Ethik theologisch begründen, Rezension von Markus Chmielorz und Christoph Fleischer, Dortmund, Welver 2019

Zu: Michael Roth, Marcus Held (Hrsg.): Was ist theologische Ethik? Grundbestimmungen und Grundvorstellungen, Verlag Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2018, Softcover 388 Seiten, ISBN 978-3-11-0565530-0, Preis (Broschur): 29,95 Euro, Link: https://www.degruyter.com/view/product/496279


Das Buch „Was ist theologische Ethik?“ enthält 22 Aufsätze und ist für das theologische Studium gedacht, wohl für ein Hauptseminar. Autorinnen und Autoren sind: Reiner Anselm, Peter Dabrock, Elisabeth Gräb-Schmidt, Marco Hofheinz, Klaas Huizing, Ulrich H.J. Körtner, Friedrich Lohmann, Torsten Meireis, Christian Polke, Cornelia Richter, Christoph Seibert, Sebastian Grätz, Ruben Zimmermann, Ulrich Volp, Stephan Weyer-Menkhoff, Volker Küster, Gerhard Kruip, Peter Fischer, Dorothea Ebele-Küster, Michael Roth. Das Inhaltsverzeichnis lässt sich auf der Homepage des Verlags einsehen. Daher wird die Rezension exemplarisch vorgehen und einen Aufsatz aus dem ersten Teil „Konzepte theologischer Ethik“ und zwei Aufsätze aus dem zweiten Teil „Beiträge zur theologischen Ethik“ und dem Schlussteil besprechen. (C.F./M.C.)

Anmerkungen zum Aufsatz von Elisabeth Gräb-Schmidt: Der Wirklichkeits- und Motivationsanspruch der Ethik (S. 41 – 42). (Rezensent Christoph Fleischer)

Schon aus der Überschrift des Aufsatzes geht hervor, dass die Frage nach der Relevanz von Ethik im Dialog steht mit der aktuellen und der traditionellen Philosophie. Ohne „Wirklichkeits- und Normativitätsanspruch“ dürfte Ethik kaum funktionieren. Im Kontext der Philosophiegeschichte ist die Ausschaltung des traditionellen Überbaus in Form der Metaphysik zu konstatieren, die in der Ethik zwangsläufig zu einem Begründungsproblem führt.

Religiöse und theologische Ethik steht somit vor der doppelten Herausforderung, der normativen Ausrichtung des Handelns einerseits und des Verhältnisses zur Realität andererseits.

Elisabeth Gräb-Schmidt illustriert dies offensichtlich am Erleben des Reformationsgedenkens, da bei ihr die Frage der Reformation zu einem Hauptkriterium wird. Zur Bedeutung der Reformation scheint vor dem Hintergrund der Frage nach Ethik der Rückbezug zur Bibel und zugleich die Frage nach einem plausiblen Lebensvollzug zu gehören. Kurz gesagt: nach Martin Luther folgt aus der Erfahrung der Liebe Gottes die Gnade und daraus die Freiheit christlicher Existenz aus dem Glauben.

Reformation zielt so bereits auf eine Art säkulare „Freiheit, die den Menschen Mensch“ sein lässt.

Um die Erfahrung des nachmetaphysischen Bruchs zu verdeutlichen, führt die Autorin Sören Kierkegaard an, der am Beispiel Abrahams Glaube gegen Ethik ausspielt. Für die Begründung der Ethik, bleibt allein die Ratio übrig. Allerdings entdeckt sie mit Kierkegaard auch hier die „Kommunikation zwischen Vernunft und Glauben“.

Nach dem Resümee der Grundlegung folgt die Auseinandersetzung mit theologischen Anfragen.

Reformatorisch gesehen fragt die Ethik: „Durch welche Handlung kann der Haltung des Glaubens entsprochen werden?“ (S. 52) Dem gegenüber wird in der aktuellen Situation aber wieder mehr nach Effizienz gefragt. Der passiven Reaktion vieler Menschen ließe sich mit Bonhoeffers Begriff der „Nachfolge“ als „Übernahme von Verantwortung“ begegnen.

Doch schon in der Rechtfertigungslehre der Reformation folgt auf Glauben das selbstverantwortliche Handeln. Glaube vollzieht sich so verstanden im „Kontext der Lebenshaltung und Lebensführung“ (S. 55). Erfahrungsorientierung ist also seit der Reformation längst an die Stelle der Metaphysik getreten. Dazu gehört nach Luther auch, die Gabe von Gottes Schöpfung dankbar zu bedenken.

Im Schlussteil nimmt Elisabeth Gräb-Schmidt den Dialog mit der Philosophie wieder auf, indem sie z. B. auf Emanuel Lévinas´ „ethische Theologie“ verweist: „Eine kritisch-neuzeitliche Subjektivität ist eine Autonomie, die sich nicht eigener Setzung verdankt.“ (S. 58)

Die gegenwärtige Herausforderung wird in Theologie und Philosophie eigentlich ähnlich empfunden. Sie ist eine Krise der Vernunft, die zur Wahrnehmung von Verantwortung nötigt. Dazu bedarf es mehr als einer metaphysischen Grundlegung einer narrativen Ethik, die dem in der Philosophie des 20. Jahrhunderts aufgekommenen Konzept der Phänomenologie entspricht: „So sind in einer als Kehre zum Existentialismus zu begreifenden Phänomenologie der Andersheit die französischen Strukturalisten und Poststrukturalisten jenen Phänomenen der Transzendenz in der Immanenz auf der Spur, die solche der Ratio sich entziehenden Bezügen nicht mit Begründungsversuchen begegnen, sondern ihnen durch Aufmerksamkeits- und Achtsamkeitsstudien phänomenologisch deskriptiv zu Leibe rücken wollen“ (S. 59)

Anmerkungen zu:

III. Schluss. Michael Roth: Steckt die Ethik in der Krise? Abschließende Überlegungen zu der Frage, wie die theologische Ethik relevant werden kann (S. 355 -372) und

II. Beiträge zur theologischen Ethik. Dorothea Erbele-Küster: Biblische Anthropologie und Ethik. (S. 339 – 351). (Rezensent Markus Chmielorz)

Anlässe, Gründe und Ursachen, nach einer Antwort zu suchen auf die Fragen, die uns entgegenkommen unter der Überschrift von Ethik und Moral? Sie gibt es genug. Die Schriftstellerin Jagoda Marinic erinnert uns in der SZ vom 29.12.2018 daran, bevor wir’s wieder vergessen: „Im 21. Jahrhundert ‚darf‘ ein Rettungsschiff mit dreißig Menschen nicht in einen sicheren Hafen.“ Keine Woche zuvor sangen die im 21. Jahrhundert noch verbliebenen Christen in ihren Kirchen: „Christ der Retter ist nah …“

Michael Roth also fragt uns „Steckt die Ethik in der Krise?“. Krise ist ja bekanntlich etwas, das teilt und unterscheidet. Fast -könnte man sagen- fragt der Autor systemisch motiviert, wozu sie denn eigentlich gut sei, die Ethik und teilt „lebensweltliche Orientierungen“ von „ethischen Überlegungen“. Ethik ist also etwas für den Hörsaal und nicht für den Alltag vor der Tür? 

So stehe die Ethik vor einem Problem, weil „die Moral erodiert ist“. (S. 356) Doch der kluge Autor macht sich die Mühe einer Beschreibung unter dem Stichwort „Wertewandel“, bevor er in die kulturpessimistische Rede vom „Verfall“ der Werte einstimmen könnte. Und zu dieser Beschreibung gehört auch der Kontext der Moderne mit ihrem naturwissenschaftlich-positivistischen Weltbild. Nach MacIntyre sei der Hintergrund für moralische Rede verlorengegangen mit dem Untergang eines teleologischen Weltbildes.

Nacheinander seziert Roth Aussagen die, so könnte man sagen, das Nicht-Mehr-Moralische diagnostizieren. Was aber bedeutet das für die Ethik, also für die Begründung von Moral? „Menschliche Handlungen sind eingebettet in Geschichten“ (und in Geschichte), dieser narrative Zugang (oder der der sog. oral history) ermöglicht quasi die Rahmung menschlichen Handelns.

Tun wir etwas als Reaktion auf die Situation, in der wir leben? Oder tun wir etwas, um ein Prinzip zu verwirklichen? – „Warum hast Du diesem verletzten Menschen geholfen?“ (S. 362) Das ist vielleicht ein wenig ernüchternd und erhellend zugleich: „Die bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass Normen keine Gründe für unser Handeln sind.“ (S. 363) Unser Handeln verweist vielmehr darauf, dass menschliches Leben durch und durch heteronom, situativ und narrativ ist. Nur: Wie kann daraus etwas allgemein Verbindliches entstehen?

Was für den einen ein Grund ist, ist für die andere noch lange keiner. Daraus wird bei Michael Roth quasi eine Rolle rückwärts des Humes’schen Gesetzes: „Hier [gemeint ist: in unserer alltäglichen Wahrnehmung, M.C.] gibt es keine Trennung zwischen einem Sein und einem Sollen, vielmehr nehmen wir in einem Sein unmittelbar das Sollen wahr – Wahrnehmung und Bewertung fallen zusammen.“ (S. 365) 

Das führt zu einer Pluralität der Welten, vielfaches Sein, vielfaches Sollen: „Im Streit verweisen wir auf je unterschiedliche Züge der Wirklichkeit.“ (S. 367) Und wir verweisen auf unterschiedliche Biographien, die auf unterschiedliche Kontexte verweisen. Ethik wird „perspektivisch“ (S. 369) und Ethik aus religiösem Glauben heraus ist eine Möglichkeit, Perspektive einzunehmen: „Glaube ist nicht ein bestimmtes Für-wahr-Halten von Aussagen über die Welt, sondern eine bestimmte Wahrnehmung der Welt.“ (S. 370). Richtig konstatiert der Autor am Ende, dass der Dissenz bleibt. Die unterschiedlichen Zusammenhänge, in denen Menschen sich orientieren, geben im 21. Jahrhundert keine eindeutige Antwort darauf, was zu tun sei mit einem Rettungsschiff mit dreißig Menschen auf der Suche nach einem sicheren Hafen: „Es besteht die nicht ganz unberechtigte Hoffnung, dass jemand sieht, auf was ihn ein anderer -aus welcher Perspektive auch immer- aufmerksam gemacht hat.“ (ebd.) – Ich sehe, wie die Hoffnung in der stürmischen See des mare nostrumuntergeht. 

Dorothea Eberle-Küster nimmt diese Perspektive aus dem Glauben ein, wenn sie ihre Erörterung überschreibt mit „Biblische Anthropologie und Ethik“. Auch sie fragt nach dem guten und richtigen Leben – genauer nach dem menschlichen Leben in Körperlichkeit und Zeitlichkeit. Hat sie Adorno’s Schriften zur Dialektik im Ohr, wenn sie schreibt, „die leibliche Existenz ermöglicht und begrenzt das Weltverhältnis und die (ethische) Erkenntnis“?

Damit gibt sie eine Begründung von Moral an und verfolgt diese in biblischen Texten: „Menschliches Agieren in der Welt sowie das rechte Gottesverhältnis vollzieht sich körperlich in der Zeit. Das bedingt die narrative Struktur menschlichen Daseins, von der die alttestamentlichen Texte ebenfalls zeugen“. (S. 340) 

Körperlichkeit, Relationalität, Geschlechtlichkeit sind die Begriffe, unter denen Kreatürlichkeit und Geschöpflichkeit bestimmt werden. Auch hier sind systemische Sichtweisen, die Beziehungsmuster abbilden und die aus der Säuglingsforschung bekannten Untersuchungen zur Heteronomie menschlichen Lebens nicht weit. Dass die Autorin die Geschichte von „Eva“ und „Adam“ als eine Geschichte der „Ambivalenz menschlicher Handlungs- und Entscheidungsfreiheit“ (S. 343) erzählt und von Ambiguität spricht, ermöglicht ein notwendiges crossingzur Sozialpsychologie. 

Leiblichkeit wird die Brücke zum Ufer moralischen Handelns: „Die Entscheidungen im Herzen führen zu konkreten Taten.“ (S. 344) Und: „Der Ermöglichungsgrund der Handlung liegt im Herzen (…)“ (ebd.) 

Der Rezensent stellt sich an dieser Stelle ein Gespräch zwischen Roth und Eberle-Küster vor, in dem es um Prinzipien ebenso ginge, wie um die Leerstelle eines allgemein Verbindlichen, an der nun das Herz vernommen wird. Dahinter, könnte man sagen, steckt eine neue Formulierung der Krise von Dies- und Jenseits. Vielleicht ist das der eigentliche Kern, wenn es um Narrativität geht, an der das Theologische ins Recht gesetzt wird: „Von der Über-Lebensnotwendigkeit des Erzählens zeugen unterschiedliche biblische Texte.“ (S. 348) Genauer: Erst „im Herausbilden der narrativen Identität (im Prozess des Lesens) vollzieht sich die moralische Urteilsbildung, die verwoben ist mit den durch die Textstrategien konstruierten Normen.“ (S. 350) 

Identität als biographischer Prozess, moralisches Urteilen als hermeneutischer Prozess und heteronome Konstruktionen – theologisches Denken ist endlich durch die Moderne hindurchgegangen.

Rezension und Interview mit Franco Rest, Christoph Fleischer, Welver 2019

Franco Rest: Das letzte Fest Gottes, Menschwerdung und Tod, eine andere Sicht auf Menschlichkeit, Sterben und Tod, Steinmann-Verlag, Neuenkirchen bei Soltau 2018, Softcover, 231 Seiten, ISBN 978-3-927043-72-5, Preis: 24,80 Euro

Mit diesem Buch gibt er Erziehungswissenschaftler und Theologe Franco Rest aus Dortmund  (emeritiert, geb. 1942) Rechenschaft über die ihn leitenden Gottesvorstellungen, die sich an der christlichen Botschaft orientieren.

Dabei zeigt sich, dass in der Perspektive des Neuen Testaments Gott ganz zum Menschen wird, Sterben und Tod zulässt und keinesfalls als allmächtiger Weltherrscher über allem Sein thront. Die Menschlichkeit des Christentums ist ganz im sinn des Christushymnus im Philipperbrief seine Bereitschaft, den menschlichen Tod zu sterben. Auferstehung im christlichen Sinn ist ein Ereignis nach dem Tod und über ihn hinaus.

Franco Rest wäre nicht der Mitbegründer der Hospiz-Bewegung, wenn er dieses Gottesbild nicht auch auf die Vorstellungen der Sterbebegleitung anwenden würde. Gerade im ausführlichen Mittelteil wird dieses Thema ausführlich behandelt. 

Der Schlussteil greift gezielt einige Autoren aus der Theologie- und Philosophiegeschichte auf. Novalis, Erasmus von Rotterdam, Sören Kierkegaard, Janusz Korczak und Elija den biblischen Propheten. Erasmus wird als der gründliche Philologe gewürdigt, der einerseits auch die Reformation vorbereitete, andererseits aber eher an Frieden und Humanität interessiert war, als manche fanatischen Glaubenskämpfer.

Was den schlüssigen Gedankengang von der Menschlichkeit Gottes bei der Lektüre oftmals stört, sind apologetisch wirkende Bemerkungen zur Unterscheidung des christlichen Gottesbildes vom Gottesbild des „Islams“ sowie anderer Religionen und Weltanschauungen. Da nach Meinung des Rezensenten dadurch ein absolut notwendiges und wichtiges Buch von einem antiislamischen Ansatz gestört wird, der zu dem Islam auf eine bestimmte öffentlich bekannte Lesart festlegt, habe ich mich um einen Dialog mit dem Autor bemüht, den ich hier in Auszügen dokumentiere:

Christoph Fleischer an Franco Rest (Interview am 30.12.2018)

Ich habe ein Riesenproblem mit dem Buch. Es ist mir zu sehr antiislamisch angelegt.

Franco Rest

Das Buch ist m.E. keineswegs „antiislamisch“, sondern prochristlich. Als solches muss es die Differenzen zum Islam klar benennen (Menschwerdung Gottes, Erlösungstod Jesu etc.). Der Islam ist leider entsprechend als „antichristlich“ einzustufen. 

Aber diese Auseinandersetzung ist ein Nebenschauplatz meines Buches, weshalb es auch kein eigenes Kapitel zum Islam enthält, was ursprünglich geplant war. Ich lebe mit zwei muslimischen Frauen in einer Wohngemeinschaft; sie haben mein Buch gelesen und kommentiert: Jetzt verstünden sie, woher mein Engagement für die Hospizbewegung stamme; jetzt verstünden sie, warum ich keine Probleme mit aggressiven Menschen hätte, ich würde ja offensichtlich in jedem menschlichen Gesicht das Antlitz Gottes wiederfinden; jetzt verstünden sie auch, wie jemand sein Leben in den Dienst des Sterbens bzw. der Sterbenden stellen könne, denn Sterben sei eben durch das Sterben meines Gottes für mich wohl etwas Heiliges geworden. – Vielleicht ist mir nicht gelungen, dieses Anliegen genug zu verdeutlichen. 

Meine Kritik am Islam dient ausschließlich der Verdeutlichung des tiefsten christlichen Anliegens, nämlich aus der Menschwerdung Gottes die alle Menschen (also auch Muslime) umfassende Liebe zu begründen.

Christoph Fleischer 

Okay. – Die Kritik am Islam basiert immer auf der bekannten und verbreiteten Lesart. Dabei kann der muslimische Glaube auch tolerant und säkular praktiziert werden. Aber das ist nicht Problem. Es ist ein durchlaufenden Nebenthema, auf das kein Untertitel hinweist. Das ist den Käufern gegenüber nicht fair.

Franco Rest

Kann man vielleicht so sehen. Jedoch auch der tolerante und säkularisierte Islam verneint kompromisslos die Möglichkeit einer Menschwerdung Gottes und den Tod Gottes als Instrument der Welterlösung. Um mehr ging und geht es nicht.

Christoph Fleischer 

Sie haben recht, theologisch gesehen. Nur will ich das (als Leser, Leserin) überhaupt wissen? Wozu brauche ich zu meinem Selbstverständnis die Apologetik? 

Franco Rest 

Bin auch kein Freund von Apologetik im Sinn einer rechthaberischen Verteidigungsrede. Aber eine Erklärung, warum es gut sein könnte, wenn verstanden werden könnte, worin das Besondere des Christlichen bestünde, damit es tragfähig würde oder gar bliebe für das Zusammenleben der Menschen, könnte doch hilfreich sein. Wenn der besondere Ernst christlich begründeter Menschenrechte darin besteht, dass ihr Selbstbild in der Ebenbildlichkeit zu Gott, in der Selbstentäußerung Gottes durch seine Menschwerdung und in der Dienstbarmachung menschlichen Sterbens für die „Rettung“ der Menschheit begründet werden kann, dann hätte sich die Mühe einer Besinnung doch bereits gelohnt.

Christoph Fleischer 

Vielen Dank, Franco Rest

Franco Rest, anstelle eines Kommentars:

Wollte gerade einen Kommentar schreiben; aber die Kommentarmöglichkeit akzeptiert nicht meine Website: www.francorest.de

Zur Fortsetzung unseres Gedankenaustausches: Zunächst haben Sie leider den Fehler meiner ersten Antwort übernommen, indem ich doppelt verneinte „Vielleicht ist mir nicht gelungen, dieses Anliegen nicht genug zu verdeutlichen“. (Inzwischen korrigiert, C. F.) Also mache ich einen poetischen Versuch zur Verdeutlichung meines nicht ausreichenden Gelingens.

Was ist der Mensch? Und wer bin ich?

So fragen wir uns innerlich.

Oder auch: Was ist das Leben? Was die Welt?

Und: Was ist Wahrheit? Wofür gibt es Geld?

Dann geben wir die Fragen mutig an die Außenwelt,

die uns erstaunt vor neue Fragen stellt.

Zum Beispiel: Was ist mein Begehr?

Oder auch: Wo komm ich her?

Wo gehe ich einst hin?

Auch diese Frage macht, wie man so heute sagt,

auf ihre Weise Sinn.

Und dann wird noch gefragt,

Was ich zu hoffen wagen darf?

Was soll ich tun, was soll ich lassen?

Und all die Denker denken scharf,

und wolln das Sollen als das Müssen fassen,

das unserm Können wohl entspricht.

Wer bin ich? Ja, was kann ich wissen?

So werd‘ ich aus dem Schlaf der Nicht-Nachdenklichkeit gerissen.

Und werde Philosoph – und bin es immer nicht!

Was hilft, damit ich mir mein Glück erhelle?

Indem ich eben diese und manch andre Fragen stelle.

So gehn durch meinen Kopf die dümmsten Sachen.

Auch wenn mein kluger Kopf am Alltag scheitert,

den selbst der Dümmste besser meistert.

Wir werden wenigstens gemeinsam lachen.

(Vgl. Franco Rest, Trotzdemgesänge. Leidgeprüfte Lieder. deutscher lyrik verlag: Aachen 2010,9)

Notwendigkeit einer neuen Religion, Hinweis auf Christoph Quarch

Der Philosoph Christoph Quarch, von dem ich erst kürzlich ein Buch über Platon angezeigt habe, weist in seinem Silvestergruß auf die Notwendigkeit eines neuen Verständnisses von Religion hin und bezieht sich dabei auch auf Martin Heideggers Rede vom „letzten“ Gott.

Religion wird hier wörtlich verstanden als Rückbindung an das Sein, das nun mit Platon als Lebendigkeit gedeutet wird. Diesen Text antichristlich zu verstehen, greift zu kurz, denn zu den Referenzen gehört auch der Theologe Paul Tillich, dessen Theologie ohnehin noch nicht gänzlich zur Kenntnis genommen worden ist. Neben der integralen Theologie sollte die religionsphilosophisch geprägte als zukunftsweisend angesehen werden.

Ich teile hier gern den Link zum Aufsatz mit der Erlaubnis des Autors:

Christoph Quarch: Wurzeln im heiligen Sein dieser Welt

Frieden als Jahresmotto, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2018

Zu: Martina Walter, Martin Werth (Hg.): Suche Frieden und jage ihm nach! Die Jahreslosung 2019, Ein Arbeitsbuch mit Auslegungen und Impulsen für die Praxis, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2018, Paperback, 206 Seiten, ISBN: 978-3-7615-6539-1, Preis: 12,99 Euro

Wem ist es nicht auch schon passiert, dass er oder sie kurz vor Weihnachten auf einmal entdeckt, dass 7 Tage nach Heiligabend der Jahreswechsel ansteht und dass dazu die Jahreslosung auch eine gute Anregung bietet, über Vergangenes und Kommendes nachzudenken. 2019 lautet diese: Suche Frieden und jage ihm nach! „Frieden als Jahresmotto, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2018“ weiterlesen

Freiligrath, Stimme Westfalens im Widerstand, Rezension mit Auszügen, Christoph Fleischer, Welver 2018

Ferdinand Freiligrath Lesebuch, Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Frank Stückemann, Nylands Kleine Westfälische Bibliothek 80, Nyland-Stiftung im Aisthesis Verlag, Köln 2018, Paperback, 155 Seiten, ISBN: 978-3-8498-1320-8, Preis: , www.aisthesis.de


Im Nachwort gibt der Herausgeber Frank Stückemann einen kurzen biografischen Abriss mit einer Werkgeschichte Ferdinand Freiligraths (1810-1876, Wikipedia vom 10.12.2018).

In einem Parforceritt werden die Namen und Lebensdaten von Verwandten, Nachbarn, Zeitgenossen, Mitstreitern und Begleitern Ferdinand Freiligraths aufgeführt, wobei der Name Karl Marx (1818 – 1883) nicht fehlen darf. Marx war eher ein Freund als ein Genosse, hatte Freiligrath doch an der Neuen Rheinischen Zeitung mitgearbeitet, dessen Herausgeber Marx war (Köln, um 1848).

Eine kurze Skizze im Zitat mag für die Rezension genügen: „Freiligraths Lyrik besticht von Anfang an durch radikale Modernität, Abkehr vom Epigonalen, Hinwendung zum starkfarbigen Exotismus mit klangvollen Reimen in der Nachfolge Hugos, aber auch durch Integration der Technik, ‚das Wesen der Räder an den Dampfschiffen‘ (Bettina von Arnim). Manches erinnert inhaltlich an den späteren Karl May (1842 – 1912). Mit Levin Schücking (1814 – 1883), Freund und Lebensgefährte Annette von Droste Hülshoffs gab er den Band „Das malerische und romantische Westfalen“ heraus (1840), so dass er auch als westfälischer Heimatdichter gilt.

Frank Stückemann gibt eine schmale Auswahl der wichtigsten Werke Freiligraths heraus, um gleichzeitig den jeweiligen Kontext im Nachwort zu skizzieren. Ergänzend dazu gibt der Anhang einige ausgewählte Begriffserläuterungen zu den Gedichten.

Freiligrath war zeitweise hochgeehrt und verboten. Engels galt er als „Trompeter der Revolution“. Ein Zitat des ihm politisch nicht wohlgesonnenen Theodor Fontane gibt einen kleinen Einblick in Freiligraths Popularität, auch aus dem englischen Exil heraus: „Wir sind Freiligrath in einer Weise verpflichtet wie vielleicht seit dem Tode Schillers keinem zweiten und erweisen ihm kaum Ehre genug, wenn wir ihn den ‚Bürger‘ unserer Epoche nennen.“ 

Am Ende des Nachworts hebt Frank Stückemann noch die Rolle Freiligraths als Übersetzer „französischer und englischer Lyrik“ hervor.

Ich will im Folgenden einige Auszüge aus Gedichten Freiligraths dokumentieren und diese mit den jeweiligen Stichworten aus den Erläuterungen des Anhangs kommentieren.

Audubon (S. 20 – 22). 

Das Gedicht ist erschienen im Band „Gedichte“ 1838. Der Titel des Gedichts zitiert den Namen von John James Audubon (1780 – 1831) aus New Orleans, eines bekannten amerikanischen Ornithologen. Mit „er“ in „nieder brennt er“ ist der weiße Mann gemeint. Der Name Manitto bezieht sich auf die indianische Gottheit. Ich zitiere die ersten fünf und die letzten sieben Verse.

Mann der Wälder, der Savannen!

Neben roter Indier Speer,

An des Missisippi Tannen

Lehntest du dein Jagdgewehr;

Reichtest Indianergreisen

Deine Pfeife, deinen Krug;

Sahst der Wandertaube Reisen

Und des Adlers stillen Flug;

Lähmtest ihren schnellen Flügel

Mit der Kugel, mit dem Schrot;

Auf der großen Flüsse Spiegel

Durch die Wildnis schwamm dein Boot;

Kühn durchflogst du der Savanna

Gräser, im gestreckten Trab;

Beer′ und Wildpret war das Manna,

So dir Gott zur Speise gab;

In den Wäldern, in der Öde,

Die der Toren Ruhm: Kultur,

Noch nicht überzog mit Fehde,

Freu′test du dich der Natur.

Nieder brennt er eure wilden

Wälder, nimmt von euch Tribut,

Spült von euren Lederschilden

Der erschlagnen Feinde Blut;

Saus′t einher auf Eisenbahnen,

Wo getobt der Roten Kampf;

Bunt von Wimpeln und von Fahnen,

Teilt sein Schiff den Strom durch Dampf.

Kahl und nüchtern jede Stätte!

Wo Manittos hehrer Hauch

Durch des Urwalds Dickicht wehte,

Zieht der Hammerwerke Rauch.

Euer Wild wird ausgerottet,

Siech gemacht wird euer Leib,

Euer großer Geist verspottet,

Und geschändet euer Weib.

Bietet Trotz, ihr Tätowierten,

Eurer Feindin, der Kultur!

Knüpft die Stirnhaut von skalpierten

Weißen an des Gürtels Schnur!

Zürnend ihren Missionären

Aus den Händen schlagt das Buch;

Denn sie wollen euch bekehren,

Zahm, gesittet machen, klug!

Weh′, zu spät! was hilft euch Säbel,

Tomahawk und Lanzenschaft? –

Alles glatt und fashionable!

Doch wo – Tiefe, Frische, Kraft?

O lieb´, solang´ du lieben kannst! (S. 36 und 37) 

Das Gedicht erschien in: Zwischen den Garben: Eine Nachlese, 1849. Anlass war der Tod des Vaters 1829. Ich zitiere die ersten fünf Verse. Die letzten Verse gehen noch näher auf die Erlebnisse der Beerdigung ein und greifen insofern den Grundgedanken redundant auf.

O lieb´, solang´ du lieben kannst! 

O lieb´, solang´ du lieben magst! 

Die Stunde kommt, die Stunde kommt, 

Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Und sorge, dass dein Herze glüht 

Und Liebe hegt und Liebe trägt, 

Solang´ ihm noch ein ander Herz 

In Liebe warm entgegenschlägt!

Und wer dir seine Brust erschließt, 

O tu ihm, was du kannst, zulieb´! 

Und mach´ ihm jede Stunde froh, 

Und mach ihm keine Stunde trüb!

Und hüte deine Zunge wohl, 

Bald ist ein böses Wort gesagt! 

O Gott, es war nicht bös gemeint – 

Der andre aber geht und klagt.

O lieb´, solang´ du lieben kannst! 

O lieb´, solang´ du lieben magst! 

Die Stunde kommt, die Stunde kommt, 

Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Die Freiheit! Das Recht! (S. 57 – 58)

Erschienen in: Ein Glaubensbekenntnis, Zeitgedichte, 1844. Von der preußischen Zensur verboten, was wohl gleichzeitig als Werbung funktionierte, da die erste Auflage in Monaten ausverkauft war.

In diesem Band erschien auch die erste Fassung von „Trotz alledem“. Ich dokumentiere die ersten drei Strophen.

O, glaubt nicht, sie ruhe fortan bei den Toten,

O, glaubt nicht, sie meide fortan dies Geschlecht,

Weil mutigen Sprechern das Wort man verboten

Und Nichtdelatoren verweigert das Recht!

Nein, ob ins Exil auch die Eidfesten schritten;

Ob, müde der Willkür, die endlos sie litten,

Sich andre im Kerker die Adern zerschnitten –

Doch lebt noch die Freiheit, und mit ihr das Recht!

– Die Freiheit! das Recht!

Nicht mach‘ uns die einzelne Schlappe verlegen!

Die fördert die Siege des Ganzen erst recht;

Die wirkt, daß wir doppelt uns rühren und regen,

Noch lauter es rufen: Die Freiheit! das Recht!

Denn ewig sind eins diese heiligen Zweie!

Sie halten zusammen in Trutz und in Treue;

Wo das Recht ist, da wohnen von selber schon Freie,

Und immer, wo Freie sind, waltet das Recht!

– Die Freiheit! das Recht!

Und auch das sei ein Trost uns: nie flogen, wie heuer,

Die freudigen Zwei von Gefecht zu Gefecht!

Nie flutete voller ihr Odem und freier,

Durch die Seele selbst brausend dem niedrigsten Knecht!

Sie machen die Runde der Welt und der Lande,

Sie wecken und werben von Strande zu Strande,

Schon sprengten sie kühn des Leibeigenen Bande,

Und sagten zu denen des Negers: Zerbrecht!

– Die Freiheit! das Recht!

Trotz alledem! (variiert) (S. 84 – 85) 

Erschienen in: Neuere politische und soziale Gedichte, 1859. Der Gedicht erinnert an die Teilerfolge der insgesamt gescheiterten Revolution 1848. I Wien wurde der verhasste Minister von Metternich gestürzt. Mit Reichstag ist die Frankfurter Nationalversammlung gemeint. Ich dokumentiere hier die ersten fünf Strophen.

Das war ’ne heiße Märzenzeit,

Trotz Regen, Schnee und alledem!

Nun aber, da es Blüten schneit,

Nun ist es kalt, trotz alledem!

Trotz alledem und alledem –

Trotz Wien, Berlin und alledem –

Ein schnöder scharfer Winterwind

Durchfröstelt uns trotz alledem! 

Das ist der Wind der Reaktion

Mit Meltau, Reif und alledem!

Das ist die Bourgeoisie am Thron –

Der annoch steht, trotz alledem!

Trotz alledem und alledem,

Trotz Blutschuld, Trug und alledem –

Er steht noch und er hudelt uns

Wie früher fast, trotz alledem!

Die Waffen, die der Sieg uns gab,

Der Sieg des Rechts trotz alledem,

Die nimmt man sacht uns wieder ab,

Samt Kraut und Lot und alledem!

Trotz alledem und alledem,

Trotz Parlament und alledem –

Wir werden unsre Büchsen los,

Soldatenwild trotz alledem!

Doch sind wir frisch und wohlgemut,

Und zagen nicht trotz alledem!

In tiefer Brust des Zornes Glut,

Die hält uns warm trotz alledem!

Trotz alledem und alledem,

Es gilt uns gleich trotz alledem!

Wir schütteln uns: Ein garst’ger Wind,

Doch weiter nichts trotz alledem!

Denn ob der Reichstag sich blamiert

Professorhaft, trotz alledem!

Und ob der Teufel reagiert

Mit Huf und Horn und alledem –

Trotz alledem und alledem,

Trotz Dummheit, List und alledem,

Wir wissen doch: die Menschlichkeit

Behält den Sieg trotz alledem!