Die Worte Jesu am Kreuz – Mich dürstet, Predigtreihe Herzogenrath 2020

Predigt zu Joh 18, 28 am 20.03.2020 in der Markuskirche, Pfarrer Jochen Remy*

Liebe Gemeinde,

„mich dürstet.“

über dieses kurze Wort aus dem Johannesevangelium möchte ich heute in diesen schwierigen Zeiten mit Ihnen nachdenken.

Schaut man sich Passionsbilder von Jesu Kreuzigung aus der Kunstgeschichte an, dann fallen einem direkt zwei Typen von Darstellungen auf.

Sehr viele Werke betonen die Göttlichkeit Jesu.

Ein strahlender Held mit makellosem Antlitz blickt uns vom Kreuz herab an. Dieser überhöhte Christus soll zeigen, dass am Ende Gott triumphiert.

Das Kreuz ist notwendige Durchgangsstation zur mitgedachten Auferstehung.

Karfreitag wird vom Ostermorgen aus gelesen. Ausgedeutet.

Jesus als glorreicher Held zeigt, dass nicht die selbsternannten Machthaber bestimmen, sondern dass Gott der eigentliche Herr des Geschehens ist.

Und in dieser Botschaft liegt durchaus etwas Tröstliches.

Es ist beruhigend, einen starken Partner an seiner Seite zu haben. Auf den man sich verlassen kann.

Der mit Macht einem beisteht.

Wer es schafft, sich das Bild eines allmächtigen Gottes zu bewahren, wird daraus Hoffnung und Kraft ziehen.

Aber ich will die beiden Nachteile, die sich aus diesem Gottesbild ergeben, nicht unterschlagen.

Für unseren menschlichen Geist ist die Diskrepanz zwischen einem allmächtigen und gütigen Gott und dem Elend der Welt nicht wirklich auflösbar. Daran kann man verzweifeln.

Und dieser mächtige Gott ist zudem so unnahbar, dass selbst für Gläubige es mitunter schwer ist, die spirituelle Mitte nicht zu verlieren.

Je mächtiger und stärker ich Gott denke, desto weiter ist er von meiner Lebenswirklichkeit entfernt, in der ich Erfahrungen von Schwachheit und Ohnmacht machen muss.

Der zweite Typus von Passionsbildern hat daher versucht, die menschliche Seite Jesu in den Vordergrund zu rücken.

Diese Gemälde zeigen einen gemarterten Jesus, mit schmerzverzerrtem Gesicht, sein Körper über und über mit Wunden bedeckt.

Dieser Jesus ist uns in seiner ganzen Verwundbarkeit näher.

Er hat seine himmlische Macht in irdische Ohnmacht getauscht.

Auch wenn er hoch am Kreuz hängt, bleibt mir immer nur die Perspektive, auf Jesus herabblicken zu müssen, denn in ihm und seinem Elend ist der Tiefpunkt menschlichen Leids verdichtet.

Ganz egal, was für Nöte ich in meinem Leben schon erfahren habe und noch durchleiden werde, Jesus kennt dieses Jammertal und zeigt mir dadurch, dass er mir nahe ist.

Viele von uns haben in diesen Tagen berechtigte Angst vor dem Coronavirus und seinen Folgen.

Corona kommt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt Krone.

Die Assoziation zur Dornenkrone Jesu mag zufällig sein und doch kann sie mich verblüffen.

Wenn es gut läuft, dann gibt mir der Blick auf den leidenden Jesus die Kraft, auch mein ganz privates Kreuz zu tragen.

Ich weiß mich mit Jesus geschwisterlich verbunden.

Wenn es schlecht läuft, dann hat dieses Jesusbild jedoch zwei gravierende Nachteile. Zum einem ist es wenig einladend, eine Nachfolge anzutreten, die mit so großem Leid verbunden ist. Mir macht gerade diese Betonung der Leidensbereitschaft Angst.

Und jemand, der freiwillig so viel Leid auf sich genommen hat, der kommt mir dadurch nicht zwingend näher, sondern der entfernt sich womöglich ebenso rasant von mir, weil ich selbst so viel Opferbereitschaft wahrscheinlich nicht aufbringen könnte. Die meisten Worte Jesu am Kreuz würde ich dem ersten Bildtypus zuordnen. Es ist bewundernswert, was und wen Jesus alles in seinem Todeskampf in den Blick nimmt. Der Ausruf „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ist dem zweiten Bildtypus zuzuordnen.

Aber die große Ausnahme wird durch unser schlichtet „Mich dürstet“ gebildet. Ich wüsste keine andere Stelle im Neuen Testament, an der Jesus so sehr auf sich selbst und seine eigene Bedürftigkeit schaut.

Mir geht diese bescheidene Bitte, man möge ihm seinen Durst stillen, zu Herzen.

Und ich fühle mich ihm dadurch verbunden.

Mir kommen Bilder von frisch Operierten in den Sinn, deren Lippen nur angefeuchtet werden konnten, weil sie zu dem Zeitpunkt nichts trinken durften.

Durst ist ein so existentielles Bedürfnis, dass die deutsche Sprache keinen Begriff für seine Stillung kennt.

Wenn ich keinen Hunger mehr habe, dann bin ich satt. Wenn ich keinen Durst mehr habe, dann bin ich.. .?

Durst kann eben nicht für einen längeren Zeitraum beseitigt werden.

Und Jesu Durst wird durch einen römischen Soldaten gestillt, der einen Schwamm auf seine Lanze spießt und diesen mit Essigwasser tränkt.

Meine Schüler wundem sich immer wieder über diese Szene, sind manchmal sogar empört, weil sie dahinter eine weitere Grausamkeit vermuten.

Aber mit Essig versetztes Wasser war ein normales Getränk römischer Soldaten, weil durch die Zugabe von Essig das Wasser haltbarer und bekömmlicher war als ohne.

Ob hier ein erstaunlicher Akt von Barmherzigkeit zu beobachten war oder ob durch die Gabe auf perfide Art und Weise derTodeskampf noch verlängert werden sollte, lässt sich heute nicht mehr sicher beurteilen.

„Mich dürstet.“

Gerade in Zeiten wie diesen macht es Sinn, einmal darüber nachzudenken, was mir existentiell wichtig ist.

Welcher Durst, welcher Hunger ist so bedeutend, dass ich ohne seine Stillung nicht auskommen kann?

Vermutlich gibt es keine Antwort, die über Essen, Trinken und einen sicheren Platz zum Schlafen für alle Menschen gleichermaßen zutreffen wird.

Die einen mögen gerade verzweifeln, weil sie ihrer Arbeit nicht nachgehen dürfen, während den anderen die Auszeit vielleicht sogar ganz gelegen kommt.

Die Schließung von Kinos, Theatern oder Konzerthallen ist manchem völlig egal, während für andere gerade eine Welt einbricht.

Und die Beschränkung auf die Familie in den eigenen vier Wänden genießt ein Teil, während andere sich lieber in Einzelhaft begeben würden.

Aber diese zwangsweise Infragestellung von Gewohnheiten bietet neben allem Beängstigendem auch die Chance, sich selbst und seine Verhaltensmuster zu hinterfragen.

Die Welt nach der Coronakrise wird nicht mehr so sein, wie sie vorher war. Das macht Angst, weil wir noch nicht abschätzen können, was oder wen wir aufgeben müssen. Aber dahinter verbirgt sich durchaus auch die Chance, noch einmal neu starten zu können.

Mir persönlich geht es nahe, dass diese unvorstellbare Seuche vermutlich hätte vermieden werden können, wenn alle Welt sich an die biblischen Speisegebote gehalten hätte.

Wir können, nein, wir müssen uns immer wieder neu in Gedächtnis rufen, dass Gott uns schon den längst den Maßstab für ein richtiges Verhalten an die Hand gegeben hat. Wir müssen aber wohl immer wieder neu lernen, diesen Maßstab auf unser eigenes Leben zu übertragen.

„Mich dürstet…“ – der Jesus, der zu seinen eigenen Bedürfnissen steht und sie umsetzt, ohne die Gemeinschaft der einzelnen Glieder dadurch zu gefährden, dieser Jesus ist mir nahe.

Näher als es die eingangs erwähnten Bilder vom triumphierenden Christus oder vom geschundenen Jesus sein könnten.

Für einen kleinen Augenblick kann ich die Person Jesu entdecken, bevor diese wieder hinter seine Mission zurücktritt.

Jesus ist eben nicht wahrer Gott oder wahrer Mensch, sondern wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich.

Erst die Symbiose aus beiden Vorstellungen rundet das Bild ab.

Die Stärke und Schwachheit zugleich geben mir Kraft in diesen schwierigen Zeiten mein Leben auf Gott und sein solidarisches Wort hin auszurichten.

Amen

Und bleiben Sie gesund!

 

*Pfarrer Jochen Remy ist Pfarrer an zwei Schulen in Aachen. Er unterrichtet Ev. Religion, und an der Viktoriaschule – ein evangelisches Gymnasium in der Trägerschaft der EkiR –  betreut er die Schulgemeinde. Pfarrer Jochen Remy lebt in Herzogenrath und gehört als ständiger Gast ohne Stimmrecht zu unserem Presbyterium.

Die Worte Jesu am Kreuz – Ich befehle meine Hände in deinen Geist, Predigtreihe Herzogenrath 2020

Predigt am 4.4.2020 in d. Markuskirche – Predigtreihe über Jesu Worte am Kreuz

Pfarrer Frank Ungerathen*

„Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ (Lk. 23,46)

Evangelien – Lesung: Lk. 23, 44-46

[44] Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, [45] und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. [46] Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch allen. Amen

Liebe Gemeinde,

und das Volk stand da und sah zu. Und es standen seine Bekannten von ferne und sahen das alles. Wir stehen von ferne und sehen das alles, seit sechs Wochen sehen wir dem Sterben Jesu zu und hören seine letzten Worte.  Diese ganze Geschichte ist uns vertraut und zugleich voller Abgründe. Geht sie uns an? Geht sie uns so an, dass sie in unser Leben trifft, die Seele berührt und uns verändert? Wir haben Jesu Leidensweg und seine Kreuzigung unzählige Male in Stein gemeißelt, auf Leinwand für unsere Altäre gemalt, in Oratorien besungen.  Wir hören die Geschichte, sehen ihre Darstellung. Berührt sie uns in der Tiefe oder ist sie für uns nur noch ein Bild unserer abendländischen Tradition? Bildungsgut, das man kennen muss, wenn man unsere Kulturgeschichte begreifen will und die Gemälde in den Museen verstehen. Wie nah lassen wir diese Geschichte an uns heran? Lukas hat diese Frage auch.

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Ich habe einen Vogel. – Nur einen? Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu:

Georg Wögerbauer: Flugversuche, Wie ich meine persönlichen Vögel um Fliegen bringe, Orac im Verlag Kremayr & Scherian, Wien 2020, gebunden, 184 Seiten, ISBN: 978-3-7015-0619-4, Preis: 22,00 Euro (D,A)

Georg Wögerbauer ist Allgemeinmediziner und Psychotherapeut und praktiziert in Wien. Seine Arbeit im Schwerpunkt Psychotherapie geht über die Einzelberatung hinaus in den Bereich von Vorträgen und Seminaren zum Themen der bewussten Lebensgestaltung. Dazu leitet er zusammen mit seiner Frau das Projekt „Gesundheit im Waldviertel“. Der praktische Hintergrund ist in diesem Buch nicht nur unverkennbar, sondern auch prägend, ohne dass es eine Anleitung zur Selbstdiagnose und Selbsttherapie darstellt.

Ein weiterer Schwerpunkt Wögerbauers ist die Lyrik. In diesem Buch werden 35 kleine Aufsätze zu psychotherapeutischen Themen jeweils um eines oder mehrere Gedichte ergänzt, in denen das Flugmotiv allerdings explizit kaum vorkommt. Es ist den Prosatexten vorbehalten.

Ohne dass das Buch ausdrücklich in Kapitel aufgeteilt wird, sehe ich hier zwei etwas gleich große Hauptteile. Der erste Teil ist eine Art psychologische Charakterkunde, in denen neurotische Persönlichkeitsanteile mit dem Bild des Vogels verknüpft und ausgearbeitet werden. Jede Leserin bzw. jeder Leser wird den Satz „Ich habe einen Vogel“ schon einmal gesagt oder gehört haben („Du hast…“). Das Buch arbeitet mit diesem Motiv und lädt dazu ein, ruhig von mehreren Vögeln, also Marotten zu sprechen und sich dieses, ans pathologisch grenzende Verhalten zunächst zuzugestehen. Niemand ist besser oder schlechter, bloß weil er oder sie einen oder mehrere Vögel hat. Problematisch ist wohl eher, entweder seine Vögel nicht zu kennen oder sie nicht zum Fliegen bringen zu können oder zu wollen.

Im zweiten Teil tauchen die Vögel nur noch sporadisch auf und werden bewusst durch das Flugmotiv ergänzt. Tragende Begriffe sind jetzt lebensbezogene Themen wie Abschiedlichkeit, Verbundenheit, Sicherheit, Tagträume, Aufbrüche, Flügel der Seele und Erfahrungen der Heilung. Diese Begriffe zeigen, dass das Motiv des Vogels aus eher psychologischer Tradition nicht den Blick auf das ganzheitliche Denken verstellen sollte.

Das Manuskript des Buches ist während eines Urlaubs (!) auf der griechischen Insel Kreta entstanden. Das letzte Kapitel ist dem Abschiedsabend mit dem griechischen Vermieterehepaar Georgia und Nektarios gewidmet. Der Einladung, im Dorf ein Stück Land zu übernehmen, ist der Autor dann wohl eher nicht gefolgt, jedenfalls wird dieser Gedanke zwar berichtet, aber nicht vertieft.

Ich finde die autobiografischen Teile des Buches durchaus unterhaltsam, zeigen sie doch auch die Verbindung des Themas „Flugversuche“ zur psychotherapeutischen Arbeit auf. Trotzdem meine ich beobachtet zu haben, dass der Autor im zweiten Teil weggeht von einer systematischen „Vogel“-Lehre hin zu einer episodischen Flugversuchserzählung. Der Spagat zwischen klarer fachlicher Orientierung und narrativer Vermittlung ist nicht immer einfach zu leisten. Trotzdem lädt die Lektüre des Buches gerade im ersten Teil zur Selbstbeobachtung und auch Selbsttherapie ein und ist so sicher auch als Ergänzung zur fachlichen Psychotherapie gedacht. Insofern ist das Buch sehr zu begrüßen.

Weltkrieg im Barock, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu:

Marian Füssel: Der Preis des Ruhms, Eine Weltgeschichte des Siebenjährigen Krieges, 1756 – 1763, Verlag C.H.Beck, München 2019, gebunden, 656 Seiten, ISBN: 978-3-406-74005-3, Preis: 32,00 Euro

Link: https://www.chbeck.de/fuessel-preis-ruhms/product/27671844

 

Marian Füssel, geboren 1973, arbeitet als Professor für neuere Geschichte in Göttingen. Er hat schon mehrere Bücher über den Siebenjährigen Krieg geschrieben, darunter auch ein kleines Kompendium (siehe unten). Auf dieses umfangreichere Buch wurde ich durch eine Rezension im Soester Stadtanzeiger aufmerksam, einer wöchentlich erscheinenden Werbezeitung, die vor allem lokale Themen aufgreift.

Der Siebenjährige Krieg ist in unserer Region rund um Welver präsent, da in Vellinghausen eine große Schlacht dieses Krieges stattfand, welche durch ein Schlachtpanorama im Heimathaus Welver präsentiert wird.

Was also ist das Besondere dieses Fachbuches mit dem Titel „Der Preis des Ruhms“?

Als ich die Erläuterung für den Ansatz des Buches las, musste ich an ein Gedicht von Bertold Brecht denken: „Fragen eines lesenden Arbeiters“. Hier fragt sich der lesende Arbeiter unter anderem: „Wer baute das siebentorige Theben?“ Ist nicht Geschichte in der Vergangenheit gerade dann, wenn es um Kriege und Schlachten ging immer aus der Sicht von Königen und Herrschaften erzählt worden?

Wo bleiben die Stimmen der Soldaten, der Offiziere und anderer Beteiligten? Wer also führte, gestaltete und erlitt den Siebenjährigen Krieg? Marian Füssel ist in der Vorbereitung schon früherer Werke zum Krieg auf Tagebücher und Augenzeugenberichte gestoßen, die zum Teil schon im 18. Jahrhundert in umfangreichen Editionen veröffentlicht worden sind. Hier in diesem Buch werden also Berichte zitiert, die die Kriegshandlungen und ihrer Folgen aus erster Hand kommentiert haben. Diese Erlebnisberichte sind der Hauptgegenstand des Buches.

Damit wird aber nun erneut der Krieg erzählt. Doch in dieser Nacherzählung geht es weniger um das Schachbrett der Weltgeschichte. Die Frage, die Marian Füssel verfolgt, ist die Darstellung des Krieges in globaler Perspektive. Schon dieser Krieg, der nicht nur in Europa stattfand, als Konflikt zwischen England und Frankreich oder Preußen und Österreich, lässt sich in globaler Perspektive als Weltkrieg verstehen.

In den ersten Kapiteln des Buches wird in dieses Thema eingeführt, einige Quellentexte vorgestellt und auf die Bedeutung der Selbstzeugnisse hingewiesen. Gerade die Selbstzeugnisse sind ein Beleg für die globalen Dimensionen des Krieges. Die Kriegsparteien und ihre Ressourcen werden dargestellt. Kleine Karten verdeutlichen die Bedeutung der jeweiligen Regionen. Eine These Marian Füssels etwa lautet z. B., dass die Kriegsführung durch eine Entlastung der Zivilbevölkerung (im Vergleich zu früheren Kriegen wie dem dreißigjährigen Krieg) und „truppenschonende Manöverstrategie“ effektiver geworden ist.

Die Beschreibung des Krieges lässt in diesem Buch also weniger die strategische oder politische Perspektive deutlich werden, sondern wird hauptsächlich von den Quellen her erzählt.

Obwohl diese Quellenzitate dem Text einen Realitätsbezug geben, verlieren Leser und Leserin gleichwohl schnell der Überblick. Ein weiterer Nachteil ist, dass die Quellenzitate als realistisch angenommen werden. Dabei wird z. B. den Indianern, die auf französischer Seite in Amerika gekämpft haben, unterstellt, sie hätten den Opfern den Schädel gespalten, sie vorher skalpiert und von ihrem Fleisch gegessen (Kannibalismus, hier S. 88). Da der Autor sich von dieser Schilderung nicht distanziert, habe ich von hier an nicht mehr weiterlesen wollen, wahrscheinlich, weil mich solche Kriegsbilder zu drastisch sind und ich auch nicht sicher bin, ob es nicht eine pure Übertreibung ist. (Hierzu gibt es evtl. eine Diskussion, die aber hier im Buch unerwähnt bleibt, wie z. B. in diesem Artikel: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2011/01/Kannibalismus-Neue-Welt).

Im Zusammenhang der Rezension entdeckte ich das kleine kompakte Taschenbuch:

Marian Füssel: Der Siebenjährige Krieg, Ein Weltkrieg im 18. Jahrhundert, Verlag C. H. Beck, München 2010/2013 Taschenbuch, 129 Seiten, mit zwei Abbildungen und vier Karten, ISBN 978-3-406-60695-3, Preis: 8,95 Euro

Schon in diesem kleinen Taschenbuch wird von Marian Füssel der siebenjährige Krieg als Weltkrieg dargestellt. Hier findet sich auch das Ortsregister und die Zeittafel, die ich im anderen Band vermisse. Die Schlacht in Vellinghausen war demnach am 15. und 16. Juli 1761. Das hätte ich zwar schon vorher wissen können, aber jetzt kann ich diese Schlacht als ein Beispiel der Materialschlacht verstehen, in der eine Übermacht der Franzosen von der englischen Partei auf preußischem Territorium vernichtend geschlagen wurde.

Die Bücher von Marian Füssel zeigen also, dass die Geschichte des Krieges nicht nur etwas mit Macht zu tun hat, sondern auch mit globalen Wirtschaftsinteressen.

Es ist vollbracht – Predigtreihe Passionspredigten Herzogenrath

Predigt über: Die sieben Worte Jesu am Kreuz:

„Es ist vollbracht“ Joh. 19,30

28.März 2020 18 Uhr

von  Britta Schwering

Der Gottesdienst auf youtube: https://youtu.be/orWci7A52rk

„Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus“(1.Kor.1,3)

 

Liebe Gemeinde!

 

(Evangelium:  Joh. 19,28- 30 :

28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.

29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund.

30 Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.)

 

„Es ist vollbracht“.   Deutlich ausgesprochen, eventuell nur gehaucht.

Dann kommt das Ende. Jesus neigt das Haupt und stirbt. Ein langer qualvoller Tod ist dieses Sterben am Kreuz. Ein unglaublich großes Unrecht ist geschehen, denn Jesus wird verurteilt, obwohl er unschuldig ist.

 

3 Worte. Kurz, knapp, prägnant.

 

„Was willst Du denn darüber predigen?“ fragt mich meine Tochter.

Auch ich denke über diese Worte nach, und frage mich: Was sie bedeuten?

Und nähere mich, indem ich überlege, was Jesus nicht gesagt hat.

Anfang der Arie spielen (Guiomar)

 „Ich habe es vollbracht.“

 

Nein, das sagt Jesus nicht. Nicht er hat gehandelt, nicht er hat es vollbracht. Er spielt sich nicht in den Vordergrund. Er hat sich in Gottes Hand gegeben. Er geht den Weg der Wahrheit und dadurch folgt er der Schrift, erfüllt seine Bestimmung. Er lässt sich ans Kreuz schlagen, um zu sterben. Aber er hat es nicht vollbracht.  In der Lesung haben wir zweimal diese 3 Worte gehört. In Vers 28  „danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war…“. Und gleich darauf in Vers 30 „ Jesus sprach: Es ist vollbracht.“ Gewiss kein Zufall, sondern Absicht um den Worten Gewicht zu verleihen.

Anfang der Arie spielen (Guiomar)

„Ich habe es geschafft.“

 

Auch das sagt Jesus nicht. Etwas geschafft haben, das heißt nicht gleich es zu Ende zu bringen. Das Wort geschafft hat nicht diese Endgültigkeit. Schaffe ich etwas, dann kann es auch ein Abschnitt sein. Ich schaffe 5 km zu Laufen, ich schaffe es eine Sprache zu erlernen. Ich schaffe es gelassen zu bleiben. Ist etwas geschafft, bleibt ein positives Gefühl, eine Leistung wurde erbracht, aber ich baue darauf auf, es geht weiter, quasi ein Etappenziel.

Anfang der Arie spielen (Guiomar)

 

„Es ist zu Ende.“ 

Nein, auch das sagt Jesus nicht. Ist etwas vollbracht, so ist es natürlich zu Ende, aber vieles kann zu Ende gehen. Die Kindergartenzeit, die Schulzeit, ein Kinofilm. Zu Ende sein: das ist nicht stark genug. Es ist vollbracht, das ist der großer Wurf, eine gigantische Anstrengung, etwas was man nur einmal im Leben bewerkstelligen kann und wird.

Worte waren dem Evangelisten Johannes wichtig. Seine Worte sind uns überliefert und werden auch heute noch immer wieder gelesen. Worte sind auch für uns wichtig. Das gesprochene Wort hat einen großen Stellenwert in unserer Zeit, da es unseren Verstand anspricht. Die Musik hingegen spricht unsere Gefühle an. Deswegen gehört Musik in unsere Gottesdienste und bereichert sie. Die Worte „Es ist vollbracht“, sind oft vertont worden.  Ich habe lange in einer Kantorei gesungen. Und gleich zu Beginn, als ich über die Worte, die mich immer wieder aufs Neue stark bewegen, nachgedacht habe, hatte ich diese wunderbare Arie aus der Johannespassion von Bach im Ohr. „Es ist vollbracht – Predigtreihe Passionspredigten Herzogenrath“ weiterlesen