Lebendige Sozialgeschichte des Reformationszeitalters, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Bruno Preisendörfer: Als unser Deutsch erfunden wurde, Reise in die Lutherzeit, Verlag Galiani Berlin, bei Kiepenheuer und Witsch, Köln 2016, ISBN 9783869711263, gebunden, 472 Seiten, Preis: 24,99 Euro (print)

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Bruno Preisendörfer (geb. 1957) ist freischaffender Publizist und Schriftsteller (z.B.: „Die Schutzbefohlenen“ Psychosozialverlag und „Hat Gott noch eine Zukunft“, S. Hirzel Verlag, beide 2013). Eine vergleichbare Zeitreise erschien von ihm 2015 ebenfalls bei Galiani, Berlin: „Als Deutschland noch nicht Deutschland war, Reise in die Goethezeit“. Die vorliegende Studie über das 16. Jahrhundert bezeichnet diese Zeit bewusst als die „Lutherzeit“. Als Aufhänger dient die Prägung oder Bildung der deutschen Hochsprache durch die Bibelübersetzung: „Luthers Sprache, heute als Frühneuhochdeutsch bezeichnet, hat trotz der von ihm herausgestellten Orientierung an der Redeweise des ‚gemeinen Mannes’ mehr mit dem Schriftdeutsch in den Kanzleien zu tun als mit dem Volksmaul auf den Marktplätzen.“ (S. 44). Dieser Satz ist einfach ganz typisch für das Buch von Bruno Preisendörfer, in dem zwar in fast jedem Kapitel der Name Martin Luther vorkommt, aber höchst selten in dem Zusammenhang, der in Kirche und Theologie unter Reformation verstanden wird. Es wird hingegen deutlich, dass das 16. Jahrhundert eine ungeheure Umbruchszeit war, in technischer, wissenschaftlicher, kultureller und ökonomischer Hinsicht. Es gab Fürsten und Raubritter. Das Geld eroberte den Alltag bis in die Kirche hinein. Technische Innovationen gaben dem aufstrebenden Bergbau einen starken Antrieb. Die Neuverteilung von Reichtum und Armut durch die Tauschmittelwährung gaben den Nährboden für soziale Revolten ab. Krankheiten und Unwetter taten das Übrige. Der Bauernkrieg lag in der Luft, genauso wie die Reformation. Und trotzdem gab es den Teufelsglauben und die Hexenverfolgung. Bruno Preisendörfer lässt Geschichte wie Alltagsleben gleichermaßen vor dem inneren Auge erscheinen und lässt dabei auch den „Haushalt der Katharina von Bora“ nicht aus. Ernährung, Kleidung, Sexualität, Leiblichkeit, Krankheit und Tod sind die Themen des Alltags, die die Reformationszeit ebenso geprägt haben wie Theologie und Politik. „Lebendige Sozialgeschichte des Reformationszeitalters, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen

Katholische Friedensbewegung im Sauerland, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Peter Bürger: Friedenslandschaft Sauerland, Antimilitarismus und Pazifismus im Sauerland, Edition Leutekirche Sauerland 1, Books on Demand, Norderstedt 2016, ISBN 97833739238487, Preis: 12,00 Euro (Print)

Bürger Friedenslandschaft

Peter Bürger ist Begründer des Christine-Koch-Mundartarchivs in Eslohe (www.sauerlandmundart.de), und seit 2003 freiberuflicher Publizist. Durch sein Studium der katholischen Theologie ist er mit den Grundlagen der christlichen Friedensethik katholischer Ausprägung vertraut und seinerseits durch die Friedensbewegung Pax-Christi geprägt. Man spürt aber schon, dass die mehr evangelisch geprägtenTeile des Sauerlands und ihr Anteil an der Friedensbewegung, wie der Märkische Kreis, das Siegerland und das Wittgensteiner Land hier weniger vorkommen. Der Möhnesee wird zum Sauerland gerechnet. Von dort kommt der Heimatdichter Jupp Balkenhol (geb. 1929). Peter Bürger veröffentlicht sein Gedicht, in dem ein Briefwechsel zwischen einer Mutter und einem Sohn beschrieben wird. Die letzte Strophe zeigt klar, worum es geht:
„Die Mutter hatte es geahnt

und ihren Sohn umsonst gemahnt:
Weil Ferdinand die Fahne trug,

Wurde sie ihm zum Leichentuch.“ (S. 30)

Die katholischen Bedenken gegen den Krieg entstammten der antimilitaristischen Tradition des 19. Jahrhunderts, als das Sauerland dem evangelischen Preußen eingefügt worden war und sich die mehrheitliche Bevölkerung des Sauerlands nur sehr ungern für die preußische Armee engagierten. Das änderte sich jedoch spätestens kurz vor dem 1. Weltkrieg, als es auch viele Stimmen für diesen Krieg gab. Im katholischen Gesangbuch stand noch bis nach dem 2. Weltkrieg ein Lied mit der Strophe: „Heilig, Herr der Kriegerheere.“ (S. 39)

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Inwiefern ist der Himmel bewohnt? Notiz mit einer Rezension zum Hebräerbrief, Christoph Fleischer, Welver 2016

In einem Vortrag von Martin Buber vermute ich vom Titel her einen Hinweis darauf, was im Judentum unter dem Wort „Himmel“ verstanden wird. Der Vortrag aus dem Jahr 1951 ist überschrieben mit „Der Dialog zwischen Himmel und Erde“ (Vier Reden, „An der Wende (1951)“, abgedruckt in: Martin Buber: Politische Schriften, Lizenzausgabe für Zweitausendeins, Gütersloher Verlagshaus 2010, S. 387 – 396). Es geht in diesem Vortrag inhaltlich um das Reden und Schweigen Gottes. Konkreter Anlass ist die Erfahrung von Auschwitz: „In dieser Zeit wird gefragt: Wie ist nach Auschwitz jüdisches Leben möglich? Ich möchte diese Frage richtiger fassen: Wie ist in einer Zeit, in der es Auschwitz gibt, noch ein Leben mit Gott möglich? ‚Glauben’ kann man an den Gott noch, der zugelassen hat, was geschehen ist, aber kann man noch zu ihm sprechen? Kann man ihn noch anrufen?“ (Ebd. S. 395).

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Die genannte Frage wird mit einem Hinweis auf Hiob beantwortet: Gott erscheint erneut, gibt sich zu erkennen. Gottes Anrede wird vernommen, ohne dass die Fragen eine Antwort finden. „Das Geheimnis ist ein Rätsel geblieben.“ (S. 396) Und darauf formuliert Buber einen Satz, der mich als deutschen Nichtjuden tief betroffen macht: „Wir schicken uns nicht in das irdische Sein, wir ringen um seine Erlösung, und wir rufen rechtend die Hilfe unseres Herrn, des wieder und noch Verborgenen, an.“ (S. 396).  „Inwiefern ist der Himmel bewohnt? Notiz mit einer Rezension zum Hebräerbrief, Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen

Politische Theologie der Reformation, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Siegfried Bräuer, Günter Vogler: Thomas Müntzer, Neu Ordnung machen in der Welt, eine Biographie, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2016, Gebunden, 542 Seiten, ISBN: 978-3-579-08229-5, Preis: 58,00 Euro

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Die beiden Autoren sind ausgewiesene Experten und haben Thomas Müntzer auf je eigene Art ihr Lebenswerk gewidmet. Siegfried Bräuer war als Privatdozent und apl. Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin tätig und hat den Briefwechsel Müntzers mit herausgegeben. Günter Vogler ist emeritierter Professor für Geschichte und hat die Thomas Müntzer Gesellschaft mitbegründet und bis 2008 als Vorsitzender geleitet. Er hat bereits 1989 eine Biographie Thomas Müntzers herausgegeben. Die beiden Autoren haben diese ausgewiesen wissenschaftliche Biographie arbeitsteilig verfasst und sich gegenseitig beraten. Das Buch verfügt über ein umfangreiches Werk- und Literaturverzeichnis, das den Anspruch erhebt, den aktuellen Stand der Thomas-Müntzer-Forschung zu präsentieren. Der Anmerkungsapparat belegt jede Aussage Müntzers und andere Quellen und lädt zur Weiterarbeit ein. Dabei wird die Theologie Müntzers ebenso dargestellt wie sein Lebenslauf und seine historische wie politische Entwicklung.
Dass dieses Buch nur für einen Preis von 58,00 Euro zu haben ist, ist allerdings bedauerlich, weil ihm eine breitere Verbreitung zu wünschen wäre. Es ist fachlich absolut auf dem neusten Stand und trotzdem spannend zu lesen. Dass die Zitate in der Originalschreibweise gegeben werden stört keinesfalls, da sie sich eigentlich trotzdem gut lesen lassen.

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Einer für alle – Kunsthändlerfamilie Gurlitt, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Meike Hoffmann, Nicola Kuhn: Hitlers Kunsthändler, Hildebrand Gurlitt 1895 – 1956, Die Biographie, Verlag C.H.Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69094-5, Preis: 24,95 Euro

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Als die Steuerfahnder 2013 in der Wohnung des Kunsterben Cornelius Gurlitt (1932 – 2014) in München-Schwabing auf die Spur einer umfangreichen Kunstsammlung stießen, war ein Jahrhundertfund gelungen. Dabei wäre es an sich nichts Anrüchiges, vom Erbe der Eltern zu leben, wenn nicht ein Teil der Bilder aus der Verwertung jüdischen Eigentums in der Nazizeit stammen würde. Die Hauptintention der Autorinnen dieser Biographie besteht darin, auf die nach wie vor bestehende Problematik der sogenannten „Raubkunst“ aufmerksam zu machen. „Die in öffentlichen und privaten Sammlungen verborgene Raubkunst gehört ans Licht und, wo es möglich ist, zurück in die Hände der ehemaligen Besitzer oder der Nachfahren. … 70 Jahre nach Kriegsende wird es Zeit, auch in der Kunst den Opfern des NS-Regimes Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.“ (S. 345). „Einer für alle – Kunsthändlerfamilie Gurlitt, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen