Corona im Kreis Soest, aus Pressemitteilungen des Kreises Soest im März 2020

Von der Anzahl 17 am 14. März 2020 bis zum 21.3.2020 ist die Zahl der bestätigten Corona-Fälle auf 73 bestätigte Corona-Fälle angestiegen!
Kreis Soest (kso.2020.03.21.146.jdw). Die Fallzahl bestätigter Corona-Fälle im Soester Kreisgebiet ist von Freitag auf Samstag, 21. März 2020, weiter angestiegen, und zwar von 62 auf 73 Fälle. Das teilt der Krisenstab der Kreisverwaltung mit.
Damit verteilen sich die bisher gemeldeten bestätigten Fälle wie folgt auf die Kommunen im Kreis Soest: Anröchte 2, Bad Sassendorf 7, Erwitte 2, Geseke 6, Lippetal 4, Lippstadt 15, Möhnesee 9, Rüthen 4, Soest 12, Warstein 6, Welver 2, Werl 4.

Dazu veröffentlicht der Kreis Soest heute am 22.03.2020 folgende Pressemeldung, die ich hiermit auf dem Blog teile:

Corona: Kreis konzentriert alle Kräfte
Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiterinnen arbeiten bereits das dritte Wochenende durch
Kreis Soest (kso.2020.03.22.148.-rn). Die Kreisverwaltung konzentriert alle Kräfte auf den Kampf gegen das Corona-Virus. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, vor allem im Gesundheitsamt und in den verschiedenen Bereichen des Krisenstabes, haben bereits das dritte Wochenende durchgearbeitet. Landrätin Eva Irrgang: „In dieser Ausnahmesituation tun wir alles für die Gesundheit der Menschen. Der Schutz und das Wohl der Bürgerinnen und Bürger stehen an erster Stelle. Dafür arbeiten wir, ohne nachzulassen.“
Zwei Schwerpunkte stehen im Mittelpunkt. Zum einen müssen wichtige Bereiche der Infrastruktur, wie zum Beispiel der Rettungsdienst und die Leitstelle, weiter rund um die Uhr reibungslos  laufen. Dafür gilt es, eine Verschärfung der Lage einzukalkulieren und vorausschauend zu planen. Zum anderen hat der Krisenstab die Situation der Krankenhäuser und des Gesundheitswesens allgemein im Blick und muss auch hier antizipieren, ab welchem Punkt die ansteigenden Fallzahlen zu Kapazitätsproblemen führen könnten und was dagegen getan werden kann. So ist beispielsweise beschlossen worden, den Krankenhäusern auf Anforderung Beatmungsgeräte des Rettungsdienstes zur Verfügung zu stellen.

Zum Glück hat der Rettungsdienst das Problem kommen sehen und sich bereits Anfang Januar mit ausreichend Masken und anderer persönlicher Schutzausrüstung wie Brille, Handschuhe oder Kittel eingedeckt. „Derzeit sind wir gut aufgestellt und halten auch die nächsten Wochen durch“, berichtet der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes, Hans-Peter Trilling. Damit auch die Krankenhäuser ihre Vorräte auffüllen können, stehen die Hilfsorganisationen Gewehr bei Fuß für Lieferungen. Das Deutsche Rote Kreuz hat auf Anweisung des Krisenstabs am Wochenende in Düsseldorf eine erste Charge von 850 Masken abgeholt, die das NRW-Gesundheitsministerium zur Verfügung gestellt hat. „Natürlich sind das viel zu wenig. Wir bleiben aber bei Landesregierung und Ministerium am  Ball und weisen ständig auf die kritische Versorgungssituation in diesem Bereich hin“, betont Kreisdirektor Dirk Lönnecke als Krisenstabsleiter. Schutzmaterialien für Pflegeeinrichtungen, Einrichtungen der Eingliederungshilfe, im Notbetrieb arbeitenden Werkstätten für behinderte Menschen und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe seien angekündigt.

Der Krisenstab hat mittlerweile Handlungsanweisungen für Feuerwehren, Hilfsorganisationen und THW im Kreis Soest  zur Aufrechterhaltung der Einsatzfähigkeit abgestimmt und auf den Weg gebracht. Nachdem auf Initiative der dortigen Hausärzte in Warstein ein Abstrichzentrum in Betrieb genommen wurde, hat das Gesundheitsamt bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein-Westfalen (KVWL) auf weitere Einrichtungen dieser Art gedrängt, zu denen die Hausärzte überweisen können, um ihre Praxen zu entlasten. In Lippstadt ist mittlerweile ein Abstrichzentrum ebenfalls in Betrieb. In Soest wurde die KVWL-Notfalldienstpraxis in ein Corona-Behandlungszentrum umgewandelt. Das Rechtsamt des Kreises unterstützt die Kommunen bei der rechtssicheren Verfassung von Allgemeinverfügungen, mit denen die zahlreichen ministeriellen Erlasse, zum Beispiel um die Kontakte der Menschen und damit die Infektionsgefahr zur reduzieren, von den Ordnungsämtern umgesetzt werden.

Das Gesundheitsamt ist unterdessen mit Hochdruck dabei, die Fülle der eingehenden Befundberichte zu sichten und auszuwerten, mögliche Kontaktpersonen im Umfeld bestätigter Fälle zu ermitteln und zu informieren sowie die in häusliche Quarantäne geschickte Personen telefonisch zu begleiten. Parallel dazu müssen Antworten auf die vielen Fragen geliefert werden, die am Infotelefon auflaufen. Diese münden in eine Liste von häufig gestellten Fragen, die ständig aktualisiert wird und auf der Website www.kreis-soest.de/coronavirus zu finden ist. Auch zu Fragestellungen, die den Kreis auf Facebook, Twitter und Instagram erreichen, liefert das Gesundheitsamt fachliche Informationen.

Der Krisenstab tauscht sich mittlerweile nicht mehr in Sitzungen aus, sondern bewertet die Lage und vergibt sein Aufträge mit Hilfe von Telefonkonferenzen. Die Arbeit im Hintergrund leisten im Dauereinsatz die Koordinierungsgruppe, der Innere Dienst sowie die Bevölkerungs- und Medienarbeit als fest definierte Bereiche des Krisenstabs. Dafür wurde, wie im Falle der Aktivierung des Krisenstabs vorgeplant, Personal aus allen Teilen der Kreisverwaltung zusammengezogen. Die regelmäßige Abstimmung mit den Bürgermeistern der kreisangehörigen Kommunen erfolgt auch mittels Telefonkonferenz.

Mehrere hundert Anrufe von Bürgerinnen und Bürgern gehen täglich am Bürgertelefon ein. Mittlerweile wurde ein Schichtbetrieb eingerichtet und auch für die Wochenenden ein Dienstplan erstellt. In der Regel sind sechs Telefone besetzt. Unter der Woche ist das Infotelefon montags, dienstags und mittwochs von 8 bis 17 Uhr, donnerstags von 8 bis 18 Uhr, und freitags von 8 bis 13 Uhr erreichbar. Samstags und sonntags sind die Telefone von 10 bis 12 Uhr besetzt. Kreisdirektor Dirk Lönnecke weist darauf hin, dass der Kreis bei Änderungen der Lage auch die Warn-App NINA zur Kommunikation nutzen werde. Er wiederholt deshalb seinen Appell, sich die App auf Handy oder Tablet zu installieren. Die App gibt es für die Betriebssysteme Android und iOS.

„Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kreisverwaltung bringen sich in dieser schwierigen Lage mit großem persönlichen Engagement, all ihrer Erfahrung und hoher Professionalität in die jetzt erforderlichen Anstrengungen ein“, betont Landrätin Eva Irrgang. „Das macht mich als Verwaltungschefin stolz. Für diese vorbildliche Leistung bedanke ich mich von ganzem Herzen. Vor allem hoffe ich, dass alle gesund bleiben.“

Die sieben Worte Jesu am Kreuz, zweite Predigt, Erhard Lay, Herzogenrath 2020

Herzogenrather Passionspredigten in der Markuskirche 2020, 2. Predigt

 

Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein    Lk 23,43

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Die 2. Predigt in unserer Passionspredigtreihe befasst sich mit dem Wort Jesu, das da lautet: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

 

Bei der Vorbereitung dieser Predigt drängte sich mir plötzlich die Erinnerung an eine Videoszene in den Nachrichten aus dem Jahr 2015 auf, die zeigte, wie eine Gruppe von 21 Männern aus Ägypten, koptische Christen, an einem Strand in Libyen aufgestellt wurden, jeweils ihr Henker vom sog. Islamischen Staat mit dem Messer in der Hand hinter ihnen. Das Video, das im Internet verbreitet wurde, hatte den Titel: „Eine in Blut geschriebene Nachricht an die Nation des Kreuzes.“

 

Mir stellte sich die Frage, was es für mich bedeutet hätte, wenn ich dort hätte stehen müssen und der Mitchrist neben mir dieses Bibelwort zu mir herübergerufen hätte.

 

Natürlich sind die beiden Situationen nicht voll vergleichbar. Die Männer in Libyen wurden nicht wegen Verbrechen getötet, sondern einfach nur wegen ihres Glaubens. Und es war nicht Jesus, der ihnen seine Gemeinschaft in Gottes Reich versprochen hatte. Aber ihre Gefühlslage war ähnlich wie bei den Männern an den Kreuzen auf Golgatha. Und unser Gemüt wird durch dadurch auch nicht unberührt bleiben.

 

Wenden wir uns also dem zu, in welcher Situation Jesus diese Worte nach Lukas sagt. Wir haben die Geschichte eben in der Lesung schon gehört. Die Kreuzigung von drei Verurteilten hatte bereits stattgefunden. Es war Brauch bei den Römern, wenn es sich anbot, mehrere Delinquenten gleichzeitig zu kreuzigen, in einem Aufwasch sozusagen. Zwei Übeltäter und Jesus in der Mitte. Was die beiden anderen verbrochen hatten, beschreibt Lukas nicht, Markus und Matthäus nennen die beiden Räuber, Johannes lässt eine nähere Bezeichnung weg.

„Die sieben Worte Jesu am Kreuz, zweite Predigt, Erhard Lay, Herzogenrath 2020“ weiterlesen

Die sieben Worte Jesu am Kreuz, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Herzogenrather Passionspredigtreihe in der Markuskirche 2020, 1. Predigt

1 „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Lk 23,34

Liebe Gemeinde,

seit dem Mittelalter werden die sieben Worte Jesu am Kreuz meditiert. Die letzten Worte Jesu haben eine breite literarische Spur hinterlassen. Viele von ihnen sind in das kollektive Bewusstsein eingegangen. Unsere Predigtreihe über die sieben Worte Jesu am Kreuz beginnt mit dem ersten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lukas 23,34)

Es steht im Lukasevangelium. Stück für Stück möchte ich es entfalten und herausstellen, dass das erste Wort Jesu am Kreuz uns zu einem guten Leben führen will.

 

Vater

Jesus redet Gott mit Vater an. Jesus sagt einfach Vater zu Gott. Vorher hat Gott Jesus bei seiner Taufe Sohn genannt (Lukas 3,22). Ich habe das Lukasevangelium durchgeblättert und festgestellt, dass der lukanische Jesus Gott wiederholt direkt mit Vater anspricht.

Am auffälligsten ist das beim Vater unser, dem bekanntesten Gebet der Christenheit, wenn nicht des ganzen Erdkreises. Wir haben es nach dem Matthäusevangelium aus der Bergpredigt gelernt, und aus „Unser Vater“, wie es bei Matthäus heißt, wurde das „Vater unser“. In der Feldrede bei Lukas lehrt Jesu seine Jüngerinnen und Jünger einfach Vater zu sagen – ohne jegliches Pronomen. „Vater! Dein Name werde geheiligt! Dein Reich komme!“ (Lukas 11,2)

Weiter fällt auf: Lukas ist der einzige Evangelist, der das bekannte Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt (Lukas 15). Im Gleichnis ist es der Vater, der den verlorenen Sohn mit offenem Armen wieder aufnimmt, obgleich der Sohn sich vorher von ihm losgesagt hatte. Jesus, der Lehrer in der Synagoge; Jesus, der das Reich Gottes verkündigt in Worten und kraft des Geistes durch Heilungen; Jesus, der in Gleichnissen spricht; der sterbende Jesus am Kreuz und der auferweckte Jesus nennt Gott schlicht Vater. „Die sieben Worte Jesu am Kreuz, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020“ weiterlesen

Neuer Beitrag auf „kauf-eine-kirche.de“ zur Einrichtung einer Bücherkirche in Bredenvoort/NL

Link: http://www.kauf-eine-kirche.de/2020/02/24/katholische-kirche-bredevoort-in-zukunft-eine-buchkirche-meldung-auf-facebook-leo-van-der-linde/

Predigt: Gottes Wort kauen Ezechiel 2 – 3, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020f

Predigt am Sonntag Sexagesimae 2020, Markuskirche, Evangelische Lydia-Gemeinde Herzogenrath

Liebe Gemeinde,

im jüdischen Lehrhaus gibt es die Tradition, Kindern zwischen drei und sechs Jahren das Lesen der Heiligen Schrift beizubringen. Von Anfang an sollen die Kinder die Tora lesend lieben lernen. Die Lehrhaustradition verehrt die Tora, die fünf Bücher Mose, als Gottes heiliges Wort an Israel. Gleichzeitig wird im Lehrhaus auch das kritische Befragen eines Textes eingeübt. Von allen Seiten wird ein Text fragend betrachtet. Es ist keine Infragestellung der Tora, eher ein Befragen und ein Fragen-Einüben. Oft gibt es keine eindeutige Antwort auf die Fragen. Genau das ist der Spielraum, wie der heilige Text am Leben bleibt und sich mit dem Leben der Fragenden verbindet.

In der ersten Lesestunde malt der Lehrer die ersten und die letzten vier Buchstaben des Alefbets an die Tafel. Nach dem Aufschreiben liest er die Buchstaben laut vor. Dann bestreicht er die Buchstaben mit etwas Honig und bittet die Kinder, die Buchstaben aufzulecken. Ein sinnlicher Akt, der sich den Kindern einprägt. Hier wird die Gabe der Tora rituell aktualisiert. Die Buchstaben der Tora werden sinnlich erfahren. Die Tora schmeckt süß wie Honig.

Die Tradition geht zurück auf die Berufungsgeschichte des Propheten Ezechiel.

Teile der Berufungsgeschichte bilden den heutigen Predigttext. Lassen wir den Text zu uns sprechen:

Ezechiel 2 – 3,3 (ich habe den ganzen Abschnitt gewählt)

2.1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. 2 Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.

3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 4 Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der Herr!« 5 Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.

6 Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten. Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich, und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten vor ihren Worten und dich vor ihrem Angesicht nicht entsetzen – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, 7 sondern du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen es; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.

8 Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde.

9 Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. 10 Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.

3.1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel!

2 Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen 3 und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

 

Liebe Gemeinde,

was für eine Berufungsgeschichte! Sie macht den Wandel deutlich und die Verunsicherung, was Gottes Wort überhaupt noch bewirken kann. War es für den Propheten Jeremia noch selbstverständlich, von der Selbstwirksamkeit und der Machtfülle des Wortes Gottes auszugehen: „Ist mein Wort nicht wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“(Jeremia 23,29), heißt es relativierend nüchtern in unserer Berufungsgeschichte: „und du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen es.“(Ezechiel 2,7)

Genauso wie die Menschen sich verhärtet haben, sich verschlossen haben gegenüber Gottes Geboten und seiner Weisung, von Gott nichts mehr halten, verstockte Herzen haben, soll Ezechiel sich hart machen gegenüber den Worten seiner Widersacher. Ezechiel, um es modern zu sagen, soll resilient werden gegenüber den Worten und Einflüsterungen derer, die ihn menschlich gesehen das Fürchten lehren. Ezechiel soll das Gift ihrer Worte und Gedanken, soll ihren Geist der Brandstiftung, der Revolte und der Kriegsführung nicht in sich einlassen. Das ist schwer, denn die Rädelsführer haben die Mehrheit und üben Gewalt aus. Sie sind ein „Haus des Widerspruchs“ gegen den Willen Gottes, gegen den Bund Gottes mit seinem Volk und seiner Schöpfung. Sie vertrauen auf menschliche Macht, statt Gott zu vertrauen. Sie achten und ehren Gott nicht mehr in ihrem Verhalten, sie jagen Götzen und dem Verführungsgeflüster selbsternannter Götter nach. Sie brechen das Recht und setzen auf Gewalt.

Das erinnert mich doch sehr an Ausschnitte aus der Eröffnungsrede von Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier auf der Münchener Sicherheitskonferenz, die diese Woche stattfindet. Statt den Frieden zu sichern, Völkerrecht und Menschenrechte zu achten, einen gemeinsamen Weg in der Völkerverständigung zu suchen, gilt wieder vermehrt das Recht des Stärkeren, wird aufgerüstet und sich in Stellung gebracht. Mit diesen und ähnlichen Worten legt Steinmeier den Finger prophetisch in gegenwärtig offene Wunden.

Zu nichts anderem beruft Gott Ezechiel, stellt ihn auf die Füße, begabt ihn mit seinem Geist, furchtlos die Wahrheit zu sagen: Ach und Wehe soll der Prophet über den eingeschlagenen Weg ausrufen. Die Klage über Jerusalem soll er anstimmen.

Fünf Jahre nach der öffentlichen Berufung des Propheten, der kaum Gehör fand und nur auf Widerstand stieß, wird Nebukadnezar den politischen Aufstand in Israel niederwalzen und Jerusalem samt Tempel schleifen. Das einstmals „glorreiche“ Reich Davids wurde gänzlich zerstört. JHWH war aus dem Tempel ausgezogen und emigrierte in´s Exil. Wie ging es weiter mit JHWH und seiner besonderen Beziehung zu seinem Volk Israel?

Gibt uns die Berufungsgeschichte Ezechiels einen Hinweis? Was wird aus dem Bund und der Treue Gottes, wenn es niemanden mehr interessiert?

Was wird – und so fragen wir uns auch gegenwärtig – aus der Kirche in unserer Gesellschaft, wenn die Kirche und die Frage nach Gott scheinbar niemanden mehr interessiert?

Ezechiel hat eine verstörende Vision. Sie ist vielfach in die Kunstgeschichte eingegangen. Sie ist sehr eindrücklich. Sie ist mehrschichtig. Viele Exegeten haben sich an ihr die Zähne ausgebissen. Enthält diese Vision etwas, was auch uns stärken kann? Was unserem Glauben in den Anfechtungen unserer Zeit Halt und Orientierung zu schenken vermag?

Ezechiel sieht, wie sich eine Hand gegen ihn ausstreckt. Die Hand hält eine Schriftrolle, die von beiden Seiten beschrieben ist. Die Hand entrollt die Schriftrolle und darauf ist für Ezechiel zu lesen:

„Klage, Ach und Weh“

Und Ezechiel hört eine Stimme, die zu ihm spricht:

„Iss, was du vor dir hast!

Iss diese Schriftrolle und rede zum Haus Israel.“

Und Ezechiel öffnet den Mund und die Hand führt die Schriftrolle zu seinem Mund – und Ezechiel verzehrt die Schriftrolle, füllt damit seinen Bauch.

Und es steht geschrieben: „Da aß ich sie und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.“(3,3)

Wie kann das sein? Der Inhalt ist Klage, Ach und Weh und schmeckt doch süß wie Honig? Wie kann das Schreckliche sich in Süße verkehren?

Ist damit die Zukunft Israels gemeint? Zuerst kommt eine Zeit der Schrecken und Heimsuchung, aber zuletzt Süße – ein Land, wo Milch und Honig fließt? Durch das Bittere hindurch zur vollkommenen Süße?

Kann so Geschichte verstanden werden? Durch Gewalt und Leid hindurch zu Recht und Freiheit? Nach einer Phase des gegenwärtig erstarkenden Nationalismus, der Kriege und des millionenfachen Flüchtlingselends hindurch zu einer gerechteren Weltgemeinschaft?

Oder könnte es nicht auch sein, dass Gottes Klage, Ach und Weh süß schmeckt dem, der darauf kaut? Vielleicht schmeckt er oder sie, dass sein Wort in Liebe und Treue gesprochen zu seinem Volk weiter gilt.

Gott, der hier spricht, ist ein enttäuschter Liebhaber. Es ist seine Liebe, die schmerzvoll mit ansieht, dass sein geliebtes Volk sich von ihm immer und immer wieder abwendet.

Wer aber Gottes Klage, Ach und Weh durchkaut, dem schmecken selbst diese Klageworte süß, weil sie von Gottes Treue und Liebe zeugen.

Gottes Wort bleibt bestehen, selbst wenn die Menschen sich von Gott und seinem Wort abwenden, selbst wenn das Land und der Tempel zerstört werden, selbst wenn wir unsere Kirchen schließen müssen, selbst, wenn die Liebe zu Gott erlischt.

Für den aber – dafür steht stellvertretend der Prophet – der sich von Gottes Wort ernährt, der es durchkaut, der sich auf Gottes Liebe einlässt und seine Gebote hält, nach Gottes Willen fragt, für den ist Gottes Wort süß wie Honig. Damit lässt es sich leben und die Welt gestalten.

 Was für eine schöne Reinszenierung, dass jüdische Kinder im Lehrhaus die vier ersten und vier letzten Buchstaben des Alefbets abschlecken und die Süße der Tora kosten. Die Tora ist Nahrung für Leib, Seele und Geist.

 Die Tradition des Verkostens der Heiligen Schrift aufgreifend, formulierte Dorothee Sölle auf dem Kirchentag 1995 in Hamburg über die Psalmen: „Sie sind für mich eines der wichtigsten Lebensmittel. Ich esse sie, ich trinke sie. Ich kaue auf ihnen herum, manchmal spucke ich sie aus, und manchmal wiederhole ich mir einen mitten in der Nacht.“

Unser Glaube braucht Nahrung, damit wir aus ihm leben. Das Wort Gottes ist eine edle Gabe. Der Tisch ist reich gedeckt. Lasst uns davon kosten – immer und immer wieder. Amen