Vor mehr als zwei Jahren, im Mai 2015, stellte das Wissenschafts-Fachmagazin Nature in einem Artikel unter dem gleichnamigen Titel eine wichtige Frage: „Wo in der Welt könnte das erste CRISPR-Baby geboren werden?“ („Where in the world could the first CRISPR baby
be born?”). Indem es Experten und Regierungsstellen in 12 Ländern, die jeweils über eine gut finanzierte biologischer Forschungslandschaft verfügen, befragte, versuchte das Magazin, einen Quervergleich der verschiedenen Rechtslandschaft bzgl. Gene-Editing-Verfahren zu erfassen.
Die Antworten zeigten eine Vielzahl von Ansätzen. In einigen Ländern wäre bereits das Experimentieren mit menschlichen Embryonen eine Straftat, während in anderen fast alles zulässig ist.
Dabei wurde aber auch klar: In den meisten Ländern sind die staatlichen Entscheidungsträger der Geschwindigkeit der wissenschaftlichen Forschungsdynamik und des damit einhergehenden technologischen Wandels nicht gewachsen (und CRISPR ist nur ein Beispiel). Während gesetzgebende Instanzen Jahre für die Gestaltung der Rahmenbedingungen von neuen Technologien brauchen, entwickeln sich die Technologien längst weiter und machen diese Rahmen dann oft schon wieder überflüssig.
Wie CRISPR oder mit vollem Namen „Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats“ funktioniert, war bereits ausgiebig Thema in diesem Blog
(http://larsjaeger.ch/?lang=de). Der regelmäßige Leser weiß, dass sich Gensequenzen mit Hilfe dieser neuen Technik punktgenau ersetzen, verändern oder entfernen lassen, und dies schnell, präzise und sehr billig. Das hat unter Wissenschaftlern, Ethikern und Patienten – leider weniger unter Politikern – zu breiter Besorgnis und heftiger Diskussion geführt. Es ist zu befürchten, dass, wenn derart präzise Genom-Bearbeitung in der klinischen Arbeit akzeptabel wird, um Krankheiten zu entlasten, es unweigerlich dazu kommen wird, dass diese Technologie auch dazu verwendet wird, menschliche Eigenschaften aus nicht-medizinischen Gründen zu verändern, bis hin zu Verbesserung der Intelligenz oder äußerlicheren Attraktivität eines Menschen. „Nun also doch – Gentechniker überschreiten eine neue Hemmschwelle auf dem Weg zu CRISPR Babys, Lars Jaeger“ weiterlesen
Kategorie: Internetkommentar
Emmanuel Carrère und das Reich Gottes, Notiz von Christoph Fleischer, Welver 2017
Bericht über ein Interview im Philosophie Magazin, August/September, Nr. 05/2017
Carrère schreibt im Kommentar über sein neues Buch: „Ein russischer Roman“: „Mir kommt es so vor, als würde ich, sosehr ich kann, zum ‚Guten‘ streben, wenn man darunter Empathie für den anderen versteht. Allerdings wird dieses Verlangen ständig von meiner Schwäche, meinem Egoismus, meiner Engstirnigkeit durchkreuzt.“ (Philomag, S. 69) Mit kommt bei dieser Formulierung Paulus in den Sinn, der eine ähnliche Erfahrung im Römerbrief benennt.
Einige Zeilen weiter erfahre ich, dass sich Emmanuel Carrère tatsächlich mit Paulus beschäftigt hat. Er sagt dazu im Interview: „Das ist exakt das, was Paulus erzählt: die Geschichte einer Besitzergreifung, einer Besessenheit. Wer da lebt, bin nicht mehr ich, es ist Christus, der in mir lebt.“ (S. 70) Worin liegt darin die besondere Botschaft das Paulus, so frage ich mich.
Paulus hat ein sehr besonderes Verhältnis zur Auferstehung Jesu, das ihn von den Evangelien unterscheidet. Er sieht die Auferstehung als „ein unglaubliches, nicht zu begreifendes Ereignis, […]das aber gleichwohl stattgefunden hat.“ (S. 71) Carrère verbindet diese Erzählung über Paulus mit dem eigenen Erleben. Er möchte nicht wieder gläubig werden, hat eher ein wenig Angst davor. Aber warum sagt er das? Ist es nicht inkonsequent, wenn man sich den Anfang des Interviews ins Gedächtnis ruft (s.o.)?
Deutlich wird das eher bei einem Ausflug in die Philosophie. Carrère findet an/mit Paulus gut, dass für ihn das gute nicht wie ein Rezept funktioniert, das man nur anzuwenden hat (vgl. Stoa). Vielmehr bekennt er sich zur Inkonsequenz nicht das zu tun, was ich will, sondern das, was ich nicht will, das böse.
Doch dazu gehört auch ein Wirklichkeitsverständnis, das die Gegenwart betont. So kommt er auf Nietzsche zu sprechen: Wenn dieser darin recht hat, „dass die Wirklichkeit das ist, was vor Augen steht und dass es dahinter nichts gibt“ (S. 72) Doch er gibt das Christentum nicht auf, auch wenn er keine Hinterwelt offenbart.
Das Interview scheint nun etwas auf der Stelle zu stehen und Themen nur anzureißen. Er kommt aber dann doch erneut auf Paulus zurück. Mit Paulus zu denken bedeutet, visionär zu leben.
Dazu gehört nun aber ganz offensichtlich auch die immanente politische Vision vom bevorstehenden Ende der Welt. Emmanuel Carrère sagt: „Ich neige zu der Ansicht, dass wir uns in einer vorher nie da gewesenen Situation befinden, die relativ kurzfristig zu einer weltweiten Katastrophe führen wird.“ (S. 73) Doch ist diese Situation zumindest gedanklich nicht auch die des Paulus gewesen? Hat er nicht auch in einem apokalyptischen Zeitalter gelebt, das mit dem Ende der Welt gerechnet hat?
Ich frage mich, was Emmanuel Carrère will, wenn er vom Reich Gottes schreibt. Da ich das Buch nicht gelesen habe, kann ich nur konstatieren, dass er zumindest im Interview nicht auf das Messianische oder das Judentum zu sprechen kommt. Müsste man nicht diese Erwartungen zwischen Reich Gottes und Weltuntergang berücksichtigen, wenn man einen Roman über die Bibel schreibt? Vielleicht habe ich ja doch noch einmal Zeit diesen Roman von Emmanuel Carrère zu lesen.
Veganes Weihnachten?
Geht Weihnachten auch vegan, oder muss es immer noch Braten oder Ente sein? Das hier habe ich auf der Seite von Veggie-Taxi Dortmund gefunden:
Nach drei Wochen Reife der erste Probebiss – veganer Christstollen nach einem über 100 Jahre alten Dresdner Rezept – köstlich …
Wenn alles klappt, können wir Euch diese Spezialität zur Weihnachtszeit ins Haus liefern.
Hier geht es weiter: http://www.veggie-taxi.de
Messevorschau und Vorstellung der Spielfritte – Notiz
Gemeinsam fett werden
Ja, so ist es, in Gesellschaft frisst, spielt und gesellt es sich am besten. Darum gibt es Spieleevents wie die alljährliche Spiel (die weltgrößte Messe in Essen), oder Spieleabende, oder Spielveranstaltungen, die stets und überall stattfinden. Menschen kommen zusammen, um gegeneinander zu spielen. Nein, nicht nur. In Spielen gibt es nicht nur einen eindeutigen Gewinner, oder auch meinetwegen eine eindeutige Gewinnerin und viele Verlierer_Innen. Es gibt auch Spiele, bei denen die ganze Gruppe entweder gewinnt, oder als jämmerliche Verlierer vom Spiel ausgelacht und bespottet werden. Kooperative Spiele boomen seit Jahren und kommen immer wieder in neuen Spielegewändern in die Regale der Bretter, die die Welt bedeuten. Ja manche Spieler sind sogar fast nur noch Koop-Spieler geworden, da ihnen das kooperative Zusammenspiel mehr liegt und zuspricht, als alles andere. So wird das auch produziert, was die gierige Meute sich wünscht.
Da ich auch einen sehr großen Hang zu kooperativen Spielen habe, werde ich auf der diesjährigen „Spiel“ die vom 13.10. – 16.10.2016 in den Messehallen in Essen stattfindet, ein kooperatives Auge auf die Neuerscheinungen und Spielevorstellungen werfen. Ob ich mir wirklich diese Spiele zulegen werde, das muss ich erst mal schauen, da es sich doch um einige Spiele handelt. Erst mal anschauen, anlecken, rumfummeln und dann entscheiden – das Portemonnaie ist ja nicht ewig dick.
Also, hier eine kleine Messevorschau: http://spielfritte.de/spiel-2016-die-spielfritte-schaut-auf-kooperative-spiele/
Es folgt ein Text zur Vorstellung der Spielfritte: „Messevorschau und Vorstellung der Spielfritte – Notiz“ weiterlesen
Magazin theomag.de 103 erschienen – Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
Ende dieses Monats beginnt jenes Geschehen, dem der Protestantismus angeblich seit 10 Jahren entgegenfiebert: das einjährige Jubiläumsfest zum 500-jährigen Jubiläum des Thesenanschlags in Wittenberg. Und wie kürzlich beim Besuch in Wittenberg hat man das Gefühl, dass die Evangelische Kirche diesem besonderen Ereignis eher entgegenstolpert, als dass sie der Welt zeigen würde, was Evangelisch-Sein heute bedeuten könnte. In der Stadt Wittenberg jedenfalls war zwar die Fußgängerzone touristisch weitgehend hergerichtet, das Schloss aber noch deutlich im Renovierungsstadium und auch das Lutherhaus wegen Renovierung nicht zugänglich. Die Bilder-Ausstellung im Augusteum war eher konventionell und kaum bewegend, das Melanchthonhaus wenig überzeugend (mit zu viel Plastikcharme), die Cranach-Werkstätten historisierend, aber nicht wirklich inspirierend.
Das Erschreckendste aber war, dass die Besuchergruppen, die durch Wittenberg eilten, einen Altersschnitt deutlich über 65 Jahre hatten. Nur im Augusteum wurde eine Mittelschul-Klasse durch die Bilder-Ausstellung geleitet. Ich fürchte, so muss man sich auch das Luther-Jubiläum vorstellen. Aber vielleicht wird man ja auch in Kürze angenehm enttäuscht. Warten wir es ab, Ende Oktober wissen wir mehr.
Das aktuelle Heft des Magazins für Kunst, Kultur, Theologie und Ästhetik (Ausgabe 103) widmet sich der Kirchenmusik. Und Kirchenmusik, das wird schnell klar, ist mehr als die sonntägliche Gottesdienstbegleitung. Im vorliegenden Heft verstehen wir darunter im weitesten Sinne alles, was sich musikalisch mit der Kirche verbindet.
Der Hauptteil VIEW besteht zunächst einmal aus einem grundlegenden Essay zum Thema von Wolfgang Vögele. Darüber hinaus gibt es Reflexionen zum Thema Kirchenmusik und Reformation von Harald Schroeter-Wittke, der Erschließung eines sozusagen kirchenmusikpolitisch bedeutsamen Gemäldes von Andreas Mertin und der Analyse eines kirchenkritischen Musikstücks und Musikvideos von Prisca Frey. Darüber hinaus gibt es noch Texte von Harald Schroeter-Wittke zur Kirchenmusikkritik und zur Weihnachtsmusik und die Vorstellung eines mittelalterlichen Graduale durch Andreas Mertin. Und last but not least Notizen von Hans-Jürgen Benedict zum konkret erfahrenen Schönheitsglück in Venedig.
Unter RE-VIEW finden Sie einen Kommentar und Buchhinweise von Andreas Mertin und zwei Rezensionen von Hans-Jürgen Benedict.
Unter POST finden Sie wie gewohnt die Notizen von Andreas Mertin zu Themen der letzten zwei Monate und Vorstellungen von Kurzfilmen, Beobachtungen zur aktuellen Ikonographie des Religiösen und zum fortdauernden Antijudaismus.
Wir wünschen eine angenehme und erkenntnisreiche Lektüre!
Andreas Mertin, Jörg Herrmann, Horst Schwebel und Wolfgang Vögele
Für die nächste Zeit sind folgende Themenausgaben geplant:
Heft 104 heißt Mit Kunst …?
Heft 105 trägt den Titel Das Bild in den Religionen
Heft 106 setzt sich mit Outsiderkunst auseinander
Heft 107 feiert 100 Jahre Ready-Mades
Heft 108 hat Die documenta in Kassel im Blick
Heft 109 widmet sich dem Phänomen der Idolatrie
Heft 110 wirft einen Blick auf das dann zurückliegende Reformationsjubiläum
Leserinnen und Leser, die Beiträge zu einzelnen Heften einreichen wollen, werden gebeten, sich mit der Redaktion in Verbindung zu setzen.




Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.