Einfach klasse! Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath, 2020

Zu:

Denkanstöße 2020. Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft, Isabella Nelte (Hg.), Piper 2019

Link: https://www.piper.de/buecher/denkanstoesse-2020-isbn-978-3-492-97898-9-ebook

Es sind meine ersten „Denkanstöße“ – und ich bin gelinde gesagt, begeistert. Vor allem gefällt mir, dass die ausgesuchten Artikel nicht homogen sind, sondern unterschiedliche Positionen, Werte und Wahrnehmungen zur Sprache bringen.

Vertritt Julian Nida-Rümelin ein Menschenbild, das durch Freiheit und Verantwortung geprägt ist, verabschiedet sich Michael Schmidt-Salomon von der menschlichen Freiheit und sagt, dass unser Verhalten determiniert ist. Mit dieser Position kann er die aus seiner Sicht unheilvolle Dichotomie von Gut und Böse als moralische Kategorien zugunsten einer Vernunftethik, die auf Recht und Ausgleich aus ist, auflösen. Nida-Rümelins Skizzen eines digitalen Humanismus sind nachdenkenswert.

Der Text von Roland Schulz: „So sterben wir“ – nimmt thematisch und literarisch eine Sonderstellung ein. Er spricht den Verstorbenen an und schildert aus der Sicht des Toten, was es für die Lebenden heißt zu trauern. Eine derartige Perspektive ist mir noch nicht begegnet. Auch spielt die Zeit, wie lange der Sterbefall zurück liegt, eine Rolle. Der Tod findet erst seine Vollendung, wenn sich niemand mehr an den Verstorbenen erinnert. Roland Schulz findet sehr treffende und berührende Worte für das Trauern und den Trauerprozess. Sie holen die Wirklichkeit der Endlichkeit und die Fähigkeit zu trauern ein. Jedem, der trauert, sei dieser existentielle und schöne Text empfohlen. Eine echte Entdeckung, ein im guten Sinn erbaulicher Text über das Sterben und Trauern.

„Die Kunst des lässigen Anstands“ – von Alexander von Schönburg liest sich leicht. Er schreibt süffisant und was er über Humor sagt, ist originell. Sein Prosit auf die guten alten christlichen Ritterwerte und die Rolle der Frau zur Humanisierung der Gesellschaft kommen nicht bieder, sondern argumentativ galant daher. Auch wenn mir Eliten nicht geheuer sind, braucht unsere Gesellschaft natürlich Vorbilder.
Die guten christlichen Werte haben hier nicht ausgedient, sie werden aber auch nicht nur beschworen. Das gefällt mir.

Mit dem Auszug aus Andreas Altmanns Reisebericht „In Mexiko“ – bin ich nicht warm geworden, zu unterschiedlich ist unsere Weltwahrnehmung.

Kai Strittmatters Analyse der chinesischen Politik finde ich aufschlussreich und in der Sache beängstigend. Strittmatters Aufzählung der chinesischen Beeinflussung seiner Handelspartner ist in der Menge ermüdend. Sein Verdienst ist es, Chinas Streben, die Weltordnung maßgeblich zu bestimmen, nachweisbar aufzuzeigen. Auch seine These, dass die westlichen Demokratien, sich angesichts eines scheinbar gut funktionierenden autoritären Systems endlich wehrhaft zeigen müssen, ist nachvollziehbar. Wie hältst du es mit der Freiheit? Das ist die Gretchenfrage schlechthin im digitalen Zeitalter.

Heike Spechts Zeilen über die First Ladys bieten einen ersten Einblick wie –besonders in der Bundesrepublik – die First Ladys ihre Rolle ausübten. Der Text ähnelt eher einem seichten Magazinbeitrag als einem Essay.

Richtig erfrischend fand ich die journalistische Würdigung der Ausnahmereiterin Isabell Werth durch Evi Simeoni. Ihre spannende Schreibe erinnerte mich stark an das Werk „Sternstunden der Menschheit“ – von Stefan Zweig. Einfach klasse in eine andere Welt abzutauchen und die enormen Leistungen von Pferd und Mensch zu bewundern. Simeonis Bericht lebt auch von längeren Reflektionen im Stil eines Tagebuchs von Isabell Werth selbst.

Für die Auswahl der Buchauszüge und Artikel zeichnet Isabella Nelte verantwortlich. Der leidenschaftlichen Buchantiquarin sind „Denkanstöße“ – auf der Höhe der Zeit gelungen. Die Auswahl ist so bunt wie die Graphik der Titelseite.

Fazit: Ein Buch, das sich gut zum Verschenken eignet für alle, die geistig neugierig und offen sind für andere Welten.

 

Pressemeldung, deutsch-türkische Theatergruppe im Kurhaus Bad Hamm, 2017

Die Öztürks zum Dritten: Die Traumhochzeit

Hat die Liebe eigentlich Grenzen? Oder eine Nationalität?

Hamm. Nach „Stefanie integriert die Öztürks“ und „Almanya, ich liebe dich“ steht beim neuen Stück der deutsch-türkischen Theatergruppe „Halber Apfel“ um Autor und Leiter Murat Isboga nun ein drittes Mal die Familie Öztürk im Mittelpunkt. Zu sehen ist die Komödie am Freitag, 6. Oktober, um 19.30 Uhr im Kurhaus Bad Hamm.

Hakan Öztürk möchte heiraten. Dagegen hätte Vater Ali Öztürk ja nichts einzuwenden, nur, dass es sich bei der Braut um keine Türkin, sondern um eine Deutsche handelt. Ali lebt seit 30 Jahren in Deutschland und hat seinen Kindern zwar immer geraten, auf die andere Kultur zuzugehen – aber das bedeutet nun wirklich nicht, dass sein Sohn gleich in besagte Kultur einheiraten muss. Die Probleme fangen doch schon beim Essen an: „Kann diese Nina vielleicht Bohnensuppe kochen?“ Auch bei Braut Nina Stahlschmidt zeigen sich dunkle Wolken am familiären Himmel. Sie ist ein Einzelkind und Vater Jörg, seines Zeichens Polizist, nicht gerade begeistert von der Aussicht, ausgerechnet einen türkischen Schwiegersohn zu bekommen. Er steht allem Ausländischen grundsätzlich eher ablehnend gegenüber – und in der eigenen Familie braucht man erst recht keine Fremden. „Pressemeldung, deutsch-türkische Theatergruppe im Kurhaus Bad Hamm, 2017“ weiterlesen

Luther aktuell gelesen, Rezension Christoph Fleischer, Welver 2017

Zu: Alf Christophersen (Hrsg.): Luther und wir, 95 x Nachdenken über Reformation, Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-15-011084-3, kartoniert, 223 Seiten, Preis: 16,95 Euro

Privatdozent Dr. Alf Christophersen ist stellvertretender Direktor und Studienleiter für Theologie, Politik und Kultur an der Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt e.V. In Wittenberg. Für dieses Studienbuch hat er 49 unterschiedliche Theologinnen und Theologen sowie andere Experten und Expertinnen gebeten, eine Stellungnahme zu Luthers Theologie zu verfassen, die diese in der Gegenwart fruchtbar macht. Dazu sind jeder Stellungnahme zwei Sätze aus dem Werk Luthers vorangestellt, die ein Thema vorgeben. Ich suche zur Rezension einige Texte exemplarisch heraus. „Luther aktuell gelesen, Rezension Christoph Fleischer, Welver 2017“ weiterlesen

Magazin theomag.de 103 erschienen – Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

luther

Ende dieses Monats beginnt jenes Geschehen, dem der Protestantismus angeblich seit 10 Jahren entgegenfiebert: das einjährige Jubiläumsfest zum 500-jährigen Jubiläum des Thesenanschlags in Wittenberg. Und wie kürzlich beim Besuch in Wittenberg hat man das Gefühl, dass die Evangelische Kirche diesem besonderen Ereignis eher entgegenstolpert, als dass sie der Welt zeigen würde, was Evangelisch-Sein heute bedeuten könnte. In der Stadt Wittenberg jedenfalls war zwar die Fußgängerzone touristisch weitgehend hergerichtet, das Schloss aber noch deutlich im Renovierungsstadium und auch das Lutherhaus wegen Renovierung nicht zugänglich. Die Bilder-Ausstellung im Augusteum war eher konventionell und kaum bewegend, das Melanchthonhaus wenig überzeugend (mit zu viel Plastikcharme), die Cranach-Werkstätten historisierend, aber nicht wirklich inspirierend.

Das Erschreckendste aber war, dass die Besuchergruppen, die durch Wittenberg eilten, einen Altersschnitt deutlich über 65 Jahre hatten. Nur im Augusteum wurde eine Mittelschul-Klasse durch die Bilder-Ausstellung geleitet. Ich fürchte, so muss man sich auch das Luther-Jubiläum vorstellen. Aber vielleicht wird man ja auch in Kürze angenehm enttäuscht. Warten wir es ab, Ende Oktober wissen wir mehr.

Das aktuelle Heft des Magazins für Kunst, Kultur, Theologie und Ästhetik (Ausgabe 103) widmet sich der Kirchenmusik. Und Kirchenmusik, das wird schnell klar, ist mehr als die sonntägliche Gottesdienstbegleitung. Im vorliegenden Heft verstehen wir darunter im weitesten Sinne alles, was sich musikalisch mit der Kirche verbindet.

Der Hauptteil VIEW besteht zunächst einmal aus einem grundlegenden Essay zum Thema von Wolfgang Vögele. Darüber hinaus gibt es Reflexionen zum Thema Kirchenmusik und Reformation von Harald Schroeter-Wittke, der Erschließung eines sozusagen kirchenmusikpolitisch bedeutsamen Gemäldes von Andreas Mertin und der Analyse eines kirchenkritischen Musikstücks und Musikvideos von Prisca Frey. Darüber hinaus gibt es noch Texte von Harald Schroeter-Wittke zur Kirchenmusikkritik und zur Weihnachtsmusik und die Vorstellung eines mittelalterlichen Graduale durch Andreas Mertin. Und last but not least Notizen von Hans-Jürgen Benedict zum konkret erfahrenen Schönheitsglück in Venedig.

Unter RE-VIEW finden Sie einen Kommentar und Buchhinweise von Andreas Mertin und zwei Rezensionen von Hans-Jürgen Benedict.

Unter POST finden Sie wie gewohnt die Notizen von Andreas Mertin zu Themen der letzten zwei Monate und Vorstellungen von Kurzfilmen, Beobachtungen zur aktuellen Ikonographie des Religiösen und zum fortdauernden Antijudaismus.

Wir wünschen eine angenehme und erkenntnisreiche Lektüre!

Andreas Mertin, Jörg Herrmann, Horst Schwebel und Wolfgang Vögele

 

Für die nächste Zeit sind folgende Themenausgaben geplant:

Heft 104 heißt Mit Kunst …?

Heft 105 trägt den Titel Das Bild in den Religionen

Heft 106 setzt sich mit Outsiderkunst auseinander

Heft 107 feiert 100 Jahre Ready-Mades

Heft 108 hat Die documenta in Kassel im Blick

Heft 109 widmet sich dem Phänomen der Idolatrie

Heft 110 wirft einen Blick auf das dann zurückliegende Reformationsjubiläum

Leserinnen und Leser, die Beiträge zu einzelnen Heften einreichen wollen, werden gebeten, sich mit der Redaktion in Verbindung zu setzen.

Reformation – Gedenken oder Feiern? Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Tillmann Bendikowski, Der deutsche Glaubenskrieg, Martin Luther, der Papst und die Folgen, C. Bertelsmann, München 2016, gebunden, 380 Seiten, ISBN 9783570101971, Preis: 24,99 Euro

Hat Martin Luther eigentlich erreicht, was er selbst erreichen wollte? War nicht eigentlich bis 1530 aus lutherischer Sicht offen, ob sich die römisch-katholische Kirche – seit wann heißt sie eigentlich so? – hätte reformieren lassen, zumal doch mit der neuen Bibelübersetzung deutlich war, dass sich die Kirche zu ihren ursprünglichen Grundlagen hätte bekehren müssen?

Tillmann Bendikowski stellt diese meine Fragen so nicht, da sie eher von theologischer Sichtweise kommen. Er, der 1965 geborene promovierte Historiker und Journalist, zeigt die Kirchenspaltung zwischen evangelisch und katholisch als das eigentliche Resultat der Reformation in Europa. Wäre allerdings der Weg in die spirituelle Vielfalt der Gegenwart wirklich ein Scheitern, oder sollte man darin eine Reifung und Ausdifferenzierung betrachten? Immerhin ist es auch ein Resultat der Reformation, dass es neben der eigenen oder anderen Konfession noch eine neutrale Position geben kann, die nicht nach Bewahrung oder Erneuerung des Christentums fragt, sondern nach dem, was historisch betrachtet in den letzten 500 Jahren geschehen ist. „Reformation – Gedenken oder Feiern? Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen