Literarischer Hausbesuch, Rezension von Joachim Wehrenbrecht, Herzogenrath 2016

Zu: Hubertus Halbfas: Das Christenhaus, Literatur und Religion, Ein Lesewerk,  Patmos Verlag, Ostfildern 2015, ISBN 978-3-8436-0666-0, Preis: 30,00 €

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Gorbatschow wollte am Haus Europa arbeiten. Es sollte in aller Verschiedenheit ein offenes Haus werden. Im Moment schließen sich mehr Türen als sie sich gastfreundlich öffnen. Hubertus Halbfas legt mit „Das Christenhaus“ ein Lesewerk vor, das über Literatur, besonders des 20.Jahrhunderts, sich mit den geistigen Wurzeln des christlichen Abendlandes kritisch auseinandersetzt. Verschiedenen Literaten kommen zu Themen wie: Gott, Schöpfung, Jesus, der Nächste, Juden, Kirche, Glaube, Gebet und Religion prägnant aus ihren Werken zu Wort. Sie alle waren mehr oder weniger im Christenhaus zu Gast, kennen Einrichtung und Geruch der Wohnung. Sie arbeiten sich an den großen Themen und der langen Wirkungsgeschichte des Christentums ab, lösen sich, distanzieren sich, radikalisieren das Evangelium, machen Vertrautes fremd, erkennen ungehobene Schätze und Werte, mit anderen Worten: Sie setzen sich mit dem Haus der Christen: wie sie leben, was sie denken, was sie glauben und hoffen, auseinander. Manch einer zieht aus dem Haus aus und sucht neue Räume, andere bleiben dem Haus verbunden, leben in ihm und versuchen seine Zukunft zu gestalten. Hubertus Halbfas hat ein gut gegliedertes Werk mit zahlreichen Bildern und Graphiken vorgelegt. Eine Fundgrube für jeden, der sich für den Resonanzboden des Christentums im aufgeklärten Haus Europa interessiert. Das Buch ist vor allem für die Bildungsarbeit in Kirche und Schule zu empfehlen. Mir persönlich bleibt die Auswahl zu sehr auf das 19/20.Jahrhundert beschränkt. Damit bleibt das Buch einer eurozentrischen Sicht und einer teilweise überholten Debatte verhaftet. Die neuen unverkrampften Annäherungen von Kunst, Literatur und Religion kommen nicht in den Blick (Navid Kermani: Ungläubiges Staunen, Jean Pierre Wils: Kunst. Religion: Versuch über ein prekäres Verhältnis, Martin Walser, Sibylle Lewitscharoff, Andreas Maier, Arnold Stadler, etc.)

Liebe – mehr als Sex und Gefühl, Rezension von Markus Chmielorz, Dortmund und Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Angelika Krebs: Zwischen Ich und Du, Eine dialogische Philosophie der Liebe, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Suhrkamp Verlag Berlin 2015, ISBN 978-3-518-29663-9, Preis: 18,00 Euro

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Angelika Krebs wirkt als Professorin für Philosophie an der Universität Basel. Passend zu ihren bisherigen Veröffentlichungen bearbeitet sie auch diesmal ein ethisches Thema, die Liebe.

Ganz zu Beginn möchte ich eine Enttäuschung benennen. Das im Titel zuerst vorkommende Wort „Zwischen“, dem auch Martin Buber in seiner dialogischen Philosophie einige Gedanken widmete, wird (im gesamten Buch) nicht ausdrücklich thematisiert. Es weist hier offensichtlich einfach auf die Beziehungsthematik hin, die man auch Zwischenmenschlichkeit nennt.

Das Vorteil und die Stärke des Buches hingegen liegen darin, dass sowohl die klassische Philosophie zu Wort kommt, als auch philosophische Beispiele der Neuzeit (z. B. Edith Stein) und der Literatur (z. B. Henry James). „Liebe – mehr als Sex und Gefühl, Rezension von Markus Chmielorz, Dortmund und Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen

Wie weit tragen Metaphern theologisch? Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Siegfried Grillmeyer, Erik Müller-Zähringer, Johanna Rahner (Hg.): Peterchens Mondfahrt – Peter Sloterdijk, die Religion und die Theologie, Band 12 der Reihe Veröffentlichungen der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus, www.cph-nuernberg.de, Echter-Verlag, Würzburg 2015, 198 Seiten, Preis: 16,80 Euro

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Die Autorin und die Autoren dieses Bandes Erik Müller-Zähringer, Klaus Müller, Gregor Maria Hoff, Johannes Rahner, Martin Kirschner und Johannes Först verbindet die Lehrtätigkeit im Fach katholische Theologie an diversen Hochschulen sowie die Mitarbeit am theologischen Forum der Universität Bamberg und am Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg. Die religionskritische Arbeit Peter Sloterdijks zeigt Wirkung und wird von Seiten der katholischen Theologie aufmerksam aufgenommen. Peter Sloterdijk, evangelisch sozialisiert, versteht es, die Metaphern des religiösen Lebens in säkularer Sprache auszudrücken, aber nicht wie meist unterstellt, um sie aggressiv atheistisch zu entlarven, sondern um Brücken zwischen Religion und Philosophie zu bauen. Er wird im Bereich der Kirche wahrgenommen, da er die Religion, quasi immer von einem neutralen Standpunkt aus beobachtet und in ihrem Engagement für die Menschheit zu verstehen versucht. Wie nah und sensibel er in seinem Buch „Du musst dein Leben ändern“ an der Wahrhaftigkeit religiöser Sprache rührt, wird vor allem im letzten Beitrag von Johannes Först dargestellt: „Metapher, Fragment und Sakrament, Peter Sloterdijks metaphorische Sprachkunst als Impuls für eine sakramentale Daseinshermeneutik (S. 167 – 192). „Wie weit tragen Metaphern theologisch? Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen

Diskretion im Umgang mit Gott, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015

Zu: Kristian Fechtner: Diskretes Christentum, Religion und Scham, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2015, ISBN 978-3-579-08146-5, Preis: 17,99 Euro

Diskretes Christentum von Kristian Fechtner
Diskretes Christentum von Kristian Fechtner
Laut Vorwort hat der Mainzer Theologieprofessor im Fach Praktische Theologie sein Projekt, ein Buch über „Religion und Scham“ zu schreiben, zunächst nicht vollendet und aufgeschoben. Doch das Buch ist nun erschienen, und die Frage ist, welches Thema es eigentlich behandelt. Ist das hier als Untertitel angegebene Thema „Religion und Scham“ mit dem Haupttitel „Diskretes Christentum“ eigentlich identisch, und inwiefern unterscheiden sich diese beiden Fragerichtungen auch?

Es könnte um die Seelsorge gehen, denn „Seelsorge hat mir Scham zu tun“ (S. 147). Doch das Buch konzentriert sich nicht auf die Seelsorge, sondern spürt dem Thema auch in den Bereichen Gottesdienst, Kasualpraxis und Religionspädagogik nach. Die Frage ist also berechtigt, ob diese Grundfrage nach „Religion und Scham“ zur Wahrnehmung eines gewiss relevanten Querschnittsthemas führt, oder ob, wie das Buch denn nun benannt wird, diese Fragerichtung zur Wahrnehmung eines Phänomens führt, das mit einem recht kurzen Schlusskapitel (S. 173 – 179) zum Thema Diskretion in der Religionsausübung führt. Wo das Buch zum eigentlichen Thema kommt, scheint es abzubrechen. Wohin wird der Leser, die Leserin gelenkt, dazu, Diskretion kompetent aufzudecken und zu kritisieren oder als eine berechtigte Gestalt gelebten Glaubens zu akzeptieren? „Diskretion im Umgang mit Gott, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015“ weiterlesen

„Postmoderner Glaube“, Kurzer Bericht und Gedanken zu einem Text von John D. Caputo, Christoph Fleischer 2015

John D. Caputo, Truth, Philosophy in Transit, Penguin Books, London 2013, ISBN 978-1-846-14600-8

Caputo truthJohn D. Caputo, emeritierter Philosoph aus Syracusa (USA) mit dem Schwerpunkt Religionsphilosophie, legt hier die Ausarbeitung einer schwachen Theologie („weak theology“) vor. Hierbei zieht er vor allem Schriften des französischen Philosophen Jacques Derrida (Dekonstruktion) heran. Das Buch „Truth“ erschien in einer Reihe, genannt „Philosophy in Transit“, die anlässlich des Jubiläums der Londoner U-Bahn herausgegeben worden ist. Dass das Wort Transit nicht nur den Weg zur Arbeit meint, sondern auch das Lebensgefühl der Postmoderne aufgreift, wird in den Titeln der Reihe thematisiert.

John D. Caputo geht auf die philosophischen Wurzeln und die Vorläufer der Postmoderne ein (z. B. Kant, Hegel, Nietzsche, Kierkegaard). Die Postmoderne ist gegenüber der Moderne keine neue Ära, sondern eine Fragerichtung, die die Kritik selbst auf die Grundlagen der Moderne anwendet. Nun verdeutlicht der Autor den Wahrheitsbegriff der Postmoderne am Beispiel der Religion, wie im Abschnitt „What Do We with Religious Truth?“ (S. 49-65). „„Postmoderner Glaube“, Kurzer Bericht und Gedanken zu einem Text von John D. Caputo, Christoph Fleischer 2015“ weiterlesen