi willen.

Dennoch fehlt im Psalter keineswegs das Bußgebet. Die sogenannten 7 Bußpsalmen (6, 32, 38, 51, 102, 130, 143), aber nicht nur sie (Psalmen 14, 15, 25, 31, 39, 40, 41 u. a.) führen uns in die ganze Tiefe der Sündenerkenntnis vor Gott, sie helfen uns zum Bekenntnis der Schuld, sie lenken unser ganzes Vertrauen auf die vergebende Gnade Gottes, so dass Luther sie mit Recht „paulinische Psalmen“ genannt hat. Meist führt ein besonderer Anlass zu solchem Gebet, sei es eine schwere Schuld (Psalmen 32, 51), sei es ein unerwartetes Leiden, das in die Buße treibt (Psalmen 38, 102). Jedes Mal wird alle Hoffnung auf die freie Vergebung gesetzt, wie sie uns Gott in seinem Wort von Jesus Christus für alle Zeiten angeboten und zugesagt hat.

Der Christ wird beim Beten dieser Psalmen kaum Schwierigkeiten finden. Jedoch könnte die Frage entstehen, wie es zu denken sei, dass Christus auch diese Psalmen mit uns betet. Wie kann der Sündlose um Vergebung bitten? Nicht anders als wie der Sündlose die Sünde aller Welt tragen und für uns zur Sünde gemacht werden kann (2. Korinther 5,21). Nicht um seiner, aber um unserer Sünde willen, die er selbst auf sich genommen hat und für die er leidet, betet Jesus um Vergebung der Sünde. Er stellt sich ganz zu uns, er will vor Gott ein Mensch sein wie wir. So betet er auch das menschlichste aller Gebete mit uns und erweist sich gerade dabei als wahrer Sohn Gottes.

Besonders auffallend und anstößig ist dem evangelischen Christen vielfach die Tatsache, dass im Psalter mindestens ebenso oft von der Unschuld wie von der Schuld der Frommen gesprochen wird (vgl. Psalmen 5, 7, 9, 16, 17, 26, 35, 41, 44, 59, 66, 68, 69, 73, 86 u. a.). Hier scheint ein Rest sogenannter alttestamentlicher Werkgerechtigkeit sichtbar zu werden, mit dem der Christ nichts mehr anfangen kann. Doch bleibt diese Betrachtung ganz an der Oberfläche und weiß nichts von der Tiefe des Wortes Gottes. Es ist gewiss, dass man von der eigenen Unschuld in selbstgerechter Weise sprechen kann, aber wissen wir denn nicht, dass man auch die demütigsten Sündenbekenntnisse sehr selbstgerecht beten kann? Von der eigenen Schuld kann ebenso fern von Gottes Wort geredet werden wie von der eigenen Unschuld.

Aber nicht das ist ja die Frage, welche möglichen Motive hinter einem Gebet stehen, sondern ob der Inhalt des Gebetes selbst recht oder unrecht ist. Hier aber ist es deutlich, dass der gläubige Christ durchaus nicht nur etwas von seiner Schuld, sondern auch etwas jedenfalls ebenso Wichtiges über seine Unschuld und Gerechtigkeit zu sagen hat. Es gehört zum Glauben des Christen, dass er durch Gottes Gnade und das Verdienst Jesu Christi ganz gerecht und unschuldig vor Gottes Augen geworden ist, dass „nichts Verdammliches an denen ist, die in Christus Jesus sind“ (Römer 8,1). Und es gehört zum Gebete des Christen, dass es an dieser ihm zuteil gewordenen Unschuld und Gerechtigkeit festhält, sich auf Gottes Wort beruft und für sie dankt. So dürfen wir nicht nur, sondern so müssen wir geradezu, wenn anders wir Gottes Handeln an uns überhaupt ernst nehmen, in aller Demut und Gewissheit beten: „lch bin ohne Tadel vor ihm und hüte mich vor Sünden“ (Psalm 18, 24), „du prüfst mein Herz und findest nichts“ (Psalm 17,3). Mit solchem Gebet stehen wir mitten im Neuen Testament, in der Kreuzesgemeinschaft Jesu Christi.

Besonders stark tritt die Beteuerung der Unschuld in den Psalmen hervor, die von der Bedrängnis durch gottlose Feinde handeln. Hier ist mehr an das Recht der Sache Gottes gedacht, die freilich dem, der ihr anhängt, auch recht gibt. Dass wir um der Sache Gottes verfolgt werden, setzt uns wirklich ins Recht gegenüber dem Feind Gottes. Neben der sachlichen Unschuld, die freilich niemals nur eine sachliche sein kann, weil die Sache der Gnade Gottes uns ja immer auch persönlich betrifft, kann dann in einem solchen Psalm das persönliche Schuldbekenntnis stehen (Psalmen 41,5; 69,6). das ja wiederum nur ein Anzeichen dafür ist, dass ich wirklich an der Sache Gottes hänge. Ich kann dann sogar im selben Atem bitten: „Richte mich und führe meine Sache wider das unheilige Volk“ (Psalm 43, 1).

Es ist ein durchaus unbiblischer und zersetzender Gedanke, dass wir niemals unschuldig leiden können, solange in uns selbst noch irgendein Fehler steckt. So urteilt weder das Alte noch das Neue Testament. Werden wir um der Sache Gottes willen verfolgt, so leiden wir unschuldig, das heißt ja, dann leiden wir mit Gott selbst; und dass wir wirklich mit Gott und darum unschuldig sind, wird sich gerade darin erweisen, dass wir um Vergebung unserer Sünden bitten.

Aber auch nicht nur gegenüber den Feinden Gottes sind wir unschuldig, sondern auch vor Gott selbst; denn er sieht uns nun mit seiner Sache verbunden, in die er uns selbst hineingezogen hat, und vergibt uns unsere Sünden. So münden alle Unschuldspsalmen ein in das Lied: „Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, damit will ich vor Gott besteh´n, wenn ich zum Himmel werd´ eingeh´n.“

Die Feinde

Kein Stück des Psalters bereitet uns heute größere Not als die sogenannten Rachepsalmen. In erschreckender Häufigkeit durchdringen ihre Gedanken den ganzen Psalter (5, 7, 9, 10, 13,16, 21, 23, 28, 31, 35, 36, 40, 41, 44, 52, 54, 55, 58, 59, 68, 69, 70, 71, 137 u. a.). Hier scheinen alle Versuche mitzubeten zum Scheitern verurteilt, hier scheint nun wirklich die sogenannte religiöse Vorstufe gegenüber dem Neuen Testament vorzuliegen. Christus betet am Kreuz für seine Feinde und lehrte uns ebenso beten. Wie können wir noch mit den Psalmen Gottes Rache über die Feinde herbeirufen? Die Frage ist also: Lassen sich die Rachepsalmen als Gottes Wort für uns und als Gebet Jesu Christi verstehen? Können wir als Christen diese Psalmen beten? Wohlgemerkt, wiederum fragen wir nicht nach möglichen Motiven, die wir doch nicht ergründen können, sondern nach dem Inhalt des Gebetes.

Die Feinde, von denen hier gesprochen wird, sind Feinde der Sache Gottes, die uns um Gottes willen angreifen. Es handelt sich also nirgends um persönlichen Streit. Nirgends will der Psalmenbeter die Rache in eigene Hand nehmen, er befiehlt die Rache Gott allein (vgl. Römer 12,19). Damit muss er sich selbst aller persönlichen Rachegedanken entschlagen, er muss frei sein von eigenem Rachedurst, sonst wäre die Rache nicht ernstlich Gott befohlen. Ja, nur wer selbst unschuldig ist gegenüber dem Feind, kann Gott die Rache anheimgeben. Das Gebet um die Rache Gottes ist das Gebet um die Vollstreckung seiner Gerechtigkeit im Gericht über die Sünde. Dieses Gericht muss ergehen, wenn Gott zu seinem Wort steht, es muss ergehen, wen es auch trifft; ich selbst gehöre mit meiner Sünde mit unter dieses Gericht. Ich habe kein Recht, dieses Gericht hindern zu wollen. Es muss erfüllt werden um Gottes willen, und es ist erfüllt worden, freilich in wunderbarer Weise.

Gottes Rache traf nicht die Sünder, sondern den einzig Sündlosen, der an der Sünder Stelle getreten ist, den Sohn Gottes. Jesus Christus trug die Rache Gottes, um deren Vollstreckung der Psalm betet. Er stillte Gottes Zorn über die Sünde und betete in der Stunde der Vollstreckung des göttlichen Gerichtes: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Kein anderer als er, der den Zorn Gottes selbst trug, konnte so beten. Das war das Ende aller falschen Gedanken über die Liebe Gottes, der die Sünde nicht so ernst nimmt. Gott hasst und richtet seine Feinde an dem einzigen Gerechten, und dieser bittet für die Feinde Gottes um Vergebung. Nur im Kreuz Jesu Christi ist die Liebe Gottes zu finden.

So führt der Rachepsalm zum Kreuz Jesu und zur vergebenden Feindesliebe Gottes. Nicht ich kann von mir aus den Feinden Gottes vergeben, sondern allein der gekreuzigte Christus kann es, und ich darf es durch ihn. So wird die Vollstreckung der Rache zur Gnade für alle Menschen in Jesus Christus. Gewiss ist es ein bedeutsamer Unterschied, ob ich mit dem Psalm in der Zeit der Verheißung oder ob ich in der Zeit der Erfüllung stehe; aber dieser Unterschied gilt für alle Psalmen. Ich bete den Rachepsalm in der Gewissheit seiner wunderbaren Erfüllung, ich stelle Gott die Rache anheim und bitte ihn um die Vollstreckung seiner Gerechtigkeit an allen seinen Feinden und weiß, dass Gott sich treu geblieben ist und sich Recht verschafft hat in seinem zornigen Gericht am Kreuz, und dass uns dieser Zorn zur Gnade und Freude geworden ist. Jesus Christus selbst bittet um die Vollstreckung der Rache Gottes an seinem Leibe, und er führt mich so täglich zu dem Ernst und der Gnade seines Kreuzes für mich und alle Feinde Gottes zurück.

Auch heute kann ich nur durch das Kreuz Christi, durch die Vollstreckung der Rache Gottes hindurch Gottes Liebe glauben und den Feinden vergeben. Das Kreuz Jesu gilt allen. Wer sich ihm widersetzt, wer das Wort vom Kreuz Jesu verdirbt, an dem muss sich Gottes Rache selbst vollstrecken, er muss den Fluch Gottes tragen in dieser oder in jener Zeit. Von diesem Fluch aber, der denen gilt, die Christus hassen, spricht das Neue Testament in aller Klarheit und unterscheidet sich darin in nichts vom Alten, aber auch von der Freude der Gemeinde an dem Tage, an dem Gott sein letztes Gericht vollstrecken wird (Galater 1,8 f.; 1. Korinther 16,22; Offenbarung 18; 19;20, 11). So lehrt uns der gekreuzigte Jesus, die Rachepsalmen recht zu beten.

Das Ende

Die Hoffnung der Christen richtet sich auf die Wiederkunft Jesu und die Auferstehung der Toten. Im Psalter findet sich diese Hoffnung nicht wörtlich ausgesprochen.

Was sich seit der Auferstehung Jesu für die Kirche in eine lange Reihe heilsgeschichtlicher Ereignisse am Ende aller Dinge aufgegliedert hat, ist für den Blick des Alten Testaments noch ein einziges unteilbares Ganzes. Das Leben in der Gemeinschaft mit dem Gott der Offenbarung, der endliche Sieg Gottes in der Welt und die Aufrichtung des messianischen Königtums sind Gegenstand des Gebetes in den Psalmen.

Der Sache nach liegt hier kein  Unterschied zum Neuen Testament. Zwar bitten die Psalmen um Gemeinschaft mit Gott im irdischen Leben, aber sie wissen, daß diese Gemeinschaft nicht im irdischen Leben aufgeht, sondern weit darüber hinaus­reicht, ja im Gegensatz zu ihm steht (Psalmen 17,14f.; 6, 3425). So ist das Leben in der Gemeinschaft mit Gott immer schon jenseits des Todes. Der Tod ist zwar das unwiderrufliche bittere Ende für Leib und Seele. Er ist der Sünde Sold, und die Erinnerung an ihn tut not (Psalm 39. 90). Jenseits des Todes aber ist der ewige Gott (Psalmen 90. 102). Darum wird nicht der Tod, sondern das Leben in der Kraft Gottes triumphieren (Psalmen 16,9ff.; 56,14; 49, 16; 73,24; 118,15 ff.). Dieses Leben finden wir in der Auferstehung Jesu Christi, und wir erbitten es für diese und jene Zeit. Die Psalmen vom Endsieg Gottes und seines Messias (2. 96. 97. 98. 110. 148-150) führen uns in Lob, Dank und Bitte an das Ende aller Dinge, wenn alle Welt Gott die Ehre geben wird, wenn die erlöste Gemeinde mit Gott in Ewigkeit herrschen wird, wenn die Mächte des Bösen fallen und Gott allein die Macht behält.

Wir haben diesen kurzen Gang durch den Psalter unternommen, um einige Psalmen vielleicht besser beten zu lernen. Es wäre nicht schwer, alle die genannten Psalmen dem Vaterunser einzuordnen. Wir brauchten an der Reihenfolge der Abschnitte, die wir besprachen, nur wenig zu ändern. Wichtig aber ist allein dies, daß wir von neuem und mit Treue und Liebe die Psalmen im Namen unseres Herrn Jesu Christi zu beten beginnen.

„Unser lieber Herr, der uns den Psalter und das Vaterunser zu beten gelehrt und gegeben hat, verleihe uns auch den Geist des Gebetes und der Gnade, daß wir mit Lust und ernstem Glauben recht und ohne Aufhören beten; denn es tut uns not; so hat er’s geboten und will’s also von uns haben. Dem sei Lob, Ehre und Dank. Amen.“ (Luther.)

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Ein Gedanke zu „Dietrich Bonhoeffer: Das Gebetbuch der Bibel, Bad Salzuflen 1940“

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