Lyrik aus London, Rezension und Interview, Christoph Fleischer Welver 2019

Zu: Lionel Johnson: Gedichte, Zweisprachig, Herausgegeben, übersetzt, mit einer Einleitung und Anmerkungen versehen von Frank Stückemann, Mattes Verlag, Heidelberg 2019, Softcover, 134 Seiten, ISBN: 978-3-86809-147-2, Preis: 18,00 Euro

Ernest Dowson: Gedichte, Zweisprachig, Herausgegeben, übersetzt, mit einer Einleitung und Anmerkungen von Frank Stückemann, Mattes Verlag, Heidelberg 2015, Softcover, 207 Seiten, ISBN: 978-3-86809-102-1, Preis: 18,00 Euro

Frank Stückemann (geboren 1962) war bis Ende 2017 Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Meiningsen in Soest und arbeitet zurzeit am landeskirchlichen Archiv in Bielefeld. Er promovierte über Johann Moritz Schwager, einem aufklärerischen Pfarrer aus Ostwestfalen, dessen Biografie er verfasste und dessen Predigten, autobiografische Schriften, Reisebeschreibungen und Briefe er herausgegeben hat. Kürzlich hat er Gedichte von Ferdinand Freiligrath herausgegeben, der einige Zeit in Soest gelebt hat.

Nachdem er im Jahr 2018 eine Gedichtauswahl von Paul Verlaine aus dem Französischen ins Deutsche übertragen hat, legt er hier die Übersetzung aus dem Englischen, und im Fall von Lionel Johnson auch aus dem Lateinischen vor. Die Gedichte sind geeignet, die Stimmung im ausgehenden 19. Jahrhundert einzufangen. Ihr einzigartiger Klang lässt sich allerdings im Deutschen nicht direkt wiederholen.

Ich bat Frank Stückemann daher in Form eines Email-Interviews einige Informationen zur diesen beiden Übersetzungen zu geben.

C.F.: Warum ist die Reimform des Englischen nicht ohne weiteres ins Deutsche zu übersetzen bzw. nachzudichten (vgl. Dowson, S. 25 unten)?

F.S.: Der englische Textbestand ist im Verhältnis zu einer deutschen Prosaübersetzung immer ein Drittel weniger. Bei Dichtung in gebundener Sprache mit feststehender Silbenzahl muss im Deutschen also um ein Drittel verknappt werden. Die Stellung des Reims am Versende erfordert deshalb oft syntaktische Umstellungen. Manchmal geht es eben nur durch Eingriff ins Reimschema, welches aber dann auch in sich stimmig und konsequent durchgehalten werden muss. Die Armut der englischen Sprache an weiblichen (zweisilbigen) Reimen gibt es im Deutschen und Französischen nicht. Hier ist ein regelmäßiger Wechsel von männlichen (einsilbigen) und weiblichen Reimen üblich.

 

C.F.: Was macht die besondere Qualität der Lyrik Dowsons aus und worin besteht Johnsons dichterische Stärke?

F.S.: Bei Dowson: kalkulierte Schlichtheit und Natürlichkeit der Sprache, erlesene Metaphern, hintergründige Symbolik, die mehr andeutet als beschreibt. Die leise, aber unabweisbar nachhaltige bis bohrende Stimme der Melancholie, die Labilität einer hinfälligen Schönheit kurz vor dem Kollaps oder der Implosion. Kurze Formen, lakonische Kürze des Ausdrucks.

Bei Johnson: Intellektualität und sprachlicher Manierismus, vor allem im Satzbau. Kommt aus dem Klassizismus (Georgian Style, in der Lyrik: Pope). Hat aber auch Rückgriffe auf die „Metaphysical Poets“ (John Donne). Weniger depressiv als Dowson, erfreut sich an Bildungserlebnissen und am katholischen Ritus.

Beiden gemeinsam: Lateinische Knappheit und Transparenz, die angesichts der ausufernden Weitschweifigkeit ihrer Zeitgenossen (mindestens dreibändiger Roman, Versepen, endlose Balladen etc.) wirklich Eindruck macht.

 

C.F.: Zur Biographie: Beide sind im gleichen Jahr geboren, sind aber nicht zusammen aufgewachsen. Wo haben Sie sich getroffen und warum waren Sie befreundet? Wovon haben beide nach ihrem (abgebrochenem Studium) eigentlich gelegt, von Gedichten?

F.S.: Sie trafen sich in Oxford; Johnson als Stipendiat am New College, Dowson am Queen’s College. Gemeinsame Vorlieben: Trinken und Dichten. Gemeinsame Abneigung: Das Philistertum der englischen Respectability und der anglikanischen Kirche. Johnson wurde von seiner Familie unterstützt, hatte also keine Existenzsorgen. Dowson arbeitete im Familienbetrieb (Trockendock für Schiffe, leider nicht für Alkohol), nach dessen Bankrott als Übersetzer französischer Literatur. Nach dem Bankrott seines Verlegers Smithers 1899 wurde es für ihn finanziell sehr eng.

 

C.F.: Warum sind beide in die katholische Kirche eingetreten? Wurden sie dabei neu getauft?

F.S.: Zum einen aus Nonkonformismus, zum anderen um einer geistig-ästhetisch-spirituellen Gegenwelt willen. Der ganze Schwulst und Bombast der viktorianischen Zeit war ihnen verhasst. Vorangegangen waren ähnliche Tendenzen im Anglokatholizismus (John Henry Newman), im Ästhetizismus (Walter Pater) und in der Arts-and-Crafts-Bewegung der Präraffaeliten (Morris, Hunt, Rossetti etc.); fast alles in Oxford. Wiedergetauft wurden die beiden nicht.

 

C.F.: Habe ich richtig verstanden, dass sich beide Dichter im Lebenswandel nicht nach der kirchlichen Vorgabe gerichtet haben? Wie war denn dann die Beziehung zur Kirche?

F.S.: Die katholische Kirche war ihnen als ästhetisch-liturgischer Erlebnisraum wichtig. Es reizte sie die ostentative Assoziation mit einer Institution, die als Inbegriff moralischer Verkommenheit galt („No Popery!“) Bis 1829 waren Katholiken in Großbritannien Bürger Zweiter Klasse, vor allem in Irland. Fragen des persönlichen Glaubens oder der Moral waren ihnen ziemlich gleichgültig; sie interessierten sich nur für die kulturschaffenden Impulse. Diese fehlten ihnen in der geist- und substanzlos gewordenen anglikanischen Staatskirche. Bei noch gravierenderen Erosionserscheinungen im Protestantismus unserer Tage ein zunehmend aktuelles Thema.

 

C.F.: Was haben Dowson und Johnson mit der in der bürgerlichen Gesellschaft beginnenden Offenheit in Fragen der sexuellen Orientierung zu tun?

F.S.: Der Viktorianismus war (wie übrigens jedwede „bürgerliche Gesellschaft“ und überhaupt jedes Kollektiv) alles andere als offen und liberal. Dichter der vorangegangenen Generation wie Rossetti wurden als „fleshly school of poetry“ verunglimpft, Swinburne sogar ganz bewusst rufmörderisch als „Swinebron“ apostrophiert (war aber als Angehöriger des Hochadels egal).

Der Schauprozess gegen Oscar Wilde war eine öffentliche Hinrichtung. M.a.W.: Diesen Dichtern ging es um das Austesten von gesellschaftlichen Grenzen, versteckten Tabuverletzungen, Herausforderungen des Commonsense. Sie entlarvten gerade durch Entfesselung von Entrüstungsstürmen und verbaler Abwehr die gesellschaftliche Verlogenheit, Repressivität und Heuchelei solcher Exorzismen und gingen dabei ebenso subtil wie subversiv vor. Das macht ihren Reiz aus und stachelt zur Nachahmung an.

 

C.F.: Speziell Lionel Johnson soll laut Wikipedia homosexuell gewesen sein und dies in seinen Gedichten auch angedeutet haben, z. B. in „The dark angel“? Gibt es dazu Beispiele?

F.S.: Ich habe diesen Aspekt bewußt ausgeklammert, weil der den Philistern nur dazu dient, den Dichter unter der Gürtellinie zu treffen, mit dem man sich oberhalb derselben in gar keiner Weise messen kann (ähnliches Beispiel bei uns: Stefan George). Ob er diese Veranlagung rituell sublimiert oder ausgelebt hat, erklärt kein einziges seiner Gedichte.

 

C.F.: Warum hat Lionel Johnson Gedichte in Latein verfasst? Gab es dafür einen praktischen Anlass, z. B. in der Messe, als Gesänge o. ä.?

F.S.: Aus reiner Freude an der sprachlichen Formung und weil ihm dabei kaum einer folgen konnte. Das sagenhafte Niveau stopfte den Spießbürgern schlichtweg das Maul, und dieses elitär-dandyhafte „aristokratische Vergnügen, zu missfallen“ (Baudelaire) bot Anreiz genug.

 

C.F.: Was hat es mit dem „Rymers Club“ in London auf sich, den Lionel Johnson gegründet und Ernest Dowson besucht hat?

F.S.: Es ist die Geburtsstätte der modernen Lyrik in Großbritannien. Johnson und Yeats (immerhin nachmaliger Literaturnobelpreisträger) gründeten ihn, um sich im Kreis von Gesinnungsgenossen rein künstlerischen Fragen nach dem Sprachniveau ohne Börsenteil, Lebensberatung und ähnlichen Debatten zu widmen (Modethemen wechseln, die Dummheit im universellen Lemminghausen  des britischen Empire bleibt wie auch bei uns stets dieselbe). In den beiden Anthologien von The Rhymers‘ Club sind die schönsten Gedichte der beiden zuerst abgedruckt worden.

 

C.F.: Danke für das Interview.

Glosse zum Dortmunder Kirchentag 2019, Niklas Fleischer, Dortmund 2019

Als Teilnehmer des Kirchentages 2019 in Dortmund habe ich ein großartiges und buntes Fest erlebt.

Der öffentliche Nahverkehr war mit der Dezentralität der Veranstaltungsorte zwar etwas überfordert, im Großen und Ganzen hat die Organisationsarbeit für mich aber gut funktioniert. Vom Mittwoch den 19.07. bis zum Sonntag den 23.07. war es somit rund 100000 Besuchern möglich, ein friedliches Fest zu feiern.

Dennoch habe ich nach dem Kirchentag im Rückblick einige Zweifel an Themen, die sich für mich wie ein roter Faden durch den Kirchentag gezogen haben (inklusive Eröffnungs- und Abschlussgottesdienst).

Ich formuliere Punkte bewusst ironisch überspitzt:

„Wir verdammen AfD-Politiker und -Wähler und möchten uns nicht näher mit ihnen auseinandersetzen.“

„Wir möchten uns nur in unserer eigenen Meinung bestärken, alles andere soll bitte vor der Tür bleiben!“

Auch Wirtschaftsmigration und Flucht war ein großes Thema, auf das ich im folgenden Text aber nicht weiter eingehen möchte, da dies den Rahmen dieser kurzen Glosse sprengen würde. „Glosse zum Dortmunder Kirchentag 2019, Niklas Fleischer, Dortmund 2019“ weiterlesen

Zukunft des Kirchenbaus, Katholische belgische Bischofskonferenz, Mecheln 2019

Bedeutung und Zukunft des Kirchenbaus, Belgische Bischofskonferenz vom 27.06.2019

Problemfall: Kreuzfahrtschiffe, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2019

Zu:

Wolfgang Meyer-Hentrich: Wahnsinn Kreuzfahrt, Gefahr für Natur und Mensch, Christoph Links Verlag, Berlin 2019, Softcover, 244 Seiten, ISBN: 978-3-96289-031-5, Preis: 20,00 Euro

 

Link: https://www.christoph-links-verlag.de/mobile.cfm?view=3&titel_nr=9031

Wolfgang Meyer-Hentrich (geb. 1949) ist Publizist und Filmproduzent. ER hat sich auf die Kreuzfahrtbranche spezialisiert und ist schon seit 2001 auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs. Schon 2008 hat er ein Buch über die immer größer werdenden Kreuzfahrtschiffe veröffentlicht.

Das Titelbild des neuen im Christoph Links Verlag erschienen Buches zeigt einen Ausschnitt, wie das Kreuzfahrtschiff frontal in die Lagune von Vernedig hieinfährt und dabei einer bekannten Brücken gefährlich nahekommt. Es erinnert ein wenig an die Szenen eines James-Bond-Film, in dem ein Passagierschiff führerlos auf eine Hafenstadt trifft und nicht nur die Mole, sondern auch den gesamten Ort zerstört, bis es an Land zu stehen kommt.

Gut, dass es diesen Unfall noch nicht gegeben hat. Ich persönlich würde mir an Bord immer wieder den Totalschaden der Titanic vorstellen. Doch auch in der jüngeren Zeit hat es immer wieder spektakuläre Unfälle gegeben wie wie die Katastrophe der Costa Concordia oder noch in diesem Winter die Havarie eines Kreuzfahrtschiffes vor Norwegen, dass den Stürmen nicht standhielt und evakuiert werden musste.

Foto: Jürgen Greven

Das Sachbuch von Wolfgang Meyer-Hentrich geht zwar auch auf Unfälle ein, sieht sie jedoch eher von ihren ökonomischen Auswirkungen her. Er zeigt die Kreuzfahrtbranche, die immer wieder Zeiten des Booms, aber auch der Flaute erlebt hat. So ist die Zeit der schwimmenden Spielcasinos längst vorbei.

Inzwischen ist die Kreuzfahrt zum auch für den mittleren Geldbeutel erschwinglichen Massentourismus geworden. Der jeweilige Landgang ist gar nicht mehr das Hauptereignis, denn die Freizeitgestaltung geschieht ausschließlich an Bord. Diskotheken, Einkaufszonen, Restaurants, Fitnesscenter und kulturelle Veranstaltungen lassen keine Wünsche unerfüllt.

Kurz zusammengefasst: „Wahnsinn Kreuzfahrt“ ist ein aktuelles Sachbuch mit dem nötigen Hintergrundwissen über das aktuelle Kreuzfahrtgeschäft. Hierzu wird die Frage ausführlich behandelt, inwiefern die Kreuzfahrt eine „Gefahr für Natur und Mensch“ darstellt.

Theologische Kritik der Religion bei Karl Barth, Christoph Fleischer, Welver 2019

Referat zu Hans- Joachim Kraus: Theologische Religionskritik, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1982, ISBN: 3-7887-0672-4, 278 Seiten, broschiert.

Bei Aufräumen meines Bücherregals entdecke ich einen doppelseitig mit Schreibmaschinenschrift beschriebenen Zettel, ein Kurzreferat zum oben angedeuteten Thema. Die Zitate beziehen sich auf das oben genannte Buch.

 

  • „Religion“ ist für Barth ein Problem, keine vorgegebene Selbstverständlichkeit, auf die sich kirchliche Dogmatik gründen könnte. Schon in den beiden Auflagen des ‚Römerbriefs‘ geht es für Barth nicht ohne Religionskritik ab: „Was ist die Religion? Nicht! Ein psychologisches Faktum unter andern. Aber dieses Faktum muss schreien: Der Mensch ist Gottes durch das, was Gott an ihm getan…“ (Römerbrief 88)
  • Religion als menschliches Faktum unterliegt der Kritik, und zwar nicht zuerst einer philosophischen, gedanklichen Kritik, sondern der Kritik durch Christus: „Christus als das ‚Ende des Gesetzes‘ ist auch das Ende der Religion.“ (Kraus) Glaube oder Religion, das ist die Alternative. Religionskritik ist auch zugleich Kirchenkritik, denn schon in der Bibel richtet sich die Kritik der Religion nicht gegen die gottlose, sondern gegen die religiöse Welt.
  • „Religionskritik ist Bereitschaft zu ständiger Umkehr“ (Kraus). Diese Forderung der Umkehr ist auf den Neuprotestantismus mit seiner Zentralstellung der Frömmigkeit und gegen den Katholizismus als vollendetem Ausdruck christlicher Religion gerichtet.
  • Barths Alternative ist – als Ausgangspunkt: Hoffen und Warten, dass Gott sich wieder zuwendet (Psalm 22). Dann ist aber das Kreuz das Zeichen der ‚Wende zu neuem Leben und Tun des Menschen‘. Das Ende jeder religiösen Ethik ist bestimmt durch die Forderung der Teilnahme an der „Bewegung Gottes“ (Römerbrief 392). Nicht Leben nach religiösen Regeln, sondern Tun und Erkennen in der Entsprechung zu Gottes wirksamem Tun ist die einzige christliche Möglichkeit (hier aber noch nicht mit Religion bezeichnet, wie später in der Kirchlichen Dogmatik).
  • Barth greift implizit auf die radikale Religionskritik Feuerbachs zurück (explizit in der Vorlesung 1926), indem er „Religion als illusionäres Produkt des Menschen bezeichnet“ und „eine durch Individualismus, Subjektivismus und Spiritualismus gekennzeichnete religiöse Anthropologie … zu überwinden sucht“ (M. Krämer). Barth geht aber einen Schritt über Feuerbach hinaus, der in der Struktur dem Schritt von Karl Marx ähnlich ist. Während Marx sagt ‚Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.‘ betont Barth gegen jede Anthropologie, ob religiös oder atheistisch die Veränderung, die die Welt durch die Bewegung Gottes erfährt.
  • Auf diesem Umgang mit der Religion greift Karl Barth in der Kirchlichen Dogmatik zurück: KD 1,2 „Gottes Offenbarung als Aufhebung der Religion“, was im Folgenden in drei Abschnitten dargestellt wird:
  • (1) „Religion ist noch von anderswo als von der Offenbarung her … ins Auge zu fassen (KD I,2, S. 321). Gott wirkt in der Religion, aber nur in Verborgenheit, so wie Gott in Christus zunächst nur verborgen gegenwärtig ist. Barth benutzt zur Würdigung der Religion als Ausgangspunkt und als Strukturprinzip die Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Doch während in Christus die Einheit von Gott und Mensch vollendet ist, so ist „die Einheit von göttlicher Offenbarung und menschlicher Religion die eines … erst zu vollendenden Geschehens.“
  • (2) Mit ‚analogia fidei‘ beschreibt Barth das Christusgeschehen so, dass darin zuerst von der Sünde die Rede ist, die durch Christus vergeben ist. Das heißt zu einem, dass angesichts der Selbstdarbietung Gottes alle Versuche des Menschen, Gott von sich aus zu erkennen, umsonst (vergeblich) sind. Das heißt: Religion ist Wiederstand gegen Gott. Zum anderen ist angesichts der Rechtfertigung und Heiligung durch Christus jeder menschliche Versuch, sich zu rechtfertigen und zu heiligen nichts als „Götzendienst und Werkgerechtigkeit“. Die Religionskritik der Mystik und des Atheismus decken hier die „Schwäche“ (Projektion menschlicher Bedürfnisse) und die „bloß relative Notwendigkeit“ auf (Mystik), können aber von ihrer Position aus nicht zum Urteil des ‚Glaubens, ‚Götzendienst‘ und ‚Werkgerechtigkeit‘ vorstoßen; für ihn ist Religion schlicht Unglaube.
  • (3) Während das Urteil, Religion sei ‚Unglaube‘ auf der Linie des Römerbriefs liegt, geht der zweite Teil der Analogie über die Kritik hinaus. Erbeschreibt, wieder an strenge Anlehnung an die Christologie, inwiefern die Einheit von Offenbarung und Religion wirklich geschieht. In diesem Kontext bringt es Barth auf den schillernden Satz: „Die christliche Religion ist die wahre Religion“. Dieser Satz ist nur richtig, wenn man die Wahrheit der Religion nicht in einem christlichen Selbstbewusstsein, sondern im Ereignis des Handelns Gottes, in seiner Gnade, sieht, das ausgehend vom Sündenbekenntnis des Glaubenden, in ‚iustificatio impii‘ Wirklichkeit wird.
  • In Analogie zum Christusgeschehen formuliert ist diese wahre Religion
  • Ein Akt göttlicher Schöpfung, einer durch den Namen Jesus Christus zu schaffender und geschaffener Wirklichkeit;
  • Ein Akt göttlicher Erwählung, durch den die christliche Kirche, die den Namen Christi ausspricht, zum Leib Christi und nicht zu einer beliebigen Religionsgemeinschaft erwählt ist;
  • Ein Akt göttlicher Rechtfertigung und Sündenvergebung, die das Eins Werden des göttlichen Wortes mit der menschlichen Natur und so deren Zurechtbringung ist, und sich vollzieht in der Wirklichkeit des Lebens, der Kirche und der Kinder Gottes;
  • Ein Akt göttlicher Heiligung, bei der der einen objektiven Offenbarung eine doppelte subjektive Wirklichkeit entspricht: die christliche Religion als die durch den Heiligen Geist geschaffenen Raum und die durch den Heiligen Geist geschaffene Existenz des Menschen.

Geschrieben 1982.

 

Der Gedankengang, der hier skizziert ist, zeigt, dass Barth keinesfalls den Religionsbegriff verwirft, sondern eine differenzierte, am Umgang mit der Botschaft von Christus orientierte Begrifflichkeit enthält. Es wäre heute einmal zu fragen, inwieweit dieser Gedankengang von der reformierten Theologie her geprägt ist, die man nicht kritisieren sollte, sondern einfach nur auf ihre Prämissen hin befragen. Obwohl Barth damit schlüssig zu argumentieren scheint, präsentiert er ein Gedankenkonstrukt, das die Wirklichkeit der Offenbarung und die Erfahrung der Wirklichkeit Gottes auf den Umgang mit religiösen Begriffen festlegt, z. B. sehr stark im Sinn der reformatorischen Begriffe Rechtfertigung und Heiligung. Ausgehend von dem Satz in einer reformierten Kirche  (Borkum) „Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses“ (Psalm 93) habe ich mir das immer so erklärt, dass die „Zierde der Kirche“ eigentlich außerhalb ihrer Mauern liegt, im Leben der Menschen, wo Heiligkeit sich vollzieht.

Geschrieben 2019.

So attraktiv dieser Gedanke sein mag, unterliegt er doch dem Trugschluss, dass auch diese Gemeinde Jesu immer wieder in der gottesdienstlichen Gemeinschaft z. B. im Abendmahl konstituiert. Die Botschaft Jesu zielt auf Ethik, die einen bestimmten Umgang mit den Fragen des Lebens und auch der Politik nicht vorschreibt, sondern eröffnet.

Konrad Schrieder, um Korrektur und eventuellen Kommentar dazu gebeten schrieb dazu in einer Email:

Als Polemik gegen Schleiermacher ist Barths Kritik am Religionsbegriff verständlich, allerdings nur, wenn man das religiöse Gefühl in einer bestimmten Weise versteht, die Schleiermacher wohl nicht gemeint haben dürfte.

Deine Schlussfolgerungen finde ich interessant. An der Altarwand der reformierten Kirche in Borkum steht genau der Vers aus Ps. 93: „Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses“. Aber geht es bei der Kritik des Religionsbegriffs um Heiligkeit? Es ist gut, auf die Prämissen zu sehen. Man darf aber auch die Schwächen nicht übersehen. Karl Rahner stimmt mit Karl Barth darin überein, dass Gott der „ganz andere“ ist. Aber er ist erkennbar, und zwar nicht nur durch die Christusoffenbarnung, sondern auch durch das Wesen des Menschen. Gerade das ist kein Subjektivismus – ein Vorwurf, der Rahner immer wieder gemacht wurde – denn Gott steht als unbegrenztes, absolutes (Erkenntnis-)objekt dem Menschen gegenüber und geht nicht pantheistisch in ihm auf. Woher kommt also der Gottesbegriff des Menschen? Diese Antwort bleibt uns, wie ich finde, Karl Barth schuldig, weil er eben nur im Kategorialen bleibt und die transzendental-kategoriale Einheit aufgibt. Die transzendental-dynamistisch verstandene Metaphysik Rahners gibt genau darauf eine Antwort. Der Gottesbegriff fällt eben nicht vom Himmel.

Das führt allerdings zu der recht problematischen Begrifflichkeit des „anonymen Christentums“ bei Rahner. Gemeint ist, dass durch den Vorgriff, den jeder Mensch ständig vollzieht, der Gottesbegriff immer schon implizit vorausgesetzt ist, dass er aber nicht immer durch Reflexion bewusst gemacht wird. Dieser Gottesbegriff ist ungegenständlich-unthematisch und wird erst dadurch thematisch, dass Gott sich geschichtlich-kategorial in unsere Geschichte hinein offenbart. Hier bleibt eine merkwürdige Diastase, die bei Barth gar nicht erst aufkommt. Folgt man der Argumentaion Rahners stringent, dann müsste eigentlich jeder Mensch irgendwann dahin kommen, Christ zu werden – es sei denn, dass er sich in seiner Freiheit bewusst davor verschließt. Das setzt aber in jedem Fall einen Willensakt voraus.

Es wäre interessant, diese Thematik einmal auf den Sachverhalt des interreligiösen Dialogs zu denken. Rahner vertritt durch seinen Dynamismus ganz bewusst einen (Erkenntnis-)pluralismus, der ja auch das II. Vaticanum beeinflusst hat. Wie weit wäre Rahner bereit zu gehen und was ist bei Karl Barth überhaupt möglich, wenn es nicht zu einer schroffen Alternative oder sogar Konfrontation kommen sollte? Ein Problem, in dem sich die unterschiedlichen evangelisch-katholischen Standpunkte zeigen.

LG Konrad